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Vor 60 Jahren

Der erste Atomreaktor Deutschlands: Ein Rückblick. Ein Ausblick.

GARCHING. Vor 60 Jahren ging der erste Atomreaktor der Bundesrepublik in Garching in Betrieb: Das Atom-Ei, benannt nach der Kuppel. Damals dachte niemand an Gefahren. Welchen Stand hat Atomenergie heute? Ein Rückblick. Ein Ausblick.

veröffentlicht am 01.11.2017 um 11:15 Uhr

Der inzwischen abgeschaltete Forschungsreaktor FRM I in Garching. Das sogenannte Garchinger „Atom-Ei“ der Technischen Universität München war vor 50 Jahren, am 31. Oktober 1957, als erste nukleare Anlage in Deutschland in Betrieb genommen worden. fot

Autor:

Sabine Dobel

Vor 60 Jahren ging der erste Atomreaktor der Bundesrepublik in Garching in Betrieb: Das Atom-Ei, benannt nach der Kuppel. Damals dachte niemand an Gefahren. Sein Nachfolger FRM II löste mehr Kritik aus – bietet aber Chancen für Forschung, Industrie und Medizin.

GARCHING. Der älteste „Patient“ war eine römische Gottheit. Die bronzene Merkur-Figur aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus stammte aus einer Ausgrabung aus dem unterfränkischen Landkreis Miltenberg und landete 2009 im Forschungsreaktor Garching. Sie wurde dort mittels Neutronen-Tomographie untersucht. Die Forscher fanden heraus: Merkur ist hohl und seine Beine wurden nachträglich angesetzt – Indizien für eine antike Massenproduktion.

Der Forschungsreaktor FRM II in Garching wird von der Technischen Universität München (TUM) betrieben und dient Wissenschaft, Industrie und Medizin als Neutronenquelle. Hier wird Material untersucht und Grundlagenforschung in verschiedensten Bereichen betrieben. Bestimmte Tumore wie Kehlkopf- oder Hautkrebs werden behandelt und Radio-Isotope für Diagnostik und Therapien hergestellt.

Der knapp 435 Millionen Euro teure FRM II war im Juni 2004 eröffnet worden und ersetzte den FRM I – das Atom-Ei. Benannt nach seiner 30 Meter hohen Kuppel, war der FRM I am 31. Oktober 1957 als erster Atomreaktor der Bundesrepublik Deutschland in Betrieb gegangen.

Ein amerikanischer Atom-Experte zeigt einen Uranstab dem bayerischen Ministerpräsidenten Wilhelm Hoegner (l.). foto: dpa
  • Ein amerikanischer Atom-Experte zeigt einen Uranstab dem bayerischen Ministerpräsidenten Wilhelm Hoegner (l.). foto: dpa
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Der Physiker Heinz Maier-Leibnitz hatte den Bau angeregt und wurde erster wissenschaftlicher Leiter; nach ihm ist auch der FRM II benannt. „Am Atom-Ei sind die Grundlagen dafür gelegt worden, dass Europa bei der Forschung mit Neutronen heute führend ist“, sagt Prof. Winfried Petry, wissenschaftlicher Direktor des FRM II. Garching sei eine der wichtigsten Neutronenquellen in Europa.

Das Atom-Ei, heute unter Denkmalschutz, prägte Garching – und trug dazu bei, dass das Dorf vor Münchens Toren zum Universitätsstandort wurde. „Das Atom-Ei war der Kern für den heute wohl größten Campus für Grundlagenforschung in Europa“, sagt Petry. Die Anlage sei damals „im großen Einverständnis mit der Bevölkerung“ gebaut worden.

Damals gab es kaum Vorbehalte gegen Kerntechnik. Zum Richtfest im Januar 1957 wurde den Ehrengästen, darunter Bayerns damaliger Ministerpräsident Wilhelm Hoegner (SPD), ein Atom-Menü serviert: einer „Vorfluterbrühe mit Kerneinlage“ (Leberknödelsuppe), „Neutronenschlegel“ (Kalbfleisch) mit Rahmsoße, einem Stück „Fettisotop“ (Nachspeise) und „radioaktives Kühlwasser“ (Bier) gegen den Durst, wie die Garchinger Chronik von 1979 vermerkt.

Wenige Monate später wäre das Menü womöglich nicht mehr ganz so gut angekommen. Drei Wochen vor der Eröffnung des FRM I am 31. Oktober brannte es im britischen Kernkraftwerk Sellafield, Radioaktivität wurde frei und verteilte sich bis zum europäischen Festland.

Zwar gab es laut Petry weder im FRM I noch im FRM II je einen echten Störfall. Doch spätestens nach Tschernobyl 1986 formierte sich scharfer Protest gegen Atomenergie – und damit auch gegen den FRM II.

Der neue Reaktor war nicht zuletzt umstritten, weil er mit hochangereichertem Uran betrieben wird. Gegner kritisieren, es handele sich um atomwaffentaugliches Material. Petry sagt hingegen: „Wir setzen hochangereichertes Uran ein, das aber eben nicht atomwaffenfähig ist. In der Form, in der es bei uns vorkommt, ist eine solche Anwendung ausgeschlossen.“

Die Neutronenquelle dient zum Großteil der Grundlagenforschung. Physiker kamen hier einer neuen Form magnetischer Ordnung auf die Spur. Sie biete bei der Datenverarbeitung Chancen zu einer noch dichteren Informationsspeicherung. „Wir machen Grundlagenforschung mit großer Nähe zur Anwendung“, sagt Petry.

Etwa ein Drittel der Kapazität des FRM II wird von Medizin und Industrie genutzt. Die Analysemöglichkeiten kommen in Luft- und Raumfahrt, Umwelttechnik, Chemie oder – wie im Fall des römischen Merkurs – in Archäologie oder Kunstgeschichte zum Einsatz. Mit Neutronen lassen sich Materialien besser durchleuchten als mit Röntgenstrahlen. Automobilhersteller prüfen hier Motoren. Batterien werden getestet. „Wir machen die Chemie der Batterien im Betrieb sichtbar. Das ist der Schlüssel zur ihrer Verbesserung“, sagt Petry.

Der FRM II betreibt auch die weltweit stärksten Positronenquellen. Positronen – Antiteilchen von Elektronen – werden direkt aus der Gammastrahlung der Neutronenquelle erzeugt und für Grundlagenexperimente sowie in der Materialforschung eingesetzt. „Wir spielen Einstein. Aus Energie, aus Gammastrahlung, machen wir Materie und Antimaterie: Elektronen und Positronen“, sagt Petry.

Gegner der Anlage sehen Sicherheitsmängel und fürchten bei Störfällen eine Freisetzung von Radioaktivität. Laut TUM ist das Reaktorgebäude aber wie kaum ein anderes gegen Blitzschlag, Hochwasser, Erdbeben und Explosionen gesichert. Er sei der einzige Forschungsreaktor weltweit, der mit seiner 1,80 Meter dicken Stahlbetonhaut auch Flugzeugabstürze abfangen könne – eine Auflage wegen des nahen Flughafens in Erding.

Selbst bei einem Totalausfall der Kühlung soll keine Gefahr drohen. Mit nur 20 Megawatt thermischer Leistung könne der Reaktor auch nicht mit Atomkraftwerken verglichen werden, die bei hohem Druck und großer Hitze auf eine 180-fach höhere Leistung kommen.

Nach ursprünglichen Auflagen des Bundesumweltministeriums sollte der Reaktor bis 2010 auf weniger angereichertes Uran umgerüstet werden. Doch dann wurde die Verwendung um acht Jahre verlängert – da laut TUM kein alternativer Brennstoff vorliegt. Benno Zierer von den Freien Wählern im Landtag kritisierte im Sommer, die Anlage werde wohl auch nach 2018 mit hochangereichertem Uran betrieben. „Die Bevölkerung ist von Anfang an für dumm verkauft worden.“

Auch für die Vorsitzende des Vereins „Bürger gegen Atomreaktor Garching“, Ingrid Wundrak, ist das hochangereicherte Uran gerade heute ein Thema, nicht zuletzt angesichts der atomaren Drohgebärden zwischen Donald Trump und Kim Jong-un. Und: „Was wäre, wenn das in die Hände von Terroristen gelangt?“ Als Wundrak vor 45 Jahren nach Garching zog, wusste sie nicht, dass das Atom-Ei ein Reaktor war. „Da hat doch kein Mensch darüber geredet.“

Sobald es eine Möglichkeit mit niedriger angereichertem Uran gebe, werde man umsteigen, verspricht Petry. „Wir arbeiten hart daran.“ Woher das hoch angereicherte Uran kommt, bleibt vertraulich.

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