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Car-Sharing – bald auch in Schaumburg?

Fahrgemeinschaften vom Wohnort zum Arbeitsplatz schonen die Umwelt und den Geldbeutel. Bislang gibt es das sogenannte „Car-Sharing“ nicht im Landkreis Schaumburg. Doch das könnte sich bald ändern. Für ein solches Projekt gibt es allerdings zahlreiche Dinge zu beachten. Und man braucht einen langen Atem.

veröffentlicht am 24.06.2011 um 00:00 Uhr

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Auf den kostspieligen Besitz eines eigenen Autos verzichten und trotzdem jederzeit einen Wagen zur Verfügung zu haben, das ist die Grundidee des sogenannten „Car-Sharing“. Eingedenk der Tatsache, dass viele private Autos die meiste Zeit gar nicht genutzt werden, teilen sich mehrere Menschen die Kosten für ein Fahrzeug, dessen Instandhaltung die Aufgabe eines entsprechenden Vereines oder Unternehmens ist. In einer Großstadt wie Hannover funktioniert das wunderbar. Aber: Ist Car-Sharing auch in den kleinen Städten des Landkreises Schaumburg möglich?

„Ja, durchaus – unter gewissen Umständen“, erklärt Andreas Krämer von „stadtmobil“ in Hannover, einem deutschlandweit agierenden Unternehmen, das aus dem 1992 gegründeten Verein „Ökostadt“ hervorging. Eingeladen von den Grünen, informierte er in Rinteln über die Funktionsweise des Car-Sharing und erläuterte am Beispiel der Weserstadt, welche Grundbedingungen erfüllt sein müssen, damit das Modell des Autoteilens auch in einer Kleinstadt umsetzbar wäre. Dabei war einigen der interessierten Besucher zunächst gar nicht klar, warum es hier überhaupt Probleme geben sollte. Müssen sich denn nicht nur ein paar Leute zusammentun und gut?

So einfach ist das nicht. Selbst wenn Nachbarn sich auf privater Basis ein Auto teilen, müssen verbindliche Verträge geschlossen werden, die die Besitzverhältnisse klären, festschreiben, wie man die Kosten für die Wartung des Wagens teilt und was passiert, wenn jemand das Auto beschädigt. Das kann zu unangenehmen Streitigkeiten führen, und so entstanden ab Mitte der 80er Jahre überall in Deutschland Vereine, die zu Besitzern der Leihwagen wurden und die Bürokratie des Teilens verwalten. Inzwischen gibt es mehrere große Unternehmen wie „stadtmobil“, die eine Art alternativen Autoverleih darstellen.

In der Variante des Unternehmens „stadtmobil“ werden Daten eines Fahrers, zum Beispiel gefahrene Kilometer, auf einer Karte gespeichert und über ein elektronisches Lesegerät eingelesen. Diese werden dann an die Zentrale von „stadtmobil“ übermittelt.

„Man braucht eine größere Anzahl von Teilnehmern, damit sich das Car-Sharing lohnt“, so Andreas Krämer. „Schließlich zahlt nur, wer das Auto auch wirklich nutzt. Wenn es zu viel herumsteht, sind für uns die Unterhaltungskosten zu hoch.“

In Hannover nehmen bis jetzt 3500 Menschen am Car-Sharing teil. Ihnen stehen an 68 verschiedenen Standorten insgesamt 145 Autos unterschiedlicher Klassen zur Verfügung. Auf einen Wagen kommen also durchschnittlich etwa 24 Nutzer, genauer: Jeder Nutzer hat die Möglichkeit, auf jedes der „stadtmobil“-Fahrzeuge zuzugreifen. Dadurch gibt es auch in den Brennzeiten so gut wie nie einen Engpass.

Andreas Krämer und sein Team hat durchaus Erfahrung mit dem Car-Sharing in Städten mit weniger als 50 000 Einwohnern. Wunstorf zählt dazu, auch Wennigsen oder Langenhagen. „Das geht aber nur, weil sich unsere Mitarbeiter dort sehr gut auskennen, wissen, wo ein Bedürfnis nach einem Leihwagen besteht, welcher zentrale Parkplatz für die Wagen geeignet ist und wo sich Werkstätten befinden, mit denen wir zusammenarbeiten können.“

In Hameln, wo „stadtmobil“ vor einigen Jahren einen Car-Sharing-Standort einrichten wollte, seien sie „grandios gescheitert“. Die Autos wurden zu wenig genutzt, unter anderem deshalb, weil die Abstell-Stationen für viele potenziell Interessierte zu weit von ihrem Wohnort entfernt lagen.

Wer am Car-Sharing teilnimmt, zahlt eine Aufnahmegebühr von momentan etwa 80 Euro, hinterlegt eine Kaution, die bei Vertragsende unverzinst zurückgezahlt wird, und leistet einen monatlichen Grundbetrag von 5 Euro. Danach wird die Zeit der Ausleihe mit 2 Euro pro Stunde berechnet und eine Kilometerpauschale erhoben. Das Auto öffnet man mit einer „stadtmobil“-Card, die dann über ein elektronisches Lesegerät alle Daten an die Zentrale übermittelt. Einmal im Monat kommt die Rechnung. Tanken muss, wer mehr als drei Viertel des Tanks leer gefahren hat – das wird ebenfalls über eine Karte abgerechnet – Wartung, Werkstattkosten, Steuer und Versicherung übernimmt das Unternehmen.

Dieses Verfahren lohnt sich für Privatleute oder auch Firmen, Vereine und städtische Institutionen, wenn pro Jahr unter 10 000 Kilometer gefahren werden. Eine Beispielrechnung zeigt, dass ein neuwertiger privater Kleinwagen, mit dem man durchschnittlich 500 Kilometer pro Monat fährt, regelmäßig etwa 360 Euro Kosten verursacht. Ein vergleichbar genutzter Car-Sharing-Wagen würde dagegen monatlich nur 210 Euro kosten. Ein weiterer Vorteil dabei: Je nach Vorhaben kann man sich einen Kleinwagen, einen Kombi oder einen Transporter mieten.

Andreas Krämer reiste mit einem Ford Fiesta von Hannover nach Rinteln – vier Stunden Ausleihe und 140 Kilometer Strecke kosteten ihn um die 30 Euro. Das Auto stand 150 Meter von seiner Wohnung entfernt parat, und überhaupt müssen die Car-Sharing-Teilnehmer in Hannover selten mehr als 300 Meter Fußweg zum gewünschten Wagen überwinden.

In einer kleinen Stadt wie Rinteln, Bückeburg, Bad Nenndorf oder Hessisch-Oldendorf sähe das allerdings anders aus. Selbst wenn hier eine mindestens zweistellige Anzahl von Teilnehmern zusammenkäme, hätten es Menschen aus den Stadtrandgebieten viel weiter bis zum Leihauto, das irgendwo in der Innenstadt einen genehmigten Parkplatz finden müsste. Und das wäre nicht die einzige Komplikation.

Während in großen Städten auch eine große Anzahl unterschiedlicher Leihwagen stationiert werden können, wäre es in Kleinstädten nur eines, höchstens zwei. In Stoßzeiten, wenn viele Leute gern das Auto nutzen würden, gäbe es keine Alternative, und von einer Auswahl an Wagentypen könnte auch nicht die Rede sein. Muss das Auto in die Werkstatt, wäre das gesamte Car-Sharing lahmgelegt. Andreas Krämer gibt zu, dass es genau diese Punkte sind, die das Car-Sharing in einer Stadt wie etwa Rinteln erschweren. „Man müsste eruieren, wer ein Interesse an so einem Leihwagen hat und wie man die unterschiedlichen Interessen unter einen Hut bringen könnte.“

In Wennigsen zum Beispiel, das 14 000 Einwohner hat, teilen sich 24 Teilnehmer einen einzigen Kleinwagen, der in der Nähe des Bahnhofs steht und für die Nutzer fast durchgängig den Zweitwagen ersetzt. Die Mieter buchen ihre Fahrzeiten rechtzeitig und es stellte sich heraus, dass jeder seinen eigenen Rhythmus für die Nutzung hat. Spontanfahrten seien eher selten, das Konzept ginge in Wennigsen prima auf, sagt Krämer.

Was Rinteln betrifft, so hatten die Besucher der Informationsveranstaltung bereits einige Ideen, wie man auch hier ein Car-Sharing einführen könnte. Ursula Helmhold von den Grünen, Albrecht Schäffer vom Familienbüro und auch Thomas Rinnebach, Vertriebsleiter bei den Stadtwerken, sie konnten sich durchaus vorstellen, dass ihre Institutionen sich am Car-Sharing beteiligen. Auch von der Stadtverwaltung war vorsichtig signalisiert worden, dass ein grundsätzliches Interesse bestünde. Damit wären regelmäßige Nutzer garantiert, denen sich dann auch Privatleute anschließen könnten, die nicht täglich ein Fahrzeug benötigen.

Als sich die Gruppe den blauen Fort Fiesta auf dem Marktplatz ansieht und von Andreas Krämer vorführen lässt, wie man die Card über einen Identifikationspunkt an der Fensterscheibe führt, damit die Tür öffnet, seine PIN in das Lesegerät eingibt und dann einfach losfahren kann, kommt eine reizvolle Ergänzung des Car-Sharing-Programms zur Sprache. „stadtmobil“ Hannover arbeitet mit anderen deutschlandweit verbreiteten „stadtmobil“-Unternehmen zusammen, ebenso wie mit weiteren großen Car-Sharing-Unternehmen wie zum Beispiel „Cambio“.

Wer Mitglied ist, kann in vielen Städten des Landes die dort stationierten Wagen zum selben Tarif wie in der Heimatstadt benutzen und erspart sich damit Taxi oder den Leihwagen für einen Ausflug.

„Man muss einen langen Atem haben, um das Car-Sharing zu installieren“, so Krämer. „Entscheidungsprozesse rund um das Auto brauchen ihre Zeit. Oft ist der nächste TÜV-Termin oder hohe Werkstattkosten der Anlass, sich dem Car-Sharing anzuschließen. Für Firmen oder kommunale Einrichtungen könnte das eine Alternative zum Leasing sein. Wenn Car-Sharing denn vor Ort existiert.“

Kontaktformular: Auf der Internetseite der Grünen, www.gruene-schaumburg.de, unter „Ortsverband Rinteln“, besteht die Möglichkeit, über ein Kontaktformular sein Interesse zu bekunden.



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