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Von Trucker-Romantik keine Spur: Ein Lkw-Fahrer erzählt aus seinem Alltag auf der Straße

„Der Druck ist groß“

Günter steht auf dem schmalen Nummernschild hinter der Windschutzscheibe. Ohne „h“, darauf legt er Wert. Als der 61-jährige Hamelner um 20 Uhr mit dem 19 Meter langen schwarzen 40-Tonner in Klein Berkel losfährt, rollen gerade die letzten Kunden auf den angrenzenden Lidl-Parkplatz, um für das Abendessen einzukaufen. Vor dem gut gelaunten Lkw-Fahrer liegen rund 240 Kilometer bis zum hessischen Mücke und zurück; erst am frühen Morgen ist er nach gut sechseinhalb Stunden Fahrt von Germersheim in Süddeutschland in Hannover angekommen, auch morgen Abend wird es nach der offiziell vorgeschriebenen Pause von elf Stunden mit ein paar Stunden Schlaf wieder weitergehen, auf die nächste Tour.

veröffentlicht am 05.08.2013 um 00:00 Uhr

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„Samstagmorgen komme ich nach Hause, montags geht es dann wieder weiter“, erzählt er, während er den mit Leergut beladenen Truck an parkenden Autos vorbei durch Aerzen lenkt. Neun, manchmal zehn Stunden reine Fahrtzeit („Lenkzeit“) am Tag, dazwischen sind kleine Pausen (Lenkzeitunterbrechungen) und längere Ruhephasen sind gesetzlich vorgeschrieben. „Ruhephasen“, die er auf dem schmalen Bett in der kleinen Fahrerkabine verbringt, die jetzt im Sommer von der Sonne aufgeheizt ist. Eine Stand-Klimaanlage gibt es nicht. „Schlafen kann man nur, wenn der Motor läuft.“ „Ruhephasen“, die er auf überfüllten Rastplätzen, auf denen ein Truck neben dem anderen steht, weit weg von Frau, Tochter und Enkeltochter in Hameln verbringt. 1600 Euro brutto gibt es dafür im Monat. „Die Bedingungen werden einfach immer schlechter“, sagt er resigniert.

Deutschlandfahne und Wimpel statt

nackter Frauen

Das Fahrerhäuschen, in dem er die meiste Zeit des Jahres verbringt, ist sehr sauber und gepflegt. Die bunten Wolldecken auf dem Bett hat seine Frau gerade frisch gewaschen, auf dem blauen Teppichboden sind keine Flecken oder Krümel zu sehen. Statt der klischeemäßigen Bilder nackter Frauen hängen zwei Deutschlandfahnen und ein Wimpel an der Windschutzscheibe, auf der kleinen runden Ablagefläche stehen zwei weiße Tassen, aus der lugt eine rote Stoffblume hervor. „Damit gibt es den Kaffee in Mücke billiger“, sagt Günter, während er den schweren Laster routiniert mit einer Hand über die B 1 durch das Weserbergland Richtung Blomberg lenkt. Kaffee-Rabatt, das sei keine übertriebene Sparsamkeit, sondern Notwendigkeit. Die Raststätten sind teuer, Trinken, Essen, Duschen, da ist selbst der doppelte Spesensatz (48 Euro am Tag) schnell weg, den es als Ausgleich für das niedrige Gehalt gibt. Und in die Rentenkasse fließt es auch nicht ein.

Das Motorengeräusch, das von außen relativ laut erscheint, ist hinter dem Steuer nur als leises, unaufdringliches Brummen zu vernehmen. Mit gleichmäßiger Geschwindigkeit geht es vorbei an Blomberg und Steinheim und auf die Ostwestfalenstraße B 252. In den großen Spiegeln sind immer wieder Pkw zu sehen, die darauf warten, den langsamen Lkw überholen zu können, ungeduldig hoffend, dass er endlich Platz macht. „Auf den Standstreifen ausweichen, ist verboten“, erklärt Günter. Mit einem Bußgeld werde die nett gemeinte Geste bestraft.

Seit 25 Jahren fährt Günter als Berufskraftfahrer Lkw. Im Laufe der Jahre haben sich die Arbeitsbedingungen verändert. ch (2)

Nach knapp 70 Minuten Fahrzeit beginnt es bereits langsam zu dämmern und Günter tauscht seine Sonnenbrille gegen die normalen Gläser. Mit Lichthupe grüßt er einen anderen 40-Tonner zurück, der ihm entgegenkommt. Ein Kollege, der ihm einmal wöchentlich immer auf der gleichen Strecke begegnet. „Für die jungen Fahrer ist es noch schwerer“, sagt er, denn ausgebildet werde man heute nach dem Führerschein kaum noch. „Als ich zu der Spedition jetzt gekommen bin, hieß es: Da steht das Auto, hier ist der Schlüssel, los geht’s.“ Das sei früher noch anders gewesen. Er selbst fährt seit 25 Jahren Lkw. Gelernt hatte er ursprünglich Dreher, damals in der DDR, in Weißenfels, wo er gebürtig her stammt. Eine Zeit lang chauffierte er einen Kombinatsdirektor, bis dann ein Kumpel auf die Idee kam, gemeinsam eine Ausbildung zum Berufskraftfahrer zu machen – als zweites Standbein. Und dabei blieb es. Er zog nach Hameln, wo er bereits Verwandtschaft hatte, und fuhr und fuhr.

Der Himmel hat sich in einem dunklen Türkisblau verfärbt, die Lichter der Tankstelle bei Warburg leuchten hell, als der Truck um kurz vor 22 Uhr zwischen zwei Zapfsäulen rollt. Betankt wird er von zwei Seiten, dieses Mal jeweils knapp 300 Liter, doppelt so viel passt insgesamt rein. Knapp 90 Kilometer sind geschafft.

„Jetzt freu ich mich auf meinen Kaffee“, sagt Günter. Den gibt es bei der großen Menge an Benzin, die er tankt, kostenlos. Einen kleinen Becher, keinen großen. Das sind nicht einmal 2 Euro Unterschied, und das, nachdem der Truckfahrer gerade eine Rechnung über 880 Euro beglichen hat. Doch die Kassiererin nimmt es ganz genau. Dabei kennt sie den umgänglichen, höflichen Fahrer von seiner wöchentlichen Tour, lacht und scherzt mit ihm. Doch Günter hat Verständnis: „Sie hat sicher auch Angst um ihren Job – so wie viele.“ Druck vom Arbeitgeber, der versucht, trotz festgelegter Ruhephasen noch mehr aus den Fahrern rauszuholen, indem diese beispielsweise beim Be- und Entladen den elektronischen Fahrtenschreiber auf „Pause“ stellen oder mit einer zweiten Fahrtenkarte eines Kollegen die Lenkzeit illegalerweise verlängern sollen – das kennt er zu Genüge.

„Es gibt viel Schmu“, sagt er, als er sich eine Viertelstunde später wieder auf seinen gepolsterten Fahrersitz schwingt. „Solche Sperenzchen mach ich nicht mehr mit – das ist lebensgefährlich.“ Viele Kollegen jedoch schon, um nicht den Job zu verlieren, denn um die billigere Konkurrenz aus Rumänien oder Tschechien wissen sie alle.

„Wo hast du denn fahren gelernt“, „Was ein Idiot da vorne“: Laute ärgerliche Stimmen sind aus dem Funkgerät zu hören, als sich der 40-Tonner inmitten einer langen Schlange anderer Lkw kurz vor Kassel die Berge auf der A 44 hinaufquält. Trotz Überholverbot schert ein kleinerer Truck mit der Aufschrift „DHL“ nach links aus, um im Schneckentempo an den anderen, vermeintlich viel langsameren Kollegen vorbeizuziehen. „Dummheit“, sagt Günter. „Und gefährlich.“ Viele der Fahrer stünden so unter Druck, die knapp bemessenen Fahrtzeiten einzuhalten, dass sie viel riskieren würden, um die Ware rechtzeitig abzuliefern. „Früher war es mal schön, aber heute nicht mehr. Der Druck ist zu einfach groß.“

Wer weiterfährt,

riskiert eine Strafe

Langsam windet sich der lange Truck durch den engen Kreisverkehr nach der Autobahnabfahrt, dann ist der Rastplatz Mücke pünktlich um Mitternacht erreicht. Bis auf einige Laternen ist es komplett dunkel, als Günter Runde um Runde um den voll besetzten Parkplatz kreist. Dicht gedrängt stehen die Lkw nebeneinander, sogar nah an den Kurven haben sich einige Fahrer hingestellt. Fünf Minuten sucht Günter, bis er endlich eine Möglichkeit findet, den Truck ab- und den elektronischen Fahrtenschreiber auf „Pause“ zu stellen. „Es gibt zu wenige Plätze“, sagt er. Doch wer weiterfährt, um zu suchen, überschreitet schnell die erlaubte Lenkzeit und riskiert eine Strafe.

Mit der Tasse in der Hand betritt Günter die grell erleuchtete Raststätte. Einmal vollmachen und ein Croissant, das muss reichen, um die eineinhalb Stunden Wartezeit zu überbrücken, bis der Kollege kommt, mit dem er die Ladung tauscht. Leergut gegen Mercedes-Ersatzteile. Zwischen Chips- und Zeitschriftenregalen setzt er sich an einen der hohen Tische. Pause.

01.40 Uhr, die neue Ladung ist befestigt, Kraftstoff noch drin, kein Reifen platt, keine Schrauben lose, also wieder die Leiter rauf und rein ins Fahrerhäuschen. Pünktlich um sechs wird er zum Entladen in Hannover erwartet.

Es ist ruhiger geworden. Nur noch wenige Lichter leuchten auf der Autobahn, Pkw sind fast keine mehr unterwegs, und auch viele Lkw-Fahrer machen jetzt Pause. Doch nicht immer auf einem offiziellen Rastplatz. Wenige Kilometer nach dem Kirchheimer Dreieck stehen zwei lange Trucks auf der Parkplatzauffahrt auf dem Standstreifen. Die verhüllte Ladung des dunklen 40-Tonners ragt fast auf die Autobahn. „Gefährlich“, sagt Günter. Da bestehe schnell die Gefahr eines Auffahrunfalls. „Sicher keinen Parkplatz gefunden.“

Aus dem Radio dringt leise die Stimme Herbert Grönemeyers, als Günter um kurz vor vier die Autobahn verlässt. Als der Truck sich eine halbe Stunde später auf der B 1 Hameln nähert, wird es immer heller. Langsam färbt sich der Himmel leicht rosafarben. Ein langer Arbeitstag neigt sich dem Ende zu, während die ersten Bäcker öffnen, sogar einige Pkw sind zu sehen, als der Truck um fünf durch Aerzen rollt. Wieder in Klein Berkel angekommen, lädt gerade ein Lieferwagen beim Supermarkt die Ware für den Tag aus.

Nach knapp zwei Stunden Fahrt steuert Günter die erste Tankstelle an. Auf seinen Touren hat er feste Anlaufstellen.

Ein Mann, ein Truck und die Straße.

Seit 25 Jahren ist der 61-jährige Günter als Lkw-Fahrer in ganz Deutschland und im Ausland unterwegs. Mehr als 4 Millionen Kilometer hat er auf diese Weise schon zurückgelegt. Über die Jahre hat er mitbekommen, wie sich die Arbeitsbedingungen für die Fahrer immer weiter verschlechtert haben, wie Speditionen immer mehr Druck ausüben und selbst die Parkplatzsuche zum Problem wird. Mit unserer Zeitung hat er eine Tour durchs Weserbergland nach

Mücke (Hessen) unternommen.



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