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Der Efeu rankt mit Fluch und Segen

Fast alle Pflanzen sind verblüht und die meisten Früchte abgeerntet. Eine Pflanze allerdings hat erst vor Kurzem ihre Blütendolden entwickelt und wird noch bis in den Dezember hinein späten Insekten ein wenig Nahrung bieten: der Efeu.

veröffentlicht am 17.10.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 24.01.2019 um 14:20 Uhr

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Die Blütenstände mit den unscheinbaren gelbgrünen Blümchen fallen dem menschlichen Auge oft gar nicht auf, wohl aber den hungrigen Wespen, Schwebfliegen, Faltern und auch Ameisen und Marienkäfern. Allerdings muss der Efeu mindestens etwa zehn Jahre alt sein, bevor er blühen kann – und oft genug wird er schon viel früher radikal heruntergeschnitten. Das rankende Gewächs, das von so vielen Kleintieren, auch nistenden Vögeln, hoch geschätzt wird, stößt bei den Menschen dagegen oft auf wenig Gegenliebe.

So auch an einem Herbstnachmittag, als an der Rintelner Süd-Contrescarpe, dort, wo Stadt und Feldmark aneinanderstoßen, Spaziergänger miteinander ins Gespräch kommen, und eine ältere Dame die anderen nicht ohne Empörung auf mehrere Birken hinweist, die allesamt bis fast hinauf in die Krone von Efeu umrankt sind. Einige der Birken leben nicht mehr und wirken, als seien sie vom Efeugewächs geradezu erwürgt worden. „Das geht doch nicht“, meint die Frau. „Da muss die Stadt was tun, sonst gehen hier noch viel mehr Bäume kaputt!“ Zugleich weist sie auf den ausschweifenden Efeubewuchs an der kleinen Spitzbubenbrücke hin. „Auch da muss der Efeu weg, das ganze alte Gemäuer wird zerstört.“

Was die Frau, eine ehemalige Lehrerin, da sagt, drückt aus, was viele Menschen über den Efeu denken: dass er nämlich eine nur mühsam beherrschbare Ranke sei, die sich ihren Lebensraum auf Kosten von Bäumen und Hausfassaden erobert. „Er sieht ja ganz schön aus“, meint zum Beispiel Staudengärtner Christian Wattenberg aus Exten. „Aber ich jedenfalls würde niemals einen Efeu an ein Haus, das mir gehört, ranlassen. Das wäre mir zu gefährlich. Mit seinen feinen Ranken schiebt er sich in kleinste Ritzen und kann ganze Fassadenteile oder die Dachziegel unterwandern.“

Die Blüten des Efeus bieten Insekten noch bis in den Winter hinein etwas Nahrung. Foto: Fotolia

Nicht selten wird der Gärtner gerufen, um altem Efeu, der Häuser berankt, auf den Leib zu rücken. Das ist gar nicht so einfach. Zwar kann man den Stamm durchsägen und der Pflanze so den Lebenssaft abschneiden, doch lässt sie das einmal in Besitz genommene Terrain nicht einfach so los. Mit seinen Haftwurzeln verbindet sich Efeu nach und nach so intensiv mit einer Fassade, dass man auch die getrockneten Verzweigungen nur mit Gewalt von der Wand reißen kann. Dabei bleiben Wurzelreste hängen, und wenn Putz oder Schindeln bereits Schwäche zeigen, werden sie hier und da gleich mit heruntergerissen. Ohne eine Renovierung der Fassade kommen Hausbesitzer, die alten Efeu entfernt haben, dann nicht davon.

Andreas Vauth, stellvertretender Leiter des Rintelner Bauhofs, bleibt bei diesen Schilderungen ganz gelassen. „So schlimm ist das mit dem Efeu nicht“, meint er. Natürlich kümmere sich seine Truppe auch um den Efeubewuchs in der Stadt. Wenn sie bei ihren Kontrollwegen auf allzu wildwüchsigen Efeu träfen, würde der natürlich gestutzt, und sähen sie, dass er begänne, in die Krone eines Baumes hineinzuwachsen, dann muss auch schon mal Hacke oder Säge ran, um dem ein Ende zu setzen. „Doch eigentlich schadet der Efeu keinem Baum“, sagt er. „Er besitzt sein eigenes Wurzelwerk und lebt nicht, wie zum Beispiel die Mistel, als Parasit. Dass einige efeubewachsene Birken abgestorben sind, hat eher mit zu großer Trockenheit zu tun. Im Stadtgebiet sind auch efeufreie Birken eingegangen.“

Auch Christian Weigel, Leiter des Forstamtes Oldendorf, schlägt hier eine Bresche für den Efeu. „Dass ein Efeu Bäumen tatsächlich das Licht wegnimmt, ist eher die Ausnahme“, sagt er. „Wenn überhaupt, dann sind allerdings die Birken noch am ehesten gefährdet, da sie sehr lichthungrige Bäume sind und weniger Schattentoleranz als andere Bäume aufweisen.“ Es dauere aber viele Jahre, bis ein Efeu tatsächlich die Baumkrone einer Birke erreicht, und Birken würden eh nicht besonders alt, ihre Lebensspanne betrage nur etwa 60 bis 80 Jahre. „Es muss nicht der Efeu gewesen sein, der Schuld am Tod einer Birke ist, sondern meistens war es für sie aus Altergründen eben sowieso so weit.“

In einem kleinen Exkurs kommt er auf die Giftigkeit des Efeus zu sprechen, der ja nicht nur in menschlicher Umgebung wächst, sondern auch im Wald eine weitverbreitete Pflanze ist. Es sei schon vorgekommen, dass Rehe, die sich zu genüsslich am Efeu gütlich taten, daran verenden mussten. Mit der Giftigkeit sei es zwar nicht so weit her wie mit manchen anderen Pflanzen, dem Seidelbast etwa, dem Wasserschierling, der Herbstzeitlosen oder gar einem Baum wie der Esche, die früher radikal aus dem Wald entfernt wurde, weil die Pferde der Waldarbeiter schon von einer Handvoll Eschenkost tot umgefallen seien. Doch führe der Efeu auf menschlicher Haut oft zu Reizungen, die für Allergiker sehr unangenehm werden könnten.

Die kleinen dunklen Beerenfrüchte gar, die so manchem Vogel im Winter genehme Speise sind, sie verursachen dem Menschen Durchfall und Erbrechen, Kopfschmerz und Krämpfe. Zum Glück sind sie so bitter, dass kaum jemand auf die Idee kommt, sie einfach so zu naschen. „Man sollte insgesamt seinen Kindern klarmachen, dass sie niemals ungefragt Teile von noch so hübsch und appetitlich aussehenden Pflanzen in den Mund nehmen“, betont der Förster.

Was nun die Gefährdung von Gemäuern durch den immergrünen Efeu betrifft, so kann man allerlei Pro und Contra ins Feld führen. Die überrankten Mauern an der Spitzbubenbrücke, die der besorgten Rintelner Spaziergängerin ein Dorn im Auge waren, sie sind Andreas Vauth vom Bauhof keineswegs entgangen. „Wir lassen den Efeu dort mit Absicht wachsen“, sagt er. „Die Mauern sind solide und intakt, denen kann er gar nichts tun. Nur, wenn das Grün so sehr ins Wasser ragt, dass sich ein Stau von Schwemmholz bilden könnte, dann ziehen wir die Watstiefel an und machen uns ans Werk.“ Ansonsten: Sähe es denn nicht schön und romantisch aus, wenn dort der Efeu so frei wächst, ebenso wie an vielen Teilen der Stadtmauer?

Tatsächlich sind mit dem Efeu von jeher durchaus romantische Ideen verwoben. Heutzutage zwar bringen viele die Ranke mit Tod und Düsternis in Verbindung, da der Efeu als pflegeleichter Bodendecker (der entsteht aus den Blütenstecklingen und rankt dann nicht in die Höhe) gerne zur Grabbepflanzung benutzt wird. Recht eigentlich aber ist er seiner langen Lebenszeit von etwa 200 (manchmal sogar über 400) Jahren und der immergrünen Blätter wegen als Symbol für das ewige Leben und für die Treue, die Tod und Untergang überwindet, in menschlicher Umgebung angepflanzt worden. Efeu muss sich immer irgendwo anschmiegen, sich fest mit seinem Untergrund verbinden, um bestehen zu können. Kein Wunder, dass er bereits im Altertum als Zeichen von Freundschaft und Liebe angesehen wurde.

Was die einen allerdings als „Anschmiegen“ beschreiben, ist für die anderen eher ein „Festkrallen“. Gärtner Christian Wattenberg und die Spaziergängerin, sie sind nicht die Einzigen, die der Bindungsneigung des Efeus mit Skepsis begegnen. Diese Skepsis ist auch angebracht, wenn man die Ranken einfach sich selber überlässt und ihnen auch dann nicht durch Beschneidung Einhalt gebietet, wenn sie sich marode Fensterrahmen, lose Fassadenteile oder Dachrinnen erobern wollen. Doch auch Wattenberg weiß, dass der Efeu einer intakten Fassade nicht schaden wird, sondern im Gegenteil Wind und Wetter abhalten und sommers und winters für eine nicht unerhebliche Wärmedämmung sorgen kann.

„Ich mag den Efeu“, meint Andreas Vauth. „Nur eine Sache ist mir etwas unheimlich: Da sich so viele kleine Tierchen in ihm heimisch fühlen, könnten sich einige von ihnen vielleicht auch durchs offene Fenster ins Haus verirren.“ Ja – das mag wohl sein. Doch ist nicht andererseits der Gedanke, dass eben diese Tierchen in einer oft von Grün befreiten städtischen Wohnlandschaft hier einen auch im Winter noch geschützten Lebensraum finden, ein kleiner Trost? Wer seinen Efeu schon so lange besitzt, dass er Blüten und Früchte treibt, der besitzt damit im Januar und Februar sogar ein natürliches Vogelhaus. Amseln, Drosseln, Stare, sie werden dankbar sein, in Kälte und Schnee die herangereiften Efeu-Beeren naschen zu können.

Menschen fallen sie kaum auf, Wespen und Schwebfliegen aber haben ihre wahre Freude daran – die Blüten des Efeus bieten Insekten noch bis zum Dezember Nahrung. Beliebt ist die Rankpflanze nicht unbedingt – wächst sie doch sogar durch Mauern hindurch. Auf die Vorzüge des Efeus verweisen aber nicht nur Romantiker.

Efeu-Beeren

sind für Vögel ein Leckerbissen



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