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Der koptisch-orthodoxe Generalbischof Anba Damian sorgt sich um seine Glaubensbrüder in Ägypten

„Das ist das achte Weltwunder“

Das ist unglaublich, was hier in den vergangenen Monaten und Jahren geschafft worden ist.“ Joachim Meyer reibt sich erstaunt die Augen, als er von dem koptischen Bischof Anba Damian durch das ehemalige „Kloster der Heiligen Jungfrau Maria und des Heiligen Mauritius“ in Brenkhausen bei Höxter geführt wird, das seit Dezember 1993 der koptischen Kirche gehört und vor 20 Jahren für den symbolischen Preis von einer D-Mark vom Land Nordrhein-Westfalen erworben worden war. „Sie hätten sehen sollen, was das früher für eine Ruine war. Jetzt ist das Haus ein echtes Schmuckstück geworden“, erklärt der in ökumenischen Dingen erfahrene Meyer aus dem Hamelner Ortsteil Klein Berkel bei einem gemeinsamen Besuch. Hoch erfreut ob des Lobes strahlt der Bischof über sein ganzes ohnehin immer freundlich wirkendes Gesicht. Anba Damian ist Generalbischof der koptisch-orthodoxen Kirche in Deutschland und damit hierzulande höchster Repräsentant des koptisch-orthodoxen Patriarchen und hat seinen Sitz in dem Kloster, dessen altes gotisches Gotteshaus noch der katholischen Kirche gehört. Der von den Kopten bewirtschaftete Teil ist jüngeren Datums und in einem schlichten spätbarocken Stil erbaut.

veröffentlicht am 10.10.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 10.10.2013 um 10:23 Uhr

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Zum Kloster gehört auch ein Tischlereibetrieb direkt in der Nachbarschaft, den die koptische Kirche erwerben konnte, weil der Inhaber keinen Nachfolger hatte. „Das war ein echter Glücksfall für uns, denn der Tischlermeister hat ehrenamtlich unsere Diakone angeleitet, die alten kaputten Fenster komplett so zu ersetzen, dass sie vollständig den Ansprüchen des Landesdenkmalsamtes genügten.“ Selbst die Fensterbeschläge sind handgefertigt. „Die haben wir in Ägypten anfertigen lassen. Hier wäre das unbezahlbar gewesen.“ Die Ikonografie im Haus, die religiösen Malereien, wurden von einer kanadischen Künstlerin gestaltet. Und so erinnert in den fertigen Räumen nichts mehr daran, dass das Kloster von 1240 bis 1601 erst den Zisterzienserinnen und danach bis zum Jahr 1803 den Benediktinerinnen gehörte.

Noch vor Kurzem zählte die in Ägypten beheimatete koptische Gemeinde in Deutschland etwa 6000 Seelen. „Inzwischen dürften es mehr als 10 000 sein“, berichtet Bischof Damian. „Viele Kopten haben Ägypten in den vergangenen Monaten verlassen, weil sie ihres Lebens dort nicht mehr sicher waren. Bei uns finden sie ein offenes Haus, was auch für alle anderen Nationalitäten oder Glaubensrichtungen und Menschen gilt.“ An manchen Tagen säßen bis zu zehn verschiedene Nationalitäten am Mittagstisch des Klosters. „Dieses Haus ist mittlerweile ein Zufluchtsort für Menschen vieler Nationalitäten geworden.“

Zu den Menschen in dem kleinen Dorf Brenkhausen habe das Kloster inzwischen eine sehr gute freundschaftliche Beziehung, berichtet Anba Damian. „Erst waren sie natürlich skeptisch und blieben auf Distanz, denn sie wussten mit den doch ganz anders aussehenden fremden Gestalten nichts anzufangen. Aber der damalige katholische Pfarrer hier im Dorf hat die Bevölkerung informiert und Vorträge gehalten. Inzwischen sind Liebe und Harmonie mit den Dorfbewohnern entstanden. Sie kamen und bewunderten die Veränderungen und sind froh, dass aus dem ehemaligen Schandfleck wieder ein Prachtbau geworden ist. Wir sind ein Bestandteil des Dorfes geworden und fühlen uns nicht als Fremdkörper im Dorf. Die Menschen feiern hier ihre runden Geburtstage oder machen Hochzeitsfotos und besuchen auch unsere Festgottesdienste.“

Anba Damian gehört als Geistlicher seiner Kirche zu den Spätberufenen. Seine berufliche Laufbahn begann der im Jahr 1955 als Refaat Ramzi Mikhail Fahmi geborene mit einem Medizinstudium in Kairo und von 1982 bis 1988 mit der Ausbildung zum Facharzt für Strahlentherapie, Nuklearmedizin und Röntgendiagnostik in Ludwigsburg. In den Jahren 1990 und 1991 aber kam es für ihn zu einer spirituellen Wende. Der Arzt entschied sich, die sichere Existenz als Mediziner aufzugeben und sein Leben fortan in den Dienst der koptisch-orthodoxen Kirche zu stellen. „Eigentlich wollte ich damals als Mönch in einem ägyptischen Kloster leben“, erinnert er sich an diese Zeit. „Aber die Entwicklung verlief dann doch anders. Weil ich gut Deutsch konnte, wurde ich nach der Priesterweihe 1993 durch den damaligen koptischen Papst Shenouda III. als Seelsorger für die in Deutschland geborenen koptischen Jugendlichen hierher gesandt und arbeitete als Priester in Stuttgart, München, Trier und Hannover.“ Seit 1995 ist er Generalbischof für Deutschland.

Kopten wurden

der Beteiligung am Sturz Mursis beschuldigt

Im Vergleich zu der Situation der Kopten in Ägypten, die von der Muslim-Bruderschaft verdächtigt werden, mit dem ägyptischen Militär beim Sturz von Präsident Mohammed Mursi kooperiert zu haben und denen deshalb fast 100 Kirchen niedergebrannt wurden, wirkt die Situation in Brenkhausen geradezu paradiesisch. Muss dies nicht wie ein Ruf für die koptischen Christen in Ägypten wirken, das Land zu verlassen und nach Deutschland zu kommen? „Das ist nicht mein Ziel“, erklärt Bischof Damian. „Im Gegenteil – ich will den Menschen in Ägypten helfen, ihr Leben dort auszuhalten. Wenn sie aber das Land unbedingt verlassen müssen, dann bietet ihnen das Kloster hier ein Zuhause an, so wie einer der Familien, der sie draußen begegnen können.“

Dass das Auswärtige Amt in Berlin seine Reisewarnung für weite Teile Ägyptens aufgehoben hat, begrüßt das Oberhaupt der Kopten in Deutschland ausdrücklich. „Es ist eine noble Geste der Bundesregierung, dass sie ihre Bürger damit ermutigt, wieder nach Ägypten zu reisen, denn das Land leidet natürlich unter dem Fehlen der Touristen. Ich finde das großartig und ich bin optimistisch, dass mit einer Änderung der Verfassung sich auch für die Rechte und Pflichten der Kopten alles wieder zum Besseren wendet.“ Von einer neuen Verfassung erhofft er sich vor allem eine Verbesserung des Schutzes der Kopten. Die Situation habe sich im Vergleich zu den vergangenen Monaten wieder beruhigt – wobei Bischof Damian zum Zeitpunkt des Gesprächs nicht wissen konnte, dass nur einen Tag später wieder mehr als 20 Menschen bei Auseinandersetzungen zwischen demonstrierenden Mursi-Anhängern und Sicherheitskräften zu Tode kommen würden.

Dass sich die Wut der Muslim-Bruderschaft derartig gegen die Kopten entladen habe, liege daran, dass ihr Papst Tawadros II. vom Militärrat zu Beratungen vor dem Sturz Mursis herangezogen worden sei, um sich gemeinsam mit anderen Kräften des Landes Gedanken über die Zukunft Ägyptens zu machen. „Daraufhin wurden die Kopten beschuldigt, am Sturz Mursis beteiligt gewesen zu sein, was zu den Vergeltungsmaßnahmen führte. Polizei, Armee und Kopten wurden in einen Topf geworfen. Da Armee und Polizei aber nicht angegriffen werden konnten, ging man auf die Kopten los, die in Ägypten keinen Schutz genießen und keine Rechte haben.“ Das sei schon unter Mubarak so gewesen. Doch hätten die Kopten ihn wenigstens erreichen können. „Dank seiner Gnade sind wir wenigstens teilweise zu unseren Rechten gekommen.“

Da soziale Lage der Kopten beschreibt Bischof Damian als schwierig. „Ein großer Teil von ihnen lebt unter der Armutsgrenze. Nur wenige Familien sind sehr reich.“ Viele Kopten hätten unter Mubarak als „Müllhalter“ am Rande von Kairo gelebt und den Müll der Großstadt recycelt, bis Mubarak ihnen durch Schikanen ihnen diese Möglichkeit genommen habe. „Heute türmt sich dafür der Müll in riesigen Halden in der Großstadt, weil diese Menschen ihre Tätigkeit nicht mehr ausüben können.“

Dass der Anteil der Kopten an der ägyptischen Bevölkerung, der einmal fünfzig Prozent betragen hatte, heute nur noch zwanzig Prozent oder weniger beträgt, liegt nach Darstellung des Bischofs daran, dass koptische Familien nur ein bis zwei Kinder haben, muslimische Familien dagegen sehr viele Kinder in die Welt setzten. „Dass überhaupt noch Christen in Ägypten leben, das ist das achte Weltwunder, denn die Möglichkeit, seine Religion auszuüben, ist sehr schwierig. Wer einen Gottesdienst besucht, tut dies immer mit dem Gedanken, es könnte sein letzter Gottesdienst sein.“

Fast einhundert koptische Kirchen sind in den vergangenen Monaten in Ägypten von fanatischen Muslimen niedergebrannt worden. In einem Kloster bei Höxter residiert der koptische Bischof Anba Damian und sorgt sich um die Zukunft seiner Glaubensgemeinschaft. Wer Ägypten verlassen muss, der findet bei ihm in dem innerhalb von fast 20 Jahren wieder renovierten Kloster in Brenkhausen eine Zuflucht.

Das ehemalige Benediktinerinnenkloster in Brenkhausen bei Höxter wurde innerhalb von fast 20 Jahren von koptischen Christen aus Ägypten renoviert und dient heute als Residenz des koptischen Generalbischofs für Deutschland, Anba Damian. wft



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