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„Taste und Technik“: Das E-Piano fiept und brummt? Jens Lüpke hilft

„Da schwingt doch was mit!“

Wenn Max Herre, Adel Tawil oder Till Brönner Probleme mit ihren E-Pianos haben, schauen sie bei Jens Lüpke in Ahnsen vorbei. Fanta-4-Rapper Smudo hat ihm aus Dankbarkeit ein Butterbrot geschmiert. Warum bloß legen Rock-, Pop- und Jazzstars so viel Wert darauf, sich mit dem Mann gut zu stellen?

veröffentlicht am 09.01.2015 um 00:00 Uhr

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Die Antwort reicht tief in die Geschichte der populären Musik: Jens Lüpke (49) weiß alles über elektromechanische Pianos, vor allem über die sagenumwobenen Modelle von Harold Rhodes. Zwischen 1965 und 1985 waren sie aus Rock, Pop, Soul und Jazz nicht wegzudenken.

Vor zehn Jahren gründete der gelernte Feingeräte-Elektroniker Jens Lüpke in Ahnsen „Taste und Technik“. In der Kellerwerkstatt wartet und repariert er elektromechanische Pianos, vor allem Rhodes-Modelle, aber auch Wurlitzers und Clavinets.

Bei „Taste und Technik“ stehen von Zeit zu Zeit Instrumente herum, die Musikfans die Tränen der Rührung in die Augen treiben. Schauen wir doch mal nach: Rein ins Haus, ein paar Stufen hinunter, zweimal um die Ecke, und schon steht man vor einem Rhodes-Piano. Die Farbe der bauchigen Haube nennt sich „Avocado-Grün“.

Jens Lüpke in seiner Kellerwerkstatt in Ahnsen mit einem 46 Jahre alten Fender-Rhodes-Modell, „Student Piano“, in Avocado-Grün. Foto: wk

Vorsichtig hebt Jens Lüpke die Haube ab. Als Erstes fallen die 73 Filzhämmer auf, die sich millimetergenau aneinander schmiegen. In der Werkstattecke steht ein Eimer, in dem jene Filzhämmer liegen, die Lüpke ausgetauscht hat. „Ersatzteile besorge ich mir über die US-Firma Vintage Vibe.“ Er fischt einen Filzhammer heraus und streicht mit der Daumenkuppe drüber. „Das Ding ist völlig runtergespielt.“ Jetzt löst Jens Lüpke vorsichtig eine der Tasten aus dem Rhodes. Auf der linken Seite ist rot auf das Holz geprägt: „May 26“ und „1968“. Dieses sechsundvierzigeinhalb Jahre alte Piano gehört einem Hamburger Musiker, im Januar bekommt er es zurück – fast wie neu.

Wie kommt ein Rhodes-Piano an seinen charakteristischen Klang? Wenn der Musiker eine Taste antippt oder -schlägt, setzt er ein Kunststoffhämmerchen in Betrieb, dessen Gummikopf eine Art Stimmgabel zum Schwingen bringt. Diese „Stimmgabel“ ist nur einen Millimeter dünn. Nah dran ist ein Magnet montiert, der den Ton abnimmt, ähnlich wie bei einer E-Gitarre. Der Magnet bringt also das Schwingen zum Klingen. „Taste-und-Technik“-Mann Jens Lüpke mag, was so entsteht: „Der Klang ist völlig anders als bei einem Klavier, weil die ,Stimmgabel‘ natürlich anders funktioniert als eine Saite.“

Das E-Piano ist ein Kind des Zweiten Weltkriegs. Der Amerikaner Harold Rhodes (1910 bis 2000), ein Bastler und Schrauber vor dem Herrn, hatte nach einer Möglichkeit gesucht, kriegsverletzten Soldaten im Lazarett das Klavierspielen beizubringen. Also schraubte und lötete er ausrangierte Flugzeugteile zu einer elektromechanischen Tastatur zusammen. Die konnte auch bedienen, wer im Bett sitzen musste. „Rhodes’ Idee war: Wenn die Leute nicht zum Klavier kommen können, muss das Klavier eben zu den Leuten kommen“, sagt Jens Lüpke.

Nach dem Krieg pusselte Harold Rhodes weiter an seiner Idee. 1959 stieg mit Leo Fender ein anderer Selbermacher ein. Fender hatte mit der Stratocaster eine legendäre E-Gitarre erfunden, deren hervorstechendstes Merkmal ihre schlichte Konstruktion war. Sie besteht aus einem Brett, an das man einen „Hals“ montiert, um die Saiten befestigen zu können. „Der Marketingmann Leo Fender half Harold Rhodes’ E-Piano-Firma zum Durchbruch“, erklärt Jens Lüpke. Viel Aufmerksamkeit verschaffte Ray Manzarek, Keyboarder der „Doors“, dem Instrument, indem er Jim Morrisons Gesang mit dem Fender-Rhodes-Sound andickte. „Der Schlüssel zum Erfolg war aber eine Jazz-Platte“, erzählt Jens Lüpke, „nach ,Bitches Brew‘ von Miles Davis wollten alle so ein E-Piano haben.“

Ende der siebziger Jahre begann der Einfluss der E-Pianos zu schwinden, weil billige Synthesizer den Markt überschwemmten, die digital tickten. 1984 wurde das letzte Rhodes-E-Piano gebaut, ein Mark V. „War eine ziemlich hässliche Plastikwanne“, sagt Lüpke. Als Harold Rhodes 1997 starb, wanderten die Patentrechte durch die Welt, zeitweise gehalten von windigen Typen. „Inzwischen sind die Rechte frei, und die US-Firma Vintage Vibe baut Instrumente, die dem Rhodes ähneln“, sagt Jens Lüpke.

Das E-Piano interessiert und fasziniert Jens Lüpke, seit er sich vom Konfirmations-Geld so ein Ding kaufte. Unterricht hat er nie genommen, „bis auf ein paar Stunden bei meiner Oma“. Aber immer schon hat Lüpke in Bands gespielt. Als junger Mann bei „Wild Banana“, heute bedient er das Vibraphon bei „Spontaneous Storytelling“. Deren Stil heißt laut Selbstauskunft „elektromechanischer Jazz mit Stimmbeigabe“.

Nachdem Jens Lüpke 2004 „Taste und Technik“ gegründet hatte, machte er sich schnell einen Namen in der E-Piano-Szene. Es hieß: „Probleme mit dem Rhodes? Geh zu Lübbi!“ Seinen allerersten offiziellen Arbeitstag wird der Ahnser nicht vergessen. „Mittags klingelte das Telefon: Ein Techniker, der zum Team von Max Herre gehörte, spielte mir am Telefon ein Instrument vor, das fies brummte – und in ein paar Stunden sollte das Konzert in der ,Großen Freiheit‘ anfangen. Also habe ich einen Lötkolben und eine Druckluft-Dose eingepackt und bin nach Hamburg gedüst.“

Irgendwann stupste ihn Smudo an, Rapper bei den „Fantastischen 4“, der auch hinter den Kulissen herumwuselte: „Gut gemacht, Jens, ich schmiere Dir jetzt erst mal ein Butterbrot.“

Viele Musikfans und Musikmacher hätten den seelenlosen Sound satt, den Computer erzeugen, erklärt Jens Lüpke. „Dann steigen sie auf den Boden oder in den Keller, kramen die verstaubten Rhodes’ hervor und brauchen Hilfe, um sie wieder flott zu machen.“ Auch er habe eine „digitale Phase“ durchlaufen, räumt er ein. Aber „obwohl Computer nicht gestimmt werden müssen und leicht zu transportieren sind, macht das alles keinen Spaß“. Wer ein E-Piano spiele, könne sich an einem „taktilen Feedback“ freuen: „Da schwingt doch was mit!“ Mitschwingen: Das können Computer in der Tat nicht.

„In Deutschland gibt es nur noch drei weitere Fender-Rhodes-Spezialisten, mit denen tausche ich mich natürlich aus“, sagt Lüpke. Als Ein-Mann-Betrieb arbeitet er von zu Hause aus, so kommt die Familie nicht zu kurz. „Der Retro-Trend sichert mein Auskommen, ich will das Geschäft gar nicht erweitern“, sagt er. „Was mir besonders gefällt, sind die netten und interessanten Menschen, die ich kennenlerne.“ Auszug aus seiner Kundenliste: Max Herre, Die Fantastischen 4, Mousse T., Adel Tawil, Die Sterne, Till Brönner, Sebastian Krumbiegel, Buddy Casino, Nils Frahm; dazu kommt die Creme de la creme der deutschen Studiomusiker.

Dass Jens Lüpkes Arbeit-und-Leben-Modell funktioniert, lässt sich an der Zeit ablesen, die ein Kunde warten muss, bis er mit einer Reparatur an der Reihe ist: Derzeit sind es mindestens 32 Wochen. Wahrscheinlich müsste sich auch Prince hinten anstellen, wenn er in Ahnsen anriefe. Hetzen lässt sich Jens Lüpke nämlich von nix und niemandem.



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