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Immer mehr Menschen haben eine Patientenverfügung – um selbst zu entscheiden

Das Leben am seidenen Faden

Es ist der Alptraum eines jeden: Ein Verkehrsunfall. Hirntod. Doch die Ärzte holen einen zurück ins Leben – beziehungsweise in das, was man kaum noch Leben nennen kann. Angeschlossen an Schläuchen und Sonden. Das „Leben“ danach wird nie wieder, wie es einmal war. Wachkoma. Keine Reaktionen. Gefangen im eigenen Körper.

veröffentlicht am 05.03.2014 um 00:00 Uhr

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Viele Menschen wollen genau das verhindern. Sie bestimmen in einer Vorsorgevollmacht oder Patientenverfügung, ob Ärzte lebenserhaltende Maßnahmen überhaupt durchführen dürfen. Schätzungen zufolge besitzen 26 Prozent der Deutschen eine solche Patientenverfügung. Tendenz steigend. Der Notar Max Conrad rät seinen Mandanten allerdings nicht nur zu diesem Schriftstück, das die medizinische Versorgung bestimmt, sondern zur allumfassenden Vorsorgevollmacht.

In dieser kann der Unterzeichner auch Vertreter bestimmen, die im Ernstfall dessen Finanzen betreuen, in dessen Sinne den Aufenthalt bestimmen und sich für eine Palliativversorgung einsetzen. Hat der Betroffene jedoch keine direkten Angehörigen ersten Grades mehr – und das wissen nach Meinung Conrads viele nicht – würden bei geistiger Unzurechnungsfähigkeit vom Amtsgericht sogenannte Berufsbetreuer engagiert, die im Sinne des Menschen entscheiden sollen. Gleiches gilt, wenn ein Patient im Koma liegt.

Hilfe bietet neben den Notaren der Region auch der Betreuungsverein Schaumburg (Telefon 0 57 51/91 81 11) an. Der Betreuungsverein bietet neben vielen praktischen Hilfen auch zur Patientenverfügung eine umfassende Beratung an, die in eine Verfügung münden kann, über die jeder selbst entscheidet.

„Das ist der wichtigste Punkt für meine Mandanten, wenn sie Vorsorgevollmachten wünschen. Sie wollen nicht, dass ein wildfremder Mensch über sie entscheidet“, sagt Conrad. Und genau das würde passieren, wenn keine Vertreter schriftlich bestimmt werden. Auch für den Fall von Demenz oder Koma. Solange sich die Betroffenen nicht mehr selbst zu ihren Wünschen äußern könnten und eben kein Schriftstück vorliegt, kommt der Berufsbetreuer und entscheidet. Eine schreckliche Vorstellung für viele. Umso wichtiger sei es, sich frühzeitig abzusichern, rät der Notar. Im Internet kursieren auf etlichen Service-Seiten Vorlagen für eine Patientenverfügung oder Vorsorgevollmacht, manchmal auch nur zum Ankreuzen. Conrad warnt jedoch davor. „Mediziner und Behörden erkennen dieses Schriftstück nicht an“, sagt der 67-Jährige. Er rät zu notariell beurkundeten Schreiben. Diese würden zwar im Durchschnitt 100 Euro kosten, mit diesen Vorsorgevollmachten sei man allerdings auf der sicheren Seite. „Es gibt viele Rechtsgeschäfte, bei denen es ohne notarielle Beurkundung nicht geht, zum Beispiel bei Immobilien.“ Wichtig sei an dieser Stelle der Passus, dass die Vorsorgevollmacht auch über den Tod hinaus gilt. „Ansonsten werden alle Konten mit dem Tod sofort gesperrt“, sagt Conrad.

Die meisten Mandanten von Conrad wählen den Ehepartner, Kinder, Eltern oder Geschwister als Bevollmächtigte. Allerdings, darauf macht der Notar immer wieder aufmerksam, sollte das vorher mit den Betroffenen abgesprochen werden. In seiner Kanzlei hat Conrad eine Vorlage für eine Vorsorgevollmacht. Aus allen bekannten Vollmachten habe er sich die für ihn wichtigen Passagen zusammengetragen. Individuelle Änderungen sind möglich. Im Durchschnitt beurkundet er pro Tag eine Vorsorgevollmacht. „Die Bevölkerung ist sensibilisiert“, habe er bemerkt. Es gehe ja auch nicht nur darum, dass man künstlich am Leben gehalten wird, obwohl man das nicht will. Es gehe vielmehr darum, seinen Angehörigen in dieser schwierigen Stunde diese gewichtige Entscheidung abzunehmen.

Dank des Schriftstückes weiß der Mediziner, wozu sich der Patient entschieden hätte, wenn er noch dazu in der Lage gewesen wäre. „Das nimmt die Last von allen Beteiligten“, sagt Conrad und appelliert: „Es ist nie zu früh für eine Vorsorgevollmacht.“

Durch eine Patientenverfügung bestimmen Menschen, wie sie im Falle einer schweren Erkrankung als Patient medizinisch behandelt werden wollen. Noch umfassender für den Ernstfall vorgesorgt haben Menschen mit einer Vorsorgevollmacht, in der auch finanzielle und sonstige rechtliche Angelegenheiten in den Blick genommen werden.



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