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„City Talent“ gesucht

Deinetwegen sind wir hier!

LANDKREIS. Castingshows wie „Deutschland sucht den Superstar“ kennt fast jeder: Alle dürfen mitmachen, ein paar Kandidaten können wirklich singen, über den Rest wird sich lustig gemacht. Aber geht das nicht auch anders? Echte Künstler suchen und fördern? Das ist das selbst erklärte Ziel von „City Talent“, ein Casting der empfehlenswerten Sorte.

veröffentlicht am 11.05.2018 um 16:22 Uhr
aktualisiert am 11.05.2018 um 17:00 Uhr

Der große Auftritt vor der Jury: Deutsch-Rapper Dennis Raer, 27, rappt so professionell, dass die Jury-Mitglieder begeistert sind. Dass er einen Sprachfehler hat, ist unerheblich. Foto: cok
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Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Sie zwingen einen, ein schlechter Mensch zu sein.“ Costa Makrogiannis sagt das über Sendungen wie „Deutschland sucht den Superstar“. Eigentlich liebt er Casting-Shows. Er ist ja selbst vom Fach, als Inhaber einer Künstleragentur, die Musiker, Comedians und Bands vermittelt, nicht ohne dass diese sich bei ihm dafür bewerben müssen.

Doch das Spiel der Demütigung, mit dem Jury-Mitglied Dieter Bohlen und Co viele ihrer weniger begabten Kandidaten dem Spott der Zuschauer preisgeben, widerte ihn irgendwann nur noch an.

„Das Schlimme ist: Man sieht fasziniert zu, wie Menschen öffentlich fertiggemacht werden, und vergisst dabei fast, worum es eigentlich gehen sollte, nämlich echte Künstler zu entdecken und zu fördern.“ Costa Makrogiannis will kein schlechter Mensch sein.

Wollen fair mit den Bewerbern umgehen: Die Jury vom „City Talent“ besteht aus Nadeshda Burcev (v. l.), Costa Makrogiannis, Silke Weber, André Becker und Andreas Schöneberg. Foto: cok
  • Wollen fair mit den Bewerbern umgehen: Die Jury vom „City Talent“ besteht aus Nadeshda Burcev (v. l.), Costa Makrogiannis, Silke Weber, André Becker und Andreas Schöneberg. Foto: cok
Jeder hat die gleiche Chance, hier Sängerin Nina Rippel. Foto: cok
  • Jeder hat die gleiche Chance, hier Sängerin Nina Rippel. Foto: cok
Begeistert die Jury: Deutsch-Rapper Dennis Raer. Foto: cok
  • Begeistert die Jury: Deutsch-Rapper Dennis Raer. Foto: cok
„Du bist genau so einer, weshalb wir hier sitzen“: Noch weiß Musiker Herwig Schmidt nicht so recht, wie er mit diesem Lob umgehen soll. Foto: cok
  • „Du bist genau so einer, weshalb wir hier sitzen“: Noch weiß Musiker Herwig Schmidt nicht so recht, wie er mit diesem Lob umgehen soll. Foto: cok
Der Sänger, der das höchste Lob fand: Herwig Schmidt. Eigentlich hatte er mit einer Zukunft als Musiker schon abgeschlossen. Foto: cok
  • Der Sänger, der das höchste Lob fand: Herwig Schmidt. Eigentlich hatte er mit einer Zukunft als Musiker schon abgeschlossen. Foto: cok
Wollen fair mit den Bewerbern umgehen: Die Jury vom „City Talent“ besteht aus Nadeshda Burcev (v. l.), Costa Makrogiannis, Silke Weber, André Becker und Andreas Schöneberg. Foto: cok
Jeder hat die gleiche Chance, hier Sängerin Nina Rippel. Foto: cok
Begeistert die Jury: Deutsch-Rapper Dennis Raer. Foto: cok
„Du bist genau so einer, weshalb wir hier sitzen“: Noch weiß Musiker Herwig Schmidt nicht so recht, wie er mit diesem Lob umgehen soll. Foto: cok
Der Sänger, der das höchste Lob fand: Herwig Schmidt. Eigentlich hatte er mit einer Zukunft als Musiker schon abgeschlossen. Foto: cok

So kam es, dass er 2013, zusammen mit seinem Freund André Becker, von Minden aus eine eigene Casting-Show ins Leben rief: „City Talent“. Jeder, der mindestens 16 Jahre alt ist, darf sich dafür melden, um am Ende vielleicht bei einem Konzert auf einer großen Bühne vor über tausend Leuten zu spielen und 4444 Euro Preisgeld zu gewinnen. Über Vorrunde, Viertelfinale und Halbfinale bleiben etwa fünfzehn Künstler übrig, die dann intensiv auf ihren großen Auftritt vorbereitet werden.

Über 500 Talente hat die Jury in den bisherigen drei Staffeln bereits gesehen. In diesem Jahr startete „City Talent“ die vierte Staffel. Bückeburg, Rinteln und Espelkamp waren schon mit der Vorrunde dran, in Hameln, Minden, Hannover und Bielefeld stehen die Castings noch bevor.

Wer bewirbt sich da eigentlich? Und: Hält das fünfköpfige Juryteam das Versprechen, fair mit den Bewerbern umzugehen? Unsere Zeitung durfte beim Casting in Rinteln dabei sein, dabei in ein zum Studio umfunktionierten Raum von „Marktkauf“ geführt vom liebenswürdigen Skandalmusiker Olly Schmidt, der beim letzten Mal so gut abgeschnitten hatte, dass er es dann wagte, sich in die Höhle des Löwen zu Dieter Bohlen zu begeben, wo er nochmals positiv auf sich aufmerksam machen konnte.

Neben den schon routinierten Juroren Costa Makrogiannis und DJ André Becker gehören Tanzlehrerin Nadeshda Burcev, dazu Sozialarbeiterin Silke Weber und Musiker Andreas Schöneberg zur Jury.

Die Jury-Neulinge wissen noch nicht, was auf sie zukommt. Eine Anmeldung für das Casting gibt es nicht.

Als die 16-jährige Nina Rippel aus dem Kalletal zusammen mit ihrem älteren Bruder den Raum betritt, lässt sich unmöglich voraussagen, ob sich einem gleich vor Mitleid das Herz verkrampfen wird oder ob es was zum Staunen gibt. Nina hat sich nicht fein gemacht (das hat übrigens keiner der Kandidaten getan), sie inszeniert sich nicht, sie will ohne Mikrofon singen und sagt, was fast alle sagen: „Musik mache ich eigentlich schon immer.“

Doch dann, unglaublich, erhebt sie eine Stimme, mit der man sie sofort im Finale sieht: Sehr laut und sehr leise singt sie, glockenklar, und dann wieder mit einem faszinierendem Vibrato. Dieses Mädchen kann singen, da ist sich die Jury sofort einig.

Und – wer hätte es gedacht – auch der nächste Kandidat ist eine kleine Sensation, Dennis Raer aus Schaumburg, 27 Jahre alt. Zuerst macht er ebenfalls etwas Angst, das sieht man vor allem den Neulingen in der Jury an, Tanzlehrerin Nadeshda Burcev und Andreas Schöneberg. Dennis hat einen Sprachfehler, er stottert und – er will Deutsch-Rap singen.

Von „Deutschland sucht den Superstar“ ist man es so sehr gewöhnt, dass auch vollkommen unbegabte Bewerber vor die Jury treten. Was, wenn jetzt ein peinliches Fiasko droht?

Doch Dennis Raer geht so selbstbewusst mit seinem Sprachfehler um, dass solche Sorgen sich schnell legen. Er erklärt, dass er zwar beim Sprechen oft stottern muss, beim rhythmischen Rap aber keinerlei Probleme habe.

So ist es auch. Sein selbst geschriebener Song „Schwarz-weiße Gedankenwelt“ haut die Jury auf Anhieb um. Musiker Andreas Schöneberg, der ein Plattenstudio besitzt, würde ihn sofort unter Vertrag nehmen. André Becker meint, er habe gerade den besten Rapper aller bisherigen Staffeln gehört. Da warnt Costa Makrogiannis lieber ein bisschen: Schon manches Mal sei jemand, der unbefangen die Vorrunden überstand, im Stress des Halbfinales gescheitert.

Was aber schon zu spüren ist: Die Medien-Berichte über die vorherigen Staffeln von „City Talent“ haben offensichtlich dazu beigetragen, dass sich keine Hochstapler, Selbstüberschätzer oder Spaßkandidaten bewerben. Es liegt wohl am Konzept des Castings, das vorsieht, erst beim Finale mit der großen Öffentlichkeit dabei zu sein. Niemand hat was davon, sich ohne Talent nur zur Selbstdarstellung vor der kleinen Jury vorzustellen.

„Wir wollen nicht irgendwelche Sonderlinge hervorheben, um mit ihren Geschichten Geld zu machen“, sagt Costa Makrogiannis. „Uns geht es nur darum, ob jemand etwas kann und ob es sich lohnt, dass er Förderung erhält.“

Nicht immer wird es der Jury so leicht gemacht wie mit den ersten beiden Musikern. Eine Bewerberin, die auch schon in Bands gesungen hat, kann bei diesem Casting nicht so recht aus sich herauskommen. Aber sie ist sympathisch, hat Kinder und Beruf und erzählt, wie viel ihr die Musik bedeutet. Zweimal Nein, mit netter Begründung („Du kannst singen, keine Frage, nur fehlen die Highlights“) zweimal Ja – jetzt muss Andreas Schöneberg, der als letzter seine Stimme abgibt, entscheiden. Plötzlich sieht er sehr müde aus. „Du hast wie mit angezogener Handbremse gesungen“, meint er vorsichtig. Und gibt sein – Ja.

Noch weitere Male bleibt die letzte Entscheidung ausgerechnet an ihm, der zum ersten Mal in der Jury sitzt, hängen, und die Schatten unter seinen Augen werden immer dunkler.

Alle Kandidaten sind gut, die beiden jungen Hip-Hopper aus Porta ebenso wie ein Sänger aus Löhne, auch der angehende Komiker Philipp Post aus Rinteln und eine weitere sehr junge Sängerin, die in letzter Sekunde noch auftaucht. Aber ob sie die später öffentlichen Auftritte durchhalten werden? Vor erst hundert und zum Schluss über tausend Zuschauern mit Achtungserfolg bestehen können?

Philipp Post bekommt sein „Recall“, also die Bestätigung, dass er eine Runde weitergekommen ist, weil – so sieht es Costa Makrogiannis – Komiker nur vor großem Publikum wirklich Lachen auslösen können. Die anderen dürfen ebenfalls wiederkommen, man gönnt ihnen das Erlebnis, sich im Viertelfinale steigern zu dürfen und gibt ihnen gute Ratschläge mit auf den Weg.

„Bei den Castings in den größeren Städten werden wir wohl strenger sein“, meint André Becker. In Rinteln waren es ja nur acht Bewerber, in Hannover oder auch Hameln werden wesentlich mehr Kandidaten erwartet, insgesamt sicher über hundert.

Ein zunächst ganz unscheinbarer Sänger in Schlabberhose und mit einer Gitarre, deren Gurt er vergessen hat, erwies sich als einer dieser jungen Künstler, um derentwillen die Jury ihre ehrenamtliche Aufgabe übernimmt: Herwig Schmidt (25) aus Espelkamp. „Ich kann nur vier Akkorde“, sagt er, und singt dann seinen eigenen Song „Like a Drug“, leicht näselnd, melancholisch getragen, trotzdem zum Dahinschmelzen.

„Ich könnte dir den ganzen Abend zuhören“, sagt André. „Wenn du das singst, werden sie alle heulen“, meint Costa Makrogiannis.

Herwig Schmidt weiß noch nicht recht, wie er mit solchem Lob umgehen soll. Eigentlich hatte er schon fast abgeschlossen mit einer Zukunft als Musiker. Er wollte es nur noch dieses eine Mal versuchen. „Alleine kommt man nicht weit“, sagt er. „Der Druck ist einfach zu groß.“ Nun aber hört er, dass Costa Makrogiannis sagt: „Du bist genau so einer, weshalb wir hier sitzen.“ Da wird er den Auftritt im Viertelfinale wohl kaum zurückweisen.

Wer nämlich weiterkommt, ist nicht mehr allein. Das Juryteam hilft beim Promoten, die zehn bis 15 Finalisten werden für mehrere Monate eine Gruppe bilden, die – das ist die Erfahrung der Jury – zusammenhält und gemeinsam ein Abenteuer besteht. Im Februar 2019 wird entschieden, wer das neue „City Talent“ ist.

Weitere Castings:

Nächste Castings, immer von 14 bis 17 Uhr:

27. Mai, Kulturzentrum BÜZ Minden

10. Juni, MIU24 Hannover

16. Juni, Marktkauf Hameln

23. Juni, Marktkauf Bielefeld.



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