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Ein Blick in den Kühlschrank offenbart die Lebensweise ganzer Familien

Das ist cool

Wenn Sema Bahadir (30) von ihrer Mutter erzählt und von der Art, wie sie das Küchenleben managt, könnte man ganz sehnsüchtig werden. Zumindest als Deutscher. In traditionellen türkischen Familien scheint sich alles ums Essen zu drehen, und im Mittelpunkt des Geschehens steht die rührige Mama, die dafür sorgt, dass niemand zu kurz kommt, egal zu welcher Tageszeit, egal, ob plötzlich Besuch vorbeikommt. Um so wichtiger ist der Kühlschrank, die moderne Speisekammer, in der, wohl geordnet, alles bereitliegt, was man zum kulinarischen Verwöhnen der Familie so braucht.

veröffentlicht am 08.03.2016 um 19:56 Uhr
aktualisiert am 13.01.2017 um 08:58 Uhr

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Reporterin zur Autorenseite

Wenn Sema Bahadir (30) von ihrer Mutter erzählt und von der Art, wie sie das Küchenleben managt, könnte man ganz sehnsüchtig werden. Zumindest als Deutscher. In traditionellen türkischen Familien scheint sich alles ums Essen zu drehen, und im Mittelpunkt des Geschehens steht die rührige Mama, die dafür sorgt, dass niemand zu kurz kommt, egal zu welcher Tageszeit, egal, ob plötzlich Besuch vorbeikommt. Um so wichtiger ist der Kühlschrank, die moderne Speisekammer, in der, wohl geordnet, alles bereitliegt, was man zum kulinarischen Verwöhnen der Familie so braucht.
 „Ich bin wirklich oft baff, wenn ich bei deutschen Bekannten in den Kühlschrank gucke“, sagt die Hamelnerin Sema Bahadir. „Da ist ja immer nur so wenig drin. Als wenn er gar nicht zum Leben dazugehören würde.“ Ihr eigener Kühlschrank könne zwar nicht mit dem ihrer Mutter konkurrieren, jedenfalls nicht mit dem ein Meter achtzig hohen Gerät, das der Verpflegung der Familie diente, als sie mit ihren vier Geschwistern noch zu Hause wohnte und im Erdgeschoss auch der Onkel lebte. Sema Bahadir hat einen Mann und zwei Kinder. „Wir sind ja ziemlich europäisiert“, sagt sie. „Aber wenn ich nicht gerade in meinem Beruf arbeite, stehe ich in der Küche. Und alles, was ich zum Kochen brauche, finde ich im Kühlschrank. Fast wie bei meiner Mutter.“
 Fragt man unter ein paar zufällig ausgewählten Deutschen herum, dürfte die Aussage des 26-jährigen Lukas G. aus Rinteln nicht ganz untypisch sein. „In letzter Zeit habe ich Angst vor meinem Kühlschrank“, sagt er. „Da liegen lauter schreckliche Dinge drin.“ Die „schrecklichen Dinge“ waren mal übermütig großzügig eingekaufte Pilze, zwei Paprika, ein Liter Milch und eine große Packung Mortadella. „Das ist aber schon ziemlich lange her“, so Lukas G. „Inzwischen weiß ich nicht, wie ich die Sachen aus dem Kühlschrank kriegen soll. Ich mag sie nicht anfassen. Sie bewegen sich.“ Zumindest das Gemüse ist so vergammelt, dass es bereits in einer undefinierbaren Soße schwimmt. Lukas G., der alleine lebt, hatte sich die meiste Zeit von Tiefkühlpizza und Imbiss-Essen ernährt.
 Ulrike H., die aus Rinteln nach Schottland umgezogen ist, kennt ähnliche Situationen ebenfalls. „Irgendwie sind Kühlschränke viel zu tief“, sagt sie. „Ich stopfe immer mehr rein, und was hinten liegt, klebt nach und nach an der eisigen Rückwand fest. Mein Kühlschrank müsste eigentlich eine gläserne Tür haben. Dann wäre mir mein Chaos peinlich, weil jeder es sehen könnte, und ganz bestimmt würde ich ihn dann immer sehr ordentlich einräumen und das Zeug gleich wegschmeißen, das wir eh niemals essen werden.“ Immerhin, seit sie auf der britischen Insel lebt, hat sich die Lage etwas gebessert. „Die Briten lieben appetitliche Fertiggerichte, richtig tolle Sachen, die man in jedem Supermarkt bekommt. Damit fällt die ganze Kocherei und das, was dabei übrigbleibt, schon mal weg.“
 Wenn Sema Bahadir so etwas hört, kann sie nur lachen, und dann beschreibt sie, wie der mütterliche Kühlschrank – beispielhaft für die meisten Kühlschränke in geordneten türkischen Verhältnissen – bestückt ist und unter Kontrolle gehalten wird. „Fertiggerichte? Die gibt es einfach nicht!“ Was dagegen immer im Kühlschrank ist: Mildes und scharfes Tomaten- und Paprikamark; täglich frischer, selbstgemachter Joghurt; Unmengen an Gemüse, darunter auf jeden Fall spitze und kleine runde Paprika zum Befüllen, Karotten, Oliven, Peperoni, Eier und Tomaten; mindestens fünf Stück Butter, Aufschnitt, bei dem die Knoblauchwurst niemals fehlt, und – wunderbar: Allerlei Schüsselchen mit Snacks, die man sich zwischendurch in den Mund stecken kann. „Bei uns wird niemals etwas weggeworfen, sondern alles kreativ der nächsten Mahlzeit zugefügt.“
 Kühlschränke als selbstverständliche Küchenausstattung gibt es in Deutschland seit Beginn der 1950er Jahre (die Amerikaner waren damit etwa 20 Jahre früher dran). Davor dienten sogenannte „Eisschränke“ der Kühlung von Lebensmitteln, oft aus Holz gefertigt und unbedingt mit einem Ablaufhahn versehen, aus dem das Wasser des unvermeidlich schmelzenden Eises in ein Eimerchen auslaufen konnte. Das Eis brachte der „Eismann“ vorbei, Stangen- oder Blockeis, das entweder aus Eisfabriken stammte – in Hannover gab es eine solche – oder direkt aus Teichen und Seen gehauen und dann in Eiskellern aufbewahrt wurde.
 Besonders sauber war dieses Wassereis nicht. Aber für Molkereien und vor allem für Gaststätten und die Brauereien war das trotzdem besser als nichts. Ungekühltes Bier zum Beispiel wäre damals innerhalb weniger Tage verdorben. Keine Brauerei, die nicht einen eigenen Eiskeller besaß, wo die noch ungenutzten Blöcke mit Stroh geschützt auch den Sommer überstanden und die Bierfässer unterhalb einer Etage mit kühlendem Eis lagerten. Die Keller hatten dicke Mauern, möglichst gar kein Fenster, und wenn an Standorten ehemaliger Brauereien so häufig noch Kastanien stehen, so war das auch der Eis-Vorratshaltung zu verdanken: Die dicken Kastanienblätter bilden ein besonders schattiges Laubdach.
 Höchstwahrscheinlich wurden Teile des Schaumburger Landes mit Eis aus dem Steinhuder Meer versorgt. Das zumindest vermutet Jürgen Engelmann vom Heimatverein in Wunstorf. Als Kind hat er oft zugesehen, wie die Männer das gefrorene Seewasser im Hafen aufhackten und 20 Zentimeter dicke Brocken auf Pferdewagen verluden. Ganze Schollen von weiter draußen wurden mit Haken ans Ufer gezogen und zersägt. „Das war eine mordsschwere Arbeit“, sagt er. „Aber auch ein guter Zuverdienst, zumal das Steinhuder Meer früher viel öfter ganz zugefroren war.“
 Sein Vereinskollege Henning Pflüger weiß noch, wie die Gastwirtschaft seiner Urgroßeltern mit Eis aus dem See versorgt wurde, das im heute noch existierenden Eiskeller im Abteigebäude aufbewahrt wurde. Auch er kann sich gut vorstellen, dass die Steinhuder „Eismänner“ die ungeheuren Eismassen, die ihnen das Steinhuder Meer zur Verfügung stellte, bis in die weiteste Umgebung auf ihren Pferdefuhrwerken in Haushalte und Geschäfte wie Schlachtereien und Bäckereien anlieferten.
 Ob die Ordnung in den damaligen „Eisschränken“ auch so schnell verloren ging, wie in den Tiefen so vieler moderner Kühlschränke? Ob man auch damals dachte: „Aus den Augen, aus dem Sinn“ und irgendwie hoffte, dass überfällige Lebensmittel unendlich lange in der komfortablen Kälte überleben würden, all der vertrocknete Käse, das matschige Gemüse, der angeschimmelte Joghurt, saure Milch, lange schon ungenießbare Reste von Mahlzeiten? „Wohl kaum“, meint dazu Stefan Meyer, Leiter vom Heimatmuseum Eulenburg in Rinteln. Das alles waren lange Zeit noch Luxusdinge in Familien, wo, ebenso wie jetzt noch bei Sema Bahadir, jeden Tag gekocht wurde. Dass so viele heutige Kühlschränke nicht mehr das eigentliche Herz der Küche sind, sondern eher überfüllte Rumpelkammern oder traurige Orte fast vollständiger Leere, habe natürlich unter anderem mit geänderten Familienstrukturen zu tun. „In meiner Familie ist die traditionelle Welt sozusagen noch in Ordnung“, meint Sema Bahadir. „Wenn meine Eltern Besuch bekommen, wird sofort aufgetischt, was der Kühlschrank hergibt. Da hat gar nichts Zeit, ungenießbar zu werden.“
 Inzwischen haben sie und ihre Geschwister sich längst selbstständig gemacht und im Elternhaushalt leben nur noch drei Personen. Der große Kühlschrank wurde gegen einen deutlich kleineren eingetauscht, und sie glaubt, ihre Mutter sei ganz froh, dass nicht mehr rund um die Uhr so viel los ist in ihrer Küche. Trotzdem lagert alles so, wie es sich nach Meinung der Mutter gehört: Unten das Gemüse, darüber Milchprodukte und die verschiedenen Tomatenmarksorten, weiter oben Früchte, gern schon appetitlich zubereitet, die Oliven und die ganzen Buttervorräte.
 Kommen Kinder oder Enkel vorbei, wirft weiterhin jeder gern einen Blick in den Kühlschrank und schnappt sich eine Kleinigkeit. „Und dann beginnt die Vorbereitung für das Festmahl“, sagt Sema Bahadir. „Denn ein Festmahl, das gibt es bei jeder noch so kleinen Gelegenheit.“



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