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Dann eben aufs Land

Nur noch wenige Menschen ziehen aufs Land, die meisten wollen in die Städte. Während man früher der lauten, dreckigen, gefährlichen Großstadt den Rücken kehrte, um ins Grüne zu ziehen, ist es nun umgekehrt. Die Folge: In den Großstädten wird es eng, die Dörfer sterben aus. Stefan Weber schwimmt gegen den Strom.

veröffentlicht am 11.02.2016 um 17:58 Uhr

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Autor:

von Katharina grimpe

Der Gartenbauer und seine Familie sind von Hannover aufs Land gezogen und haben sich ein neues Heim geschaffen. Wie schmeckt den Großstädtern das Leben auf dem Land?

Dass es ein 600-Seelen-Dorf werden würde, ist weder Stefan Weber noch seiner Lebensgefährtin Virginia Tachmatzidou klar gewesen. „Wir wollten einfach nur zusammenziehen“, erklärt der Gartenbauer. Weil die Mieten in Hannover zu hoch, die Grundstücke zu klein und die Häuser zu teuer waren, fasste das Paar eines Sonntagmorgens einen Entschluss: Dann eben aufs Land.

Noch in den Neunzigern wären Weber und Tachmatzidou mit ihrer Idee, sich den Traum vom Haus im Grünen zu erfüllen, ein Paar von vielen gewesen. Heute ziehen immer weniger Menschen raus aufs Land. Stattdessen wird es in den Städten eng, weil immer mehr dorthin drängen und auch bleiben. Das gilt nicht nur für junge Leute, die für Ausbildung und Studium ihre ländliche Heimat verlassen. Auch die Altersgruppe der 30- bis 49-Jährigen entdeckt die Großstadt als idealen Ort, Arbeit und Familie unter einen Hut zu bringen.

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  • Glücklich auf dem Land: Stefan Weber, Tochter Mia und Lebensgefährtin Virginia Tachmatzidou genießen ihr Leben auf dem Land. kcg

Das Paar aus Hannover schwimmt gegen den Trend. „Die Liebe zur Natur hat uns rausgetrieben“, erklärt der 42-Jährige und betont: „Und ich bereue den Schritt überhaupt nicht.“ Es sei schlicht Zufall gewesen, dass sich Weber und Tachmatzidou viele Monate nach besagtem Sonntagmorgen in Reinsen wiedergefunden haben. Zufall – und Liebe auf den ersten Blick. „Wir lagen an einem Wochenende morgens im Bett, haben uns durch die Immobilienportale im Internet geklickt, unser Haus entdeckt und uns sofort verliebt“, erinnert sich der Gartenbauer. Da seien sie schon lange auf der Suche gewesen, hätten Häuser in Springe, Alfeld und Gestorf besichtigt. „Komischerweise hat mir dort die Umgebung nie so richtig gefallen, der Funke ist nicht übergesprungen“, sagt Tachmatzidou.

Ganz anders in Schaumburg. „Als wir das Haus zum ersten Mal besichtigen wollten und auf dem Weg von der Autobahn nach Reinsen über die Dörfer fuhren, da hatten wir schon auf der Fahrt das Gefühl: das ist es“, schildert die 50-jährige Mitarbeiterin des Flughafens Hannover und schwärmt noch heute vom ersten Moment im damals noch fremden Haus am Bückeberg: Diese Lage, diese Aussicht, diese Weite! Endlich durchatmen, im Garten arbeiten, durch den Wald laufen! „Wir wussten einfach, dass es uns hier gefällt, dass alles passt.“

Blieb nur noch eines: Auch Tachmatzidous 80 Jahre alte Mutter Ariadni und Webers 13-jährige Tochter Mia mussten überzeugt werden. Letztgenannte, weil sie ihren Vater regelmäßig an den Wochenenden auf dem Land besuchen sollte. Erstgenannte, weil sie gemeinsam mit ihrer Tochter und deren Freund ins rot geklinkerte Traumhaus ziehen sollte. „Meine Mutter war sofort begeistert“, sagt Tachmatzidou. Die Lage des Hauses am Hang mit weitem Blick habe die Griechin an deren Elternhaus in der Nähe der berühmten Meteoraklöster in Nordgriechenland erinnert. „Sie hat sich gleich wie zu Hause gefühlt.“

Und was sagt Mia? „Ich fand es zuerst nicht so toll“, meint die Schülerin ehrlich. Immerhin liegen knapp 40 Kilometer zwischen Reinsen und Hannover, wo der Teenager mit seiner Mutter lebt. „Aber jetzt finde ich es super. Es ist ganz ruhig hier am Wald, das finde ich voll schön. Und meine Freundinnen wollen mich immer besuchen, weil es so toll hier ist.“

Im April 2015 unterschrieb das Paar den Kaufvertrag, um im September mit Sack und Pack einzuziehen. „In der Zeit dazwischen haben wir rumgewühlt, mit Mann und Maus, mit Helfern, Bekannten, Freunden und Profis“, erzählt Weber. Schließlich musste das Haus komplett entkernt werden. „Wir haben quasi neu gebaut. Hier war kein Badezimmer drin und keine Küche.“ Ein Projekt, das nicht nur die eigene Arbeitskraft, sondern auch den Geldbeutel belastete. „Aber es hat sich gelohnt“, ist Weber überzeugt. Und meint damit nicht nur die Tatsache, einen Lebensraum nach eigenen Wünschen und Ansprüchen gestalten zu können. „Statt Miete an einen Fremden zu zahlen, stecke ich alles, was ich mit meiner Arbeit verdiene, in etwas, dass dann auch mir gehört. Alles, was wir hier gemacht haben und machen, gehört uns. Das ist ein richtig gutes Gefühl.“

Und wie war der Start ins Landleben? War der Kulturschock groß? „Nein, gar nicht“, sagen die Ex-Großstädter einstimmig. Obwohl sie anfänglich schon die Sorge hatten, auf dem Dorfe zu vereinsamen. „Wir haben befürchtet, dass wir irgendwann zu träge werden, unsere Freunde zu treffen und nur noch zu Hause bleiben“, sagt die 50-Jährige. Dabei sei es mittlerweile so, dass das Paar noch häufiger unterwegs ist als vorher. „Statt sich wie früher in Hannover noch schnell spontan auf ein Stündchen zu treffen, kommen unsere Freunde viel öfter her und die Besuche sind länger und intensiver“, ergänzt Weber.

Überhaupt habe sich die Lebensqualität eindeutig gesteigert. Beide würden ein ganz anderes Leben führen, viel ruhiger und gelassener. „Wir sind viel draußen und genießen die Natur“, betont der Gartenexperte, der sich besonders gern an den ersten Spätsommer am Bückeberg erinnert: „Wir saßen abends bei Kerzenlicht auf unserer kleinen Dachterrasse mit einem Glas Wein. Und es war so ruhig und still. Man hat nichts gehört, nur das Käuzchen im Wald. Das war für mich das Tollste nach dem lauten Leben in Hannover.“ Das Leben im eigenen Refugium, in der Natur, sei mit nichts zu vergleichen.

Dazu komme die ländliche Region mit seiner reizvollen Landschaft und der Mentalität der Menschen. „Wir wurden mit offenen Armen empfangen und nicht etwa als Fremde beäugt“, sagt Tachmatzidou. Sie genieße vor allem, dass die Nachbarschaft aufeinander achte und sich umeinander kümmere. „Unsere erste Katze wurde vor dem Haus überfahren. Da war sofort die Nachbarin zur Stelle.“ Auf dem Lande sei ihr sofort aufgefallen, wie freundlich und aufgeschlossen die Menschen sind. „Man nimmt sich Zeit, um miteinander zu sprechen. Das ist ja in Hannover überhaupt nicht so, da muss immer alles schnell, schnell gehen.“ In den knapp sechs Monaten seit ihrem Einzug haben sich Weber und Tachmatzidou oft auf Entdeckungstour durch die Region gemacht, waren in Bückeburg, in Obernkirchen und in Rinteln, klapperten die Restaurants und Gaststätten in der Nachbarschaft ab, besuchten Museen und spazierten durch die Wälder. „Es ist eine sehr schöne Ecke hier, alles andere als provinziell oder piefig“, betont Weber.

Und trotzdem: Auf die Nähe zu Hannover wollen beide nicht verzichten. So richtig wohl fühlt sich das Paar, wenn es Landleben und die kulturellen Möglichkeiten der Großstadt miteinander kombinieren kann. „Wir gehen immer noch viel ins Theater, in Konzerte, in Kneipen oder ins Kino. Das muss man jetzt eben besser organisieren und abends den längeren Weg auf sich nehmen“, erklärt der 42-Jährige.

Aber dann, auf dem Weg zurück aufs Land, sei sie dann wieder da – die Freude auf das Zuhause. Virginia Tachmatzidou: „Für uns ist es ein Gefühl von Heimat. Ich fühle mich angekommen und weiß, das ist der Ort, an dem ich leben möchte, an dem ich glücklich bin.“



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