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Bäntorf ist umgeben von Windrädern

Das umzingelte Dorf

In Bäntorf sagen sich Fuchs und Hase „Gute Nacht“. Sehr beschaulich liegt das Dorf in einer Senke zwischen Ith, Nesselberg und Ruhbrink. 99 Einwohner, Felder, Wiesen, Weiden, Pferde, Kühe. Und Windräder. Wohin man auch sieht. Bäntorf ist eingekesselt. Zum Durchdrehen? Ein Ortstermin.

veröffentlicht am 10.07.2015 um 16:38 Uhr
aktualisiert am 30.07.2015 um 19:46 Uhr

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Autor:

von Ingrid stenzel

Irgendwann nach sechs Wochen, als sie vor lauter Konzentration auf die Rotorblätter die Vögel nicht mehr zwitschern und das Rauschen im Blätterwald nicht mehr hörte, als die Gewissheit „Das halte ich nicht aus, ich muss hier weg“ immer quälender wurde, hat Ilona Meyer aufgehört, Liste zu führen. Darüber, wann sie das mal mehr, mal weniger dumpfe, bisweilen bei heftigem Wind auch ohrenbetäubende Rollen, Brummen und Grummeln der Windräder hörte. „So als donnert ein Megatonner vorbei oder ein Flugzeug ist im Landeanflug.“

Bis zu diesem Jahr war das Dorf Bäntorf wie kein anderes im Flecken seit Jahrhunderten geduckt und eingekuschelt in eine Talmulde mit Nestcharakter wie auf einem Suchbild. Seit Jahresbeginn findet es sich dort unten zugedröhnt und eingekesselt mitten im Zentrum der Windradlandschaft im Flecken Coppenbrügge: Seit Weihnachten 2014 rotieren fünf Windräder im Osten, ein weiteres ist im Bau. Der siebenspargelige Windpark Hohnsen im Westen bohrt mit 135 Meter Nabenhöhe Rekorde in den Weserbergland-Himmel. Im Süden wachsen acht nicht minder hohe Windräder von Landwind gen Himmel. Seitdem ist Schluss mit der Lauschigkeit – und die Bäntorfer danken ihren Obst-, Laub- und Fichtengehölzen von den Sichtschutz im Garten.

So sieht Energiewende aus, was viele, aber längst nicht alle im Dorf mit resigniertem „Man gewöhnt sich an alles“ oder „Kann man ohnehin nichts machen“ hinnehmen. In der Tat führt kaum ein Weg durchs Lilliputdorf ohne Blick auf Windräder im Randbereich, die direkt in den Gärten hinter Häusern, Höfen und Kirche zu sprießen scheinen. Was aber das Schlimmste ist, erfahren wir im Gespräch mit Bewohnern von allen vier Ecken und aus dem Zentrum des Dorfes: Ruhe, wenn auch nur gefühlte, ist selten geworden.

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  • Petra Dreyer-Böcker: Die Bäume im Garten müssen nicht unbedingt in den Himmel wachsen, um die Windräder zu verdecken.
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  • Willi Meyer: „Damals in den 70ern und 80ern war die Kernkraft der Fortschritt, jetzt wissen wir es besser und nutzen die Natur. Das ist perfekt.“ ist (5)
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  • Erika Gehring: Hunderte von Autos fahren seit Jahrzehnten direkt an ihrem Schlafzimmerfenster vorbei – „das ist und war schlimmer.“
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  • Ilona Meyer: „Andere leben an Flugplätzen, Bahntrassen, Hauptverkehrsstraßen, es muss doch gehen.“
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  • Robert Brautlecht: „Von hier unten sieht man nicht viel rotieren, hat aber gefühlt Tiefflieger durch den Garten düsen.“
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An die veränderte Optik, so Vater und Sohn, Hans und Robert Brautlecht werde man sich gewöhnen. Ein Vorteil der Tallage: die Bäume im Garten müssten nicht unbedingt in den Himmel wachsen, um die Windräder zu verdecken, erklären sie, wie auch Petra Dreyer-Böcker. „Da sieht man von hier unten einfach nicht viel rotieren“, sagt Robert (18), „hat aber gefühlt, wenn nicht gerade absolute Windstille ist, für einige Stunden täglich zwei oder drei Tiefflieger durch den Garten düsen.“

„Womöglich offenes Fenster? Vergiss es!“ Das gelte seit Frühjahr für die Mehrzahl der Bäntorfer, klagen nicht nur die Brautlechts, sondern auch Uwe Fatuly, Nicole und Leoni Möhlenbruch, Ilona Meyer und Simone Pfennig: „Die sind einfach tierisch laut. Die letzten Tage ununterbrochen. Das ist nervig, ist schon so tief in den Kopf eingegraben, dass man es gar nicht mehr rauskriegt. Auch wenn es gar nicht mehr da und man selbst irgendwo anders ist. Das macht richtig krank.“ Was tun? Wegziehen? Aufgeben, was sie sich in 20 Jahren in ursprünglich traumhafter Lage mit Schafen, Ziegen und Hühnern aufgebaut haben, mit einem Haus, für das keiner mehr was gibt? Simone Pfennig wird weiter Lärmprotokolle schreiben und beim Landkreis vorlegen, wie es sich die Bäntorfer Interessengemeinschaft vorgenommen hat. „Vielleicht erreichen wir doch, dass die Mühlen wenigstens zu bestimmten Zeiten runtergefahren werden.“

Seit Ilona Meyer ihre Liste nicht mehr führt und die Geräusche der Windräder bewusst verdrängt, die sie ganz nahe an den Wegzug aus Bäntorf geführt hatten, hört sie die Vögel wieder. Sie liebt ihr Dorf wieder, vielleicht müsse man sich ein bisschen zwingen, um sich zu arrangieren, damit auf jeden Fall die Atomenergie wegkomme. „Andere leben an Flugplätzen, Bahntrassen, Hauptverkehrsstraßen, es muss doch gehen.“ Die Windräder an sich findet sie übrigens schon immer „richtig schön. Ein tolles Fotomotiv.“

Windräder seien doch die Zukunft, sagt ihr Schwiegervater Willi Meyer (80). „Damals in den 70ern und 80ern war die Kernkraft der Fortschritt, jetzt wissen wir es besser und nutzen die Natur. Das ist perfekt.“ Seinen parkähnlichen Garten hat er schon vor 50 Jahren eigenhändig mit Eichen bepflanzt. „Das gibt mir heute Sicht- und einen gewissen Lärmschutz. Die Geräusche höre ich schon noch, aber sie stören mich nicht.“ Ähnlich gelassen ist Erika Gehring am anderen Dorfende direkt an der Durchfahrtsstraße: „Ja, ich höre sie“, und nachts denke sie manchmal: „du meine Güte! Aber ich werde nicht krank. Es kamen und kommen in den vergangenen Jahrzehnten, die ich hier schlafe, schon immer Hunderte von Autos direkt vor dem Schlafzimmerfenster vorbei. Und das ist und war schlimmer als das Grummeln der Windräder. Was soll man machen?“ „Wir werden in unserer Situation gemeinsam tun, was wir können, und bleiben gelassen“, sagt Uwe Fatuly, schnalzt seinen Weimaraner heran und setzt den Spaziergang fort. Richtung Windrad. Wohin sonst?



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