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„Das ist meine kleine Welt“

Er hat eine zigtausend Jahre lange Reise hinter sich, um am Ende Teil des wohl wichtigsten modernen Baustoffes zu werden: Beton. Die Rede ist vom Kies, der entlang der Weser aus dem Boden gefördert wird. Wir haben den Experten Dr. Peter Könemann besucht, um von ihm mehr über seine Kieswelt zu erfahren.

veröffentlicht am 23.10.2015 um 12:20 Uhr
aktualisiert am 13.01.2017 um 12:43 Uhr

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Reporterin zur Autorenseite

Wird die Weser nicht immer tiefer, wenn man so viel Kies da rausholt?“ O, kein Wunder, dass Dr. Peter Könemann etwas komisch guckt bei so einer Frage. Er ist Geologe, Biologe und Fachmann für den Weserkies, wie er im SKV-Kieswerk in Fuhlen bei Hessisch Oldendorf gefördert und verarbeitet wird. „Der Kies wird nicht aus dem Weserlauf gefördert“, beginnt er dann aber eine geduldige Erklärung. „Was meinen Sie, warum hier überall die Kiesseen entstehen.“ Es ist ja so, dass die Weser keineswegs immer denselben Weg genommen hat, und schon gar nicht immer in einem einzigen Strom. Das ganze Wesertal ist angefüllt mit dem begehrten Kies, den der mäandernde und sich zerteilende Fluss mit sich führte und führt. Bis zu zwölf Meter mächtig sind die Kiesschichten, bedeckt von fruchtbarstem Ackerboden, dem Auelehm.

Ununterbrochen, den ganzen Tag, holen Schaufeln Sand und Rohkies vom Grund der dabei entstehenden Seen. Größere Brocken werden gleich wieder aussortiert. Diejenigen Steine aber, die auf das Förderband passen, das über ganze 1,3 Kilometer hinführt zum eigentlichen Kieswerk, sie haben, gewaschen und von Schluff, Ton und Feinsand befreit, einen Weg vor sich, der in gewisser Weise durchaus grausam genannt werden kann. Anders nämlich, als man beim Anblick der grauen, abgeschliffenen, eher schmuddelig wirkenden Steine, die man am Weserufer sieht, denken mag, findet man unzählige schöne, besondere, farbenfrohe und vor allem geschichtsträchtige Gesteine im Kies. „Es sind Steinpersönlichkeiten“, sagt Peter Könemann. „Lauter Individuen, keiner gleicht dem anderen. Und sie alle werden gebrochen und in einer grauen Masse verschwinden.“

Steinpersönlichkeiten. Individuen. Es war nicht unbedingt zu erwarten gewesen, dass der Wissenschaftler und Kieswerk-Geschäftsführer so liebevoll von dem Material redet, das den Rohstoff für die Bauindustrie abgibt. Doch je mehr er davon erzählt, wie die Steine überhaupt in den Fluss und unser Wesertal gelangten, desto besser versteht man seine Faszination. Der größte Anteil des Gesteins stammt aus den Hängen des Mittelgebirgsraums, dort abgesprengt von den tiefen Frösten der Weichsel-Kaltzeit, die vor etwa 115 000 Jahren begann. Roter und gelber Sandstein, schwarzer Kieselschiefer und grauer Muschelkalk. Dazu kommen aber auch Gesteine aus der Gegenrichtung, solche nämlich, die mit den Gletschern der Saale-Eiszeit aus dem hohen Norden das Wesertal erreichten, darunter Kreide- und Feuersteine, wie man sie auch an der Ostsee finden kann.

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Das Förderband führt über 1,3 Kilometer hin zum Kieswerk (kleines Bild) cok

So manchen auffälligen Stein hat Peter Könemann vor dem Zermalmen gerettet. Es sind ja auch Fossilien dabei, also Abdrücke vom Ammoniten, Seeigeln und Schneckenhäusern; es finden sich glitzernde Achate, seltsam löchrige Kalksteine oder dunkler Kieselschiefer, der fast wie ein Kunstwerk von hellen Quarzlinien durchzogen ist. Rechts und links vom langen Förderband, das über Felder zum Kieswerk führt, liegen jede Menge solcher Steine, die ebenfalls ihrem Schicksal entgingen, weil sie vom Band fielen, bevor es die Brechanlage erreichte.

Unerbittlich ist diese riesige Brechanlage, ein lautes, schlammbedecktes, ewig ruckelndes Ungetüm, in dem das Kiesgeröll zerkleinert wird, in festgelegte Größen. Ein kleiner Teil davon lässt Steine mit einer Länge bis zu 3,2 Zentimetern übrig, der Löwenanteil aber besteht aus viel feinerem Kies, fingernagelgroße Stückchen und noch kleiner. Auf in die Höhe führenden Förderbändern wandern diese Bruchstücke zu entsprechende Schütthaufen. „Es ist nun mal so, die Kunden wollen immer feineren Kies“, so Peter Könemann. „Waschbeton, in dem man noch einzelne Steine erkennt, ist vollkommen aus der Mode gekommen. Selbst an den Seiten der Betonplatten darf nichts mehr vom Kiesgestein zu sehen sein.“

Beton. Peter Könemann kann ein Lied davon singen, das demjenigen des Kabarettisten Gerhard Polt von 1979 zum Verwechseln ist. „Beton, Beton“, heißt es im Lied von Polt immer wieder in melancholischem Bayern-Tonfall. „Wir bau’n uns a haltbare Welt, die in fünfzigtausend Joahr auch noch hält. Beton.“ Bausteine aus Beton, Beton-Fertigteile und Transportbeton zum Ausgießen von Fundamenten, das sind die wichtigsten Produkte, für die die Mischungen des Kieswerkes gebraucht werden, die dann mit Zement, Wasser und Sand zu Beton vermengt werden. Der Kies, seien es gröbere, seien es sandfeine Körnungen, gibt dem Beton die eigentliche Festigkeit. „Sehen Sie sich unsere Städte an: Stahl, Glas und Beton“, sagt Könemann. „Im Tief- und im Hochbau, die Kanalisationsrohre und die Pflastersteine, Parkgaragen, Parkflächen, jedes gewerbliche Gebäude, die riesenhaften Outlets – der Mensch formt sich die Welt, wie es ihm gefällt. Aus Beton.“ Beton sei eine Art künstlicher Kalkstein. „Die frühen Menschen hieben sich ihre Höhlen ins Kalkgestein. Wir heute bauen uns unsere Höhlen selbst.“

Nun hat allerdings auch der natürliche Lauf der Dinge durchaus gewalttätige Dinge mit dem Weserkies vorgesehen. 300 Kilometer etwa ist die Weser lang. Ein vom Fels abgesprengter Stein, kantig und roh, der in die Weser rollte, wird auf seinem Weg Richtung Meer ab- und rundgeschliffen, von „Artgenossen“, die mit ihm rollen, und vom ungeheuren Wasserdruck. In der Saale-Eiszeit trocknete das Flussbett im Winter oft aus, um sich dann bei Tauwetter um so mehr mit schnell strömenden Wasserfluten aus dem Gebirge zu füllen. Steine, die Jahrhunderte oder Jahrtausende unterwegs sind, erreichen die Flussmündung als feiner Sand.

Den Zementleim wird der Kies nicht mehr los

„Allerdings – da ist ein großer Unterschied zwischen Naturgeschehen und Industrie“, sagt Könemann. „Normalerweise haben Steine einen Lebenszyklus. Aus dem Sand bilden sich unter Druck Sedimente, die verhärten und neuen Stein entstehen lassen. Weserkies aber, der im Zement-Leim verschwindet, wird niemals wieder ein unbeschadeter Stein. Zwar recycelt man Beton zu weit über neunzig Prozent. Doch den Zement-Leim, den wird der Kies nicht mehr los.“

Mit dem Kiesabbau hängt nun unvermeidlich ein weiteres großes Projekt zusammen: die Rekultivierung der durch die Rohstoffgewinnung zunächst zerstückelten Landschaft. „Es gibt einen Nutzungskonflikt rund um die Kies- und Sandgewinnung“, so Könemann. „Wir haben hier den für die Landwirtschaft äußerst wertvollen Boden, eine Schicht von etwa zweieinhalb Metern. Dieser Boden entstand ab dem 12. Jahrhundert, als man die Berghänge abholzte und damit dem Regen schutzlos auslieferte. Der angeschwemmte Auelehm muss von uns abgetragen und damit dem landwirtschaftlichen Anbau entzogen werden. Zudem handelt es sich dabei um schwerwiegende Eingriffe in Natur und Landschaftsbild.“

Jedes Kieswerk an der Weser ist verpflichtet, Rekultivierungsmaßnahmen durchzuführen. Peter Könemann hatte da eine einmalige Idee: Auf 25 Prozent der entstandenen neuen Wasserflächen mithilfe des abgebauten Auelehms wieder Grünland werden zu lassen, nicht zur Bewirtschaftung für die Landwirtschaft – „Mais, Weizen, Raps und Zuckerrübe prägen unsere Landschaft schon stark genug“ –, sondern Wiesen, auf denen Angus-Mutterkühe und ihre Kälber weiden. Und tatsächlich, ja, da weiden sie, hübsch anzusehende Tiere, die das ganze Jahr draußen sein können. Sie gehören ihm höchstpersönlich. Wenn er zu ihrem Unterstand marschiert, wenden die Kühe sich ihm zu und wollen sich gerne streicheln lassen.

„Mich berühren die Steine, auf jeden Fall“, sagt er. „Es berührt mich, dass wir sie aus der verborgenen Tiefe des Bodens hervorholen ans Licht, wo sie ihre Freiheit nur kurz genießen können, um dann wieder im Zement-Leim abzutauchen. Und mich berühren diese Rinder, die hier nun in extensiv-ökologischer Haltung artgemäß leben können.“ Er dreht sich um, sieht auf das Kieswerk mit seinen Förderbändern, sieht über die grüne Landschaft mit den Baggerseen und den grasenden Angus-Rindern. Weit hinten fließt die Weser. „Das“, sagt er, „das ist meine kleine Welt.“



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