weather-image

Da wird geliebt, gefoltert und gemordet

Auf dem Bauernhof in der Hessendorfer Straße in Möllenbeck, wo die Schriftstellerin wohnt, braucht der Besucher nicht auf die Klingel zu drücken, um sich anzumelden. Diesen Job machen ihre Hunde. Dann toben aus der Haustür der Dobermann Rocky mit der Schulterhöhe eines Kalbs, gefolgt von Boxerhündin Paula und Lilly, der Französischen Bulldogge mit einem Gegeifer, als zerkaute sie gerade Glas.

veröffentlicht am 21.11.2011 um 00:00 Uhr

270_008_4988036_hi_henker.jpg

Autor:

Hans Weimann

Wer nach dem Auftritt dieses Trios weder dem Herzinfarkt erlegen noch geflüchtet ist, darf im Wohnzimmer der Schriftstellerin Platz nehmen. Auf einem Sessel. Nicht auf dem Sofa, das ist für die Hunde reserviert. Dann kommt der Kaffee.

Bettina Szrama, ist eine charmante Gastgeberin, die offen, mit Humor und Temperament erzählt und das ohne Punkt und Komma. Dann kommt der Moment, da nimmt man ihr neues Buch in die Hand, fängt an zu lesen und kriegt Probleme, die Möllenbecker Idylle, die fröhliche Frau und das Personal ihres Buches unter einen Hut zu bringen.

Es geht um die Hexenverfolgungen in Lemgo in den Jahren 1665 bis 1667. Auf fast jeder der 300 Seiten spritzt das Blut, wird gefoltert und gemordet. Die Sexualität in der lippischen Kleinstadt darf man sich verklemmt und gleichzeitig ungezügelt vorstellen: Bei weiblichen Besuchern macht „Mann“ im Rathaus sofort die Hose auf. Es ist eine provinzielle Hölle, bevölkert von durchgeknallten Sadisten.

270_008_4989378_hi_henker_3.jpg
  • Im Museum Rinteln sind in Glasvitrinen Folterwerkzeuge ausgestellt, wie hier Schraubzwingen, in die einst Arme oder Beine des Delinquenten eingespannt worden sind.

Das kommt emotional, ungefiltert und sehr direkt beim Leser an – ohne die bisweilen ironische Distanz eines Noah Gordon („Medicus“). Und man fragt sich unwillkürlich, wie kann diese Frau solche Folterszenen schreiben?

Bettina Szrama reagiert als Profi: Die Wirklichkeit sei sogar viel brutaler gewesen, sagt sie, auf Anraten des Verlages habe sie sogar auf manche Szene verzichtet.

Ein Blick ins Internet zeigt: Scharen von Historikern und Schriftstellern haben sich mit dem Thema beschäftigt. Doch erst Bettina Szrama hat aus dem Aktenstaub eine anrührende Horror- und Liebesgeschichte gemacht. Sogar ihr Happy End (wenn man es als solches sehen will) ist nicht erfunden: Ihre Heldin, Marie Rampendahl, überlebt die Folter und entkommt dem Scheiterhaufen.

Die Schriftstellerin nimmt ihre Figuren in Schutz: Die Menschheit sei nun mal so. Auch die Neuzeit keineswegs besser. Nur gebe es statt eines Streckbrettes eben andere Methoden. Worauf dem Zuhörer spontan Waterboarding, Elektroschocks und ähnliche Grausamkeiten einfallen.

Historische Folter ist heute Touristenattraktion: in Lemgo wie in anderen Städten. Berühmt ist das Kriminalmuseum in Rothenburg ob der Tauber, wo man die Quälinstrumente besichtigen kann. Vielleicht kommt ja ein Marketingexperte noch auf die Idee, passende Merchandisingartikel an Museumskassen anzubieten: Daumenschrauben in Miniatur als Schlüsselanhänger.

Wer sich bei Serienmördern aus Skandinavien heimisch fühlt, Thomas Harris („Das Schweigen der Lämmer“) mit Schauder genießt, ist auch bei Bettina Szrama richtig: Ihre Bücher sind keine Historienschinken im klassischen Sinn.

Da steigt aus den Seiten nicht der Muff der Jahrhunderte, sondern das sind flott geschriebene spannende und szenenreiche Krimis. Nur dass die bösen Buben hier hoch zu Roß um die Ecke biegen und nicht im Mercedes vorfahren.

Bettina Szrama surft auf einer Welle, die Bestsellerautoren wie Noah Gordon, Ken Follett und das Autorenduo mit dem Pseudonym Iny Lorentz („Die Wanderhure“) angeschoben haben. Und in dieser Liga kann die Möllenbeckerin inzwischen locker mithalten.

Sie ist auch als Frau, die in Kerker und menschliche Abgründe hinabsteigt, keineswegs Ausnahme in diesem Genre. Die Liste aktueller Titel wie „Die Totenleserin“, „Seelenhändler“, „Inquisition“, „Töchter der Sünde“, „Das Geheimnis der Alchimisten“ ist lang.

Schließlich sind die Scharfrichter und Hexenquäler noch vor den Vampiren aus der Gruft gestiegen. Highschool-Vampir Edward Cullen aus der Serie „Twilight“ macht sich gegen Szramas Henker wie ein harmloser Pausenclown aus.

Von Haus aus ist Bettina Szrama gelernte Dipl. Agraringenieurin und Pferdewirtin. Sie hat in einem Promistall bei Hannover die Rösser der VIPs trainiert und dort begonnen – logisch– Pferdegeschichten zu schreiben.

Doch die Rösser-Prosa ließ sich nicht gut verkaufen. So kam sie auf den Hund: Trull. Die Geschichte eines Boxerhundes schaffte es bis in die Buchhandlungen in Australien und damit, sagt sie, sei ihr klar geworden, schreiben könnte als künftiger Beruf eine Option werden.

Dann zog sie nach Lemgo. Dort habe sie fasziniert vor dem prächtigen Haus des Scharfrichters gestanden und sich die naheliegende Frage gestellt: Wie kann ein Scharfrichter so ein prächtiges Haus haben? Die Antwort auf diese Frage, das wurde ihr erstes großes Buchmanuskript.

Ein Manuskript, mit dem sie den zweiten Preis eines internationalen Literaturwettbewerbes für Nachwuchsschriftsteller in den USA gewonnen hat. Dann landete das Manuskript in der Schublade eines Schweizer Verlages und blieb dort liegen wie Blei. Was sie heute ihrer damaligen Unerfahrenheit im Literaturbetrieb zuschreibt. Doch wer zu DDR-Zeiten in Meißen geboren worden ist, kapituliert nicht im Haifischbecken des Verlagsgewerbes.

Heute hat Bettina Szrama einen Literaturagenten. Der setzte sie auch auf die Spur, wie Leser Historie erleben wollen. Spannung muss sein, Aktion muss rein und Sex selbstverständlich.

Also griff sie ins pralle Mittelalterleben mit Giftmischern, Räuberbräuten, Dieben und Huren. Die Sitten waren rau: Lief eine Debatte aus dem Ruder, hatte man schnell einen Degen zwischen den Rippen.

Was Bettina Szrama von manch anderem Autor unterscheidet: Ihre Figuren haben gelebt, sind historische Persönlichkeiten. Den Henker von Lemgo, David Clauss gab es tatsächlich, wie Heinrich Kerkmann und Hermann Cothmann, die in Lemgo Hexenverfolgung als persönliche Bereicherungskampagne betrieben haben.

Doch auch Bettina Szrama hat sich bei ihren Büchern Leservorlieben angepasst und Historie schon einmal zuliebe einer guten Story umgeschrieben. Wer will schon die schöne Räuberbraut Marie in „Die Hure und der Meisterdieb“ am Galgen enden sehen? Und ihr Henker von Lemgo zeigt Herz und zerdrückt eine Träne, während er seiner Liebsten die Beinschrauben anlegt.

Bettina Szrama schreibt modern: Ihr Räuberhauptmann Jaspar Hanebuth, zu dem Marie ins Bett hüpft, würde problemlos in einem Krimi der Jetztzeit als Mafiaboss durchgehen. Bettina Szrama hat längst eine treue Fangemeinde, die dank Internet und Facebook wächst und sie gibt offen zu: Ohne Internet hätte man als kleiner Autor keine Chance.

Ihre Giftmischerin, Gesche Gottfried aus Bremen, die 14 Morde auf dem Gewissen hat, wird bald in der 3. Auflage erscheinen. Und inzwischen rufen große Buchhändler an, ob sie nicht Interesse an einer Lesung hätte. Selbstverständlich hat sie.

Die Stadt Lemgo will ihr neues Buch auf ihre Internetseite stellen. Und auch die Kirche hat sich gemeldet und um eine Lesung gebeten. Kein Wunder, kommen bei Bettina Szrama die Pfaffen sogar in Zeiten der Hexenverfolgung noch ganz gut weg. Dabei sollte es die Kirche eigentlich besser wissen: Selbst Thomas von Aquin und Martin Luther waren die Weiber nicht geheuer.

Die Autorin liefert in ihrem neuen Buch schon auf den ersten Seiten starken Tobak: 17 Kinder und ihr Schulmeister müssen daran glauben, den der Henker unter dem Beifall des Pöbels nach allen Regeln seiner Kunst ins Jenseits befördert.

Bettina Szrama bürgt für Authentizität: Durch 200 Akten über die Hexenprozesse habe sie sich durchgewühlt: „Seit ich das Buch geschrieben habe, sehe ich Lemgo anders. Denn da ist ja noch alles da, die Häuser, die Gassen“.

Hätte sie im Mittelalter leben wollen? Sie denkt nach, nippt am Kaffee: „Lieber nicht“. Wo dann? Ihr fällt spontan ein: zurzeit von August, Kurfürst in Sachsen, einem Lebemann, der Frauen (möglichst viele), gutes Essen und die Kunst liebte. 300 uneheliche Kinder werden August dem Starken nachgesagt. Bettina Szrama weiß das auch und legt nach, wie um einem Missverständnis vorzubeugen: Sie hätte einen biografischen Hintergrund. Ihre Urgroßmutter väterlicherseits war adelig. Es gibt Spuren in die Zeit von August, zudem war die Familie in Sachsen ansässig mit einem polnischen Seitenzweig.

Es gehört zu ihrem Markenzeichen, alle Krimis regional anzusiedeln. Auch für Rinteln hätte sie schon eine Idee. Ihr fehlten, verriet sie, nur noch die Akteure, packende Einzelschicksale und Bettina Szrama hofft, dass Museumsleiter Dr. Stefan Meyer die vielleicht eines Tages liefern könnte. Den Titel eines historischen Rinteln-Krimis hätte sie schon: „Die Universität“. Womit sie wieder im Thema wäre. Hexen waren ja auch in Rinteln zu dieser Zeit nicht weit.

Die Bücher: „Die Hure und der Meisterdieb“ – ein Roman über den berühmten Räuber in Sachsen, Nickel List, der wohlhabende Bürger zwischen Thüringer Wald und Nordsee ausraubte und über seine Geliebte, die jüdische Anna von Sein.

„Die Giftmischerin“ _ die Geschichte der Bremerin Gesche Gottfried, die 14 Männer, Frauen und Kinder auf ihrem Weg nach oben tötete.

„Die Konkubine des Mörders“ – ein Thriller über einen Soldaten und Raubmörder aus Hannover im Dreißigjährigen Krieg, Jaspar Hanebuth. Auch hier fehlt eine deftige Liebesgeschichte nicht. Diese Bücher sind im Gmeiner-Verlag erschienen. Ihr neues Buch „Der Henker von Lemgo“ im Emos-Verlag Köln.

Drei Historienkrimis hat Bettina Szrama geschrieben. Auch in ihrem neuen Buch „Der Henker von Lemgo” bleibt sie ihren Themen treu. Wer Bettina Szrama googelt, findet sich wieder unter Räubern, Mördern, Huren, Brutalos und Sadisten, bevorzugt auf einem Folterstuhl oder auch schon mal in einer Kemenate. Denn auch Henker griffen gern unter Mädchenröcke.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt