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Denglisch – Cool oder eine Kultursünde?

Cool, diese Pool-Bar mitten in der City – ’ne hippe Location zum Chillen! Deutsch? Englisch? Denglisch. Ein Extrembeispiel, gewiss. Doch heimlich, still und leise haben sich immer mehr Anglizismen in unsere Alltags- und Umgangssprache geschlichen. Nicht nur Jugendliche plündern munter das englische Vokabular. Auch wir joggen und walken beim täglichen Work-Out, nehmen an Briefings teil, oder canceln diese. Wir powern beim Brainstorming. Und genehmigen uns den Coffee-to-Go beim Einchecken im Airport. Im Internet wird gechattet und getwittert. Wir googeln Maps, linken uns bei YouTube ein und sind vermutlich alle schon Mega-Fans von Smartphones und Tablet-PCs. Hilfe! „Ist die deutsche Sprache noch zu retten?“, fragen sich Puristen. Und Sprachwächter wettern vehement gegen fremde Einflüsse. Aber hat es je ein „reines“ Deutsch gegeben? Und ist das überhaupt wünschenswert?

veröffentlicht am 15.08.2012 um 00:00 Uhr

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Autor:

Karin Rohr

Anstrengungen, die deutsche Sprache rein zu halten, sind immer wieder unternommen worden. Doch fast alle Versuche, Wörter, die aus dem Griechischen, Lateinischen oder Französischen stammen, durch germanische zu ersetzen, sind kläglich gescheitert. Schon zu Goethes Zeiten konnte sich der deutsche „Gesichtserker“ gegen die griechische „Nase“ nicht durchsetzen.

Jede Territoriumsausweitung, jede Völkerwanderung, jede Eroberung, jede Entdeckung, jede Kolonialisierung hat Kultur- und Sprachvermischungen nach sich gezogen. Als die feine, adelige Gesellschaft in Europa französisch sprach, griff auch das Volk Wörter auf und integrierte sie in die Alltagssprache. Peu à peu verschwanden ursprüngliche Schreibweisen: Aus dem Bureau wurde das Büro, chic ist heute schick, ein Portrait ein Porträt, und Teint oder Taille, das Turnier, der Appetit, die Bonbons oder die auf Pommes reduzierten Pommes frites sind längst Allgemeingut.

Sprache ist lebendig, im Laufe von Jahrzehnten und Jahrhunderten immer wieder unterschiedlichsten kulturellen und gesellschaftlichen Einflüssen ausgesetzt gewesen und entwickelt sich heute – beschleunigt durch Globalisierung und Internet – in geradezu atemberaubender Geschwindigkeit. Englisch ist auf der Welt am weitesten verbreitet: Es beherrscht Wirtschaft, Technik, Kommunikation und Lebensgefühl. „Der moderne Modell-Germane joggt, jumpt, trekkt, walkt, skatet oder biket, hat fun und feelings, moods und moments, sorrows und emotions – und scheint vor nichts auf Erden solche Angst zu haben, wie seine eigene Sprache zu benutzen. Deutsch zu sprechen, ist vielen Deutschen ganz offensichtlich lästig oder peinlich“, kritisiert der Dortmunder Ökonom Professor Walter Krämer. Wer hip sein will, spricht zumindest Denglisch: „Anglizismen sind das neue Imponier-Deutsch“, stellt Helga Kotthoff, die an der Universität Freiburg Germanistische Linguistik lehrt, in einem Artikel für „Die Zeit“ fest. Lifestyle- und Fashion-Magazine sprechen Englisch, propagieren modische „Must-Haves“ und „No-Gos“, geben Glamour- und Beauty-Tipps. Die gute alte Jeans, das T-Shirt oder das Top gehören längst zum allgemeinen Sprachgebrauch. Der englische „Sale“ hat den Schlussverkauf abgelöst. Wir haben uns längst daran gewöhnt. Modeworte geben sich verbal „die Klinke“ in die Hand: Was gestern noch „knorke“ war, ist wenig später „toll“, „super“, „geil“ und heute eben „cool“, eingedeutscht: „kul“ – und damit schon auf dem besten Weg, bald nicht mehr als englisches Wort wahrgenommen zu werden. Der Duden zieht mit und tischt gleich eine ganze Reihe englischer -ing-Worte auf, die Eingang in unsere Sprache gefunden haben – vom Ranking über das Camping oder Aquaplaning bis hin zum Coming-out. Ohne englisches Know-how droht uns, so scheint’s, bald das kommunikative Knock-out. Wie stark und in welchem Ausmaß hat das Englische schon die deutsche Sprache beeinflusst?

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Untersuchungen zeigen, dass die Verwendung englischer Wörter je nach Sachbereich unterschiedlich ausfällt. Den höchsten Anteil an Anglizismen findet man in den Sparten Informationstechnologie und Telekommunikation, die stärkste Zunahme verzeichnet die Wirtschaft. In Medien und Unternehmen machen sich immer mehr Anglizismen breit. Und auch an Universitäten und Akademien wird die Kommunikation auf Deutsch allmählich entwertet, stellt Helga Kotthoff fest: „Neuerdings anglisieren die Gebildeten selbst die Latinismen. Wer auch heute noch Latein oder auch Griechisch lernt, dem genügt dies zur Distinktion wohl auch nicht mehr.“ Die Anglisierung, vermutet die Dozentin, signalisiere: „Ich bin gebildet und international.“

Dabei darf man nicht vergessen, dass Sprache auch immer für feine Unterschiede benutzt wurde und auch heute noch wird. So wie sich Menschen über Mode, die Wahl des Autos, ihren Wohnungs- oder Musikstil abgrenzen, so funktioniert das auch mit unserer Wortwahl und Ausdrucksweise: Der Adel sprach anders als das einfache Volk. Bei Konservativen und Fortschrittlichen findet man Unterschiede im Vokabular. Und Jüngere benutzen ohnehin andere Wörter als Ältere. Ob wir uns gewählt, gebildet, fantasievoll, einfach, burschikos oder ordinär ausdrücken, hängt von vielen sozialen und gesellschaftlichen Faktoren ab und ist für Sprachforscher und Psychoanalytiker ein weites Feld, das sich ergiebig beackern lässt.

Über das bewusste Abgrenzen Jugendlicher im Sprachgebrauch sagt der Medienpädagoge und Kommunikationsexperte Marcus Knill: „Sie haben ihre internen Signalworte. Bei E-Mails, bei ihren SMS-Botschaften aber auch bei Blogs und in der Umgangssprache stellen Erwachsene fest: Die Jugendsprache will gleichsam eine Fremdsprache sein. Diese Abgrenzung ist von den Jugendlichen erwünscht.“ Vor über 20 Jahren hätten nur Computerversierte mit Begriffen wie Modem oder Internet etwas anfangen können: „Blog war ein hässliches Mehrfamilienhaus, Handy bestenfalls ein Geschirrspülmittel. Email ordnete man in den Bereich Küche, Töpfe und Wannen ein ... Schule und Elternhaus haben sich allmählich damit abgefunden, dass sich die Jugendlichen dank Handy und Internet eigene Sprachplattformen schaffen konnten“, meint Marcus Knill.

Warum also will sie einfach nicht verstummen – die Anglizismenkritik? In den letzten Jahren ist sie sogar verstärkt in die öffentliche Diskussion gerückt. Für viele hat die Überflutung der deutschen Sprache mit Anglizismen nicht nur die Grenzen der Toleranz überschritten, sondern unsinnige und überflüssige Ausmaße angenommen. Helga Kotthoff bestätigt: „Die Leidenschaft für das Englische hat längst falsche Passagiere an Bord gebracht, wie das Handy und den Beamer“, nennt sie als Beispiele und kritisiert: „Die sind im deutschen Sprachraum gleich als Marke englischer Eigenbau gemacht worden.“ Soll heißen: Wir basteln uns Anglizismen, die der Engländer in der von uns verwendeten Form gar nicht kennt: Der greift nämlich nicht zum Handy, sondern zum „mobile phone“, wenn er mobil telefonieren will, und er benutzt auch keinen Beamer, sondern den „projector“, um Bilder an die Wand zu werfen. „Das Englische führt im Deutschen ein Eigenleben“, stellt Kotthoff fest. Unsere Pseudo-Anglizismen aber führen eine sinnvolle Sprachvermischung ad absurdum. „Dabei gibt es durchaus sachliche Gründe für Entlehnungen aus dem Englischen“, stellt die Freiburger Germanistik-Dozentin fest: „Wie aber ist das Grassieren zu verstehen, die Anglisierungsmanie, die aus jedem Leiter des Rechenzentrums einer Hochschule den ,information officer’ gemacht hat?“ Es sind diese Auswüchse, die nerven und Sprachwächter auf die Palme bringen. Wenn der Hausmeister zum „Facility Manager“ mutiert, rückt er nicht automatisch eine Gehaltsstufe höher, sondern ist allenfalls unfreiwillig komisch. Englisches Wortgeklingel wie „Media Distribution Officer“ statt Führungskraft für Medienvertrieb, „Vision Clearance Engineer“ statt Fensterputzer oder „Head of Verbal Communications“ statt Sekretärin gehört zu den Berufsbezeichnungen, die keiner braucht und die mehr Verwirrung als Klarheit schaffen. Mag sein, dass „das Englische als Ritualschicht“ fest in unserem Stilrepertoire angekommen ist, wie Helga Kotthoff behauptet. Wenn eine fortschreitende Anglisierung aber nur dazu dient, neudeutsches Imponiergehabe zu stärken, ist das eine traurige Entwicklung. Dabei gibt es durchaus schöne Anglizismen, die sich wie einst die griechische „Nase“ oder das französische „Rendezvous“ in die deutsche Sprache integriert haben und diese bereichern – denn: Sprache lebt und entwickelt sich.

Deutschland gilt als Land der Dichter und Denker. Ein wichtiges Kulturgut ist seine Sprache. Die aber wird zunehmend mit englischen Wörtern durchsetzt, die manchmal sinnvoll und zweckmäßig, häufig aber überflüssig und oft sogar falsch sind. Denglisch – eine Kultursünde oder die akzeptable Folge einer lebendigen Sprachentwicklung?

Werbung und Hinweisschilder in der Hamelner Fußgängerzone: Deutsch und Englisch werden munter vermischt.

Fotos: wfx

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