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Ob als Co-Pilotin oder als Bordtechnikerin: Fliegen ist längst keine Männerdomäne mehr

Cockpit in Frauenhand

Wenn mal wieder eine Transall der Luftwaffe über den Landkreis hinwegfliegt, ist es gut möglich, dass Birgit Haase und Sarah Eichstetter mit an Bord sind. Sie gehören zur Fliegenden Staffel des Fliegerhorsts Wunstorf – und dort sind Frauen auf dem Vormarsch. Schon bald könnte eine ausschließlich weibliche Crew zu einem Einsatz in eine Krisenregion starten.

veröffentlicht am 11.03.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 19.04.2013 um 14:06 Uhr

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VON VERENA INSINGER

Leutnant Birgit Haase betritt die Cafeteria der 1. Fliegenden Staffel in Wunstorf. Sie trägt einen olivgrünen Overall, an der Brust prangt das Wappen des Lufttransportgeschwaders 62, am Arm die deutsche Flagge. Ihre langen Haare hat die 30-Jährige zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Die grüne „Kombi“ gleicht denen von Rennfahrern – und der Vergleich ist nicht abwegig: Birgit Haase steuert zwar keinen Rennwagen, dafür aber die Transall. Sie ist Co-Pilotin bei der Bundeswehr.

Birgit Haase liebt die Fliegerei und hat ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht. Erst bei der zivilen Luftfahrt, dann bei der Bundeswehr. „Die Airline, für die ich geflogen bin, hat dichtgemacht. Da musste ich mich umsehen“, erinnert sich die gebürtige Paderbornerin. Gelandet ist sie vor vier Jahren bei der Luftwaffe.

Mit 26 Jahren noch einmal bei null anzufangen, ist ein hartes Brot, denn auch als Flugzeugführerin musste sie die Grundausbildung absolvieren: Drei Monate lang früh aufstehen, die Stube mit Kameradinnen teilen, militärischen Gehorsam lernen – das sei als Erwachsene nicht leicht, sagt Haase. Als Quereinsteigerin ist sie in diesem Alter bei der Bundeswehr eine Seltenheit.

Häufig habe sie in dieser Zeit gezweifelt, habe sich gefragt: Wofür das alles? „Nachts auf Patrouille, bei Minustemperaturen, todmüde – da will man schon mal hinschmeißen“, erinnert sich die sympathische Soldatin. Doch sie hatte nur ein Ziel vor Augen: Endlich wieder zu fliegen.

Nach der Grundausbildung folgte die Offiziersschule, Lehrgänge und dann endlich hielt sie ihre Musterberechtigung in Händen. Seitdem ist Leutnant Birgit Haase unzählige Male mit der Transall C 160 in Wunstorf gestartet und gelandet. Bislang ist sie an der Seite des Piloten – bei der Bundeswehr sagt man des Kommandanten – in die USA, nach Afrika und innerhalb Europas geflogen – einer hin, der andere zurück. Um Kommandant zu werden, und die Verantwortung an Bord zu tragen, müsste Haase einen weiteren Lehrgang absolvieren. So lange bleibt sie Co-Pilotin. Eine Kameradin von ihr ist aber bald Kommandant, dann könnte eine Transall nur mit Soldatinnen starten.

Bald geht es für Birgit Haase in den Kongo, dort zieht das belgische Militär-Camp um. Mit der Transall werden 250 Tonnen von A nach B geflogen. Alle Transall-Einsätze werden vom europäischen Lufttransportkommando in Eindhoven koordiniert. In Krisengebieten war sie bisher noch nicht, aber bald hat sie genug Erfahrung und die nötigen Lehrgänge absolviert. Angst hat sie keine, sagt sie.

Haase fühlt sich wohl in ihrer Fliegenden Staffel. Wenn sie nicht im Cockpit der Transall sitzt, plant sie Einsätze und aktualisiert den Kartenraum. Im vergangenen Jahr war die Co-Pilotin nur 90 Stunden in der Luft – ganz zu ihrem Bedauern.

Die C 160 ist der 30-Jährigen ans Herz gewachsen. Aufregung vor dem Start kennt sie nicht, Fliegen sei genauso selbstverständlich wie Autofahren. „Immerhin fliege ich länger, als dass ich einen Führerschein besitze.“ Schon mit 16 Jahren hat sie an einer zivilen Flugschule angefangen, als 21-Jährige besaß sie den Flugzeugführerschein.

Und auch in der Freizeit bekommt die Neu-Wunstorferin vom Fliegen nicht genug. Dann mietet sie sich mit ihrem Lebensgefährten ein Sportflugzeug und fliegt mit ihm auf eine Insel. Ihr Partner arbeitet übrigens auch am Fliegerhorst Wunstorf, als Techniker. Kennengelernt haben sie sich auf einem Flug mit der Transall.

Auch für Sarah Eichstetter ist die Transall der Arbeitsplatz, sie ist die erste und bislang einzige weibliche Bordtechnikerin bei der Luftwaffe, stationiert auf dem Fliegerhorst in Wunstorf. Auf den Schultern der 27-Jährigen lastet viel Verantwortung – vor, während und nach dem Flug. Ohne ihr Okay hebt die Transall nicht ab.

Der weibliche Oberfeldwebel checkt vor dem Flug von außen, ob alle Wartungsklappen geschlossen sind und zum Beispiel, ob die Maschine undicht ist. Dann fährt Eichstetter die Systeme hoch. Sie ist neben dem Piloten und dem Co-Piloten die dritte Person im Cockpit. In der Hand die Checkliste, fliegen ihre Augen während des Flugs über die Kontrolllampen und Anzeigen der Mittelkonsole. Hunderte Grenzwerte beherrscht die junge Frau aus dem Effeff.

Mit 17 Jahren ist Sarah Eichstetter zur Bundeswehr gekommen. „Ich wollte Kfz-Mechaniker werden. Die Betriebe haben mich jedoch abgelehnt. Die Begründung waren meistens fehlende Sanitäranlagen für Frauen“, sagt die 27-Jährige und schüttelt immer noch ungläubig den Kopf. Nach einem Gespräch mit dem Wehrdienstberater stand für die gebürtige Nürnbergerin fest, dass sie ihr technisches Interesse bei der Bundeswehr zum Beruf machen will.

Seit 2001 erst sind alle beruflichen Sparten bei der Bundeswehr auch für Frauen zugänglich. Bei den Bordtechnikern ist Eichstetter die Vorreiterin und mittlerweile sogar Meister. Als Frau bei der Bundeswehr und im Speziellen noch im männerdominierten technischen Bereich fühlt sich die 27-Jährige sehr wohl. Bei ihrer Entscheidung für die Bundeswehr sei sie im Freundeskreis aber auch auf Unverständnis gestoßen. Doch die junge Frau hat sich nicht beirren lassen.

Und auch zehn Jahre später ist klar: „Ich möchte Berufssoldatin werden.“ 2015 sind ihre 15 Jahre Dienstzeit um. Wie es für sie als Bordtechnik-Meister weitergeht, ist offen. Mit der Einführung des Airbus A 400 M verändern sich Aufgabengebiete. Bei dem neuen Flugzeug gibt es den Bordtechniker und den Ladungsmeister wie noch bei der Transall nicht mehr. Beide Bereiche werden beim Airbus vom sogenannten technischen Ladungsmeister (technical loadmaster) übernommen.

Eichstetter: „Ich hoffe natürlich, dass ich für den Dienst auf dem Airbus umgeschult werde und weiter fliegen kann.“



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