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Das Kürschner-Handwerk stirbt aus

In Eiseskälte wird gerne eines Kleidungsstückes gedacht, das noch mehr wärmt als Daunenjacken: des Pelzes. In Berlin, so heißt es in Pressemeldungen, hätten die Pelzgeschäfte bei Einbruch der harten Wintertemperaturen mit einem Schlag Hochsaison, und auch bei Pelz-Klaus in Rinteln, einer von nur noch drei Kürschnereien Niedersachsens, häufen sich die Kundenaufträge. Auf langen Stangen aufgereiht, warten Pelzjacken und -mäntel darauf, repariert oder geändert zu werden. Pelze sind so wertvoll, dass es sich unbedingt lohnt, ein altes Stück in der Kürschnerwerkstatt aufarbeiten zu lassen, sagt Kürschner Hans-Wilhelm Klaus.

veröffentlicht am 02.02.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 24.01.2019 um 15:01 Uhr

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Reporterin zur Autorenseite

Warme Kleidung gibt es in Hülle und Fülle. Zum Beispiel aus Wolle, Baumwolle und aus modernen Hightech-Textilien, die optimal wärmen, leicht und atmungsaktiv sind. Mit der Diskussion um Tierschutz und Tierquälerei haben Pelze seit Jahrzehnten an Beliebtheit verloren. Proteste, Boykott und Werbekampagnen von Tierschutzorganisationen haben vielerorts zum Rückgang der Pelztierzucht geführt. Die Verbraucher haben vermehrt Anstoß genommen an den offenkundigen Missständen bei der Pelzgewinnung. Es hat sich die Ansicht verbreitet, dass Pelze entbehrliche Wohlstandsgüter darstellen. Nach Angaben der Stiftung Tier im Recht spricht sich in Deutschland mittlerweile mehr als die Hälfte der Bundesbürger strikt gegen das Tragen von Naturpelzen aus. Die Kenntnis der Fang-, Aufzuchts- und Tötungsbedingungen sowie der enormen Anzahl von Tieren, die für die Herstellung von Pelzprodukten benötigt werden, ließen die allgemeine Bereitschaft zum Tragen echter Pelze in den vergangenen Jahrzehnten dann auch deutlich zurückgehen.

Für das Kürschnerhandwerk haben diese Erkenntnisse zu schweren Ansehensverlusten und im gesamten Fellhandel zu drastischen Umsatzeinbußen geführt. Pelze ein grausamer Luxus – das ist die eine Seite. Kürschner Hans-Wilhelm Klaus betrachtet Pelz von der anderen – aus Sicht eines Jahrhunderte alten Handwerksberufes.

Gerade liegt ein ausgebreiteter Mantel auf dem großen Arbeitstisch des 60-Jährigen, das gescheckte Ozelotfell nach unten gekehrt, die Lederhaut nach oben. Viele Nähte wurden aufgetrennt und die Lederseite befeuchtet, damit der Mantel ganz flach aufliegen und dann mit Metallklammern am Holz des Tisches festgetackert werden konnte. Das gute Stück gehört einer Frau, die es vor vielen Jahren von ihrer Mutter erbte, in ihrem Kleiderschrank wiederentdeckte und feststellte, dass es ihr nicht mehr passt. Etwas von der Länge des Mantels muss geopfert werden, damit er breiter werden kann. Erstaunlich dabei ist: Das befeuchtete Leder lässt sich so dehnen und strecken, dass nur an wenigen Stellen unterm Arm neues Material eingesetzt werden muss.

Ozelots stehen seit 1975 unter dem Schutz des Washingtoner Artenschutzabkommens. Ebenso wie andere katzenartige Tiere dürfen sie nicht gejagt, darf mit ihrem Fell nicht gehandelt werden, sogar der Handel mit gebrauchten Fellen ist verboten. Auch deshalb muss der Kürschner mit diesem Erbstück besonders vorsichtig umgehen. Er darf nur Teilstücke ergänzen, die zum Mantel selbst gehörten. Die Tatsache, dass der Tierschutz seit den 70er Jahren sein Augenmerk verstärkt auf die Pelzproduktion legte, die Gefahr der Ausrottung von Wildtieren betonte und auf grausame Zuchtbedingungen aufmerksam machte, trug mit dazu bei, dass die Kürschnerei mit zu den aussterbenden Handwerken gehört.

„Ich aber liebe die Arbeit mit dem Pelz“, sagt der Kürschnermeister. „Er ist ein reines Naturprodukt, das immer irgendwie lebendig bleibt, wenn man es richtig pflegt.“In der Hand hält er ein eigenartig schönes Messer aus Messing, dessen scharfe Klinge eingefasst ist in einem flachen, breiten Griff, der perfekt in der Hand liegt. Dieses Messer kaufte er sich einst von seinem ersten eigenen Geld, vor über 40 Jahren während seiner Ausbildung in Bad Salzuflen, und er nutzt es, wie es sich für einen wahren Kürschner gehört, schon sein ganzes Arbeitsleben lang. „Es hat sich praktisch meiner Hand angepasst“, sagt er.

Jetzt setzt er einen Schnitt und wie durch Butter geglitten öffnet sich dadurch die Lederhaut an vorgezeichneter Stelle, hier und da, wie es dem Schnittmuster auf Seidenpapier entspricht. Das Leder wird nun ein wenig gezogen, fast, als bestünde es aus Gummi, und dann erneut festgesteckt, „gezweckt“, wie es in der Fachsprache heißt. Wenn der Pelz über Nacht getrocknet ist, hat man eine ganze Menge gewonnen, so, dass nur noch wenige einzusetzende Zwickel fehlen, damit der Mantel der etwas korpulenter gewordenen Besitzerin wieder passt.

Früher war das Zwecken noch viel arbeitsaufwendiger. Man benutzte Zwecknägel, die einzeln eingeschlagen wurden, immer etwas schräg, damit die Kraft des trocknenden Leders sie nicht aus dem Holz herausziehen konnte. Heute erledigt man das Zwecken mit einer Druckpistole, die geschwind eine Metallklammer dicht neben die andere setzen kann. Die Platte des Zwecktisches lässt sich umdrehen, sodass unten ein Pelzstück trocknet, während oben schon das nächste in Angriff genommen wird. „Klar, die Kunden sind ungeduldig, aber Pelz braucht nun mal Geduld und Sorgfalt.“

Da ein Pelz – erst recht wenn er über den Sommer zur fachgerechten Aufbewahrung beim Kürschner abgegeben wird – wirklich über Jahrzehnte hinweg fast unzerstörbar oder jedenfalls immer wieder neu zu retten ist, ergibt sich manchmal ein anderes, ein modisches Problem: Nicht jeder, der einen Pelz aus der Familie erbte oder vielleicht mit viel Glück ein Stück per Secondhand erwarb, will einen mächtigen, schweren, den ganzen Körper umhüllenden Pelz tragen. Für viele sind verspieltere Modelle angesagt, kein Problem für den Kürschner. „Unserer Beruf hat ja sehr viel mit der Schneiderei zu tun“, so Hans-Wilhelm Klaus. „Wir entwerfen Designs und Schnittmuster, schneiden zu und nähen. Ich kann aus einem alten Pelz etwas ganz Neues machen, das ist immer noch viel günstiger, als einen nagelneuen Mantel einzukaufen.“ Klaus, der mit seinem Betrieb zur Kürschnerinnung gehört, nimmt an Modelehrgängen und Arbeitstagungen teil, wo er neue Schnitte bezieht und überhaupt Anregungen, was man Interessantes wagen könnte. „Ja, wer nicht wagt, gewinnt nicht“, sagt er. „Erst recht nicht, seitdem unserer Handwerk – zu Recht – so kritisch betrachtet wird.“

Wer den Beruf heute erlernen will – noch vor drei Jahren bildete Klaus eine junge Kürschnerin aus – muss eine Vielfalt handwerklicher Begabungen besitzen. Nicht nur der Sinn für Mode ist gefragt, dazu die Fähigkeit, Schnittmuster zu entwickeln und umzusetzen, Maß zu nehmen und sich auf einzelne Kunden mit ihren individuellen Wünschen einzustellen. Man muss vor allem ein Gespür für die Schönheit und Qualität der Pelze entwickeln und dafür, wie man sie auf perfekte Weise zur Herstellung eines Kleidungsstückes verwendet. Gute Beziehungen zu Pelzhändlern, die eine geeignete Vorauswahl treffen, sind unerlässlich.

Und dann steht man da in seiner Werkstatt mit Nerzen oder Persianern, Rotfüchsen oder Ozelots. Wo Schneider über breite Stoffbahnen verfügen, muss der Kürschner sich seinen „Stoff“ aus lauter kleineren Teilen erst zusammensetzen, aus einzelnen Fellen mit ihren Eigenarten, die doch harmonisch ineinander übergehen sollen. Damit das gelingt, ist viel Rechnerei notwendig. Um Farbverläufe zu steuern, schneidet man Felle so geschickt in Streifen, dass sie, neu zusammengesetzt, die gewünschte Gestaltung ergeben. Möglich ist das, weil die dichten Haare die entsprechenden Nähte verdecken. Nur deshalb gelingt es ja auch, einen alten Pelz auszubessern, ohne dass die Flickstellen ins Auge fallen. Der Ozelotmantel, der auf Hans-Wilhelm Klaus’ Arbeitstisch festgezweckt ist, weist auf der Lederseite jede Menge „Narben“ auf: Die Zickzack-Linien, an denen einzelne Fellteile zusammengenäht wurden, ovale Nahtstellen, die zeigen, dass hier ehemalige Bisswunden und andere Verletzungen ausgebessert wurden, längliche Nähte, weil es auch früher schon mal eine Größenveränderung gab. Von vorn aber, auf der Fellseite, ist nichts von dieser Arbeit zu sehen.

Fast nur Frauen, zu 98 Prozent, wie der Kürschnermeister meint, tragen heutzutage Pelze. Ihn verwundert das gar nicht: „Gibt es denn ein schöneres Kleidungsstück zum Wärmen?“, fragt er. „Eines, dass mehr Schick haben könnte und gleichzeitig funktional ist?“ Die Geschichte der Pelzbekleidung aber könnte durchaus nahelegen, dass viel mehr Männer zu den Pelzfreunden gehören müssten, war wertvolle Pelzbekleidung doch spätestens ab dem 11. Jahrhundert ein Status- und Ehrenzeichen. Hans-Wilhelm Klaus winkt da ab: „Bei den Männern überwiegt der rein praktische Aspekt – und die Winter sind eben nur noch selten so kalt wie in diesen Tagen.“ Er selbst lässt es sich allerdings nicht nehmen, Pelzkleidung zu tragen. Als Jäger, der seine eigenen Rotfüchse, Bisams und Waschbären jagt, fertigt er aus deren Pelzen nicht nur Muffs, Decken und Kissen an, sondern auch schöne Mützen, der er selbst trägt, ebenso wie Pelzhosen mit nach innen gekehrten Haaren und gemütliche Pelzjacken, die wärmen, wenn man still auf dem Hochsitz das Jagdglück erhofft.

„Die Pelze, die ich neu einkaufe und verarbeite, stammen zu 80 Prozent nicht von Zuchttieren, sondern von heimischen Tieren, die als Schädlinge gelten“, sagt er. „Sie würden sowieso im Rahmen von Abschussquoten gejagt werden, auch die Waschbären zum Beispiel, die rund um Hannover und Kassel zur richtigen Plage geworden sind, die Rotfüchse, die den Fuchsbandwurm übertragen.“ Den übrigen Teil bezieht er von seinem Kommissionär in Frankfurt, der ihm nur solche Felle besorgt, die, wie es seit dem Jahr 2008 in Deutschland verlangt wird, mit dem „Origin Assured“-Label verbürgen, dass die Pelze aus Ländern stammen, in denen anerkannte Verordnungen und Standards bei der Pelztierzucht in Kraft sind.

In Niedersachsen existieren nur noch wenige Kürschnereien. In den letzten Jahrzehnten haben Pelzhandel und Kürschnerhandwerk wegen Diskussionen um Tierschutz und Tierquälerei arg an Ansehen verloren. Kritiker sagen, Pelze sind entbehrlicher Luxus. Andere schwärmen von den Produkten eines Jahrhunderte alten Handwerksberufes. Ein Kürschner berichtet.

Kürschner Klaus mit Fuchsfellen. Ein Großteil der Pelze, die er verarbeitet, stammt von heimischen Tieren.



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