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Das Schweißgerät ist ihr Markenzeichen

Bad Münder mit seiner malerischen Kernstadt, seinen Heilquellen und Kliniken ist als Kur- und Bildungsstandort bekannt. Vor rund 50 Jahren machte Bad Münder jedoch aus anderen Gründen Schlagzeilen: Eine Bande, die bundesweit Banktresore knackte, hatte ihren Ursprung in der Kurstadt. Im Frühjahr 1962 widmete das Magazin „Stern“ der Gruppe eine fünfteilige Serie.

veröffentlicht am 09.01.2012 um 00:00 Uhr

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Autor:

Lilian Bertram

Der Kopf der Bande ist der 1904 in Bad Münder geborene Walter Hesse*. Er hat 1950 die Bande ins Leben gerufen, deren Personal im Laufe der Jahre wechselt. Seit Ende der 50er Jahre dabei sind die Münderschen Brüder Hartmut* und Ernst Jäger*. Später hinzu kommen Wolfgang* und Joachim Petzold*, Herbert Pein* und Roswitha Jansen*.

Die Lokalpresse schreibt im Juni 1961 von der „gefährlichsten Tresorknackerbande seit Kriegsende“. Insgesamt soll sie 500 000 Mark in kleinen Bankfilialen und Genossenschaften erbeutet haben. Der Münderaner Friedrich Niemeier erinnert sich heute: „Ich war ein Kind. Uns war es unheimlich, dass wir solche Leute hinter unseren Mauern hatten.“ Und er fügt hinzu: „Man kannte die Leute ja vom Ansehen.“ Willibald Klinkert, der seit mehr als 50 Jahren in der Kurstadt lebt, weiß: „Der Hesse hat in der Süntelstraße gewohnt, die Jägers in der Osterstraße, in der Rechtskurve.“

Um die Polizei auszutricksen, sind die Männer und Roswitha Jansen niemals hintereinander in derselben Gegend aktiv. Am meisten von ihren stets nächtlichen Streifzügen betroffen sind Banken in Niedersachsen, Hessen, Bayern und Baden-Württemberg. Zum Tatort fährt die Bande mit ihrem eigenen Wagen – einem grünen BMW.

Am Zielort knacken die Männer ein anderes Auto, mit dem sie zur jeweils auserwählten Bank fahren. Der BMW wird auf Feld- oder Waldwegen während des Bruchs geparkt, oftmals bewacht von Jansen.

Wichtigstes Instrument und Markenzeichen der Bande ist ein Schweißgerät, mit dem sie die Tresore öffnet. Das Gerät stehlen die Bandenmitglieder vor Ort und lassen es nach der Tat zurück. Pistolen hat die Bande zwar dabei, jedoch nur vorbeugend. Die Beute wird geteilt. Und nach jedem Einbruch geht es in die Kneipe, um auf den Erfolg anzustoßen. Manche Mitglieder wollen die weite Welt sehen und reisen nach Berlin, Paris oder London. Hesse hütet sein Geld.

Ein Fehler unterläuft den Tätern Ende Dezember 1961 auf dem Weg ins hessische Kirchheim: Der BMW hat einen Motorschaden, Hartmut Jäger kann ihn notdürftig reparieren, sodass sie mit Tempo 40 bis zu einem Autoverleih kommen. Die Bande setzt ihre Route mit einem Leihwagen fort.

Kurz vor Kirchheim klauen die Banditen aus einer Autowerkstatt einen Volkswagen, das obligatorische Schweißgerät gleich mit. Der Einbruch in die Raiffeisenbank Kirchheim gelingt: Die Bande erbeutet rund 15 000 Mark. Zum ersten Mal nimmt Hartmut Jäger den Brenner mit, das Schweißgerät lässt er wie immer neben dem Geldschrank stehen. Den Leihwagen geben die Täter zurück – mitsamt dem Brenner hinter dem Rücksitz. Mit ihrem kaputten BMW schaffen sie es bis nach Hameln, wo sie bei der Firma Siekmann einen Austauschmotor bestellen. Der Autovermieter übergibt währenddessen den Brenner der Polizei, die somit den Namen des Mannes kennt, der jüngst den Wagen gemietet hat: Wolfgang Petzold.

Schritt für Schritt kommt die Kriminalpolizei – die Beamten arbeiten von Hannover bis Würzburg zusammen – den sechs Männern und der Frau auf die Spur. Wolfgang Petzold wird im Februar 1961 verhaftet, der Rest der Bande im Mai.

Der heute 76-jährige Ernst Jäger* lebt mit seiner Frau in Hannover, ist mittlerweile Urgroßvater. „Ich bin gesund und munter“, erzählt er im Gespräch mit unserer Zeitung. Wie denkt er nach mehr als 50 Jahren über seine Taten? „Dass es eine Jugendsünde war, kann ich nicht sagen“, resümiert er. „Trotzdem würde ich das Ganze als Erfahrung im Leben nicht missen wollen.“ Seine Gefängnisstrafe von viereinhalb Jahren saß Jäger in verschiedenen Justizvollzugsanstalten ab, unter anderem im hessischen Schwalmstadt. Im Alter von 29 Jahren wurde er aus dem Gefängnis entlassen. „Nach der Verbüßung bin ich zu meiner Familie zurück, habe meine Arbeit in der Installation wieder aufgenommen und mein Dasein gefristet“, sagt Jäger und fügt hinzu: „Heute lache ich über die Zeit, ich habe die Erfahrungen weggesteckt und alles anders gemacht.“ Lukrativ seien die Taten nicht gewesen. „Schon während der Einbruchsserie ist nichts über gewesen von dem Geld“, berichtet er. „Das waren immer nur Läpperbeträge. Der große Coup ist nie dabei gewesen.“

Seine Frau, mit der Jäger seit mehr als 50 Jahren verheiratet ist, hat immer zu ihm gehalten. „Im März 1961 haben wir geheiratet, im Mai wurde er inhaftiert – und ich war auch noch hochschwanger“, erinnert sie sich. „Ich war das Schaf damals und wusste von nichts.“ Von den Machenschaften ihres Mannes habe sie aus der Zeitung erfahren. „Das war schon eine heiße Zeit“, sagt sie. „Aber bereut habe ich es nicht.“

Kontakt zu den anderen Mitgliedern der Bande hat Jäger nicht. „Von einem weiß ich, dass er noch lebt“, sagt er. Manchmal fährt der 76-Jährige noch durch Bad Münder – „in der Hoffnung, alte Gesichter zu erkennen.“

* alle Namen von der Redaktion geändert

Zu trauriger Berühmtheit gelangte im Jahr 1962 eine siebenköpfige Bande von Tresorknackern aus Bad Münder und Umgebung, die seit 1950 in wechselnder Besetzung bundesweit für Schlagzeilen sorgte und die Polizei in Atem hielt. Bandenchef und Gründer war Walter Hesse aus Bad Münder.



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