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Die Weserbergland-Reise von John Taylor 1616 erweist sich 250 Jahre später als wahrer Glücksfall

Das ungewollte Werk eines Engländers

veröffentlicht am 10.10.2016 um 17:04 Uhr

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Ich nahm einen Wagen, um mich zwei Meilen weit in eine Stadt namens Buckaburgh bringen zu lassen“, notierte vor 400 Jahren ein reise- und unternehmenslustiger Engländer namens John Taylor. Der 38-Jährige hatte sich im Sommer 1616 von London aus auf den Weg gemacht, um seinen Bruder zu besuchen.

William Taylor war Musiker und lebte und arbeitete als Mitglied des Hoforchesters seit fast 10 Jahren in Bückeburg. Britische Lauten- und Violenspieler genossen damals Weltruf und waren an vielen europäischen Fürstenhäusern im Einsatz – so auch in der ehemaligen Residenzstadt.

Der Deutschland-Trip Taylors dauerte drei Wochen. Die meiste Zeit war er zu Fuß, mit Pferdefuhrwerken und auf Elbe- und Weser-Frachtkähnen unterwegs. Seine wahrhaft abenteuerlichen Erlebnisse hielt er in einem später in London veröffentlichten Tagebuch fest. Eine später erschienene deutsche Übersetzung ist mit „Drei Wochen, drei Tage und 3 Stunden, Beobachtungen auf einer Reise von London nach Hamburg in Germanien – unter Juden und Heiden, mit Beschreibung von Städten und Türmen, Schlössern und Festungen, kunstvollen Galgen und echten Henkersleuten“ überschrieben.

Schon zu Lebzeiten ein europaweit bekannter und hoch geachteter Mann: der Graf und spätere Fürst Ernst zu Holstein-Schaumburg.

Aus regionaler Sicht besonders interessant ist das, was der in seinem Heimatland bis heute bekannte und geschätzte Brite über seinen einwöchigen Aufenthalt Anfang September 1616 in Bückeburg zu Papier brachte. Um es vorweg zu sagen: Taylor war äußerst angetan.

Besonders beeindruckt zeigte er sich vom Schloss- und Landesherrn Ernst, der den Ort wenige Jahre zuvor mit viel Geld zu seiner neuen Residenzmetropole ausgebaut hatte. „Diese Stadt Buckaburgh gehört gänzlich und allein dem Graff von Shomburgh, einem Fürsten von großem Ruhm und großen Möglichkeiten, uneingeschränkt in seiner Macht und seinem Ansehen, der sich weder dem Kaiser noch sonst jemandem beugt“, heißt es zu Beginn des Berichts. „Er zählt zu den vollendetsten Edelleuten Europas, seiner Person nach, seinem Anstand und seiner fürstlichen Pracht“.

Was die Stadt angehe, so habe der Graf sie „auf eigene unschätzbare Kosten“ herrichten und „mit vielen guten Häusern, Straßen, Gassen, einem festen Wall und tiefen Graben“ ausstatten lassen. Darüber hinaus sei „eine stattliche Kirche gebaut, mit einer ausgezeichneten Orgel, einer bemerkenswert geschnitzten Kanzel und allem Zierrat, der dazu gehört“.

Ein dickes Lob spendete Taylor auch der Schlossanlage. „Sein (des Grafen Ernst) eigener Palast kann mit Recht ein irdisches Paradies genannt werden“. Besondere Glanzlichter seien der Zugangsbereich und die Kapelle. Noch nie habe er so viel Gold auf einmal gesehen. „Am vorderen oder äußeren Eingang steht ein imposanter Torbogen, auf dem ein Standbild der Invidia errichtet ist zwischen zwei Drachen, ganz vergoldet. Das Tor verschließe „ein eisernes Gitter, das aussieht, als wäre es aus Blumen gemacht oder eine Stickarbeit“.

Als größtes Besuchs-Highlight empfand der Engländer die Schlosskapelle. „Wäre es möglich, daß die Hand sterblicher Menschen die Herrlichkeit des unsterblichen Schöpfers sichtbar machte, wahrlich, dann in dieser Kapelle“. Obwohl eigentlich unmöglich, wolle er („so gut ich kann“) versuchen, den Raum zu beschreiben. „Der Boden ist von schwarzem und grauem Marmor, kunstvoll zu einem Schachbrettmuster gefügt; die Decke schmückt eine ganze Anzahl Figuren von Engeln und Cherubim“. Alles sei so reich vergoldet, als wäre Gold so gewöhnlich wie Zinn. „Eine noch größere Prachtentfaltung ist nicht vorstellbar“.

Offenbar hatte der Gast aus England auch einen Gottesdienst in der Kapelle besucht und miterlebt. „Es gibt eine Orgel und einen so tüchtigen wie lieblich anzuhörenden Chor. Wenn zu seinem Gesang die Lauten, Violinen, Banduren (ein damals beliebtes Lauteninstrument) Orgelpfeifen, Flöten, Posaunen und die anderen Musikinstrumente ertönen, in herrlich verklärender Harmonie, so ist es, als schwebe Engelsmusik von den Sphären hernieder in diesen irdischen Raum“.

Während der Abfassung seines Reiseberichts konnte Taylor nicht ahnen, dass sich seine Beschreibung 250 Jahre später als außerordentlicher Glücksfall erweisen würde. Historischer Hintergrund: Gut zwei Jahrzehnte nach Ernsts Tod war mit Otto V. ein streng protestantisch-calvinistisch erzogener Thronerbe nach Bückeburg umgezogen.

Der auf äußerste Schlichtheit und Zweckmäßigkeit getrimmten Zuzügler aus Detmold soll sich in seiner neuen Umgebung von Anfang an nicht recht wohl gefühlt haben. Besonders großen Frust bereitete ihm offenbar die reich verzierte Andachtsstätte. Die Folge: Irgendwann waren Skulpturen und Schnitzwerk aus der Hauskirche verschwunden und die freskengeschmückten Wände und Decken mit weißlichem Putz übertüncht. Ihr ursprüngliches, von namhaften Künstlern aus ganz Europa geschaffenes Aussehen geriet – beschleunigt durch die zahlreichen anschließenden Kriege und Kriegswirren¨– in Vergessenheit.

Doch dann, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, fiel dem damaligen Hofmarschall von Meding eines Tages zufällig der Taylor-Bericht aus dem Jahre 1616 in die Hände. Das Gros des ursprünglichen, später ausgeräumten Inventars lag noch versteckt und verstaubt auf dem Boden. Der mittlerweile amtierende Fürst Adolf Georg (Regierungszeit 1860-1893) ordnete die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands an. Nach einer in den 1880er Jahren durchgeführte, gut eine halbe Million Goldmark teuren Sanierung glänzte und glänzt die Kapelle wieder in ihrer ursprünglichen Pracht.



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