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„Den Ägyptern platzt jetzt der Kragen“

Wer 13 Jahre in Ägypten und vor allen Dingen bis vor Kurzem in der 21 Millionenstadt Kairo gelebt und gearbeitet hat, wundert sich kaum über die Dinge, die zurzeit die Medienspalten und TV-Sendungen füllen. Wir Ausländer warten schon seit fünf Jahren auf den großen Knall, der das Regime ins Wanken bringt. Allerdings war uns immer klar, wenn es hier kracht, dann gibt es keinen großen Aufstand, sondern die Armee schreitet sofort ein, um nach einer Beratung der Generäle, einen der ihren an die Spitze als neuen Staatschef zu wählen.

veröffentlicht am 03.02.2011 um 18:48 Uhr
aktualisiert am 08.02.2011 um 15:32 Uhr

„Wir Ausländer warten schon seit fünf Jahren auf den großen Knall, der das Regime ins Wanken bringt“, sagt Gerti Hen

Autor:

Gerti Henze

Unsere ewige Frage lautete: Wie lange kann man eine Volksmasse, die in der arabischen Welt die meisten Hochschulabsolventen und die höchste Analphabetenrate hat, unterdrücken, ignorieren, auspressen und am langen Arm verhungern lassen?

Festgestellt haben wir, dass das Spannungsdehnungsdiagramm der Masse ägyptischer Menschen doch beachtlich ist. Zwar gab es in der Vergangenheit kleinere Demonstrationsgeplänkel der Studenten, die aber immer recht schnell, dank des hervorragend von den Amerikanern errichteten Geheimdienstes, aus der Welt geschafft werden konnten.

Nun wissen Regierung und auch die Religion, dass sie den Bogen überspannt haben. 150 Euro Lohn, inklusive Bonus und verschiedene Zulagen für einen Hochschulabsolventen, reichen in dem Land nicht zum Leben und auch nicht zum Sterben. Die Preise sind in den vergangenen fünf Jahren um 200 Prozent gestiegen, dabei sind Araber oft genügsame Menschen; als Mahlzeit reicht oft ein Fladenbrot mit etwas Schafskäse, einem Stück Gurke und einer halben Tomate. Im November stieg der Tomatenpreis auf 10 Euro pro Kilo. Für das Volk ein Skandal. Über den sich die Leute wochenlang nicht beruhigen konnten. Wie soll der Familienvater, der zahlreiche Münder zu füttern hat und sowieso schon zwei bis drei Jobs ausübt, um vielleicht auf 200 Euro im Monat zu kommen, dies bezahlen?

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Die Teuerungsrate ist aus einer deftigen Wirtschaftsfehlplanung entstanden. Größter Fehler ist es, die großen Industriebetriebe nicht zu privatisieren. Die Industrie ebenso wie die Ministerien werden nach dem Pharaoprinzip geleitet: Oben sitzt der Oberpharao und jede Abteilung hat ihren eigenen. Dies geht hinunter bis zum Hausmeisterpharao, der dem Straßenfeger Anweisungen gibt.

Problem: Jeder Pharao hat eine andere Meinung und seine eigenen Pfründe, die er zu mehren sucht. Somit ist ein interner Kampf in den Betrieben und in den Ministerien. In den Betrieben stehen die Maschinen still und die Arbeiter wissen nicht, was sie mangels Material und Konzept tun sollen.

In den Ministerien arbeitet jede Abteilung eigene Konzepte aus, die nie zu einem Ganzen zusammenpassen. Die Korruption blüht in den Betrieben und in den Ministerien. Das Volk sieht: Niemand schreitet ein. Wer sich etwas unter den Nagel reißt, kommt ungeschoren davon.

In Ägypten leben 60 Prozent der Menschen, davon die Hälfte Analphabeten, unterhalb der Armutsgrenze. Das bedeutet, dass sie nicht wissen, wie sie am nächsten Tag für die Familie Brot oder andere Nahrungsmittel kaufen sollen. Das soziale Netz fehlt völlig. Sie haben keine Kranken- oder Rentenversicherung. Sie versuchen, sich mit Gelegenheitsjobs wie Autowaschen und anderen kleinen Diensten bei den Ausländern mühsam über Wasser zu halten. Sie arbeiten liebend gern für die Ausländer, denn die sind nicht kleinlich mit Trinkgeld. Wenn es nicht anders geht, arbeiten sie auch für ihre eigenen Landsleute, die sich Personal leisten können. Sie schuften dort für einen Hungerlohn und werden außerdem noch wie Menschen vierter Klasse behandelt. Damit eine Familie nicht verhungert, muss jeder und vor allen Dingen die Kinder arbeiten. Dabei bleibt der Schulbesuch auf der Strecke, obwohl Schulpflicht besteht.

Es ist ein Elend, wenn man freitags, dem islamischen Feiertag, aus Kairo hinaus an den Müllhalden vorbeifährt, und sieht, wie es auf den Abfallhaufen von Menschen wimmelt. Die suchen nach Essbarem oder Dingen, die sie zu Geld machen können.

Inzwischen gibt es eine Menge Organisationen, die von Ausländern privat getragen werden und die versuchen, hier und dort ein wenig soziale Linderung zu bringen. Waisenhäuser, Altenheime, Straßenkinderprobleme sind nur einige dieser Projekte. Die Ägypter sind zum Teil so verzweifelt, dass sie ihre Kinder auf die Müllkippen werfen, weil es an Nahrung fehlt. Fast täglich gehen Anrufe ein, die darauf hinweisen, das hier oder dort wieder ein Baby im Müll liegt.

Es ist Blödsinn, dass die Moslembrüderschaft, die ja von den westlichen Staaten nicht gerade freundlich angesehen wird, aus Ägypten einen Gottesstaat machen will. Es ist eine reine Buhmannpropaganda der Regierung, auf die vor allen Dingen Staaten wie Amerika hereinfallen.

Schließlich hat die Brüderschaft bei den Wahlen 2005 ein Fünftel der Sitze trotz der Intrigen und Machenschaften der ägyptischen Einheitspartei des Herrn Mubarak im Parlament erreicht. Selbst diese Brüderschaft, die versucht, ihren Landsleuten zu helfen, kann die Not nicht auffangen. Noch vor ein paar Jahren bekamen die Bürger in den Moscheen ihres Bezirks Hilfe, indem sie mit kleinen Geldbeträgen unterstützt, ihre Kinder, die sie nicht mehr ernähren konnten, abgeben oder andere Gefälligkeiten in Anspruch nehmen konnten. Doch dies ist vorbei. Auch hier ist das Geld knapp geworden.

Fest steht weiter, dass es der Brüderschaft kaum gelingen wird, die Regierungsmehrheit bei einer Neuwahl zu erreichen, denn der Islam in Ägypten hat in den vergangenen zehn Jahren viele neue Facetten und Richtungen bekommen. Die armen Menschen haben gar keine Zeit, täglich fünfmal zu beten, sie sind auf der Jagd nach einer Überlebenschance. Und die reicheren streiten darüber, welche neue Facette des Islam richtig ist. Lediglich am Freitag sind die Moscheen voll mit Moslems. Obwohl diese wissen, dass ihnen weder die Mullahs noch Allah helfen können.

Überfordert ist die Regierung mit der Million Schulabgänger, die jährlich auf den Arbeitsmarkt strömt. Keine Ausbildungsplätze, keine Arbeit, kein Geld sind die Fakten, die die Volksseele zum Kochen bringen.

Die Entwicklungshilfe der westlichen Länder ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Die EU hat vor drei Jahren ein Entwicklungshilfeprogramm von über 30 Millionen Euro aufgelegt. Was ist passiert? Ein Gerangel in den unterschiedlichen Ministerien verhindert, dass das Geld sinnvoll in die Ausbildung der jungen Menschen gesteckt wird. Obwohl die westlichen Entwicklungshelfer fertige auf Ägypten zugeschnittene Konzepte vorlegten. Anstatt zügig zu beginnen, gibt es ein unendliches Kompetenzgerangel in den Ministerien, deren Minister wie die Handtücher ausgetauscht werden. Schließlich muss jeder höhere General einmal für zwei Monate auf einem Ministersessel Platz genommen haben.

Ein weiteres Problem ist, dass die Studenten, die in Ausbildungsinstituten der Entwicklungshilfe studieren, nach ihrer Prüfung sofort in die Erdölstaaten abwandern. Eigentlich werden sie ja ausgebildet, damit sie anschließend die Ausbildung ihrer Landsleute übernehmen. Schließlich kann die internationale Entwicklungshilfe nicht für alle Zeiten Geld in das Land pumpen. Aber in den Erdölstaaten lockt der Dollar. Und die arabischen Scheiche nehmen gern Leute, die von westeuropäischen Experten ausgebildet wurden.

Der Wunsch des einfachen und auch des gebildeten Mannes ist es, das er eine neue Perspektive hat, die ihn aus der Armut herausholt. Wie das gehen soll, weiß er natürlich nicht. Wurde vor zehn Jahren mit einem Ausländer kaum über Politik gesprochen, so zeichnete sich in den vergangenen drei Jahren ab, dass man sehr wohl einen arabisch sprechenden Ausländer nach dessen Meinung über das Mubarak-Regime fragte.

Dabei wurde sich vorsichtig umgesehen, ob nicht irgendwo ein Geheimdienstler steht, denn die haben dank der Entwicklungshilfe der USA wie Sand am Meer zugenommen.

Obwohl die westeuropäischen Entwicklungsorganisationen mit den Amerikanern ständig im Clinch wegen irgendwelcher Kompetenzen liegen, muss man sagen, dass die Amerikaner für die Ausbildung von Ägyptern schon einiges geleistet haben, wenn auch in die falsche Richtung.

Mit Fug und Recht kann Gerti Henze aus Bückeburg als journalistisches Urgestein in Schaumburg beschrieben werden. Mitte der 60er Jahre absolvierte sie ihre Redakteurs- ausbildung bei der Schaumburger Zeitung in Rinteln, war danach viele Jahre für den General-Anzeiger in Stadthagen tätig, um dann mit ihrem Mann ins Ausland zu wechseln, wo die beiden für den Deutschen Entwicklungsdienst arbeiteten. Die letzten 13 Jahre in Ägypten. Ein Bericht zur Lage im Land.

Gerti Henze kommt aus Bückeburg, lebte aber lange mit ihrem Mann in Ägypten. „Unsere ewige Frage lautete: Wir lange kann man eine solche Volksmasse am langen Arm verhungern lassen?“ Foto: Archiv/tol



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