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Ein neuer Trend der Freizeitgestaltung? Erwachsene greifen immer öfter zu Malbüchern

„Das hast du aber toll gemacht!“

Bloß nicht über die Linien malen: Mit Luxus-Filzern klappt das Ausmalen besonders genau. Ein Abend in der schottischen Großstadt. Es locken unzählige Pubs mit leckerem Bier, lustigen Leuten und Folk-Musik. Stattdessen greifen unsere Reporterin und ihre Freundin zum Malbuch und Buntstiften. Seit Jahrzehnten haben sie das nicht mehr gemacht – sie haben eine alte Leidenschaft neu entdeckt.

veröffentlicht am 07.01.2016 um 13:25 Uhr
aktualisiert am 13.01.2017 um 12:27 Uhr

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Reporterin zur Autorenseite

Fast hätte der Mann meiner Freundin uns beiden Frauen über den Kopf gestreichelt, wie man es bei Kindern tut, deren Spiel man ein wenig übertrieben lobt: „Oh, das macht ihr aber ganz toll!“ Wir sind auch stolz wie Kinder über unsere Werke. Kunstwerke. Seit Stunden malen wir, genauer: Wir malen aus. Auf dem Küchentisch liegen Bunt- und Filzstifte. Und Malbücher für Erwachsene.

Wir sind in Schottland, in Glasgow, wo in jedem Buch- und Schreibwarenladen die Bücher der jungen Schottin Johanna Basford ausliegen, oft gleich stapelweise. Von ihr sagt man, dass sie eine Welle der Mal-Leidenschaft ausgelöst hat, die hauptsächlich Frauen mit sich reißt. „Secret Garden“, „Mein verzauberter Garten“ heißt ihr Erstlingswerk aus dem Jahr 2013, das sich zum allgemeinen Erstaunen im Handumdrehen millionenfach verkaufte, beim Onlinehändler Amazon in den USA auf der Liste der meistverkauften Bücher steht und sogar die „Spiegel“-Bestsellerliste erobert hat.

Meine Freundin aber hatte diese Malbücher erst in Glasgow entdeckt, wo sie allgegenwärtig sind. Die niedlichen, wirklich zauberhaften Titelbilder verführten sie zum Kauf. „Ich dachte, das könnte dir Spaß machen“, sagte sie bei meinem Weihnachtsbesuch in ihrer neuen schottischen Heimat und überreichte mir ein Malbuch-Geschenk samt Buntstiften. Ich lachte. Was für eine seltsame Idee. Ich begann, die feinen Blumenranken mit winzigen Blüten rund um eine romantische Gartenlaube anzumalen. Und dann noch den Baum mit den zierlich geformten Blättern. Neidisch schlich meine Freundin um mich herum. Am nächsten Tag kauften wir „Mein Zauberwald“, damit jeder sein eigenes Ausmal-Exemplar besäße.

Malbuch statt Kneipentour: Auch unsere Autorin Cornelia Kurth hat das Mal-Fieber gepackt. Sie hat eines der Malbücher für Erwachsene erstanden und malt Pflanzen, Tiere und Gartenzäune aus. ll

„Sehnsuchtslandschaft“: Die neuen Malbücher

erzählen Geschichten

Malbücher, die auch Erwachsene nutzen, gibt es schon länger, meistens in Form von komplizierten Mandala-Vorlagen. Für sie wurde und wird damit geworben, dass die Ausmalerei zu „innerer Ruhe und Entspannung“ führe, die Konzentration fördere, vom Alltag erlöse und Blockaden abbaue. Na, wer nichts Besseres zu tun hat … Die neuen Malbücher aber enthalten nicht bloß ausmalbare Ornamente, sondern sie erzählen in ihren Bildern kleine Geschichten. Je bunter sie werden, desto tiefer dringt man ein in Sehnsuchtslandschaften: Wäldchen wie aus dem Märchenbuch, Gärten, die zu Astrid Lindgrens Fantasieland „Nangijala“ gehören könnten, Blumenranken für die Hochzeit einer Prinzessin.

Während man vor Johanna Basfords Büchern neben den Mandalas fast nur eher grobschlächtige Malbücher kaufen konnte, mit peinlich simplen Motiven, findet man jetzt jede Menge entzückender Nachahmer-Bücher mit Titeln wie: „Fantastische Tropen“, „Fantastische Wildnis“, „Inseln der Stille“ oder „Blütentraum und Farbenzauber“.

Eigentlich wollten meine Freundin und ich uns in der schottischen Großstadt einen lustigen Abend machen und um die Häuser ziehen. Vorsichtig äußerte ich, dass ich gar nicht unbedingt rausgehen müsste. Sie nickte und meinte, wir hätten ja noch eine Flasche Sekt da. Schließlich gestanden wir uns ein: Es zog uns an den Küchentisch, hin zu Malbuch und Stiften. Und dann saßen wir da und malten und malten und malten. Seit Jahrzehnten hatte keine von uns mehr einen Farbstift in der Hand gehalten. Jetzt aber grübelten wir, ob zum Pink der Rosenblüten das helle oder das dunkle Grün passe, ob ein Blütenstern gelb oder orange besser zur Geltung käme, ob wir lieber träumerisch bunt oder möglichst realistisch kolorieren.

Der Mann meiner Freundin setzte sich schalldichte Kopfhörer auf, während wir über die beim Ausmalen aufsteigenden Kindheitserinnerungen plauderten: Wie wunderbar die selbst gemalten Fische gewesen waren mit ihren vielfarbigen Schuppen; wie die bunten Muster und sorgsam verteilten Farbpunkte auf einem Kleid uns von der eigenen Schaffenskraft berauschen konnten. Und natürlich auch, wie wir die Bilder dann den Eltern zeigten und diese, uns über den Kopf streichelnd, ausriefen: „Oh, das hast du aber ganz toll gemacht!“

Zugleich erkannten wir, dass unser Vorrat an Buntstiften unseren Kolorierungsansprüchen nicht genügte. Der Plan für den nächsten Tag stand fest: Wir würden auf eine Filzstift-Einkaufstour gehen und, statt die Glasgow-Kneipentour nachzuholen, unsere Malkunst perfektionieren. Zufällig besaß meine Freundin zwei Filzstifte der Extraklasse von „Tombow“, mit denen man fein und sauber wie mit einem Pinsel malen kann. So hingerissen waren wir von diesen Filzern, dass wir sie uns ständig gegenseitig aus der Hand nahmen, und dass, obwohl es ein brauner und ein grauer Stift waren, nicht gerade die Hauptfarben der Anmal-Fantasiewelten. Leider sind diese Stifte so teuer, dass wir es nicht wagten, weitere Exemplare zu erstehen. Vielleicht war die Sache mit den Malbüchern für Erwachsene ja nur ein Strohfeuer. Inzwischen hatten wir Postkarten-Bücher von Johanna Basford und ihren Kolleginnen gekauft und verbrachten auch den nächsten Abend damit, die Motive auszumalen. Drei, vier Stunden brauchten wir für eine einzige Postkarte, eine Zeitspanne, die rasend schnell verflog. Wir versprachen uns, eine Korrespondenz mit diesen Karten zu führen, sobald ich wieder in Deutschland wäre.

Wie sieht es hier denn überhaupt mit Malbüchern aus? Mir jedenfalls waren sie vor meinem Besuch in Glasgow noch nie aufgefallen. „Doch, doch, wir führen die ganze Palette“, sagt Ilka Droste, Mitarbeiterin in der Hamelner Buchhandlung „Matthias“. Seit etwa einem halben Jahr gehörten sie zu den sehr gut verkauften Büchern. „Die Leute, na ja, es sind fast nur Frauen, fragen allerdings oft etwas unsicher danach. Erwachsene, die Malbücher für sich selbst kaufen, das ist manchen wohl peinlich.“ Sie würde aber immer antworten: „Selbstverständlich haben wir die im Programm“ und dann sei da kaum eine der Nachfragenden, die ohne glücklich erstandenes Exemplar den Laden verließe. „Ich habe es ja selbst schon ausprobiert“, sagt Droste. „Was die Werbung verspricht, stimmt, finde ich. Man kommt zur Ruhe dabei, es ist wie eine kleine Meditation.“ In der Hamelner Thalia-Buchhandlung weiß ein Angestellter mit dem Malbuch-Begriff gar nichts anzufangen. Es muss daran liegen, dass er ein Mann ist. Seine Kollegin Petra Bunte aus der Filialleitung nämlich ist bestens informiert und spricht mit spürbarer Faszination vom Malbuch-Tisch in der Buchhandlung, auf dem auch gleich passende Stifte angeboten werden. „Diese Welle ist jetzt aus England und den USA zu uns übergeschwappt, und ich glaube, da kommt noch viel mehr“, sagt sie. Nicole Deters von der Buchhandlung Scheck in Bückeburg kennt Johanna Badford zwar nicht auf Anhieb, dafür aber berichtet sie, dass sogenannte „Zentangle“-Malbücher ein echter Renner seien. Die sind nicht ganz so anspruchsvoll, aber ebenfalls mit richtig netten Motiven rund um allerlei Zauberhaftes gefüllt. Außerdem erzählt sie von den „Punkt-zu-Punkt“-Büchern, in denen man – verrückt – bis zu 400 verstreute Zahlen miteinander verbindet, bis zum Beispiel Gebäude entstanden sind, barocke Schlösser oder der Eiffelturm, was man dann ebenfalls anmalen kann. Ein ähnliches Angebot findet sich im Rintelner „Bücherparadies“, wo Mitarbeiterin Melanie Rosemeier zu einem Tisch führt, der für die Anmalerei reserviert ist.

Peter Peschke, Inhaber der Buchhandlung Seifert in Hameln, hat Johanna Basfords neues Werk, den „Fantastischen Ozean“, vorrätig. „Bei uns hat aber noch niemand danach gefragt“, sagt er. „Vielleicht kommt das ja noch.“ Er ist durchaus beeindruckt von der Künstlerin. „Aber ich glaube kaum, dass ich Zeit dazu fände, mich darauf einzulassen“, sagt er. So geht es auch dem Mann meiner Freundin in Glasgow. Sein Zugeständnis an die neue Leidenschaft seiner Frau bestand darin, dass er ihr ein Set der so besonders teuren Pinsel-Filzer schenkte. Denn, Vorsicht: Das Malen kann süchtig machen …



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