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Ein Jahr als Hühnerhalter und Selbstversorger / Überraschung zu Weihnachten

Das saubere Ei

VON GUIDO SCHOLL

veröffentlicht am 12.08.2014 um 00:00 Uhr

Als wir vor anderthalb Jahren eine TV-Reportage über Hühnerhaltung sahen, kam uns der Gedanke, das selbst einmal zu versuchen. So schwierig klang es schließlich gar nicht. Allerdings blieb es erst einmal bei der reinen Willensbekundung. Erst als ich Gelegenheit bekam, den Rodenberger Experten für Hühnerzucht, Karl Fechtelkord, ganz unverbindlich um Rat zu fragen, nahm der Plan Formen an. Denn Fechtelkord bestätigte: Die reine Hühnerhaltung ist wenig kompliziert.

Meine Frau Susanne besorgte sich daraufhin Fachliteratur und horchte sich um, welche Hühnerrasse wohl am geeignetsten für unsere Zwecke sei. Uns ging es vor allem darum, keine Eier mehr kaufen zu müssen. Verspeisen wollten wir das eigene Geflügel nicht.

Die Wahl fiel auf Vorwerkhühner (siehe unten). Mit den Staubsaugern dieser Marke haben die Tiere nichts zu tun, obwohl sich mittlerweile herausgestellt hat, dass sie Ungeziefer beinahe aufzusaugen scheinen. Doch sie gelten als robust und sind recht hübsch anzuschauen. Denn zugegeben: Meiner Frau und den Kindern bereitet auch der Umgang mit den Hühnern viel Freude. Auf einen Hahn verzichteten wir aus Rücksicht auf unsere Nachbarn.

2 Bilder
Bild oben: Büsche, Bäume und ein alter Tisch – die Einrichtung des Freigeheges ist einfach und artgerecht.

Auf dem Geflügelmarkt in Kaunitz kaufte meine Frau vier weibliche Küken für jeweils sechs Euro. Das hört sich astronomisch an, vergleicht man den Preis mit einem Frittenbuden-Broiler. Für ein Lebewesen erscheint der Preis aber eher niedrig. Es gibt Sofftiere in derselben größe, die teurer sind.

Die Arbeitsteilung war eindeutig: Meine Frau kümmerte sich um das Fachliche, ich ums Handwerkliche. Das hatte den Effekt, dass der Hühnerstall recht windschief ausfiel, das Außengehege umso mehr. Die notwendige Quadratmeterzahl interessierte uns wenig, die Hühner sollten ja nicht nur das Minimum an Auslauf haben. Und bevor ich in den Baumarkt eilte, wollte ich sowieso erst einmal alles an Holz und Schrauben verarbeiten, was bei uns noch von früheren Heimwerkerprojekten herumlag. Drei miteinander verschraubte Europaletten bilden die Grundfläche des gut zwei Meter hohen Stalls. Der Boden wurde außerdem mit Linoleum bespannt – das erleichtert das Saubermachen. Weil die Fachliteratur es so wollte, bestand meine Frau auf mehreren Stangen, Körbchen und sonstigen Sitzgelegenheiten. In die Körbchen sollten die Hühner die Eier legen.

Zwei Gitterroste ausgemusterter Kinderbetten verarbeitete ich zu Türen, das Dach erhielt zwei Lagen Teerpappe, und mit Maschendraht umspannten wir einfach einen Teil unseres Gartens, sodass die Tiere Schatten spendende Bäume und Büsche im Gehege haben. Denn was hatte mein Freund Florian Büschenfeld, einst Leiter des Bad Nenndorfer Kraterzoos, mir einmal gesagt? Hühner sind Waldvögel.

Dann begann das Warten auf die ersten Eier. Im November sollten die Hühner alt genug sein, um welche zu legen, doch aus den Büchern hatte meine Frau auch erfahren, dass die Eier im Winter wegen der Kälte ausbleiben können. Nun war der vergangene Winter aber ungewöhnlich mild, und die Weihnachtsüberraschung 2013 werden wir wohl nie vergessen: Ausgerechnet an Heiligabend – allerdings noch am recht frühen Morgen – entdeckte meine Frau zusammen mit unserem Sohn Jannik die ersten Eier im Stall.

Das erste Frühstück mit eigenen Eiern war dann allerdings etwas ganz Besonderes. Daran, die Erzeuger direkt vor Augen zu haben, mussten wir uns erst einmal gewöhnen. Doch bereits nach kurzer Zeit war es das Normalste von der Welt, zum Hühnerstall zu gehen und dort die Eier zum Kochen und fürs Frühstück zu „ernten“.

Meine Frau führt exakt Buch: Bis zum Erscheinen dieser Reportage legten unsere vier Hühnerdamen rund 350 Stück. Allerdings ist es von Vorteil, die Eier einige Tage aufzubewahren, ehe sie als Frühstückseier vertilgt werden – denn sie sind sonst so frisch, dass sie sich etwas schwierig pellen lassen. Ansonsten sind sie zum Backen und Kochen, zum Spiegeleierbraten und für Rührei geradezu perfekt. Und wir wissen ganz sicher: Die Erzeuger haben es gut und bekommen sauberes Futter.

Mittlerweile gehören die Hühner zur Familie wie unsere drei Kater. Letztgenannte haben übrigens einen unschätzbaren Vorteil: Marder und sonstige tierische Hühnerdiebe haben unseren Stall bisher gemieden.

Futtermittel- und Tierhaltungsskandale bringen immer mehr Menschen dazu,

ihre Ernährung umzustellen. Die Zahl an Vegetariern und Veganern nimmt zu, Bio ist seit Jahren en vogue. Ein anderer Weg, mit Sicherheit zu wissen, dass das, was auf den Tisch kommt, biologisch und ethisch „sauber“ erzeugt wurde, ist Selbstversorgung. Redakteur Guido Scholl berichtet über seine Erfahrung als Hühnerhalter.



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