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Den Computerkurs machte er mit 95

Bad Nenndorf. Die 200 Jahre alte Pendeluhr an der Wand, eine Erinnerung an den geliebten Schwarzwald, schlägt und zeigt die volle Stunde an – aber nicht die korrekte Zeit. Der Zeiger steht. Das heißt nicht, dass Gerd Poppelbaum zeitlos lebt in seinem Apartment in der Bad Nenndorfer Seniorenresidenz „Curanum“.

veröffentlicht am 14.10.2011 um 00:00 Uhr

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Dabei ließe sich ein berührendes Bild ausmalen: Das Tick-Tack der alten Uhr in der Stille, die leicht staubigen Fotos der Lieben auf dem Jugendstilschreibtisch, der Bücherschrank, dazu der 101-jährige Seniorenheim-Bewohner, der in seinem Sessel die Tage durchdämmert, Bildern eines durchlebten Jahrhunderts nachhängt und von Zeit zu Zeit seufzt und an Menschen denkt, die nicht mehr da sind. Aber stopp: Dieses Bild stimmt nicht oder nur sehr bedingt. Die sentimentale Szene stört ein Lesegerät, das neben den Fotos den Schreibtisch dominiert. Gerd Poppelbaum ist ein agiler und geistig fitter Mann – und nicht der Älteste in der Familie. Schwester Annemarie ist 109 Jahre alt und lebt bei Würzburg. Ein Bruder und eine weitere Schwester freilich sind verstorben, die Schwester im Alter von 105 Jahren.

Für die alte Schwarzwalduhr, die seine inzwischen verstorbene Frau einst ausgesucht hatte, hegt Gerd Poppelbaum nicht nur romantische Gefühle. Die Uhr, erklärt der technisch versierte und interessierte Poppelbaum stolz, besitze „das erste Räderwerk aus Metall.“ Im Apartment des Seniors zeigt eine moderne Uhr die Zeit an. Einen Wecker auf dem Nachttisch braucht der 101-Jährige eigentlich nicht. Er wache von alleine gegen 6.30 Uhr auf. Dann steht Gerd Poppelbaum auf und richtet sich selbst das Frühstück: Toast mit Marmelade und Bohnenkaffee. Anschließend startet der rüstige Senior zu seinem „Trainingslauf“. So nennt Gerd Poppelbaum das Auf- und Abgehen mit dem Rollator auf dem Etagenflur. „Damit man nicht steif wird“, erklärt der Pensionär.

Das Mittagessen nimmt er im Speiseraum der Seniorenresidenz ein, das Abendbrot wiederum in seinem Apartment an einem kleinen Tisch, der Gerd Poppelbaum von Jugend an vertraut ist, ebenso wie der eichene Bücherschrank, der Schreibtisch im gleichen Stil und das Zigarrenschränkchen, das Poppelbaum noch ganz genau an dessen früheren Standort vor sich sieht. Die Möbel haben das Herrenzimmer in einer gediegenen Dienstwohnung am Niederrhein ausgestattet. Dort wurde Gerd Poppelbaum geboren. Sein Vater, ein gebürtiger Rintelner, war 28 Jahre Bürgermeister der Stadt Wesel. In seinem Heimatort hat Gerd Poppelbaum am humanistischen Gymnasium das Abitur abgelegt, dann an der Technischen Universität Hannover Elektrotechnik studiert.

5 Bilder
Als Soldat arbeitete Poppelbaum in Belgrad an Antennenmasten.

Beziehungen zu dieser Zeit bestehen bis heute. Gerd Poppelbaum trat als Student dem Corps „Slesvico-Holsatia“ bei, der ältesten Studentenverbindung in Hannover. 20 junge Männer aus Schleswig-Holstein, die am damaligen Polytechnikum in Hannover studierten, hatten das Corps 1848 als Verein gegründet. Gemeinsam erfolgreich studieren wollte man und für Freiheit und Demokratie kämpfen. „Fides – Libertas – Unitas“ lautet der Wahlspruch, der heute noch am Corpshaus an der Wilhelm-Busch-Straße in Hannover prangt. Hier hat Gerd Poppelbaum seinen 100. Geburtstag gefeiert. Das Corps zählt heute noch zehn aktive Mitglieder und 100 Alte Herren. Einer davon ist Gerd Poppelbaum.

In den Zwanziger Jahren, in seiner Jugend, genoss Poppelbaum die Gemeinschaft im Corps. Fotos zeigen ihn in schneidiger Uniform, allein und im Kreis der Kameraden bei Ausflügen oder beim Fechten, der Mensur. Schmisse trägt Gerd Poppelbaum als Narben im Gesicht. Die Mensur gehörte und gehört zum Corpsleben. Weder geht es dabei um Leben und Tod noch um „Satisfaction“. Tapferkeit und Standhaftigkeit heißen die Ideale. Sich gegenüberstehend teilten die Kontrahenten Hiebe mit einer Fechtwaffe aus. Zurückweichen gilt nicht. Das ist die Bewährungsprobe. „Terz, Quart, Durchzieher“, weiß Poppelbaum noch heute die Art der Hiebe zu deklamieren. Der Durchzieher, das war der Hieb ins Gesicht.

Die Studentenzeit erlosch. Gerd Poppelbaum musste zum Militär. Zur Rekrutenausbildung kam er nach Münster in Westfalen. Im Zweiten Weltkrieg gehörte Poppelbaum zur Nachrichtentruppe. Er hatte Glück. „Das war nicht ein so schreckhaftes Unternehmen. Ich war im Verband, weniger an der Front.“

Bilder im Fotoalbum zeigen den Soldaten Poppelbaum mit Kameraden beim Aufrichten von Masten für Fernsprechleitungen. Bei Belgrad seien die Bilder entstanden. Sieben Wochen Belgrad. „Da haben wir Lili Marlen gehört.“ Das sei sehr schön gewesen. Aber feuchte Augen bekommt Gerd Poppelbaum bei dieser Erinnerung nicht. Er sieht den Bezug zum Lied differenzierter. „Die Zeit, wo ich Wache schieben musste, war vorbei. Da war ich schon Hauptmann.“ Lili Marlen handelt bekanntlich von einem Wachsoldaten.

Wie bei der alten Pendeluhr stehen neben Gefühlsaspekten schlichte Fakten. Eine Gelassenheit und Ausbalanciertheit ist bei Poppelbaum spürbar. Ob er an Gott glaube? „Ja“, sagt er frisch und bestimmt. Habe ihn der Glaube einmal durch schwere Zeit geholfen? „Nein“, sagt er ebenso selbstverständlich. Sicher, die Jahre nach dem Krieg seien unsicher gewesen, aber an Lebensängste und Katastrophen kann sich der 101-Jährige nicht erinnern.

Elf Jahre war Gerd Poppelbaum Soldat. Dann war der Krieg vorbei, auch die Gefangeschaft im französischen Fontainebleau. Gern wollte Poppelbaum nun sein Studium der Elektrotechnik wieder aufnehmen. Aber das hätten die Besatzer ihm als Major nicht erlaubt, erzählt er. Der damals 35-Jährige begann eine kaufmännische Ausbildung und war dann sein ganzes Berufsleben bei der AEG tätig. 41 Jahre lebte er in Karlsruhe mit seiner Ehefrau und drei Töchtern, bis diese „flügge“ wurden.

Mit 65 ging Gerd Poppelbaum in Rente. Das bedeutet für den agilen Pensionär nicht, sich hinter Bücher zu verziehen oder zu Hause „einzurosten.“ Ganz im Gegenteil. Gerd Poppelbaum baute einen alten Lastkraftwagen zum „Wohnmobil“ um. Damit bereisten er und Ehefrau Ruth halb Europa, „vom Nordkap bis Gibraltar“. Gleich nach der Pensionierung waren Poppelbaums zehn Wochen auf der iberischen Halbinsel unterwegs. Sechs Wochen nahmen sie sich später für Italien Zeit. „Das waren die schönsten Jahre meines Daseins“, schwärmt Gerd Poppelbaum heute.

Mit 65 Jahren hat sich Gerd Poppelbaum außerdem auf den Weg ins Konservatorium gemacht und Querflöte erlernt. Und im Alter von 95 Jahren fragte er sich, ob er vielleicht zu alt sei, um einen Computerkurs zu besuchen. Er beantwortete die Frage mit „Nein“ und suchte die Volkshochschule auf.

Als seine Ehefrau 2005 verstarb, zog Gerd Poppelbaum nach Wenningsen in die Nähe von Tochter Ulrike Poppelbaum-Lürig und deren Familie. Die neue Wohnung sei sehr schön gewesen. Aber dann sei er ein paar Mal gestürzt, habe sich unsicher gefühlt und darum beschlossen, in ein betreutes Wohnen zu wechseln. Gemeinsam mit Tochter und Schwiegersohn (beide berufstätig) befand er das „Curanum“ in Bad Nenndorf für bestens geeignet. Dort lebt Gerd Poppelbaum seit 2010. Dort fühlt er sich wohl, hält Kontakt zu anderen Bewohnern, pflegt Freundschaften.

Mit dem E-Mobil fährt er in den Ort zum Einkaufen. Das klappt noch. Dennoch: Eine Makuladegeneration vermindert die Sehkraft. Er kann jetzt nicht mehr soviel lesen. Und das Gehör lässt nach.

An einem Konzert seines Lieblingsmusikanten André Rieu in der AWD-Arena in Hannover hatte Gerd Poppelbaum trotz oder wegen seines Hörgerätes nur mäßig Freude. Derartige Aktionen sind für den 101-Jährigen wohl vorbei. Jetzt, wo die Sinneskräfte nachlassen, fühle er sich doch manchmal einsam, sagt Gerd Poppelbaum. Es sei nicht ganz einfach. Richtigen Hobbys könne er sich nun auch nicht mehr widmen. Aber er sieht gern fern, Sendungen des NDR über Elbe und Auen, über die Weser und das Watt.

Und Tier-Dokumentationen mag Gerd Poppelbaum. Ein ganz großer Hundenarr sei er gewesen. Sieben oder acht Hunde habe er besessen, zumeist Dackel. Sogar aus dem Krieg hat er eine herrenlose Hündin mit nach Hause gebracht. Das ist lange her.

So vieles ist Vergangenheit für Gerd Poppelbaum, seine Ehe, das geliebte Ferienhaus im Schwarzwald, die Reisen. Aber erstens bleiben all die Jahre in der Erinnerung erhalten und zweitens fühlt sich Gerd Poppelbaum im Hier und Jetzt wohl, lebt weiterhin gemeinsam mit Menschen und verzieht sich nicht in seinen Sessel. Und mit „gewusst wie“ lässt sich auch die Sehschwäche manchmal austricksen.

Wenn Gerd Poppelbaum mit dem E-Mobil zum Einkaufen in den Supermarkt fährt und die Aufdrucke auf den Waren nicht lesen kann, dann ortet er die Marktangestellten anhand deren roter Berufskleidung. Und die netten Verkäuferinnen helfen ihm gern, berichtet Tochter Ulrike.

Gerd Poppelbaum (101) fährt noch mit dem E-Mobil zum Einkaufen und pflegt Kontakte im Seniorenheim. Die Zeit nach der Pensionierung waren „die schönsten Jahre“ seines Lebens, sagt er heute. Gerd Poppelbaum und seine Erinnerungen sind Teil der Ausstellung „Jahrhundertmensch“, die noch bis zu Sonntag in der Bad Nenndorfer Wandelhalle läuft. Stationen eines bewegten Lebens.

Mit einem speziellen Lesegerät kann Gerd Poppelbaum auch heute noch lesen.



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