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K-Pop und Kopfschmuck: Die deutsche ESC-Stimme Jamie-Lee Kriewitz

Das Manga-Mädchen

Jamie-Lee Kriewitz muss mit Lena-Vergleichen leben, und kann das auch. Dabei bringt die frisch gekürte ESC-Teilnehmerin zumindest für Deutschland eine recht eigentümliche Mischung mit: Manga-Outfit, Gospel-Ausbildung und eine gewisse Unbedarftheit. Jamie-Lee Kriewitz ist ein Popstar im Schongang. Noch.

veröffentlicht am 26.02.2016 um 19:56 Uhr

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Autor:

Jonas-Erik Schmidt

Es ist wohl nicht falsch zu sagen, dass Kriewitz noch ein gutes Maß an Kindlichkeit ausstrahlt. Das liegt vor allem an ihrer Inszenierung als Manga-Sternchen. Die asiatische Popkultur hat viel übrig für gnadenlose Verniedlichung. Kriewitz trägt quietschbunte Klamotten, auffallenden Kopfschmuck und knuffige Tieranhänger. Sie bezeichnet sich selbst als Fan des K-Pops, der populären Musik aus Südkorea. Für Asien habe sie sich schon immer interessiert, für das Styling und auch Animes, japanische Zeichentrickfilme.

Wer Kriewitz bei „Unser Lied für Stockholm“ zum ersten Mal sah, rieb sich daher vielleicht zunächst die Augen, was die seltsame Kostümierung soll. Anders dürfte es den mit Kriewitz vertrauten Dauer-Fans der ProSiebenSat.1-Show „The Voice of Germany“ ergangen sein, die die junge Frau 2015 gewann. Als ihr „Coach“ fungierte dort unter anderem Smudo von der Hip-Hop-Kombo Die Fantastischen Vier. Über ihn sagte Kriewitz beim Vorentscheid: „Ich würde ihm nie zutrauen, dass er mich einfach so verlassen würde.“ Auch das klang irgendwie niedlich.

Was bei all der Inszenierung manchmal übersehen wird, ist, was die Schülerin musikalisch kann. Ihr Vater spielt Schlagzeug, sie selbst führt ihre kräftige Stimme auf ihre Zeit in einem Gospelchor zurück. Ihren Siegertitel „Ghost“ hat sie zwar nicht selbst geschrieben, aber einige Ideen zu Atmosphäre, Beat und Inhalt beigesteuert. Das große Ziel sei, irgendwann komplett eigene Musik zu machen, sagt sie.

Ihre Schulausbildung hat die 17-Jährige, die in Bennigsen bei Springe zu Hause ist und in Hameln zur Schule geht, dafür erstmal auf Eis gelegt. Wegen „The Voice“ habe sie so viel Fehlzeiten angehäuft, dass das Abitur verschoben werden musste. Sie will es aber auf jeden Fall bald nachholen. Wann Jamie-Lee in Hameln wieder die Schulbank drücken wird, ist noch offen – bisher war sie für den Wettbewerb vom Unterricht befreit. Der Schulleiter der Eugen-Reintjes-Schule, Johannes Stolle, sagt über die 17-Jährige: „Sie ist sehr ehrgeizig, wie man ja auch im musikalischen Bereich sieht. Sie wird das Ziel Schule nicht aus den Augen verlieren.“ Jamie-Lee könne selber entscheiden, ob sie sich weiter beurlauben lassen wolle, sagte der Schulleiter. Alternativ könne sie, wann immer möglich, im Unterricht erscheinen und versuchen, das Abitur zu bestehen.

Dass diese ganze Mischung von unverbrauchter Sängerin und guter Stimme bei eigenwilliger Bühnen-Show so manchen an Lena Meyer-Landrut erinnert, erträgt Kriewitz mit Gleichmut. Lena sei ja auch ein Vorbild. Der ESC 2010, den Meyer-Landrut für Deutschland gewann, sei auch der erste Grand Prix gewesen, den sie verfolgt habe. Nun fährt sie selbst zum Finale.

Nachgefragt:

„Ich versuche einfach, ich zu bleiben“

Eine 17 Jahre alte Schülerin hat die Aufgabe übernommen, die deutsche Null-Punkte-Schmach von Wien zu tilgen. Jamie-Lee Kriewitz tritt beim Eurovision Song Contest 2016 an. Im Interview spricht sie über die Chancen, mit ihrem asiatischen Manga-Style Europa zu überzeugen.

Jamie-Lee, Deutschland hat beim letzten Eurovision Song Contest keinen einzigen Punkt geholt. Nun trittst du an. Gibt es eine Punktezahl als Ziel?

Ich habe sehr viel Respekt vor diesem Wettbewerb. Ich lasse das einfach alles auf mich zukommen und sage jetzt nicht: Ich muss den und den Platz erreichen. Sondern ich versuche einfach, ich zu bleiben und das Beste zu geben. Weil man ja nie weiß, wer genau in dem Moment vor dem Fernseher sitzt und wer votet. Ich glaube, es ist wirklich am besten, einfach das zu machen, worauf das man selber am meisten Bock hat. Mal gucken, wie es ankommt.

Dein Stil erinnert an die asiatische Manga-Kultur und koreanischen K-Pop. Nun willst du bei einem europäischen Gesangswettbewerb punkten. Kann das funktionieren?

Ich glaube, das könnte gut ankommen, weil es etwas Erfrischendes ist. Ich glaube, so etwas gab es so noch nie beim ESC. Und dadurch, dass es auch viele Fans gibt und viele in dieser Szene sind, könnten es viele wiedererkennen und für mich voten.

War denn Zeit zum Feiern?

Ich war am Ende noch ein paar Stunden auf der After-Show-Party, aber nicht lange. Irgendwann bin ich dann gegangen, weil ich heute früh schon ein Meeting hatte und besprochen wurde, wie wir den Auftritt beim ESC machen wollen. Lange konnte ich nicht feiern, aber ein bisschen Zeit hatte ich – hat sich gelohnt.

Viele ziehen jetzt eine Parallele zu Lena. Schmeichelt dir das? Oder ist es eine Bürde?

Ich finde es gar nicht schlimm. Mich nervt es auch nicht, ich kann es verstehen, weil wir aus dem gleichen Ort kommen und das gleiche Alter haben. Sie hat in gewisser Weise auch eine kleine Vorbildfunktion für mich. Nicht musikalisch, sondern weil sie einfach sie selbst geblieben ist und einfach gemacht hat, wie sie wollte. Und das will ich auch machen. Und schmeicheln tut es auch ein wenig, auf jeden Fall.

Der ESC hat eine lange Tradition. Für Deutschland gingen Guildo Horn, Nicole oder Dschinghis Khan ins Rennen. Sagt dir das alles irgendwas?

Als Lena gewonnen hat, war es das erste Mal, dass ich den ESC richtig verfolgt habe. Das ganze Thema war für mich generell so ein bisschen Neuland. Ich habe mich dann natürlich informiert. Nun bin ich total gespannt, wie das ablaufen wird und ob das alles eine coole Erfahrung wird.

Interview: Jonas-Erik Schmidt



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