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Viele konzertante Instrumente vorhanden / Aber zu wenig Organisten

„Das Weserbergland ist Orgelland“

veröffentlicht am 12.09.2016 um 20:16 Uhr

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Autor:

wolfhard f. truchseß

Ihr Ton ist brausend und in den Kirchen der Region werden sie wohl an jedem Sonntag gespielt. „Das Weserbergland ist Orgelland“, sagt Prof. Hans-Christoph Becker-Foss aus Hameln. Auf die Frage, wie viele Orgeln es allein im Kirchenkreis Hameln-Pyrmont gibt, kann auch der Orgelrevisor und Orgelgutachter keine Antwort aus dem Stegreif geben und muss alle Orte aufzählen, in denen die schönen Instrumente stehen. Er kommt auf knapp 50 Orgeln, kann aber bei ihrer Zahl für das komplette Weserbergland auch nicht weiterhelfen.

Als älteste Orgel nennt Becker-Foss das Barockinstrument auf dem Rittergut Welsede. „Dieses etwa im Jahr 1735 von Johann Georg Müller gebaute Instrument funktioniert immer noch wunderbar“, betont der Orgelrevisor. „Sie ist etwas ganz Besonderes, denn es gibt in Deutschland kaum eine andere Orgel, die so komplett wie diese in ihrer ursprünglichen Form erhalten ist.“ Hintergrund sei, dass das Instrument immer im Privatbesitz der Familie von Stietencron gewesen sei und alle Reparaturen immer historisch fachgerecht durchgeführt worden seien. So klein dieses mitteltönig gestimmte Instrument in Welsede optisch wirkt, sei sie mit ihren acht Registern, von denen drei sehr laut seien, und zwei Manualen für die kleine Rittergutskirche doch erstaunlich groß, merkt Becker-Foss an. Mitteltönig gestimmt bedeute, dass sie sich am besten für Werke mit wenigen Vorzeichen eigne, denn so seien in der Zeit ihres Baus auch die meisten Werke komponiert worden. Am Sonntag, den 18. Oktober, wird sie im Rahmen der Orgelwochen Weserbergland zu hören sein. Ein Gegenstück zu der Müller-Orgel gebe es noch in einem ebenso guten Zustand auf Jütland in Dänemark in der Krönungskirche in Roskilde.

Die beiden bedeutendsten Orgeln des Weserberglandes stehen sicherlich in der Marktkirche in Hameln und in der Stadtkirche von Bückeburg. Dort wird im Rahmen der „1. Schaumburger Orgelwoche“ zum Abschlusskonzert dieser Reihe Prof. Matthias Neumann, der Kantor der Hamburger St. Marienkirche und Bach-Preisträger der Stadt Leipzig, Kompositionen von Bach, Böhm, Buxtehude und Sweelinck zu Gehör bringen. Im Mittelpunkt der „1. Orgelwoche Weserbergland“ stand in dieser Woche dagegen die Marcussen-Orgel in der Hamelner Marktkirche, die nach der Zerstörung der Marktkirche im Jahr 1945 vor 50 Jahren gebaut wurde.

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Ohnehin stammen viele der Orgeln im Weserbergland aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wie Becker-Foss berichtet. „Das hängt vor allem mit dem Zuzug der Flüchtlinge nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zusammen und den damit entstehenden neuen Gemeinden“, erklärt er. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts seien hier wegen des Ersten Weltkriegs, der darauf folgenden Zeit der Inflation und der Wirtschaftskrise sowie des Zweiten Weltkriegs praktisch keine neuen Orgeln gebaut worden.

Die Orgeln in den meisten Dorfkirchen stammten dagegen vor allem aus dem 19. Jahrhundert, weiß Becker-Foss. Sie alle seien, seit er im Jahr 1979 Kirchenkreiskantor geworden war, bis auf die kleine Orgel in der Wangelister Kapelle in Hameln durchrenoviert worden.

„Ich kenne sie alle ganz genau“, betont der Orgel-Professor lachend, „wir duzen uns.“ Ein Lieblingsinstrument hat Becker-Foss nicht. „Am schönsten ist, dass wir sehr viele verschiedene Orgeln haben“, hebt er die Vielfalt der Instrumente hervor. Doch seien die beiden Orgeln im Hamelner Münster und in der Hamelner Marktkirche „wirklich sehr schöne Instrumente“. Was Becker-Foss dennoch auch heute noch für einen Sündenfall hält, ist die Tatsache, dass im Jahr 1980 eine der größten alten Furtwängler-Orgeln im Hamelner Münster mit 50 Registern durch eine Marcussen-Orgel ersetzt worden sei.

Als Orgelsachverständiger schaut Becker-Foss weit über die Grenzen des Kirchenkreises Hameln-Pyrmont hinaus. Seit Jahren ist er auch für die Instrumente der Kirchenkreise Laatzen-Springe, Hildesheim-Sarstedt und Elze-Coppenbrügge zuständig. Im Ruhestand sei nun auch noch Osnabrück hinzugekommen. Insgesamt habe er damit mehrere Hundert Orgeln zu betreuen.

Werden die meisten der Orgeln nur während der Gottesdienste bespielt, hebt Becker-Foss als konzertante Orgeln speziell die im Pyrmonter Oesdorf, die in Bad Münder, die beiden großen Hamelner Orgeln, aber auch die in der Martin-Luther-Kirche in Hameln hervor. Doch auch Klein Berkel habe eine ganz „hochkarätige“ Orgel, meint Becker-Foss. Und: „Man kann auf jeder Orgel Konzerte spielen.“

Dass auch der Schaumburger Bereich mit konzertanten Orgeln bestückt ist, zeigt das Programm der dort stattfindenden Orgelwoche mit Konzerten in Bad Nenndorf, in Stadthagen (St. Martini), in der Obernkirchener Stiftskirche, in Hessisch Oldendorf (St. Marien) und St. Nikolai in Rinteln.

Dass seit Ende des 19. Jahrhunderts fast in allen Kirchen die Gebläse mit Motoren elektrifiziert worden seien, habe natürlich den Vorteil, dass man beim Üben seitdem keinen Helfer mehr brauche, der den Balg trete, um die Orgelpfeifen mit dem erforderlichen Luftstrom zu versorgen. Selbst die Orgel in Welsede sei in den 90er-Jahren damit ausgestattet worden. Und doch lobt Becker-Foss: „Die Küsterin dort tritt immer noch besser als die Elektronik.“

Zwei Holzarten werden in der Regel für den Bau von Orgeln verwendet: Für die Pfeifen, die bei großen Instrumenten eine Höhe von bis zu zwölf Metern erreichen, ist es vor allem Hartholz, für die „Abstrakte“, wie die mechanische Verbindung zwischen Tasten und Pedalen zu den Ventilen der Pfeifen bezeichnet werden, ist es vor allem Weichholz, weil es leichter ist und damit auch die Arbeit an den Manualen erleichtert. Und weil Holz arbeitet, liegt darin laut Becker-Foss ein besonderes Problem. „Wenn die Luftfeuchtigkeit zu hoch oder zu niedrig ist oder die Temperaturen stark schwanken, dann ändert sich der Ton der Pfeifen.“ Je trockener die Luft sei, desto besser meint Becker-Foss. „Aber unter 50 Prozent sollte sie nicht liegen.“ Am besten sei eine Luftfeuchtigkeit um 55 Prozent. Auch die Temperatur habe Einfluss auf den Orgelklang. „Wenn es in der Hamelner Marktkirche zu warm wird, klingt die Orgel topfig und dumpf.“ Am besten sei eine Temperatur von 16 Grad. Nur der Organist müsse warm sitzen.

Was die konstante Luftfeuchtigkeit angeht, bedauert Kirchenkreiskantor Stefan Vanselow in Hameln, dass es darüber keine exakten Daten gibt. „Das sind eher anekdotische Berichte“, bemängelt Vanselow, „es müsste in den Kirchen kontinuierlich gemessen werden, um herauszufinden, was für die Orgeln wirklich gut ist und wann sich Schimmel bildet.“ Denn Schimmelbildung ist eines der in neuerer Zeit immer wieder auftretenden Probleme, zu deren Lösung es nach Darstellung Vanselows bis heute kein Patentrezept gibt.

Mangelt es nicht an Orgeln, so aber doch an Organisten, wie der Kirchenkreiskantor bestätigt. „Es ist in vielen Gemeinden jede Woche ein Kampf um Organisten“, weiß Vanselow. Und aus der einen oder anderen Gemeinde verlautet, dass sich das dazugehörige Sekretariat bereits weigere, sich immer wieder von Neuem ans Telefon zu hängen, um die Musik für den sonntäglichen Gottesdienst zu organisieren. Tatsächlich gibt es im Kirchenkreis Hameln-Pyrmont nur zwei hauptberufliche Organisten mit einer A-Prüfung: Stefan Vanselow selbst und seit dem 1. August für die Kirche in Oesdorf die Koreanerin Young-Keum Chung, die unter anderem in Wien studiert und auch das Konzertexamen abgelegt hat.

Ihre im Wesentlichen von der Landeskirche finanzierte Stelle dient nach Angaben von Vanselow vor allem der Nachwuchsförderung. Orgelunterricht bei Young-Keum Chung werde deshalb auch vom Kirchenkreis mit Zuschüssen unterstützt. Dass es an Organisten mangelt, belegt nicht nur der wöchentliche Kampf um die häufig auf Honorarbasis spielenden Organisten für die Gottesdienste, sondern auch die Tatsache, dass derzeit bundesweit nicht alle hauptamtlichen Organistenstellen in den Kirchenkreisen besetzt werden können. „Auch die auf fünf Jahre befristete Oesdorfer Stelle musste zweimal ausgeschrieben werden“, berichtet Vanselow. Und an den Musikhochschulen seien weniger Organisten in Ausbildung, als tatsächlich benötigt würden. Da seien die Berufsaussichten also durchaus gut.



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