weather-image
12°

Das kleine Geschäft kennt kaum Grenzen

Es ist gegen Mitternacht, das Fußballspiel vor gut einer Stunde beendet, selbst mitten in der Woche sind noch Menschen in der Rintelner Fußgängerzone unterwegs. Einer davon, ein junger Mann, trennt sich von seiner Freundesgruppe, geht auf den Blumenkasten vor einem Restaurant zu, öffnet seine Hose und pinkelt fröhlich in die Schmuckbepflanzung. Es stört ihn auch nicht, dass eine Frau ihn empört anspricht, im Gegenteil, er lacht und sagt: „Bist ja nur neidisch!“ Die Kumpels lachen auch. „Wildpinkeln“, so der inzwischen übliche Ausdruck für das Wasserlassen in der Öffentlichkeit, ist für die meisten Männer kein Tabu.

veröffentlicht am 27.06.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 24.01.2019 um 14:23 Uhr

270_008_5601017_hi_manneken.jpg
ri-cornelia2-0711

Autor

Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

Tatsächlich aber handelt es sich dabei um eine Ordnungswidrigkeit, die theoretisch mit einem Ordnungsgeld zwischen 30 und 50 Euro geahndet werden kann, je nachdem, ob sich ein erwischter Wildpinkler einsichtig zeigt (geheuchelt oder nicht) oder ob er meint, auf ein ungeschriebenes Recht pochen zu müssen. Jedoch: „Wo kein Kläger, da auch kein Richter“, sagt Andreas Buchmeier, im Ordnungsamt Rinteln zuständig für „Allgemeine Ordnungswidrigkeiten“. Es sei schon Jahre her, dass sich ein Bürger aus Ärger über wildes Pinkeln an das Ordnungsamt gewendet hat, vom aktuellen Streit um den Treffpunkt im Schlingpark einmal abgesehen. „Man müsste ja Name und Adresse wissen. Aber wer fragt in dieser Situation schon danach?“

Höchstens die Polizei würde Personalien aufnehmen, erwischte sie jemanden, der an eine fremde Hauswand pinkelt, in die liebevoll von Geschäftsleuten in Patenschaft gepflegten Blumenbeete der Fußgängerzone oder in die Blumenkübel an der Apotheke. „Das kommt aber nie vor“, sagt Polizeioberkommissar Uwe Gels. „Also gepinkelt wird sicherlich, doch nie gerade dann, wenn wir Streife fahren.“ Er könne sich an keinen Fall erinnern, dass man direkt mit einem Wildpinkler zu tun gehabt, geschweige denn, Name und Adresse notiert hätte.

Nun wird aber jeder, der sich abends oder nachts durch die Innenstädte der Region bewegt, regelmäßig auf öffentlich pinkelnde Männer treffen. Fragt man Mütter mit kleinen Kindern, so wissen die meisten, dass man die Kinder lieber nicht auf solchen Holzbänken spielen lassen sollte, die ein erhöhtes Blumenbeet einfassen, und sie verbieten ihren Kleinen, beim Gang durch die Stadt mit der Hand an den Hauswänden entlangzustreifen, genau auf der Höhe, wo auch das abgeschlagene Wasser landet. Wer Blümchen neben seinem Hauseingang pflanzt, wird sie kaum abpflücken und in die Wohnung stellen, und Pech haben auch die Hausbesitzer in den Nebengassen von Kneipen, wo an vielen Stellen der Putz unter der sauren, warmen Dusche abplatzt.

„Es ist eben so eine Grauzone“, meint Hamelns Pressesprecher Thomas Wahmes. „Gegen wildes Pinkeln ist kein Kraut gewachsen. Wir können ja schließlich nicht überall Kameras installieren.“ Die Straßenreinigung sorge dafür, dass allzu auffällige Pfützen weggespült werden. „Aber was die Blumenbeete betrifft, da kann man eigentlich nur immer wieder an die Vernunft appellieren. Und an eine gewisse soziale Kontrolle, dass man die Leute kritisch anspricht, die in Beete pinkeln.“

Volker Kierat, stellvertretender Leiter im Tiefbauamt Rinteln, schlägt im Spaß vor, man könnte Beete ja mit einem Sensor versehen, damit Wildpinkler einen kleinen elektrischen Schlag erhielten. Auch Hunde übrigens würden durchaus Schäden anrichten mit ihrem Urin, das sehe man an den Edelstahleinfassungen der hohen Blumenstelen, deren Anstrich oftmals verätzt sei. „Insgesamt kann man da einfach nichts machen“, sagt er. „Nach dem Saufen geht es ab in den nächsten Hauseingang. Das stinkt dann natürlich, doch für private Ärgernisse sind wir nicht zuständig. Da müssen dann eben die Bewohner sauber machen.“

Im Bauhof wird das bestätigt. „Die Kehrmaschinen würden sowieso gar nicht in Hauseingänge reinkommen, auch nicht in die manchmal überdachten Eingänge von Geschäften“, so Martin Welsch. „Wo die Stadtreinigung ran muss, das ist die Unterführung im Bahnhof. Da stinkt es oft sehr, mit Wasser allein ist da nichts getan, da muss ein spezieller Reiniger her, und es ist mit ziemlich viel Arbeit verbunden.“ Im Stadtbild sei eher der Hundekot ein Ärgernis. „Den nehmen wir natürlich auf. Urin sieht man ja nicht.“ Und was die Blumenbeete betreffe, so meine er, dass es zwar unschön ist, wenn man sie bepinkelt, doch wirklich schaden tue das den Pflanzen nicht. „Man düngt ja schließlich auch die Felder mit Kuh- oder Pferdedung.“

Das stimmt und lässt sich trotzdem nicht miteinander vergleichen. „Selbstverständlich schadet eine geballte Ladung Urin den Beetpflanzen“, erklärt Dietmar Struckmeier, Ansprechpartner für alle landwirtschaftlichen Fragen in der Raiffeisen-Warengenossenschaft Rinteln. „Urin ist Harnstoff und enthält einen so hohen Stickstoffanteil, dass zartere Pflanzen regelrecht verbrennen können“. Man müsse mal ein Rasenstück betrachten, nachdem ein Hund dort hingepinkelt hat: „Da entsteht ein kreisrunder brauner Fleck, groß wie ein Bierdeckel. Wachsen tut das Gras dann nur noch drum herum, wo nur ein paar Tropfen landen, da allerdings um so höher. Es kommt eben auf die Dosis an.“

Wo aber Hunde oder Menschen auf Blumen pinkeln, geht es den Pflanzen schlecht. „Die deutsche Eiche, die hält ja alles aus. Aber ein Stiefmütterchen oder frisch gepflanzte Zierblumen, die gehen unter einem konzentrierten Harnstoffstrahl zugrunde.“ Die Ausrede, man tue den Beeten ja was Gutes, wenn man sie mit seinem Urin düngt, zähle nicht. „Es sei denn, man ist so betrunken, dass man nur noch torkelt und die Flüssigkeit dementsprechend breit verteilt...“

Die Genossenschaft verkauft auch Harnstoff als Dünger für die Landwirtschaft. Der wird künstlich hergestellt und wie Gülle über die Felder verteilt. Es gibt auch Ansätze, menschlichen Urin als Dünger einzusetzen und seinen hohen Anteil an Stickstoff und Phosphor nicht in Verbrennungsanlagen zu vernichten, sondern gewinnbringend einzusetzen. Dazu muss der Urin allerdings erst aufbereitet werden. Er kann nämlich Viren und Bakterien enthalten, die erst nach sechs Monaten Wartezeit abgestorben sind. Zudem enthält er Hormone und Reste von Medikamenten, die auszufiltern sind. Solchen Dünger, der in der Schweiz entwickelt wurde, verkauft Raiffeisen nicht.

„Ich glaube, man muss einfach damit leben, dass die Männer den öffentlichen Raum auch zum Urinieren nutzen“, so Hamelns Pressesprecher Thomas Wahmes. „Wir haben zwar eine Reihe öffentlicher Toiletten, im Hochzeitshaus etwa, im Bürgergarten oder auch in der Tiefgarage am Rathausplatz. Tagsüber werden die ja auch genutzt, doch nachts, da ist für viele die Verführung groß, sich einfach an die nächste Ecke zu stellen.“

Im Internet kann man eine lustige Auflistung verschiedener Wildpinkler-Typen entdecken, auf einer der Online-Enzyklopädie Wikipedia nachempfundenen Seite. Dort gibt es die „natürlichen Wildpinkler“, zu denen ausnahmsweise auch Frauen zählen, da der begriff sich auf Leute bezieht, die nur mal etwa während einer Wanderung, fern aller Aborte, unter freiem Himmel urinieren.

Der „urbane Wildpinkler“ dagegen zeige eine „Tendenz hin zum unverschämten Reviermarkieren“, der „Hauswildpinkler“ bevorzuge fremde Haus- und U-Bahn-Eingänge, die „sozialen Wildpinkler“ seien eigentlich eher asozial, da sie sich nach großen Festen zum Herdenpinkeln zusammenrotten und ganze Parkanlagen und Kinderspielplätze kontaminieren könnten. Auch „prominente Wildpinkler“ werden aufgelistet, unter denen Ernst August von Hannover natürlich nicht fehlen darf.

Was wild pinkelnde Hunde in der Stadt anbetrifft, so weiß Dietmar Struckmeier schon Rat. „Hunde- und Katzenstopp“ heißt ein spezielles Gel, dessen Geruch die Tiere davon abhält, ihre Geschäfte an unliebsamen Stellen zu verrichten. „Das wird auch sehr oft gekauft“, sagt er. „Vor allem von Kunden, die ihre Hauseingänge und kleinen Vorgärten schützen wollen.“ Gegen menschliche Wildpinkler allerdings sei es unwirksam. „Es riecht eigentlich ganz gut, nach Zitronenmelisse“, so Struckmeier und grinst. „Menschen würde das wohl eher anlocken als abschrecken.“

Prinz Ernst August von Hannover hat es getan – und damit eine kleine Staatsaffäre hervorgerufen. Viele andere tun es ebenso und erledigen ihr „zwingendes Bedürfnis“ gleich dort, wo sie gehen und stehen. Das Pinkeln an öffentlichen Orten ist bei den

Städten in der Region nicht gerngesehen, aber unternehmen lässt

sich dagegen nur wenig.

„Zarte Pflanzen können regelrecht verbrennen“

In diesen Tagen häufiger unterwegs: „Wildpinkler“, die vom Fußballschauen kommen.

Foto: dpa



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt