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Dämmen ist Pflicht – aber lohnt sich das?

Im Jahr 2002 ist die Energieeinsparverordnung (EnEV) verabschiedet worden. Wer das Klima retten will, muss ehrgeizige Programme auflegen und die EnEV will im Grundsatz nicht weniger als den Gebäudebestand in Deutschland sanieren. Das Ziel: Bis 2020 sollen neue Gebäude genauso viel Energie erzeugen wie verbrauchen.

veröffentlicht am 04.02.2012 um 00:00 Uhr

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Bei Neubauten ist das kein utopisches Vorhaben. Dass sich bei Neubauten die Investition in Energiespartechnik rechnet, steht für Experten außer Frage. Der Rintelner Architekt Werner Degert schildert, sein Sohn habe in der Nähe von Bremen nach den entsprechenden Standards gebaut und komme mit 350 Euro Heizkosten aus. Im Jahr! Er wollte das zunächst gar nicht glauben, bis ihm sein Sohn die Abrechnung gezeigt habe.

Doch Neubauten, räumt Degert ein, seien nicht das eigentliche Problem. Neubauten machen über das Jahr gesehen nach einer Hochrechnung der Umweltstiftung WWF gerade mal ein Prozent des Energieverbrauches aus.

Das Problem sind die Altbauten. Und Altbau ist nicht gleich Altbau. Da gibt es die Energieschleudern aus den sechziger und siebziger Jahren, als Erdöl noch billig war, mit offenen Treppenhäusern, hohen Zimmern, dünnen Wänden, einfachen Fenstern.

Maler Jörn Hansen zeigt zwei gängige Dämmstoffe: grau-weiße Blöcke aus Polystyrol und Platten aus Mineralwolle.

Dann gibt es Innenstädte wie in Hameln, Rinteln und Bückeburg mit aufwendig restaurierten Fachwerkfassaden, die sich niemand als Styroporwürfel vorstellen will.

Kein Gesetz ohne Ausnahmeregelungen: Ob man einen Altbau sanieren muss, hängt bei Ein- und Zweifamilienhäusern zunächst einmal davon ab, ob es seit 2002 einen Eigentümerwechsel gegeben hat. Und die EnEV muss nur umsetzen, wer große Umbauten plant. Anders bei Mehrfamilienhäusern: Da besteht grundsätzlich Nachrüstpflicht.

Auch für große Ziele gibt es einen ersten Schritt: Bis zum Ende letzten Jahres sollten Hausbesitzer von Altbauten Dachböden oder Dächer gedämmt, Warmwasserohre verkleidet und Heizungen, die vor 1978 eingebaut worden sind, ausgetauscht haben.

Gesetze sind dafür da, dass man sie befolgt. Doch die EnEV ist da ein zahnloser Tiger. Flächendeckend jedes Haus kontrollieren? „Völlig illusorisch“, sagt Harald Fettin beim Rintelner Bauamt. Zwar sind Schornsteinfeger angehalten, mal nachzuschauen, ob der Bauherr dem Gesetz genüge getan hat, wenn sie auf einen Dachboden kommen, doch eine Meldepflicht gibt es nicht. Wie Bezirksschornsteinfegermeister Rainer Barkhaus erläutert, lägen dazu keine konkreten Anweisungen vor, wie das zu handhaben sei.

Eigentlich wollte die Regierung mehr als eine Milliarde Euro für die energetische Sanierung von Häusern spendieren. Doch dieses Vorhaben ist erst einmal auf Eis gelegt. Der Bundesrat stellte sich quer, weil die Länder Ausfälle in Millionenhöhe jährlich befürchten. Stattdessen wird jetzt wieder über verbilligte Kredite über die Kreditanstalt für Wiederaufbau diskutiert. Das heißt, letztlich müssen Hausbesitzer mit eigenem Geld sanieren. Wer was für die Umwelt tun will, Energie sparen, muss also erst mal in Vorkasse gehen.

Dass trotzdem viele Hauseigentümer ihre Immobilie einpacken, hat einen anderen Grund. Marion Steding vom gleichnamigen Bauunternehmen in Rinteln berichtet, Aufträge für eine energetische Sanierung seien am Anfang eher schleppend angelaufen, aber seit die Leute festgestellt hätten, dass Energie immer teurer wird und man mit Aktien und Fonds kein Geld mehr verdienen kann, stecken sie ihr Geld wieder lieber in ihre Häuser. Auch Thomas Droste vom Malerbetrieb Droste, der Wärmeverbundsysteme verbaut, registriert immer mehr Aufträge. Für ein konventionelles Einfamilienhaus ohne Erker und andere Anbauten bei Kosten zwischen 15 000 bis 20 000 Euro eine überschaubare Investition.

Einpacken, ob mit Polystyrolplatten oder Mineralwolle, erscheint als schnellste und beste Lösung, doch Experten weisen darauf hin, werde da nicht hundertprozentig sauber gearbeitet, stimme am Ende die Bauphysik nicht mehr. „Dann können Schimmel und Algen wachsen“, warnt Architekt Werner Degert. Heimwerker sollten dämmen also besser Fachleuten überlassen.

Manfred Röver von der Interessengemeinschaft Bauernhaus in Soldorf beobachtet vor allem besorgt, dass sich in der Praxis das Thema Energie einsparen praktisch auf den Komplex Wärmedämmung reduziert hat. Doch bei Fachwerkhäusern und alten Bauernhäusern ist das nicht so einfach. Da müsse man immer den individuellen Fall betrachten und dürfe auf keinen Fall intakte Bauteile auseinanderreißen, um eine Dämmung dazwischen zu quetschen.

Röver kann Besitzern von alten Bauernhäusern nur empfehlen, einmal bei der Interessengemeinschaft vorbeizuschauen (Einzelheiten findet man dazu im Internet): „Unsere Mitglieder haben in den letzten 25 Jahren viel ausprobiert und eine Menge Erfahrungen gesammelt, was geht und was nicht.” So würden inzwischen, nur ein Beispiel, viele Fachleute Wandheizungen empfehlen. Für Röver stellt sich auch die grundsätzliche Frage, warum heute in Wohnungen eigentlich jeder Raum gleich warm sein müsse. Früher habe man eine Wärmequelle in der Mitte des Hauses gehabt und niemand wäre auf die Idee gekommen, einen Heizkörper unter ein Fenster zu montieren.

Selbstverständlich gibt es auch für alte Häuser Hightech-Lösungen. Holzfassaden aus Fertigelementen, die vor ein altes Mauerwerk gesetzt werden, eine Wandheizung inklusive, dazu eine computergesteuerte Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung im Haus und Solarzellen auf dem Dach. Doch so etwas hat seinen Preis.

Mieter sollten eigentlich ein Interesse daran haben, ob ein Mehrfamilienhaus einen modernen energetischen Standard hat oder nicht. Schließlich sind sie es, die die Heizkosten am Ende bezahlen müssen. Doch die Profis in diesem Geschäft haben andere Erfahrungen gemacht. „Seit Jahren gibt es den Energieausweis, den haben wir auch in den Treppenhäusern ausgehängt, aber kaum ein Mieter interessiert sich dafür“, schildert Edwin Sebening, der unter anderem Miethäuser managt. Und bei Eigentümergemeinschaften werde die Frage nach Maßnahmen der Energieeinsparung einfach deshalb kompliziert, „weil zehn Leute acht verschiedene Meinungen haben“. Schließlich könne man niemand zwingen, 50 000 Euro für eine energetische Sanierung auszugeben. An den Häusern, die er verwalte, betont Sebening, sei allerdings „alles Notwendige getan“.

Andrea Römbke von der gleichnamigen Immobilienverwaltung lässt keine Maßnahme mehr ohne Sachverständigen machen. Sie habe festgestellt, dass Energieeinsparpotenziale oft zu optimistisch gerechnet werden, da müsse man schon genau hinschauen. Dazu kommt, Energiesparen ist ein komplexes System, das mit dem Heizen beginnt. Unkalkulierbar ist auch der Faktor Mensch, der das Fenster auf kipp stellt, bevor er die Wohnung verlässt und zur Arbeit fährt. Da hilft die beste Energieeinsparverordnung nichts.

Wie viel Dämmung braucht der Mensch? Die Nachrüstpflicht ist zunächst einmal an die Wirtschaftlichkeit geknüpft. Die Maßnahmen, sagt der Gesetzgeber, sind nur dann verpflichtend, wenn sie wirtschaftlich sind und die Aufwendungen durch die eintretenden Einsparungen innerhalb angemessener Fristen wieder erwirtschaftet werden.

Auf die Frage, was ist angemessen, bekommt man allerdings dann keine hinreichende Antwort mehr. Und welcher Hausbesitzer kann das tatsächlich korrekt für seinen individuellen Fall ausrechnen? Zumindest in einem Punkt sind sich Experten einig: Eine Isolierung der oberen Decke und des Dachs ist sinnvoll, es ist die kostengünstige Möglichkeit, den Energieverbrauch erheblich zu senken. Auch neue Fenster und eine neue Haustür sind eine überschaubare Investition, die sich rechnet. Das hat sich herumgesprochen. Vera Lohmann vom gleichnamigen Fachunternehmen in Rinteln hat dazu laufend Anfragen von Eigenheimbesitzern. Auch bei den Bauämtern räumt man ein, dass es einen Häuserbestand aus den fünfziger und sechziger Jahren gibt, den man eigentlich nur noch abreißen kann, weil eine Sanierung unwirtschaftlich wäre. Letztlich regelt das dann der Markt: Häuser ohne entsprechende Energiestandards sind nur unter Preis verkäuflich, sagen die Profis bei der Sparkasse und Volksbank.

Achim Lüders, von der Immobilienabteilung der Sparkasse Schaumburg lässt Verkäufer da nicht im Unklaren. Er schaue bei der Bewertung einer Immobilie schon genau hin, vor allem bei der Heizungsanlage und rede dann mit dem Eigentümer, falls der eine unrealistische Preisvorstellung habe. Der energetische Zustand eines Hauses rangiere zwar inzwischen auf Platz zwei bei den Kriterien für einen Hauskauf. Doch die Lage einer Immobilie habe sich auf Platz eins behauptet. Was verständlich ist. Häuser kann man umbauen, ein Grundstück ist, wo es ist „Es gibt Kunden“, sagt Lüders, „die kaufen ein Haus nur wegen des Grundstücks, reißen die vorhandene Immobilie ab und bauen neu.“ Wer sein altes Haus verkaufen will, weil die Kinder aus dem Haus sind und drei Zimmer leer stehen, kann also überlegen, steckt er noch Geld in die Immobilie oder überlässt er die Sanierung dem Käufer oder gar den späteren Erben.

Dann gibt es noch ein Problem, das Hauseigentümer gern ausblenden: Polystyrolplatten sind zwar billiger als Mineralwolle, aber Styropor brennt, Mineralwolle nicht. Ein Großfeuer in Delmenhorst im vergangenen Jahr hat die Diskussion um die Gefährlichkeit dieses Dämmstoffs entfacht. Polystyrol ist nicht feuerfest, sondern lediglich schwer entflammbar. Ist die Hitze groß genug, wirkt der Stoff, der aus Rohöl hergestellt wird, wie ein Brandbeschleuniger. „Eine der Fachwelt allseits bekannte Tatsache“, meldet das Deutsche Institut für Bautechnik. Zum Glück, betont Rintelns Stadtbrandmeister Friedel Garbe, hätten seine Feuerwehrleute so ein Feuer noch nicht löschen müssen.

Dämmplatten altern, auch wenn die fachmännisch angebracht sind, das heißt Polystyrol vermischt mit Klebstoff und Armierungsgewebe. Apokalyptiker sehen deshalb in 20 bis 30 Jahren ein gigantisches Sondermüllproblem auf uns zurollen.

Bei minus 13 Grad, wenn die Heizung volle Pulle röhrt, fällt manchem Altbaubesitzer wieder auf, dass eine bessere Wärmedämmung fürs Haus keine schlechte Idee wäre. Was sich rechnet und was nicht, kann nur ein Experte sagen. Doch Dämmen wird Pflicht. Der Gesetzgeber will in diesem Jahr die Energieeinsparverordnung fortschreiben.



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