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Nichts verstanden? Macht nichts: Im täglichen Sprachgebrauch spielen „Jugendwörter“ kaum eine Rolle

„Chabos wissen, wer der Babo ist“

Jedes Jahr neu veröffentlicht der Langenscheidt-Verlag ein „Jugendwort des Jahres“, und unausweichlich sind dann stets dieselben Kommentare. Sie reichen von „nie gehört“ über „kenn ich, aber benutze ich nicht“ bis hin zu „das verwendet man doch nur mit Ironie“. Während ältere Leute auf die Jugendwörter verwundert wie auf unbekannte Fremdworte gucken, distanzieren sich die Jugendlichen oder lachen darüber, dass ein Verlag meint, per Online-Umfrage Jugendsprache dingfest machen zu können.

veröffentlicht am 30.11.2013 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 30.05.2017 um 09:32 Uhr

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Autor

Cornelia Kurth Reporterin zur Autorenseite

„Babo“ ist das erwählte Jugendwort für 2013. Es erfuhr besonders durch einen Song des Rap-Künstlers „Haftbefehl“ Popularität und bezeichnet darin auf nicht ganz ernst gemeinte Weise den „Anführer“ einer Gruppe, abgeleitet aus dem orientalisch-sprachigen Wort „Baba“ für „Vater“. Schenkt man dem Langenscheidt-Verlag Glauben, dann ist „Babo“ deutschlandweit verbreitet, spielt in der Kommunikation unter Jugendlichen eine große Rolle und drückt dabei das aktuelle Multi-Kulti-Lebensgefühl vieler junger Leute aus. Auf Platz zwei liegt „fame“, ein Adjektiv, verwendet im Sinne von „toll“ oder „berühmt, gefolgt von „gediegen“, ebenfalls als anerkennendes Adjektiv eingesetzt mit Ursrpung im Hip-Hop. Platz vier belegt die Phrase „in your face“, was so viel heißt wie: „Dir habe ich es gegeben!“ und schließlich ist da noch „Hakuna matata“, angeblich gern gesagt anstelle von: „Alles klar, es gibt keine Probleme“.

Doch selbst auf der Internetseite zum Jugendwort, auf der insgesamt etwa 800 Beiträge mit Wortvorschlägen hinterlassen wurden, finden sich kritische Stimmen. Es gäbe nicht die eine Jugendsprache und die angegebenen Worte seien reine Phantasieprodukte, so formuliert es ein Teilnehmer und schreibt weiter: „Ich denke mal, hier geht es nicht wirklich darum, unsere derzeitige Jugendkultur zu erkennen und zu definieren, sondern darum, den Erwachsenen zu zeigen, wie anders wir sind und was die ,Jugend‘ wieder so treibt.“

Diese Ansicht teilt er nicht nur mit weiteren Kommentatoren, sondern auch mit Professor Peter Schlobinski (59), Vorstand in der „Gesellschaft für deutsche Sprache“ und Medienwissenschaftler an der Leibniz-Universität Hannover, der sich seit vielen Jahren mit dem Thema Jugendsprache befasst.

„Das Ganze ist ein durchaus geschickter inszenierter Marketing-Trick, eine Werbekampagne für das jährlich erscheinende Lexikon ‚100 Prozent Jugendsprache‘“, sagt er. „Wissenschaftlich gesehen ist die Wahl eines Jugendwortes, ja überhaupt das Festschreiben einer Jugendsprache ausgesprochen zweifelhaft.“ Wenn etwas die Sprache der Jugend charakterisiere, dann eine Experimentierfreudigkeit, die ständig Neues hervorbringe und von Szene zu Szene, von Ort zu Ort jeweils völlig unterschiedlich sei. Von all den Sprachspielereien, die täglich entstünden und nach kurzer Zeit wieder vergessen seien, schafften nur einige, wenige den Vorstoß in die echte Umgangssprache. „Das Experimentieren ist es, was die Jugendlichkeit ausmacht“, betont er.

„Babo“ sei in Wirklichkeit ein Produkt der Medien, lanciert und beschleunigt durch die Videoplattform YouTube und soziale Netzwerke wie Facebook, durch die der Rap-Song sich im Handumdrehen verbreitete und damit die Titelzeile: „Chabos wissen, wer der Babo ist“. (Chabo kommt aus der Sprache der Sinti und Roma, wo „Chab“ „Junge“ bedeutet). Das neue Jugendwort habe sich nicht aus einer Kommunikation unter Jugendlichen entwickelt, es sei nur ein Wort unter unendlich vielen, die in manchen Kreisen eine kurzfristige Popularität erhalten, ohne im alltäglichen Sprachgebrauch wirklich Bedeutung zu haben. „Niemand weiß, wer bei der Abstimmung eigentlich mitmachte, was die ausgewählte Jury qualifizierte, ob das Wort tatsächlich gehäufte Verwendung findet“, so der Sprachwissenschaftler.

Als im letzten Jahr das aktuelle Lexikon der Jugendsprache erschien, testete Peter Schlobinski die Auswahlliste an seinen 18- bis 20-jährigen Studenten. „Es kam, wie ich es mir schon vorher dachte“, sagt er. „Die meisten der Wörter waren ihnen zwar irgendwie bekannt, aber so gut wie nie im eigenen Sprachgebrauch dabei oder im Gebrauch von jemandem, mit dem sie zu tun hatten.“ Wenn man überhaupt von einer „Jugendsprache“ reden wolle, dann müsse man sie je nach Herkunftsszene differenzieren. „Boah, Alter“, „Deine Mudda“, „Coole Story, Bro“ oder „Isch mach disch Messer“ zum Beispiel, das seien Ethno-Mischungen aus verschiedenen Sprachen, die, so weit er sehen könne, fast nur in Form von Ironisierungen weitergetragen würden, oft angeregt durch kabarettistische Vorbilder, mit denen dieser oder jener „Kiez“ aufs Korn genommen werde.

Trotz allem sei es prinzipiell keinesfalls sinnlos, dem Begriff einer Jugendsprache nachzuspüren. „Allgemein lässt sich sagen, dass Jugendliche viel gefühlsbetonter kommunizieren als Erwachsene“, sagt er. „An erster Stelle stehen Verstärkungsausdrücke, von denen sich ja eine ganze Reihe über die Jahre zum sprachlichen Allgemeingut entwickelt hat, ,geil‘, ,fett‘, ,krass‘ etwa.“

Er selbst könne sich noch gut daran erinnern, wie ihn seine Eltern damals kritisierten, wenn er den lässigen Ausdruck „ey“ verwendete, um jemanden anzusprechen oder gegen etwas zu protestieren. „Das war in ihren Augen so negativ besetzt, wie ein Kraftausdruck, dabei enthält ’ey‘ ja nicht mal eine sexuelle oder fäkale Anspielung.“

Interessant ist auch ein Blick in die lange Liste der insgesamt vorgeschlagenen Wörter für das „Jugendwort 2013“. Unter den vielen hundert Vorschlägen wird „Babo“ nur einige Male genannt, im Gegensatz etwa zu „Yolo“ oder „Swag“, den beiden Siegern aus den Vorjahren. „Yolo“ ist die Abkürzung für „You only live once“, „Swag“, abgeleitet vom englischen „swagger“ für „prahlen, stolzieren“, soll jugendsprachlich angeblich für eine besonders coole Ausstrahlung stehen. Ganz sicher ist das aber nicht, wissen die meisten derjenigen, die das Wort auch diesmal vorschlugen, selbst gar nicht, was es bedeuten soll, so unterschiedlich gestalten sich die „Übersetzungen“. Man kann getrost annehmen, dass es einzig die Kürung zum Jugendwort des Jahres war, die beide Ausdrücke überhaupt auf breiterer Basis bekannt machten.

Hätte man die Vorschlagsliste wirklich gewissenhaft herangezogen, wäre ein ganz anderer Themenbereich in den Vordergrund getreten, all die Ausdrücke nämlich, die sich auf Mädchen und auf Sex beziehen. „Salamiparty“ – eine Party, auf der nur Jungs anwesend sind; „Nahkampfstachel“ für einen zu kurz geratenen Penis; „Bitch-Canyon“ für die Kratzspuren, die ein zickiges Mädchen im Jungsgesicht hinterlässt, oder, wie einer scherzhaft schreibt: „Schomate – Geschlechtsverkehr, bei dem man Schokolade isst und ein Tomatenkostüm trägt, Beispielsatz: Ich übe heute Schomate aus.“

Zahllos sind ebenfalls Wörter wie „Hoimel“ (Trottel, Idiot); „fritz“ (Bezeichnung für seltsames Verhalten: fritz, fritzer, dummfritz); „Matsch am Paddel haben“ (leicht gestört sein) oder „minus“ (Du bist sowas von minus, du Minusmensch). Und dann sind da noch jede Menge Umschreibungen für das unentwegte Spielen von PC- und Onlinespielen, angefangen bei der altbekannten Bezeichnung „Kellerkind“, über „Molo“ (Max only lives online) bis hin zum Verb „suchten“, ein Synonym für „zocken“, was wiederum „spielen“ bedeutet.

„Ob das nun spezielle Jugendsprache ist?“, fragt sich Professor Schlobinski. „Viele Ausdrücke könnten Erwachsene ebenso benutzen, andere erscheinen mehr oder weniger frei erfunden zu sein.“

Er habe schon manchmal darüber nachgedacht, ob er sich nicht einfach mit einem Nicknamen an der Jugendwortsuche beteiligen solle, mit einem selbst kreierten Wort, das er dann einschmuggeln würde. Bei seinen Forschungen zur Chat-Sprache, also der äußert ökonomisiert verkürzten Art, wie junge Leute sich übers Internet schriftlich fast so schnell wie sonst nur mündlich unterhalten, da habe er locker mitmischen können, ohne dass es jemandem aufgefallen sei. Sein Vorschlag, wie man der alljährlich wiederkehrenden Diskussion darüber, ob das Jugendwort des Jahres überhaupt eine Relevanz habe, begegnen könne: „Man sollte nicht den abwegigen Anspruch stellen, ein real existierendes Jugendwort auszuzeichnen. Viel besser und diskussionswürdiger wäre es doch, einen Ausdruck zu suchen, mit dem Jugendliche etwas Treffendes, Griffiges über ihre Lebenswelt sagen, ohne dass damit behauptet würde, es handele sich um ein wirklich universal benutztes Wort.“

„Babo“ heißt nichts anderes als „Boss“. Der Begriff ist jüngst zum „Jugendwort des Jahres“ gewählt worden. Doch die Meinungen zum vermeintlichen Lieblingswort Heranwachsender gehen weit auseinander. Wie nah dran an der Lebenswelt Jugendlicher ist das Urteil der Slang-Jury wirklich?

Der Rapper „Haftbefehl“ prägte mit seinem Song „Chabos wissen, wer der Babo ist“ das Jugendwort des jahres 2013. dpa (2)



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