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Beim „Cornhole“ wird mit Maissäckchen geworfen / Wie ein Trend aus den USA hierzulande ankommt

Das Eckige muss ins Runde

Klingt pubertär, ist aber so: Es ist schwierig, auf Deutsch über Cornhole zu reden, ohne platten Witzchen Tür und Tor zu öffnen. Immerhin dreht sich alles um Säcke und Löcher. Vielleicht liegt es daran, dass Cornhole-Spieler wie die des Cornhole-Clubs Lindhorst (CHC) im Landkreis Schaumburg lieber auf die Begrifflichkeiten des Cornhole-Mutterlandes zurückgreifen – und also davon sprechen, Bags in Holes zu werfen.

veröffentlicht am 17.08.2013 um 00:00 Uhr

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Christian Blume fühlt sich wohl in den USA. Unter anderem hat er im Nachbarland Kanada studiert. Von dort, erinnert er sich, ging es öfter „rüber“. 2011 stattete der Lindhorster dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten mal wieder einen Besuch ab. In Chicago setzte er sich in eine Bar und wurde Zeuge, wie Männer versuchten, kleine, mit Mais gefüllte Säcke in ein Loch zu werfen, das in ein in einigen Metern entfernt stehendes Brett gesägt war. Der Reisende bekundete seine Neugier. Die Männer luden ihn auf eine Partie ein. Blume hatte Cornhole entdeckt.

Cornhole, da sind sich die Spieler des CHC einig, entwickelt innerhalb kürzester Zeit einen hohen Suchtfaktor. Aus acht Metern Entfernung einen 400 Gramm schweren Stoffsack in ein Loch mit einem Radius von siebeneinhalb Zentimetern zu werfen: Die geforderte Konzentration und das Gleichgewicht von Kraft und Technik packten den Probanden und machten ihn innerhalb kürzester Zeit zum Jünger des Wurfsports. Blume, als Selbstständiger das Selbstmachen gewohnt, gründete 2011 den Deutschen Cornhole Verband (DeCoV), der nun seinen Sitz in Lindhorst hat. Von dort aus wuchs auch der deutsche Bekanntheitsgrad des Cornhole – mit einem Umweg über die nordrhein-westfälische Medienmetropole Köln.

Dort wird die Stefan-Raab-Show „Schlag den Raab“ aufgezeichnet. Blume schlug Cornhole als Spiel für die Sendung vor, in der die Kandidaten versuchen, Raab in unterschiedlichen Wettbewerben zu schlagen. Die Idee fand in der Domstadt Gefallen. In der Sendung trat Blume als „Offizieller“ auf, nämlich als Vorsitzender des Deutschen Cornhole Verbandes.

Raabs Show verpasste dem „Wurfgeschicklichkeitssport“, wie Blume ihn nennt, eine Popularitätsspritze. Inzwischen gibt es Blume zufolge sieben feste Cornhole-Vereine in Deutschland, er selbst berate die JVA Celle für eine anstehende Meisterschaft. Der Verantwortliche war über das Fernsehen auf Blume und Cornhole aufmerksam geworden.

Der CHC Lindhorst stellt derzeit den Deutschen Meister im Cornhole: der Herren, der Damen und im Doppel beider Geschlechter. Nadine Hattendorf ist die Meisterin und stammt aus Reinsen. Genau wie die anderen beiden Top-Spieler hat sie über den Freundeskreis zum Cornhole gefunden, kennt Christian Blume auch privat.

„Als ich das Spiel das erste Mal gesehen habe, dachte ich, was für ein Quatsch“, erinnert Hattendorf sich lachend. Doch mit jedem geworfenen Säckchen schlitterte sie tiefer in die bereits erwähnte Sucht. Bei den zweiten Deutschen Meisterschaften in Witten in diesem Jahr setzte sie sich dann gegen gut zehn Gegnerinnen durch. Härteste „Nuss“ war eine Spielerin aus Pinneberg, die Hattendorf im Finale nach drei knappen Sätzen besiegte.

Deutscher Meister ist Timo Nerge aus Beckedorf. Bei den ersten „Deutschen“ im Jahr 2012, sagt Timo, hatte es nur bis zum Viertelfinale gereicht. „Das hat mich schon geärgert“, gibt der 32-Jährige zu. „Ich hatte gedacht, da wäre mehr drin gewesen.“ Wettbewerbe nehme er „grundsätzlich schon ernst“. Also trainierte Nerge, zusammen mit den Freunden und Sportlerkollegen aus dem CHC oder allein mit dem eigenen Brett.

„Ich habe mir damals eins gekauft, nachdem wir Ostern bei Christian im Garten gefeiert haben und er auf einmal eins ausgepackt hat.“ Zur Technik sagt Nerge: „Im Prinzip wirft jeder, wie er will.“ Er selbst gebe dem Bag einen kleinen Drall, sodass er rotiert wie eine Frisbee-Scheibe.

Einen hohen Bogen werfen, aber nicht zu kräftig – bei zu wenig Kraft wiederum fällt der mit Mais gefüllte Sack schon mal nach der Hälfte des Weges zu Boden: Das Meistern dieser Feinheiten, die sich auf den ersten Blick vermeintlich einfach aufeinander abstimmen lassen, macht den Spielern zufolge den Reiz von Cornhole aus.

„Erst mal war für mich das Gesellige ausschlaggebend“, sagt Mario Schlinke. Der 42-jährige Lindhorster ist Nerges Doppel-Partner und damit ebenfalls ein Deutscher Meister. Auch Schlinke hat bei dem schicksalhaften Osterfest in Blumes Garten mitgefeiert.

„Eigentlich“ spiele er Fußball. Mit den Monaten habe er aber auch Cornhole zusehends als sportliche Herausforderung begriffen. „Man läuft natürlich weniger, aber Muskelkater gibt es trotzdem“, sagt Schlinke.

Wo, da sind er, Nerge und Hattendorf nicht ganz einig. „Auf jeden Fall hier“, sagt Nerge und streicht mit den Fingern über die Schulter seinen Arm hinab. „Und hier“, ergänzt Hattendorf und deutet auf ihr Gesäß. „In die Oberschenkel geht es auch“, weiß Schlinke.

Grund: Erfahrene Spieler, die auf Technik setzen, gehen leicht in die Knie und drücken sich dann beim Wurf hoch. Der Schmerz in Nerges Arm kommt von der ständigen Wiederholung der Wurfbewegung selbst.

Bei Christian Blume gehen nach eigenen Angaben zahlreiche Anfragen zu Cornhole ein, deutschlandweit steige das Interesse. Und was passiert direkt vor der Haustür?

„Wir sind öfter mal bei Veranstaltungen dabei, um für den Sport zu werben“, sagt der Verbandschef. Allerdings, so gibt er zu bedenken, bleibe ihm als Selbstständigen nicht immer die nötige Zeit, sich entsprechend zu kümmern.

„Wir können nur sagen: Meldet Euch, kommt vorbei und guckt es Euch mal an.“ Trainiert wird immer Freitagabend im Gemeindehaus Lindhorst. Blume: „Und irgendwann sind dann bestimmt auch Kreis- oder Stadtmeisterschaften vorstellbar.“ Doch erst einmal muss Blume noch ein Problem lösen. Eines seiner Ziele für die Zukunft: Cornhole als Sport anerkennen zu lassen, um eine Steuerbefreiung für Verein und Verband zu erwirken. Die Oberfinanzdirektion nehme „eher eine ablehnende Haltung“ ein. Vom Finanzamt in Stadthagen habe es keine Unterstützung gegeben. Blume: „Da hat mir einer gesagt, er habe Cornhole-Videos auf youtube gesehen, und da würden die Leute nebenbei Bier trinken. Das ist doch bei Darts nicht anders.“

Außerdem gebe es einen Unterschied zwischen sportlichem Wettbewerb und einem Nachmittag im Garten, zu dem jemand sein Board herausholt.

Zur Antwort aus dem Finanzamt sagt Blume: „Ich weiß ja nicht, was die für Videos gesehen haben.“

Eine USA-Reise brachte Christian Blume auf die Idee. Ein Auftritt in der Fernsehshow „Schlag den Raab“ verschaffte ihm die nötige Aufmerksamkeit. Christian Blume will „Cornhole“ als Sportart in Deutschland etablieren: Kleine Stoffsäckchen, die mit Mais befüllt sind, müssen die Spieler in ein Loch befördern. Einen Cornhole-Verband hat der Schaumburger jüngst gegründet.

Volle Konzentration: Pro Durchgang müssen die Spieler vier mit Mais gefüllte Säcke ins Loch oder möglichst nah ans Loch befördern.



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