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Junge Designerin aus Hameln entwirft ihre eigene Kleidung

Das Mode-Talent mit der „Goldenen Schere“

Es rattert, als würde eine S-Bahn direkt am Haus vorbeirauschen. Pfaff steht an den meisten der 14 surrenden Maschinen, an denen dünne Nadeln rauf und runter hämmern und sich Zwirn-Fadenrollen tanzend im Kreis drehen. Auf dem grauen Linoleumboden liegen Unmengen bunter Stoffreste: weinrote Baumwollfetzen und ockergelbe Viskosestücke. Hier wird genäht, probiert, aufgetrennt, erneut genäht, wieder probiert – bis alles perfekt sitzt. Wie tapfere Schneiderlein, das Nadelkissen fest am Handgelenk und das Maßband lose um den Hals, wuseln 13 Studenten emsig durch den hellen Raum im dritten Stock des ehemaligen Direktionsgebäudes der Continental AG in Hannover-Limmer. Heute hat dort die Fahmoda Akademie für Mode und Design ihren Sitz.

veröffentlicht am 25.09.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 25.09.2013 um 13:38 Uhr

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Autor:

VON FRANK NEITZ

Von der Pfaff-Maschine bis zu den weltbekannten Modeschauen in Mailand, Paris oder New York ist es ein weiter Weg. In der französischen Metropole läuft aktuell mit der Pariser „Fashion Week“ das Finale und damit der Höhepunkt der internationalen Modewochen: In aufwändigen Inszenierungen tragen meist hochgewachsene Models mit knöchernem Körperbau auf den Laufstegen zur Schau, was die Designer der Traditionshäuser wie Chanel, Saint Laurent, Louis Vuitton und Dior für das kommende Frühjahr entworfen haben. Auch eine Hamelner Modedesignerin schickt sich an, ihre Ideen in Modestücken zu verarbeiten – wenn auch noch nicht in Paris.

Sara Grosse entwirft im Gegensatz zu dem großen Laufstegzirkus Mode, die funktional und alltagstauglich ist. Und sie scheint mit dem, was sie schneidert, gut zu sein: Der gebürtigen Hamelnerin ist bereits die „Goldene Schere“ verliehen worden, ihre Bachelor-Arbeit wurde im Juli mit dem 3000 Euro dotierten „Modepreis Hannover 2013“ ausgezeichnet. Die 26-Jährige hat in diesem Jahr ihr Modedesignstudium an der Hochschule beendet – und entwirft seither Outdoor-Mode.

Inspiriert wurde sie übrigens durch Wanderungen mit ihren Eltern in ihrer Kindheit. „Das ist interessant, wenn in der Mode auch Funktion drinsteckt. Ich mag die Rangehensweise bei den Outdoor-Kollektionen. Das ist wie eine Matheaufgabe – aus einer Notwendigkeit, Sachen zu erfinden und Details einzuarbeiten, die Sinn ergeben“, spricht Grosse begeistert über ihren Beruf. „Und es gibt total interessante Stoffe“, ergänzt die Modeexpertin. Es muss nur nicht gerade Jersey sein, der ließe sich schwer nähen. Originelle und im wahrsten Sinne anziehende Stoffe hat die Hamelnerin auch zu ihrer preisgekrönten Abschlusskollektion verarbeitet. Alte, auf Rockfestivals liegengebliebene Zelte hat die Hochschulabsolventin zu außergewöhnlichen Outdoor- und Tarpjacken verarbeitet – tragbar, nachhaltig und überzeugend: „Wer Zelt ist“, so nannte die Designerin ihre Kollektion, mit der sie die Fachjury für ihre Arbeiten gewinnen konnte. Ab dem 10. Oktober wird Grosses Kollektion in Hannover in einer Ausstellung zu sehen sein. Outdoor-Bekleidung sei vielfältig, meint die junge Frau: „Es gibt auch Bekleidung zum Wandern, Fahrradfahren oder Klettern.“ In Wettbewerben und Kurzzeitprojekten hat die Designerin zuvor schon Windbreaker und Outdoor-Westen für die DLRG und einen Robinson-Club entworfen. Ein Modedesignstudium an der Hochschule in Hannover muss den Spagat zwischen Theorie und Praxis hinbekommen: Es ist wissenschaftlich und praxisorientiert. „In drei Semestern hatten wir Nähkurse. In Hamburg habe ich ein Praxissemester bei Jungdesignern absolviert“, erzählt die Modefachfrau über die im Studium erworbenen praktischen Fähigkeiten.

Sara Grosse aus Hameln ist ein Design-Talent: In Hannover bekam sie die „Goldene Schere“.

Für sie ist die Hektik der Nähateliers etwas, was sie einfach braucht. „Kriege ich mal den Schnitt in Größe M?“ „Wie nähe ich jetzt den Ärmel ein?“ Inmitten der jungen Leute ist Gerda Heise eine viel gefragte Frau. Die Fachlehrerin hat seit 45 Jahren Nadel und Faden zwischen ihren Fingern und hier das Heft in der Hand. „Nähen war immer mein Ding. Ich liebe diesen Beruf“, sagt die Maßschneiderin, die 20 Jahre in Ateliers und auch zwölf Jahre in der Industrie tätig war. Seit sieben Jahren gibt Heise bei der Fahmado Akademie für Mode und Design in Hannover ihr Wissen an Studenten weiter. Die Scorpions habe sie schon eingekleidet, auch Blaublüter waren ihre Kunden. An Prinzen und Fürsten habe sie Maß genommen, ist von der Nienburgerin zu erfahren.

Vom Glamour einer Haut-Couture-Schau ist hier nichts zu spüren. Allenfalls die mit ausgefallenen Kleidungs-Kreationen ausstaffierten Schneiderpuppen im Ausstellungsbereich der Modeschule erinnern an den Glanz der Modewelt. Vier, fünf Zeichenstriche auf einen Block skizziert und schon wird zugeschnitten? „Für eine komplette Kollektion gehen Wochen, ja Monate drauf“, widersprechen die Studenten. Einige Zeit geht allein schon für die Vorbereitung der neuen Aufgabe ins Land. Da wird recherchiert, nach Themen gesucht und nach Trends Ausschau gehalten. Für 10 bis 15 Outfits mit rund 30 Einzelteilen entstehen 100 Skizzen. Darüber hinaus werden Entwürfe erstellt und technische Zeichnungen gestaltet. Die ersten Schnitte folgen erst später und zunächst nur als Prototypen. Bei der Fahmoda Akademie werden 120 Studenten in sieben Semestern zum Modedesigner ausgebildet. Parallel zum Studium erlangen die angehenden Jungdesigner ihren Gesellenbrief zum Maßschneider.

Nun gilt Hannover nicht gerade als das Mekka der Modebranche, den Ausbildungsstätten eilt allerdings ein guter Ruf voraus. „Die Fahmoda ist eine der besten Modeschulen in Deutschland. Dort werden neben dem Kreativen gute Grundlagen im Nähen, dem Schnitt und der Stoffkunde geschaffen“, sagt Mara Michel, Geschäftsführerin des Verbandes Deutscher Mode- und Textildesigner. Dem Verband gehören 500 der geschätzten 8000 deutschen Designer an. „Wir sind die Praktiker und haben Leute ausgebildet, die schon sehr erfolgreich sind“, sagt Karin Lilienthal, Direktorin der Fahmoda. Seit zehn Jahren verlassen Absolventen die hannoversche Mode-Akademie. Mit ihren Abschlüssen machen sie heute bei Joop, Closed, Umasan und New Yorker als Designer Karriere. Andere arbeiten im Schnitt, der Bekleidungstechnik oder im Kostümbereich des niedersächsischen Staatstheaters.

Bundesweit beenden jährlich 200 Jungdesigner ihre Ausbildung. Laut dem Modedesignerverband müssen die meisten von ihnen mangels Stellenangeboten in Selbstständigkeit arbeiten. Und Einstiegsgehälter von 1700 bis 2200 Euro für angestellte Designer sind bei oft vorkommenden 60 Stundenwochen – und die können in der Branche schon stressig sein – kein fürstliches Entgelt. Arbeitsstellen im Produkt-Management, im Schnitt und der Passformoptimierung hingegen sind sicherer und würden besser bezahlt.

Dass Sara Grosse einmal Mode in der Rattenfängerstadt entwerfen wird, ist nicht sehr wahrscheinlich. „Hameln ist keine Stadt für Mode. Studentenstädte sind da interessanter“, meint Grosse, die mittlerweile in Hannover sesshaft geworden ist. Durch die Modeschulen tue sich in Hannover schon was, sei ihr aufgefallen. Eine Selbstständigkeit strebt die junge Frau ebenfalls nicht an. Momentan macht sie auch gar nicht in Mode – sie ist im Servicebereich eines Caterers tätig. „Erst einmal will ich Erfahrungen sammeln. Dazu bewerbe ich mich jetzt in der Industrie“, äußert sich Grosse zu ihren Zukunftsplänen. „Cecil“ oder „Street One“ seien Label, bei denen sie gern im Design arbeiten würde. Spannend stellt sie sich auch eine Tätigkeit im Entwurf, im technischen Zeichnen oder der Illustration vor. Wo es sie auch hinziehen mag, ihre „Goldene Schere“ kommt mit. „Das ist auf jeden Fall ein Ehrenpreis“, sagt die Designerin.

„Wer Zelt ist.“

Diese Outdoor-Jacke gehört zur Kollektion, mit der Sara Grosse den Modepreis Hannover 2013 gewann.

Stefan Koch



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