weather-image
21°
×

Das Zauberwort heißt Zeitsouveränität

Wenn Alex Bernhard sich morgens um 5.30 Uhr auf den Weg zur Arbeit macht, weiß er, was ihn erwartet. „Acht Stunden Arbeit – und immer gegen die Uhr. Dazu eine halbe Stunde Pause, dann ist die Schicht um.“ Alex Bernhard ist Facharbeiter in einem Metallbetrieb in Hameln und arbeitet seit vielen Jahren nach Akkord. „Der Tarif, nach dem ich arbeite, geht von Leistungslohn aus“, erklärt der 45-jährige Hamelner. „Das heißt, ich werde nicht für die Zeit bezahlt, in der ich in der Firma bin, sondern danach, was ich in der Zeit tatsächlich leiste. Da hat sich in den vergangenen Jahren tariflich praktisch nichts verändert.“ Das bestätigen auch Herbert Scheibe, der erste Bevollmächtigte der IG Metall Alfeld-Hameln-Hildesheim, und Jürgen Lohmann, der Chef der Dr. Paul Lohmann GmbH KG in Emmerthal, in dessen Unternehmen es vom Einschichtbereich bis zum rollierenden Vierschichtbereich und von Teilzeitbeschäftigten alle möglichen Formen der Arbeitsorganisation gibt.

veröffentlicht am 22.03.2011 um 00:00 Uhr

Autor:

„Was sich verändert hat“, erklärt Scheibe, „das ist die Belastung in der Zeit, die gearbeitet wird. Die Arbeitszyklen sind sehr viel kleiner und kürzer geworden und die Arbeitsabläufe wesentlich straffer organisiert worden.“ Die „Verdichtung der Arbeit“ sei das Ergebnis von klar durchstrukturierten Arbeitsabläufen, hänge aber auch ab von der Art der zu verarbeitenden Rohstoffe, vom Produktionsverfahren, von der Logistik und vom vorgegebenen Betriebsablauf.

Alex Bernhard arbeitet in zwei Schichten. In der Frühschicht von 6 Uhr morgens bis 14 Uhr, in der Spätschicht von 14 Uhr bis 22 Uhr. „Ich habe auch schon in einem Drei-Schicht-Betrieb gearbeitet. Das war mir eigentlich lieber, weil ich da mehr von meiner Familie und mehr Zeit für unsere Freunde hatte. Bei reiner Wechselschicht mit Früh- und Spätschicht leiden meine Sozialkontakte doch ziemlich stark. Aber was soll ich machen – wenn die Auftragslage nicht mehr hergibt, arbeiten wir eben nur in zwei Schichten.“

Bei einer 35-Stunden-Woche, wie sie laut Manteltarifvertrag für die Metall- und Elektroindustrie gilt, fällt bei Bernhard in der Praxis seiner Fünf-Tage-Woche täglich eine halbe Überstunde an. „Die behandeln wir als Gleitzeit. Dafür gibt es bei uns ein Arbeitszeitkonto und kein Überstundengeld.“

Über sein Zeitbudget kann Bernhard bis zu 40 Stunden frei verfügen – wenn es die Auftragslage zulässt und der Meister einverstanden ist, dass er mal ein paar freie Tage nimmt. „Aber das ist unproblematisch und funktioniert gut“, blickt er zurück auf die vergangenen Jahre. Sind mehr als 40 Stunden aufgelaufen, „schickt mich der Meister auch schon mal in ,Überstundenurlaub‘. Da muss ich mich dann an seine Planung halten.“

Diese Form der Arbeitsorganisation mit Zeitkonto wird auch als Ampelmodell bezeichnet. Bis 40 Mehrarbeitsstunden steht die Ampel für die eigene Freizeitentscheidung auf Grün, von 41 bis 80 Stunden auf Gelb – der Meister oder Abteilungsleiter entscheidet über die zu nehmende Freizeit, ab 81 Stunden steht die Ampel auf Rot – es müssen Maßnahmen gegen den Überstundenberg getroffen werden.

Bernhard ist froh, dass er in seinem Unternehmen Akkord arbeiten kann. „Denn ich mache einen Job, bei dem nur wenig automatisiert ist und ich das Arbeitstempo weitgehend selbst bestimmen kann.“

Auch Scheibe bestätigt: „Je automatisierter eine Produktion abläuft, desto weniger wird Akkord gearbeitet. Da geht es eher um eine optimale Nutzung der Maschinen und lange Maschinenlaufzeiten möglichst über sechs oder in Einzelfällen sogar sieben Tage in der Woche.“ So wie bei dem Chemieunternehmen Lohmann in Emmerthal, wo chemische Prozesse nicht einfach für 48 Stunden unterbrochen werden können.

Hat Bernhard am Ende seines Arbeitstages die elektronische Stempeluhr betätigt, ist für ihn tatsächlich „Schicht“. Aber vor allem die Akkordarbeit ist eine Arbeitsform, die im Abnehmen begriffen ist. „Zeitsouveränität“ ist das neue Zauberwort, wie Dieter Mefus, Geschäftsführer des Arbeitgeberverbandes der Unternehmen (AdU) im Weserbergland, bestätigt. „Zeitsouveränität gibt es in den unterschiedlichsten Facetten“, erklärt Mefus. „Zum Beispiel als Teilzeit, als Gleitzeit oder auch in Form der Altersteilzeit, als Jahresarbeitszeitkonto oder auch als Lebensarbeitszeit. Diese Entwicklung zieht sich wie ein roter Faden durch die letzten 20 Jahre.“

Wie dem Arbeitnehmer heute Zeitsouveränität eingeräumt werde, komme auf die Art der Produktion an. „Bei einem Außendienstmitarbeiter werden beispielsweise Zielzahlen vorgegeben. Ob er dann früh am Morgen zu arbeiten beginnt oder seine Arbeit mit seinen Kunden am Abend macht, spielt kaum eine Rolle. Hauptsache, die Zahlen stimmen.“ Vor allem aber sei Zeitsouveränität eine neue Form der Motivation, erklärt der AdU-Geschäftsführer. Und gute Motivation steigere die Effektivität mehr als alles andere.

Im Weserbergland, sagt Mefus, gebe es alle Arten von Arbeitsorganisation, so zum Beispiel auch in Bereichen ohne Kundenkontakt die Gleitzeit ohne Kernarbeitszeit, bei einzelnen Banken werde auch Tele-Arbeit praktiziert. „Denn weshalb soll ein Arbeitnehmer nicht zu Hause am Computer seine Arbeit erledigen, wenn das vom Betriebsablauf her möglich und er dort vielleicht sogar produktiver ist“, erläutert Mefus. „Das ist dann vermutlich die höchste Form von Zeitsouveränität.“ Auch Arbeit auf Abruf sei in bestimmten Branchen durchaus üblich. Mefus nennt dabei insbesondere den Einzelhandel und die Gastronomie als Beispiele.

Zu einer starken Flexibilisierung der Arbeit trug im Übrigen die Einführung der 35-Stunden-Woche bei. Was für die Arbeitgeber zunächst wie der buchstäbliche Schrecken aussah, habe sich später als Motor der Flexibilisierung für die atmende und an die Auftragslage angepasste Produktion erwiesen, berichtet Mefus. Das sei teilweise in den Tarifverträgen festgelegt, es bestünden aber auch zahlreiche innerbetriebliche Regelungen, an denen die Mitarbeiter über ihren Betriebsrat beteiligt seien, weil dies nach dem Betriebsverfassungsgesetz mitbestimmungspflichtig sei. „Inzwischen gibt es Arbeitsmodelle, die teilweise bis zu zwölf Monaten Ausgleichszeiträume umfassen, wenn mal mehr oder weniger gearbeitet wird“, erläutert Mefus. „Es ist dann egal, wann gearbeitet wird, es wird alles gleich bezahlt. Das ist der Preis der Freiheit.“

Als „bemerkenswert“ bezeichnet es dabei der Arbeitssoziologe Ludwig Heuwinkel, „dass die bezahlte Mehrarbeit abgenommen hat, während der Anteil der in Freizeit ausgeglichenen Überstunden gewachsen ist“. Alex Bernhard und seine Kollegen stört das nicht. „Mit den bezahlten Überstunden haben wir doch sowieso vor allem für das Finanzamt gearbeitet. Mir war der Freizeitausgleich schon immer wichtiger“, sagt der 45-Jährige. „Da kann ich mich öfter auch mal um die Kinder kümmern.“

Fehlen Stechuhr und Werkssirene, die Symbole der industriellen Fertigung, spricht Heuwinkel auch von „Vertrauensarbeitszeit“, bei der es keine permanente Zeitkontrolle mehr gibt, sondern vielfältige, individuell zugeschnittene, variable Arbeitszeitmuster, innerhalb derer der Arbeitnehmer ein hohes Maß an Verantwortung übernimmt. Allerdings kommt es hierbei nicht selten zu heftigen Formen der Selbstausbeutung, wenn es darum geht, in diesem Rahmen ein Höchstmaß an Arbeitsbereitschaft zu demonstrieren, um die Karriere zu befördern.

Generell stark zugenommen hat in den vergangenen Jahrzehnten die Teilzeitarbeit. Nach Feststellung des DGB-nahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts nahm die Teilzeitquote von 1991 bis 2010 um mehr als das Doppelte auf über 35 Prozent zu. Nach Feststellung des Landesbetriebs für Statistik und Kommunikationstechnologie Niedersachsen (LSKN) waren im Jahr 2009 von den etwa 3,6 Millionen Beschäftigten mehr als eine Million teilzeittätig – davon waren knapp 84 Prozent Frauen.

Die meisten von ihnen (ebenfalls 84 Prozent) gibt nach Aussage des Landesbetriebes an, freiwillig – meist aus familiären Gründen – nicht Vollzeit arbeiten zu wollen. Ein Trend, der sich angesichts von zu pflegenden Angehörigen in den nächsten Jahren vermutlich weiter verstärken wird.

Als Teilzeit wird dabei eine Arbeitszeit von weniger als 31 Stunden definiert. Demnach wären die wöchentlich nur 28 Stunden Beschäftigten bei VW ebenfalls Teilzeitarbeiter, was in der Statistik den Anteil der männlichen Teilzeitarbeiter möglicherweise deutlich nach oben treibt.

Arbeitsbeginn und Arbeitsende werden heute häufig nicht mehr durch die Uhr bestimmt. Sie schlägt bei Schichtarbeit zwar noch immer die Stunde, aber durch Zeitsouveränität bei der Arbeit verliert sie mehr und mehr an Bedeutung.

Zeit spielt vor allem im Arbeitsleben eine große Rolle. Wie lange gearbeitet werden muss, ist in Tarifverträgen festgelegt. Aber die Arbeitswelt hat sich gewandelt. Mehr und mehr geht es um Zeitsouveränität, flexible Arbeitszeiten und Vertrauensarbeitszeit.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2021
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige