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Beginn des Autoverkehrs in Bückeburg vor 120 Jahren

Das erste Opfer war ein Hund

BÜCKEBURG.„Wird Bückeburg Weltstadt?“ titelte Ende des 19. Jahrhunderts die Schaumburg-Lippische Landes-Zeitung. Auslöser der nicht ganz ernst gemeinten Frage war die überall in der 5500-Einwohner-Stadt sicht- und spürbare Aufbruch-Stimmung.

veröffentlicht am 08.10.2018 um 11:54 Uhr

Automobilfahrt im Jahre 1897 (Illustration aus der Leipziger Illustrierten).

Autor

Wilhelm Gerntrup Reporter zur Autorenseite
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Der seit 1893 amtierende Schlossherr Fürst Georg hatte Millionen für die bauliche und kulturelle Ausgestaltung seiner kleinen Residenz locker gemacht. Überall wurde gebuddelt und gebaut. In der Einwohnerschaft wurde zunehmend bürgerschaftliches Selbstbewusstsein spürbar. Das Geschäfts- und Vereinsleben boomte.


Merkwürdiges, sich selbst fortbewegendes Vehikel

Zu den spektakulärsten Erfahrungen jener Epoche gehörte die erste Begegnung mit einem sogenannten „Automobil“. Gestern sei ein höchst merkwürdiges, sich selbst fortbewegendes Vehikel durch Bückeburg gefahren, meldete am 9. Juni 1898, also vor ziemlich genau 120 Jahren, die Zeitung. Das knatternde und qualmende Gefährt habe sich von Minden kommend zum neuen Bahnhofshotel bewegt. Ein Herr Noll mit seiner Frau habe darin gesessen und die Strecke von der Weser bis zum Schlossbach in 36 Minuten zurückgelegt.

Ausfahrt mit einer Daimler-Maybach-Konstruktion aus dem Jahre 1892.
  • Ausfahrt mit einer Daimler-Maybach-Konstruktion aus dem Jahre 1892.
Modell der „Vis-a-vis“-Reihe des legendären Automobil-Pioniers August Horch aus dem Jahre 1901.
  • Modell der „Vis-a-vis“-Reihe des legendären Automobil-Pioniers August Horch aus dem Jahre 1901.
Lutzmann (später Opel)-Karosse aus dem Jahre 1899.
  • Lutzmann (später Opel)-Karosse aus dem Jahre 1899.
Sieger der Automobil-Distanzfahrt Berlin-Aachen im Jahre 1900 – und vermutlich auch Spitzenreiter bei der Durchfahrt durch Bückeburg – war Olivier Gleizes (Foto aus der Berliner Zeitung).
  • Sieger der Automobil-Distanzfahrt Berlin-Aachen im Jahre 1900 – und vermutlich auch Spitzenreiter bei der Durchfahrt durch Bückeburg – war Olivier Gleizes (Foto aus der Berliner Zeitung).
Daimler-Motorkutsche aus dem Jahre 1886.
  • Daimler-Motorkutsche aus dem Jahre 1886.
Ausfahrt mit einer Daimler-Maybach-Konstruktion aus dem Jahre 1892.
Modell der „Vis-a-vis“-Reihe des legendären Automobil-Pioniers August Horch aus dem Jahre 1901.
Lutzmann (später Opel)-Karosse aus dem Jahre 1899.
Sieger der Automobil-Distanzfahrt Berlin-Aachen im Jahre 1900 – und vermutlich auch Spitzenreiter bei der Durchfahrt durch Bückeburg – war Olivier Gleizes (Foto aus der Berliner Zeitung).
Daimler-Motorkutsche aus dem Jahre 1886.

Ganz unvorbereitet traf das Auftauchen des neuartigen Fortbewegungsmittels die heimische Bevölkerung allerdings nicht. Schon zuvor hatte die Zeitung des Öfteren über die rasant zunehmende Verbreitung und Bedeutung der Erfindung eines gewissen Carl Benz berichtet. 1885 waren darüber hinaus erstmals Einzelheiten über Technik und Funktionsweise der automobilen Kutsche abgedruckt. Danach musste das Gefährt, anders als alle anderen bis dato bekannten Straßenfahrzeuge, weder gezogen noch geschoben werden. Treibende Kraft sei eine mitgeführte Benzinmaschine, war zu lesen.

„Diese befindet sich an einem an der Rückseite des Wagens befindlichen, nicht besonders großen Anbau.“ Zur Entzündung des Benzins diene „eine elektrische Leitung, die von einem unter dem Rücksitze aufbewahrten Accumulator ausgeht“. Ein solcher Accumulator reiche für 1500 Stunden und die Neufüllung desselben koste „gerademal 1 Mark 50 Pf.“ Da außerdem der Benzinverbrauch für jeden zurückgelegten Kilometer nur zwei Pfennig koste, „so ist der Betrieb nicht theuer zu nennen“.

Signalapparat gehört zur Grundausstattung

Die Vorrichtungen zur Ingangsetzung, zum Bremsen, Anhalten sowie zu der sehr exakt erfolgenden Lenkung des Gefährtes seien bequem in der Mitte des Sitzraumes angebracht. Auch ein Signalapparat, eine Art Drucktrompete, gehöre zur Grundausstattung. „Trotz aller dieser Vorrichtungen beträgt das Gewicht des solide gebauten Wagens inkl. Motor nur 13 Zentner, also etwa so viel wie ein gewöhnlicher Landauer.“


„Mumpitz“, sagt der Kaiser

Wie die heimische Bevölkerung auf das erste Auftauchen des neuartigen Fahrzeugs reagierte, ist nicht überliefert. Die Mehrheit dürfte es wie der amtierende deutsche Kaiser gehalten haben, der die Erfindung lange Zeit als „Mumpitz“ bezeichnet hatte. Erst als sich das Benzinmotorgefährt längst durchgesetzt und bei der Pariser Weltausstellung 1900 wahre Triumphe gefeiert hatte, ließ auch Wilhelm II. einen Daimler für den Hof-Fuhrpark anschaffen.

Als erster heimischer Kfz-Besitzer ist der Bückeburger Hofapotheker Georg König in die Geschichte eingegangen. König legte sich seinen ersten Benziner bereits 1899 beim Besuch einer Berliner Automobil-Ausstellung zu. Die Veranstaltung war vom kurz zuvor gegründeten „Deutschen Automobilclub“ (heute AvD) organisiert worden. Das zweite selbstfahrende Straßen-Kfz im Schaumburger Land soll wenig später der Obernkirchener Unternehmer Gustav Severit bei Dürkopp in Bielefeld bestellt haben.


Automobil-Fernfahrt Berlin-Aachen

Schon wenige Monate nach der ersten, eher flüchtigen Begegnung lernten die hierzulande lebenden Leute auch die unangenehmen Begleiterscheinungen der neuen Fortbewegungstechnik kennen. Den Anlass lieferte eine vom AvD schon bald nach seiner Gründung ausgeschriebene Automobil-Fernfahrt Berlin-Aachen. Die zweite Etappe von Hannover nach Münster führte am 1. September 1900 durch Schaumburg-Lippe.

Von den anfangs 47 in Berlin gestarteten Fahrzeugen waren bei der Durchfahrt durch Bückeburg nur noch 26 dabei. Rund ein Drittel waren „Dreirad-Kraftfahrzeuge“. Die Mischung zwischen Motorrad und vierrädriger Karosse gehörte in den Anfangsjahren zum Standardangebot der damaligen Kfz-Hersteller.

Die zahlreichen entlang der Langen Straße wartenden Zuschauer bekamen von dem Spektakel kaum etwas mit. Die meiste Zeit war der Tross in dichten Staub gehüllt. Etwas mehr konnten sie tags darauf in der Zeitung nachlesen: „An manchen Fahrzeugen sah man sogar Anfänge von Eleganz, bei den meisten aber fiel doch eine gewisse Plumpheit auf.“

Für die Sicherheit bei der Durchfahrt sorgten Helfer des Bückeburger Radfahrervereins unter Leitung des Rentiers Pfannenschmidt. Besonders heftig mussten die Signal-Fahnen in der damals extrem engen Kurve direkt hinter der Schlossbach-Brücke vor dem Anstieg in Richtung Weinberg geschwenkt werden.

Als erstes „raste“ um 10.15 Uhr mit knapp 75 Stundenkilometern eine Motor-Dreirad-Konstruktion der Marke „Cudell & Co.“ aus Aachen durch die Stadt. Der Fahrer konnte sich beim nächsten Zwischenstopp in Minden nur noch an das extrem holprige Kopfsteinpflaster in der Residenz erinnern. „Da liegt Pariser Pflaster erster Qualität“, ließ er sich – noch immer unter Schock – erschöpft vernehmen.


Personen kamen nicht zu Schaden

Kurz vor 12 Uhr brausten die letzten der mit bis zu vier Insassen bestückten Benzinkutschen durch die Residenz. Personen kamen nicht zu Schaden. Auch den Pferden habe das Spektakel offenbar nichts ausgemacht, wusste die Zeitung zu berichten. Gewöhnungsbedarf bestehe allerdings noch bei den Hunden. In der Obertorstraße sei ein Pudel zu Tode gekommen: „Die Hunde kennen das neue Fahrzeug noch nicht.“



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