weather-image
30°

Das Dorf – ein „Erfolgsmodell“ in Nöten

Herr Prof. Henkel, sollte man heutzutage noch ein Haus in einem abgelegenen Dorf kaufen?

veröffentlicht am 17.08.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:47 Uhr

270_008_5758561_hm111_1708.jpg
Frank Henke

Autor

Frank Henke Redaktionsleiter zur Autorenseite

Das wird von vielen sicherlich mit Nein beantwortet werden – aber von manchen eben auch mit einem Ja.

Wozu tendieren Sie?

Ich wohne selbst auf dem Lande und würde dort nicht wegziehen. Ich hoffe auch, dass meine Kinder, die momentan nicht auf dem Dorf leben, das später wieder tun werden. Aber diese Hoffnung haben viele Eltern …

Die Zukunftsprognose für manche Dörfer ist düster. Die Bevölkerungszahl schrumpft, Schulen und Geschäfte schließen. Teilen Sie den Pessimismus, wenn es um die Zukunft der Dörfer geht?

270_008_5754985_hin100_1608_Gerhard_Henkel.jpg

In einigen Regionen sieht es tatsächlich so aus, wie Sie es schildern. Südniedersachsen gehört dazu. Aber es gibt auch Regionen, in denen der ländliche Raum gut dasteht. Wenn Sie 50 Kilometer nach Westen gehen, in den Raum Gütersloh, Paderborn oder Brilon – da sehen die Dörfer anders aus. Genauso in Bayern, Baden-Württemberg oder im Bereich Vechta/Cloppenburg. Dort haben wir es mit prosperierenden Dorflandschaften zu tun, die im Landesdurchschnitt führende Wirtschaftsregionen sind.

Was ist der Grund für diesen Unterschied?

Das ist oft historisch bedingt. In Baden-Württemberg oder im Sauerland gibt es neben der Landwirtschaft seit Jahrhunderten alternative Gewerbe. Zunächst den Bergbau, Eisen- und Erzverarbeitung, jetzt Maschinenbau und Elektroindustrie als Nachfolgeindustrie – also nichtlandwirtschaftliche Arbeitsplätze, die den ländlichen Raum tragen. Sogar sehr gut tragen. So gut, dass sich die eben beschriebenen Prozesse dort vielleicht auch abzeichnen, aber nicht in dieser Schwere.

Viele Dörfer bieten jedoch kaum noch Arbeit. Warum leben trotzdem noch so viele Menschen auf dem Land?

Es hat sich ein grundlegender Wandel seit etwa 1950 vollzogen. Damals war das Dorf voll von Arbeitsplätzen – voll von Menschen sowieso. Es gab fast keine Dorfbewohner, die nicht im Ort arbeiteten. Es war, wenn man so will, eine autarke Gesellschaft, die alles, was man brauchte, selbst produzierte. Dieses „Paradies“ gibt es nicht mehr. Die Dorfbewohner sind zu Pendlern und Globetrottern geworden. Schon die Kinder in der Dorfschule verreisen in den Ferien nach Spanien, Italien oder in die USA. Die Dorfbevölkerung ist mobil. Die Menschen haben ihren Wohnstandort aber noch immer auf dem Dorf. Es muss also etwa dran sein. Die Dorfbewohner lieben laut Studien ihr Dorf mehr als die Großstadtbewohner ihre Stadt. Sie hängen an ihrem Dorf. Und dafür gibt es eine Menge Gründe.

Welche wären das?

Zum Beispiel die Naturnähe. Das ist die Haupttrumpfkarte des Dorfes. Man geht aus der Haustür und steht im Garten. Wenn man dann noch etwas weitergeht – zu Fuß, mit dem Fahrrad oder mit dem Pferd – dann ist man im Feld oder im Wald. Schöne Landschaften sind etwas, dass die Deutschen am meisten lieben. In allen Umfragen steht das ganz weit oben. Mit 94 Prozent. Danach kommt mit deutlichem Abstand die Gesundheit. Die Ruhe auf dem Land ist ein weiterer wichtiger Punkt. Aber es gibt noch andere Faktoren. Das ist etwa die Dichte der sozialen Beziehungen. Die Überschaubarkeit, die engen Netze. Die Nachbarschaften, die Familien, die Vereine, die Kirchengemeinden – hier sind die Leute eingebunden und fühlen sich wohl. Die ländlichen Lebensstile sind etwas, das die Menschen prägt: die Naturnähe, die Traditionsorientierung, zu wissen, wo man herkommt – in der Familie wie im Dorf. Aber auch die Handlungsorientierung: dass man gewohnt ist – im Garten oder im Haus –, etwas anzupacken. Dass man sich hilft, sich austauscht, dass man in Bewegung ist. Dass man Jubiläen feiert, einen Spielplatz saniert, die alte Schule oder den Bachlauf – all das macht das Dorf aus.

Trotzdem gibt es ganz handfeste Probleme. Die demografische Entwicklung sorgt dafür, dass die Bevölkerung älter wird. Gleichzeitig wird die Versorgung – mit Ärzten, Einkaufsmöglichkeiten, Nahverkehrsverbindungen – schlechter. Wie kommen Dörfer aus diesem Dilemma heraus?

Es gibt viele Nachteile auf dem Dorf, und die betreffen nicht nur die Problemregionen, sondern auch die prosperierenden: die anhaltenden Verluste von Infrastruktur, der Leerstand von Gebäuden, die Abwanderung der Jugendlichen. Man muss in diesem Zusammenhang übrigens sagen: Auf dem Land herrscht längst kein Bildungsnotstand mehr. Nach einer neuen OECD-Studie sind die Bildungsstandards auf dem Lande höher als in Großstädten. Aber die Jugendlichen mit guter Schul- und Berufsausbildung verlassen das Dorf. Und dann haben wir den Teufelskreis, den Sie ansprechen. Dagegen muss man eine Menge tun.

Was genau?

Es ist ein Bündel von Anstrengungen notwendig. Ich habe dazu einen Zehn-Punkte-Plan aufgestellt. Ich nehme mal einige Punkte heraus: Zum einen ist natürlich die Kommunalpolitik gefordert. Es ist ganz wichtig, dass sie die Zeichen der Zeit erkennt. Sie muss sehen, dass es durch Bevölkerungs- und Infrastrukturverluste sowie Gebäudeleerstand bergab geht und generell die Gefahr besteht, dass die Frage nach der Auflösung von Dörfern anstehen wird. Dem stellen sich inzwischen eine ganze Reihe von Kommunen. Doch wirklich energisch packen das Thema nach meiner Schätzung vielleicht 30 oder 40 Prozent der Kommunen an, es müssen aber noch mehr werden. Es gibt viele positive Beispiele, wo Dörfer, die auf dem absteigenden Ast waren, sich wieder belebt haben. Aber das geht nicht nur mit der Kommune – dem Bürgermeister, dem Rat und der Verwaltung. Die Dorfbewohner müssen sich selbst klar werden, dass es auch auf sie ankommt. Es gibt eine Bewegung von unten: In den letzten zehn Jahren haben sich vielerorts neue Vereine gegründet, die ich als integrative Dorfvereine bezeichnen würde. Diese stellen sich die Fragen: Wo steht unser Dorf? Was ist die Prognose? Geben wir unser Dorf auf oder eben nicht? Wo wollen wir hin? Wie können wir das erreichen? Solche Vereine, die neben den vielen anderen spezialisierten Vereinen entstehen, können neue Kraftquellen des Dorfes sein. Meistens gibt es einen konkreten Anlass: ein Jubiläum, das Freibad schließt oder die Schule steht leer – und dann unternehmen die Leute etwas. Das Beste ist, wenn beides – Kommune und Dorfgemeinschaft – im Sinne einer Bürgerkommune harmonieren. Wenn die Bürger auf Augenhöhe mitberaten, mitentscheiden und dann auch die Entwicklung mittragen. Es gibt in Deutschland einige schöne Beispiele, wo das funktioniert. Allerdings noch nicht allzu viele. Das ist ein wichtiges Zukunftsmodell.

Zugleich werden – wohl nicht nur in unserer Region – Diskussionen über die Zukunft der Ortsräte geführt, die verkleinert oder gar abgeschafft werden sollen …

Das hieße, das Kind mit dem Bade ausschütten. Ohne die Menschen, die mitüberlegen, die mit anpacken, geht es nicht. Wenn die Kommune so etwas hat wie die Ortsräte, sollte sie versuchen, diese auch mit Leben zu füllen. Das ist auch Aufgabe der Parteien. Zudem müssen wir eine Mitmachkultur und eine Anerkennungskultur schaffen. Wenn sich niemand in den Ortsräten engagieren will, lautet die Frage: warum? Das ist auch eine Krise der Demokratie. Die Gebietsreform hat das ehrenamtliche Engagement in den Räten vielerorts weggebügelt und Hunderttausenden von Menschen gesagt: Wir brauchen euch gar nicht, wir schaffen Großgemeinden, und da funktioniert alles viel besser – aber das stimmt nicht. Wir brauchen Menschen vor Ort, die mitmachen, die mitentscheiden – und diese sind in hohem Maße kompetent. Es sind ja keine dummen Menschen, die dort in den Dörfern wohnen. Nicht umsonst kommt die große Mehrheit der Vorsitzenden der großen deutschen Firmen vom Land, nicht aus der Großstadt. Man hat Soziologen gefragt, woran das liegen mag. Die Antwort: Auf dem Land erwirbt man eine höhere emotionale und soziale Kompetenz als in der anonymen und virtuellen Großstadt – wie auch einen Arbeitsethos. All das sind Punkte, die mich letztendlich für die Zukunft der Dörfer trotz all der Probleme doch verhalten optimistisch machen.

Aber haben die Kommunen angesichts ihrer Geldnot eine andere Wahl, als die negative Entwicklung zu beschleunigen. Also zum Beispiel Dorfschulen zu schließen?

Bei den Schulen und Kindergärten hat der Staat in der Vergangenheit viel zu sehr zentralistische Modelle bevorzugt. Was hat man da seit den 1970er Jahren für einen Größenwahn entwickelt! Man hat damals schon Dorfschulen geschlossen und Mindestgrößen für Grundschulen von 120 Kindern festgelegt. So wurden ganze Schullandschaften ausradiert. Inzwischen ist man etwas moderater geworden, aber letztlich ist man immer noch zu unbeweglich. Es müssen so viele Rahmenbedingungen erfüllt werden, dass es schwierig wird, kleine Schulen zu halten. Es gibt Bundesländer, die das vorbildlicher handhaben.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel Bayern, wo das Vorhalteprinzip in der Verfassung steht, das dafür sorgt, dass kleine Schulen und Kindergärten erst mal nicht geschlossen werden. Natürlich ist es für viele Bürgermeister einfacher, sich statt um acht nur noch um drei Grundschulen zu kümmern. Aber es tut den Dörfern nicht gut. Die Orte haben dann zu wenig Lobby, um sich zu wehren. Bürgermeister gibt es oft nicht mehr. Das Kämpfen bleibt den Eltern überlassen. Oft ziehen die Dorfgemeinschaften in solchen Momenten dann auch nicht an einem Strang.

Trotz Ihres verhaltenen Optimismus: Kommt es vor, dass Sie durch ein Dorf fahren und denken: In 30 Jahren wohnt hier niemand mehr?

Solche Dörfer gibt es. Ich habe sie vereinzelt schon gesehen. Aber ich habe eigentlich mehr Bauchschmerzen, wenn ich in Ostdeutschland durch eine Mittelstadt wie Merseburg fahre. Dort hat sich die Bevölkerungszahl, verglichen mit 1960, halbiert. Bei Dörfern gibt es diese Entwicklung – hoffe und glaube ich – in großer Zahl nicht. Aber es bedarf der mobilisierenden Kräfte: bei der großen Politik, bei den Kommunen, bei der Lokalpolitik, aber auch bei der Dorfbevölkerung. Generell gilt für mich: Nicht nur die Stadt, auch das Dorf ist ein Erfolgsmodell der deutschen und europäischen Geschichte.

Mehr zum Thema in Prof. Gerhard Henkels aktuellem Buch: „Das Dorf. Landleben in Deutschland – gestern und heute“, Theiss-Verlag, 49,95 Euro. Henkel Im Internet: www.gerhardhenkel.de

Dörfer haben gravierende, mitunter existenzbedrohende Probleme. Das weiß auch Humangeograf Prof. Dr. Gerhard Henkel. Seit 45 Jahren befasst sich der Wissenschaftler aus dem ostwestfälischen Fürstenberg mit dem ländlichen Raum. Henkel glaubt an die Zukunft der Dörfer – doch dafür, sagt er, ist einiges an Arbeit notwendig.

Dörfliche Idylle längst vergangener Zeiten: das Ölgemälde »Rückkehr von der Kirchweih« von Ferdinand Georg Waldmüller (um 1860).

„Ohne die Menschen, die mitüberlegen, die mit anpacken, geht es nicht“, sagt Dorf-Experte Prof. Gerhard Henkel.

Foto: Theiss-Verlag

Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Mehr Artikel zum Thema
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare