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So war das damals mit den Kirschen

Das Kirschendorf

GELLERSEN. „Kirschendorf Gellersen“ – so wird der am äußersten Zipfel gelegene, 210 Einwohner zählende Ortsteil des Fleckens Aerzen gern bezeichnet. Denn: In einem von drei Seiten umschlossenen Tal klimatisch günstig gelegen, gedeihen hier die süßen, dunkelroten Früchte besonders gut.

veröffentlicht am 19.07.2016 um 17:13 Uhr
aktualisiert am 05.08.2016 um 09:04 Uhr

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Vor allem der Schierholzberg gilt bei den Gellersern allgemein als Wetterscheide und bietet darüber hinaus dem empfindlichen Steinobst zur Blütezeit Schutz vor den kalten Nordwinden. Zahlreiche Kirschbäume verwandeln noch heute regelmäßig im Frühjahr das Kirschendorf in ein weißes Blütenmeer. „Früher standen aber noch deutlich mehr Kirschenbäume rund ums Dorf auf den Wiesen“, weiß der Gellerser Werner Danger aus seiner Jugend zu berichten. Diesem Abwärtstrend will die Zukunftswerkstatt Gellersen entgegenwirken und ist vor wenigen Monaten mit einer besonderen Pflanzaktion gestartet. Nach dem Taufgottesdienst am Himmelfahrtstag wurden für die beiden neugeborenen Einwohner Gellersens an einem Wirtschaftsweg zwei Kirschbäume gepflanzt und mit einer Namensplakette versehen, wie Dr. Thomas Forche von der ehrenamtlichen Initiative berichtet. Und natürlich darf der Kirschbaum auch im Ortswappen nicht fehlen: „Auf Silber ein grüner Kirschbaum mit roten Früchten“, beschloss der Gellerser Gemeinderat am 17. Oktober 1930. Die Wahl der Farben kam sicher nicht von ungefähr, denn als jenseits des Pyrmonter Berges unweit der Heilquellen die ersten Pyrmonter Logierhäuser für die Kurgäste entstanden, konnten sich die Gellerser Bauern dort ihre reiche Kirschenernte versilbern lassen. Und so wurden die in von Hand geflochtenen Körben „übern Berg“ getragenen dunkelroten Kirschen in der Kurstadt Bad Pyrmont auch schwarzes Gold genannt.

Bis zum Zweiten Weltkrieg gingen viele Gellerser den etwa sechs Kilometer langen Weg nach Bad Pyrmont, um dort ihre Kirschen zu verkaufen. In zwei von Hand geflochtenen Weidenkörben an der Schanne, einem Schulterjoch, wurden bis zu 50 oder 60 Pfund Kirschen getragen und in den Kurhäusern und Pensionen zum Kauf angeboten, berichtet der inzwischen verstorbene Herbert Hundertmark im heimatkundlichen Teil seiner Chronik über die Forstgenossenschaft Gellersen. Obwohl die Kirschen auch mit dem Pferdefuhrwerk nach Bad Pyrmont geliefert wurden, zogen manche Kunden das getragene dem gefahrenen Obst vor. „Zu Fuß konnten die empfindlichen Früchte schonender transportiert werden, als mit dem Pferdefuhrwerk über rumpelige Straßen“, erzählt Landsommer-Gästeführerin Magdalena Danger, die ihre Gäste gern auf dem alten „Kirschenweg“ über den Pyrmonter Berg führt. Und ihr Bruder Werner berichtet, dass der Großvater den beschwerlichen Fußmarsch mit der druckempfindlichen Last noch auf sich genommen hat, meist in der nur kurzen Erntesaison auch zweimal am Tag. „Dann sind mein Vater und dessen Brüder dem Großvater mit dem frisch gepflückten Nachschub bis zum Wald entgegengekommen“, erzählt der Gellerser, der noch immer einen traditionellen Obsthof hinter seinem Haus hat. Was in den Pensionen nicht abgenommen wurde, konnte in den Geschäften oft nur zu einem geringeren Preis angeboten werden. Trotz aller Mühen, die das Kirschenpflücken und das Tragen der geernteten Früchte nach Bad Pyrmont mit sich brachte, war diese Saisonarbeit im Juni und Juli eine willkommene Einnahmequelle. Anfang der 1950er-Jahre verlor der „Kirschenweg“ als Transportweg seine Bedeutung und wurde fortan hauptsächlich von Wanderern zum Freizeitvergnügen genutzt. Die begehrten Kirschen holten sich die inzwischen mit einem Auto ausgestatteten Haushalte direkt bei den Obstbauern in Gellersen ab, erinnert sich Werner Danger.

Noch heute heißt nicht nur die Hauptverkehrsstraße durch Gellersen „Kirschenstraße“. Auch der Fußweg von Gellersen durchs Hessental nach Bad Pyrmont, der bereits vor dem großen Kirschentransportboom im letzten Jahrhundert ein alter Richteweg über den Pyrmonter Berg war, heißt nach wie vor „Kirschenweg“. Er wurde vom Aerzener Heimat- und Verschönerungsverein als Wanderweg ausgeschildert. Übrigens haben mittlerweile auch moderne Geocacher den geschichtsträchtigen Weg für ihr Hobby entdeckt. Eine ganze Serie von insgesamt sieben Caches liegt an dem zirka vier Kilometer langen Rundweg versteckt.

3 Bilder
Kirschbäume, wohin das Auge blickt. Foto: sbr


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