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Opfer von sexueller Gewalt zweifeln besonders an sich selbst / Psychologen raten zu schneller Konfrontation

Den Weg zurück ins Leben finden

Vergewaltigt zu werden ist schrecklich. Aber fast noch schlimmer war für mich, wie meine ganze Umgebung darauf reagiert hat. So, als wäre ich jetzt für immer ein Opfer. Als sei ich auf unrettbare Weise beschädigt. Ich hatte lange das Gefühl, die anderen glauben, ich sei nicht mehr derselbe Mensch wie früher.“ Das sagt Carola M. aus Hameln. Sie ist jetzt 42 Jahre alt und es ist über zwei Jahrzehnte her, dass sie Opfer einer Vergewaltigung wurde.

veröffentlicht am 22.10.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 10.10.2017 um 09:08 Uhr

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Reporterin zur Autorenseite

Damals lebte sie in einem kleinen Dorf und ging in der Nachbarstadt aufs Gymnasium. „Alle wussten von der Vergewaltigung, es stand sogar in der Zeitung“, sagt sie. „Wirklich, die meiste Kraft hat es gekostet, quasi meinen Ruf als eine starke Person wieder herzustellen.“

Diplompsychologin Heidemarie Glaser, die in der Gewaltberatung des Kinderschutzbundes Hameln arbeitet, versteht sofort, wovon Carola M. spricht. „In den Augen vieler Menschen ist eine Vergewaltigung das Schrecklichste, was einem Menschen passieren kann“, sagt sie. „Im ersten Moment hört sich das nach besonders großem Mitgefühl an. Doch besteht die Gefahr, dass die Opfer geradezu gezwungen werden, sich selbst als zutiefst beschädigten Menschen zu sehen. Und das ist gewiss nicht immer hilfreich.“

In ihren Beratungsstunden, wo sie es überwiegend mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu tun hat, kommt es immer wieder vor, dass ihre Klienten sich erst mal gar nicht zu öffnen wagen – aus Angst davor, in solchen Gesprächen zum zweiten Mal zum Opfer zu werden. „Sexualität ist für uns so etwas Intimes, dass die Emotionen besonders hoch gehen, wenn man hört, jemand sei gerade in dieser Intimität verletzt worden. Auch sonstige körperliche Gewalt durchbricht diese Intimitätsschranke, ja. Doch gibt es für körperliche Gewalt kein positives Gegenüber, das dadurch entwertet würde. Anders ist das bei einer Vergewaltigung, deren Gegenstück ja Liebe und Zärtlichkeit ist. Wer möchte schon von sich denken, dass es damit jetzt aus sein könnte?“

Carola M. erzählt, dass sie sich eine Zeitlang fast wie eine Unberührbare vorkam. „Meine Freundinnen guckten mich mitleidig und traurig an. Wenn ich eine entstellende Wunde mit mir herumgetragen hätte, sie hätten nicht viel anders gucken können“, sagt sie. Auch ihre Eltern seien verzweifelt gewesen, zum ersten Mal in ihrem Leben habe sie ihren Vater weinen sehen. „Und meine jüngere Schwester, der ich es zuerst erzählt hatte, sie weinte ebenfalls und konnte gar nicht mehr aufhören. Es war völlig unmöglich, irgendjemandem irgendwelche Einzelheiten zu erzählen. Selbst der Polizei gegenüber ließ ich das meiste von dem, was wirklich passiert war, aus. Das war auch nicht schwer, denn ich wusste ja, dass der Vergewaltiger eh alles leugnen würde.“

Auch das kennt Psychologin Heidemarie Glaser. „Es ist nicht leicht, einen Mittelweg in der Beratung oder überhaupt in Gesprächen über eine Vergewaltigung zu finden“, sagt sie. „Es geht darum, einerseits in Ruhe zuzuhören und sich nicht aus der Fassung bringen zu lassen, andererseits aber auch das, was geschehen ist, nicht zu verharmlosen.“ Die Betroffenen müssten die Chance bekommen, sich ihrem Leid zu stellen, und trotzdem noch zu wissen, dass es weiterhin ein normales Leben neben und nach der Gewalttat gibt. „Geredet werden muss auf jeden Fall, bei manchen auch innerhalb einer Therapie, damit man sich über seine Gefühle klar wird und herausfindet, wie man mit dem Geschehen umgehen kann.“

Sie habe lange mit niemandem wirklich ehrlich über ihre Vergewaltigung geredet, sagt Carola M. Ihr sei es vor allem darum gegangen, zu betonen, es sei alles nicht so schlimm gewesen. „Wenn überhaupt, dann erzählte ich davon, wie ,cool‘ ich war, als der Täter danach überlegte, was er nun mit mir machen soll, damit ich nichts verrate.“ Sie habe ihm vorgeschlagen, erst mal eine Zigarette zu rauchen, und ihn dann ausgefragt, warum er so etwas mache, ob er keine Freundin habe, bis sie sich schließlich auf ziemlich absurde Weise ganz normal unterhalten hätten. „Verrückt ist, dass ich einen Tag lang sogar mein Versprechen hielt, niemandem etwas von allem zu sagen. Erst, als er am nächsten Tag wieder auf mich wartete, weil er wohl dachte, ich fände ihn nett, da wurde mir bewusst, was für eine weitere Gefahr er darstellt, nicht nur für mich.“

„Akzeptieren, dass so etwas zum Leben

dazugehören kann“

So eine Reaktion ist nicht untypisch, sagt Heidemarie Glaser. „Es ist ja auch wichtig, dem Selbstzweifel, dem Entwürdigungsgefühl entgegenzutreten. Jeder reagiert anders, in jedem einzelnen Fall sehen wir hin, wie es um die jeweilige psychische Situation steht. Doch meine ich, wer Opfer so einer Tat wird, der braucht ein Gegenüber, das selbst nicht hysterisch wird und es zulassen kann, dass auch Angst, Wut, Rachegefühle und Verzweiflungen zur Sprache kommen.“ Deshalb würden oft auch die Bezugspersonen wie Eltern oder Partner bei den Beratungen einbezogen. „Gerade, weil die Vergewaltigung fast immer als eine Ungeheuerlichkeit gesehen wird – was sie auch ist – kommt es darauf an, gleichwohl zu akzeptieren, dass dies nun mal zum Leben dazugehören kann, ohne dass man deswegen zerbrechen muss.“

Nicht viel anders sieht es Dagmar Behrens, psychosoziale Prozessbegleiterin bei der „Stiftung Opferhilfe“ in Bückeburg. „Wenn wir ein Gewaltopfer, speziell auch von sexueller Gewalt, beraten und auch durch einen Gerichtsprozess hindurch begleiten, dann ist es das Ziel, dass sich der betroffene Mensch schließlich nicht mehr als Opfer fühlt.“ Natürlich war er ein Opfer, das stehe nicht zur Disposition. „Aber man kann es abschließen und hinter sich lassen“, sagt sie. „Es erwächst auch eine Stärke daraus, den Vergewaltiger in seine Schranken zu verweisen, nicht zuzulassen, dass er noch nachträglich Gewalt über das eigene Leben bekommt.“

Manchmal gelinge das erstaunlich schnell und gut, manchmal allerdings stehe im Mittelpunkt der Hilfsangebote, den Betroffenen zuallererst einen Rückweg in einen normalen Alltag aufzuzeigen. „Man muss nicht gleich über alle Einzelheiten reden“, so Dagmar Behrens. „Viel wichtiger ist die Frage: ’Wie kann es mir wieder besser gehen?‘“ Vor allem bei Kindern und Jugendlichen, denen jahrelang von einer Vertrauensperson sexuelle Gewalt angetan wurde, sei eine Therapie angesagt, um überhaupt wieder ein gestärktes Selbstbild zu gewinnen. „Das ist so ein Tabu-Thema. Aber das Tabu muss aufgebrochen werden. Nach und nach kann man dann seiner Umgebung signalisieren, dass man die Sache verarbeitet.“ Man solle es ruhig den Menschen, die einem nahe sind, erzählen. Vergewaltigungen geschähen. Man könne sie überwinden.

Das erste Mal, dass Carola M. nach Jahren in kleinerer Runde davon berichtete, was ihr damals als Jugendlicher passierte, es war, als die Tochter einer Freundin nach einem Discobesuch vergewaltigt worden war. Auch die Gefühlswelt der Eltern war dadurch vollkommen durcheinandergeraten. Sie machten sich Vorwürfe darüber, dass sie ihre Tochter nicht beschützt hätten, fragten sich, ob sie Erziehungsversager seien und auch, ob ihre Tochter jemals wieder normale Beziehungen und Vertrauen zu Männern haben könne. „Da dachte ich: Jetzt reicht es. Natürlich kann man das! Wie kommt man dazu, einem Täter zugestehen zu wollen, er könne mein ganzes Leben versauen.“

Für die Eltern sei es geradezu eine Erleichterung gewesen zu hören, dass jemandem, den sie persönlich kennen, so etwas passiert sei. „Seitdem habe ich immer mal wieder von dieser Vergewaltigung erzählt. Weil ich glaube, dass man es erzählen und nicht so tun soll, als geschähe das immer nur anderen, weit weg. Es kann doch auch fast was Tröstliches haben: ,Sie hat es geschafft – also kann auch ich es schaffen!‘“

In der Kriminologie gibt es den Fachausdruck der „Viktimisierung“. Er bezeichnet genau die Tatsache, dass jemand, der Opfer eines Verbrechens wurde, in einen Prozess hineingeraten kann, durch den seine Opferrolle so festgeschrieben wird, dass es wie zu seiner Identität gehört, ein Opfer zu sein. „Diese Gefahr ist bei Vergewaltigungen besonders groß“, so Dagmar Behrens. „Noch immer sprechen ja einige Leute bei Vergewaltigung von einer ,Schändung‘, einer Entwürdigung. Gerade, wo man Vergewaltigung als das Allerschlimmste ansieht, schlimmer als alle anderen Arten von Verbrechen, die einem zustoßen können, gerade da erschwert man es unabsichtlich den Betroffenen, wieder ins Gleichgewicht zu finden.“

Beratungsstellen wie der Kinderschutzbund in den Landkreisen, die Stiftung Opferhilfe oder auch „BASTA“ im Mädchen- und Frauenberatungszentrum Stadthagen, sie setzen alles daran, Ratsuchenden einen klaren, sachlichen, auf konkrete Hilfen ausgerichteten Weg zu weisen, mit einer Vergewaltigung umzugehen. „Und unbedingt, man sollte sich diese Hilfe suchen!“, das betonen sowohl Heidemarie Glaser als auch Dagmar Behrens.

Claudia M. kann dem nur zustimmen. „Ich habe mich irgendwie durchgekämpft, zum großen Teil auch dadurch, dass ich es einfach verdrängte“, sagt sie. „Ich wünschte, dass damals jemand auf die Idee gekommen wäre, nach einer Beratungsstelle für mich zu suchen, wo ich unbefangen hätte ausprobieren können, wie es ist, einfach von allem zu erzählen. Und es dadurch vielleicht auch schneller wieder loszuwerden.“

Als Carola M. vor zwei Jahrzehnten vergewaltigt wurde, wussten viele Leute aus ihrem Umfeld darüber Bescheid. Das große Mitgefühl der anderen hat bei Carola M. aber große Selbstzweifel ausgelöst. Die größte Kraft hat es die heute 42-Jährige gekostet, ihren Ruf als „starke Persönlichkeit“ wieder herzustellen – was sehr lange gedauert hat.



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