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Diskussion um Mahnmal für Hexenverfolgung im Lutherjahr neu entbrannt

Denkmal für Hexen?

Hexen sind offensichtlich Wiedergänger, Untote, die in der Stadtgeschichte nicht ruhen dürfen. Nachdem bereits vor sieben Jahren in Rinteln darüber diskutiert worden ist, ob man nicht ein 3,50 Meter hohes Mahnmal an den Kollegienplatz stellen sollte, um an die Hexenverfolgung zu erinnern, hat jetzt ein Pastor im Ruhestand aus Unna diese Idee wieder auf die Tagesordnung gebracht. Für ihn der Anlass: das Lutherjahr.

veröffentlicht am 26.06.2017 um 16:25 Uhr

Die „Cautio Criminalis“, eine Streitschrift gegen den Hexenwahn, die Friedrich von Spee beim Rintelner Universitätsdrucker Peter Lucius hat veröffentlichen lassen. Im Hintergrund die Jakobikirche, baulicher Bestandteil des Klosters, später der Rintel
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Hans Weimann Reporter
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Vor sieben Jahren war es der Lions Club, der sich für die Idee einer „Hexenflamme“ erwärmte. Der Rintelner Künstler Eg Witt gestaltete das Modell für eine Sandsteinskulptur. Dann kam das „Hexenmahnmal“ in die Gremien und Ausschüsse und verschwand am Ende in der Schublade.

Jetzt hat es der Pastor Hartmut Hegeler aus Unna wieder hervorgeholt, hat Briefe an die Stadtverwaltung, Superintendent Andreas Kühne-Glaser und die Pastoren in der Stadt geschrieben.

Hegeler will nicht weniger als eine „Rehabilitierung der Opfer der Hexenprozesse“. In Rinteln seien von 1581 bis 1669 mindestens 42 Menschen, meist Frauen, in Hexenprozessen angeklagt und verurteilt worden. Hegeler schreibt, die Juristen der Universität Rinteln hätten mit ihren rund 400 „Gutachten“ Frauen und Männer der Folter ausgeliefert – was im Übrigen kein Historiker bisher angezweifelt hat.

Der Entwurf von Künstler Eg Witt (re.) für die Hexenflamme. Foto: wm
  • Der Entwurf von Künstler Eg Witt (re.) für die Hexenflamme. Foto: wm

Bürgermeister Thomas Priemer reichte die Schreiben des Pastors erst einmal an Rintelns Fachmann für Stadtgeschichte weiter, an den Museumsleiter und Leiter des Stadtarchivs, Dr. Stefan Meyer. Grundsätzlich, stellte Priemer in einem Telefongespräch fest, sei die Frage: „Mahnmal Ja oder Nein?“, eine Entscheidung, die der Rat fällen müsse.

Es sind doch vor allem die Pastoren gewesen, die als führende Intellektuelle ihrer Zeit in einer besonderen Verantwortung gestanden haben. Juristen und Gerichte urteilten letztendlich Delikte ab, deren Existenz von den damaligen Theologen als Realität erklärt worden waren.

Stefan Meyer, Museumsleiter

Meyer hält ein solches Denkmal für keine besonders gute Idee. Und er hat dafür eine Begründung. Meyer weist daraufhin, dass es gerade in Rinteln Gegner der Hexenverfolgung gegeben habe, wie die Professoren Heinrich Bode und Heinrich Ernst Kestner – nicht zuletzt Friedrich Spee von Langenfeld, der in Rinteln beim Universitätsdrucker Peter Lucius seine berühmte „Cautio Criminalis“ hat veröffentlichen lassen, eine Streitschrift gegen die Hexenprozesse.

Für Meyer ist „Denkmal Ja oder Nein?“ auch eine Frage des Geschichtsverständnisses. Der Vorschlag von Hegeler spiegle eine Geschichtsauffassung wider, die in der Vergangenheit vor allem eine Abfolge von Verirrungen und Verbrechen sieht und Gelegenheiten für eine „demonstrative Sühne“ sucht. Solche historischen Katastrophen bildeten aber nur einen Teil der Realität ab. So dürfe man nicht vergessen, dass die Opfer der Hexenprozesse in der Regel den allgemeinen Glauben an Hexen und Zauberer geteilt haben. Wiederholt seien die Belastungszeuginnen früherer Verfahren später selbst Angeklagte gewesen.

Die Erinnerung und Mahnung könne also allenfalls dem „religiösen und irrationalen Wahn an sich gelten und nicht speziell den Hingerichteten“. Daraus folgert Meyer: Aus dieser Perspektive käme als Standpunkt eines Mahnmals wohl eher der Platz vor dem Landeskirchenamt in Hannover infrage. „Denn auch wenn Hexenglauben und Hexenverfolgung nie etwas spezifisch Christliches waren, so sind es doch vor allem die Pastoren gewesen, die als führende Intellektuelle ihrer Zeit in einer besonderen Verantwortung gestanden haben. Juristen und Gerichte urteilten letztendlich Delikte ab, deren Existenz von den damaligen Theologen als Realität erklärt worden waren.“

Auch die Vorstellung, der Opfer der Hexenprozesse sei in Rinteln nie gedacht worden, sei so nicht richtig: „Eine moralische Rehabilitierung der hiesigen Opfer der Hexenprozesse ist längst erfolgt. „Seit 2000 widmet sich eine eigene Abteilung im Museum den Prozessen. Zehntausende Besucher haben seither diese Ausstellung gesehen.“

Der Rintelner Künstler Eg Witt hatte vor sieben Jahren für den Lions Club die „Flamme“ entworfen. Witt schilderte, ihm sei schon damals von Anfang an klar gewesen, „ein Denkmal, das Hexen auf einem Scheiterhaufen zeigt“, das gehe in der heutigen Zeit gar nicht. Deshalb habe er eine Flamme gewählt, die als Symbol für vieles stehen könne: Feuer und Flamme für Abgründiges, aber auch für Leidenschaft oder für Liebe. Das Denkmal sei so hoch, dass man es durchschreiten, sich sogar ganz profan bei Regen unterstellen oder als Tourist ein Erinnerungsfoto machen könne. Soll heißen: Das Denkmal wäre nicht von vorneherein „negativ besetzt“. Man könne sich ihm unbefangen nähern und werde erst durch Bronzetafel über die Bedeutung aufgeklärt.

Der Rintelner Unternehmer Wolfgang Stoff, der als Lions-Präsident damals das Denkmal befürwortet hatte – der Lions Club wollte auch alle Kosten übernehmen –, sieht in beiden Positionen keinen Widerspruch. Er könne absolut die Argumentation von Meyer als fachlich versierten Historiker nachvollziehen. Doch bei dem Entwurf von Witt wäre es ja kein Problem, an den Seiten der „Flamme“ auf eingelassenen Bronzetafeln auch die Geschichte des Widerstandes gegen den Hexenwahn zu erzählen und so Kestner, Bode und von Langenfeld ein Denkmal zu setzen.

Ob der Lions Club erneut dieses Denkmal finanzieren werde, müsse logischerweise erst erneut besprochen werden. Aber an der grundsätzlichen Situation habe sich ja nichts geändert.

Hartmut Hegeler, der mit seinen Briefen die Diskussion neu entfacht hat, zeigte sich in einem Telefongespräch vor allem darüber verblüfft, welche Emotionen, welche Debatte die Hexenverfolgung heute noch auslösen kann.



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