weather-image
13°

Das Münster am Vorabend der Reformation

Vor der Reformation ersann die Frömmigkeit immer neue Heilige, symbolische Anbetungsobjekte und Rituale. Mystische Ekstase und abergläubische Praktiken griffen um sich. Überall gab es Wallfahrten, Prozessionen, religiöse Bruderschaften und andere Lebensformen, die in der Verehrung Gottes und der Heiligen ihren Mittelpunkt sahen. Es ist die Epoche der großen Monstranzen, jener prächtig ausgeschmückten, tragbaren Reliquienbehälter, in denen bei Prozessionen die Hostie oder andere Objekte dem Volk dargeboten wurden.

veröffentlicht am 01.08.2012 um 00:00 Uhr

270_008_5685476_hin104_3007.jpg

Autor:

Dr. Thomas Küntzel

Ein Schatzverzeichnis des Hamelner Münsters aus der Zeit um 1430 zählt allein acht, meist silberne Monstranzen auf, eine davon „mit vielen Türmen darauf“. Die Monstranzen enthielten Reliquien der 11 000 Jungfrauen, des Bonifatius, das Öl der seligen Katharina und anderes mehr. Neben weiteren Reliquiaren gehörten damals zum Kirchenschatz ein silbernes Bild des heiligen Bonifatius, zehn Kelche, ein silbernes Weihrauchfass, zwei Elfenbeinschreine, ein Tragaltar, sakrale Gewänder mit wertvollen Broschen und zwei Silberröhrchen, durch welche die Laien während der Kommunion den Wein tranken. Den Kirchenraum schmückten im 15. Jahrhundert zahlreiche Schnitz- und Flügelaltäre. Ihre Zahl stieg bis zur Einführung der Reformation im frühen 16. Jahrhundert auf etwa zwei Dutzend. Nur von vier Altären haben sich Reste erhalten, so etliche Figuren und ein hölzerner Maßwerkgiebel des Hochaltars aus dem späten 14. Jahrhundert.

Da die Altarstiftungen meist mit einer Priesterstelle verbunden waren, herrschte im Münster ständig eine fromme Betriebsamkeit. Die Priester hatten zu bestimmten Zeiten Seelmessen für die Stifter zu lesen. Neben den Stiftsherren (Kanonikern) waren 1424 auch vier Vikare, vier Kapellane und zwei Vizevikare am Münster tätig. Im Laufe des Jahrhunderts kamen noch einige weitere Kommenden (Priesterstellen) und Vikarien hinzu. Welcher Priester wann welche Messen zu lesen hatte, stand auf einem Zettel, der hinter dem Hochaltar hing. Zudem wurden oft Gelder an weitere, mehr oder weniger zufällig anwesende Teilnehmer der Messe verteilt – oder „Ablasstage“, also gewissermaßen „Anleihen auf den Himmel“, die die Höllenqualen verkürzten.

So sollte ein 1442 gestiftetes Fest zum „Mitleid Mariens“ am Freitag vor Jubilate mit Vesper und Nachtgesang, samstags mit einer Messe und den Stundengebeten (Matutin, Prim, Terz, Sext, Non) sowie einer weiteren Messe und einer Vesper begangen werden. 1457 erhielten die Mitglieder der neu begründeten Marienbrüderschaft zudem einen vierzigtägigen Ablass ausgestellt. Der Zweck dieser Bruderschaft bestand vor allem im Totengedenken für die Mitbrüder und Mitschwestern der Gemeinschaft.

270_008_5685473_hin103_3007.jpg
270_008_5685486_hin106frei_3007.jpg

Zum Sammeln der Ablassgelder stand im Chor der Kirche eine besondere Kiste. Die Öffnung dieser Truhe, um die Spendengelder weiterzuleiten, war ein hochoffizieller Akt, bei welchem 1452 neben dem Sekretär des Herzogs, dem Kardinalpriester Nikolaus (dem päpstlichen Legaten), Vertretern der Hildesheimer und der Mindener Diözese auch Ratsmitglieder zugegen waren. Da ein Schlüssel fehlte, musste das Schloss von einem Schmied aufgebrochen werden. Es ergaben sich dann Spenden über 130 rheinische Gulden, eine recht erhebliche Summe.

In der Kunst erscheint das 15. Jahrhundert wie ein Vorgriff auf die fromme Prachtentfaltung des Barock. Man wetteiferte darin, Gott mit den edelsten und raffiniertesten Formen zu preisen, in der Kunst ebenso wie etwa im Gesang. Zwar haben sich im Hamelner Münster nicht sehr viele Spuren davon erhalten. Durchaus typisch ist aber ein Madonnenrelief im nördlichen Seitenschiff. Es zeigt die „Mondsichelmadonna“ der Apokalypse, als Himmelskönigin mit Krone, pausbäckig, mit reich gefaltetem Gewand, umgeben von musizierenden Engeln. Farbreste deuten auf eine goldene, purpurfarbene und blaue Fassung hin. Eine Kreuzigungsgruppe der Zeit um 1427 stellt hingegen das Elend Christi in den Vordergrund. Auch hier haben die Gewänder von Maria und Johannes mit ihren schwungvoll drapierten Falten ein fast barockes Gepräge. Das Kreuz wurde 1428 von Bischof Wilhelm von Castelbranco, dem Vikar von Minden, geweiht. Es stand auf dem Hochaltar. Durch einen besonderen Ablass sorgte der Bischof gleich dafür, dass das Geschenk eine angemessene Würdigung erfuhr.

Die Predigt und die Kirchenmusik wurden 1423 finanziell aufgebessert. Eine Stiftung rief die Stellen des Nachsängers (Succentors) und zweier Prediger ins Leben. Der Succentor hatte den Chor beim Gottesdienst im Lesen und Singen zu unterweisen. 1475 stiftete der Kanoniker Arnold Lest (Leist) eine besondere Priesterstelle für das Kantorat. Die Präsentation des Kantors behielt er seiner Familie vor.

Viele Schriftzeugnisse behandeln die Rechte und Pflichten der verschiedenen Amtsträger unter den Stiftsherren. So werden 1416 die Pflichten des „Kellners“ umschrieben, der die Vorräte des Stifts verwaltete und zum Beispiel die Gelder austeilte, die auf die Anwesenheit bei den Seelmessen ausgesetzt waren. Weiterhin bezeugt sind der Scholastiker (Schulmeister), der Küster und der Thesaurarius (Schatzmeister). Die Anwärter auf die Stelle eines Kanonikers (Stiftsherren) wurden zunächst in der Stiftsschule unterrichtet. Nach einer Prüfung wurden sie mit 18 Jahren zum Stiftsherren „emanzipiert“. Diesem feierlichen Akt ging eine „Haft“ von drei Tagen im Karzer oder im Dormitorium (Schlafsaal) voraus. Der Adept wurde dann auf die Gebräuche des Stifts vereidigt und musste 24 rheinische Gulden für den baulichen Unterhalt der Kirche zahlen, sowie 20 Gulden für die Pflege des Kirchenschatzes. Darauf folgte eine üppige Feier, deren Aufwand 1468 eigens beschränkt wurde. Der Propst bekam zwei Schoppen guten Weins, der Dekan einen Schoppen, die Glöckner ein Pfund Pfennige, der Rektor der Schule zehn Schillinge für jedes Jahr, das er als Kanoniker für den Schüler tätig war. Der neue Stiftsherr erhielt dann einen Sitz im Kapitelsaal sowie einen Stuhl auf dem hohen Chor. Er musste daraufhin ein ganzes Jahr innerhalb der Stadt Hameln wohnen.

Nicht immer ging es unter den Kanonikern sittsam und friedlich zu: Der Dekan (Vorsteher) des Stifts Heinrich Lindemann wurde um 1463-68 angeklagt, weil er mit einer Frau zusammenlebte und sogar ein Kind mit ihr großgezogen hatte, ebenso der Priester Hermann Eckern.

1457 kam es zwischen dem Scholaster Bernhard Hoppener und drei weiteren Stiftsherren zu tätlichen Auseinandersetzungen. Letztere trieben den Scholaster unter Schimpfworten durch eine johlende Menschenmenge zum Kloster. Der Scholaster hatte eine Appellation an den Dechanten überbringen wollen, die vielleicht die eben angesprochenen Unsittlichkeiten kritisierte. Das Leben auf dem Stiftshof darf man sich damals ohnehin recht bunt vorstellen: Als der Thesaurar Berthold Rutenberg 1422 seinen Klosterhof hinter dem Chor verkaufte, gestand er eigens das Recht zu, vor dem Hof zwei Kühe und drei Schweine treiben zu dürfen.

Auch bei der Stiftsschule scheint zeitweise einiges im Argen gewesen zu sein. 1460 werden Not und Elend der Rektoren und Schuldiener beklagt, die durch die Spenden der Scholaren unterhalten wurden. Offenbar waren deshalb ungehobelte und unmotivierte, wenig belesene Personen angestellt worden. Die erforderliche Strenge, Lehre, Disziplin und Gehorsam drohten nachzulassen. Aus dem Nachlass einer Gisela, der Witwe Heinrichs von Halle, besserte man deshalb die finanzielle Situation der Rektoren durch die Einrichtung einer Kommende (Priesterstelle) in der Johanniskapelle auf.

Politisch begann das 15. Jahrhundert im Hamelner Raum mit einem Erdbeben, denn das Aussterben der mächtigen Grafen von Everstein führte zu einer schweren Fehde, aus der schließlich die braunschweigischen Herzöge als Sieger hervorgingen. Auch die Stiftskanoniker beschlossen nun, sich dem neuen Hegemonialherren zu unterstellen. Im weiteren Verlauf des Jahrhunderts traten die Herzöge dann mehrfach als Schlichter in Streitigkeiten zwischen dem Stift und der Stadt auf. Die Konflikte betrafen beispielsweise den Bau von Häusern auf Stiftsgrundstücken, die Nutzung von Ländereien, die Organisation der Messen in der Pfarrkirche und die Stiftsmühle oder das Mühlenwehr. Offiziell war die Marktkirche im 15. Jahrhundert weiterhin als „Kapelle“ dem Münster unterstellt. Die Bürger waren jedoch bestrebt, den Gottesdienst in „ihrer“ Kirche feierlicher zu gestalten, wodurch eine Konkurrenzsituation zum Münster entstand. Dies galt insbesondere für Seelmessen, die eine wichtige Einnahmequelle des Kapitels darstellten. 1466 erreichten die Bürger, dass eine Orgel in der Nikolaikirche aufgestellt und Seelmessen dort gehalten werden durften. Am Münster erbaute man 1489 den Westturm und erneuerte ein Gewölbe sowie Pfeiler, die Bauschäden aufwiesen. Zur gleichen Zeit entstand offenbar auch die Johanneskapelle neu, die sich nördlich des Chores im Winkel zum Nordquerhaus befand. Im Obergeschoss brachte man den Kapitelsaal unter, den Versammlungsraum der Stiftsherren.

Die Konflikte zwischen der Stadt und dem Stiftskapitel dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Bürgerschaft im Münster stark präsent war: 1413 erfahren wir zum Beispiel von den Stühlen des Bürgermeisters und des Rates. 1484 stiftete der Bürgermeister Hans von Münster Gelder zum Unterhalt eines Talglichtes in der Laterne auf dem Kirchhof (vielleicht bei dem großen Kruzifix, das nach einer Beschreibung von 1871 dort stand), und 1490 schenkte die Schustergilde den großen, dreiarmigen Leuchter mit den Löwenfüßen. Auf dem Stiftshof hatten Bürgermeister und Rat 1488 ein kleines Haus erworben, das zu einer Bibliothek für die Vikare und Kapellane umgebaut wurde. Auch die Stadtsyndici, Schreiber, Bürger und Bürgerkinder, die studierten oder dies vorhatten, sollten sie nutzen können.

Das Leben der mittelalterlichen Menschen war – mit den Worten des Historikers

Johan Huizinga – „durchdrungen, ja

gesättigt von religiösen Vorstellungen“. Dies gilt ganz besonders für das späte Mittelalter. Spuren davon finden sich auch im Hamelner Münster St. Bonifatius. In unserer Serie zum Münster-Jubiläum geht es heute um das 15. Jahrhundert – ein Blick auf den Vorabend der Reformation.

Fromme Pracht: die Madonnendarstellung im nördlichen Seitenschiff des Münsters.

Farbreste deuten auf eine goldene, purpurfarbene und blaue Fassung hin.

Fotos: W. Erdmann u. a.: „Das Münster zu Hameln“ und „Die Weser – Ein Fluss in Europa.“

Foto: Ausstellungskatalog

Eine Truhe aus dem 14. Jahrhundert. Eine ähnliche Truhe diente 1452 zum Aufbewahren der Ablassspenden auf dem hohen Chor.

Der Maßwerkgiebel des Hochaltars aus dem späten 14. Jahrhundert. Mit der Stiftung eines Altars war meist eine Priesterstelle verbunden.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt