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Die wechselhafte Geschichte von Schloss Arensburg

Burg, Lustschloss, Autobahnraststätte

Eine Burg, die häufig den Besitzer wechselt? So ungewöhnlich ist das gar nicht. Früher erledigte man das mit Feuer und Schwert. Die Sanierung übernahm leibeigene Bauernschaft. Heute wechseln Schlösser gegen Geld. Die Arensburg gehörte dem Fürstenhaus, der Autobahnverwaltung, Finanzdienstleistern, einem Erfinder, einer Zahnärztin, einem Makler. Am Donnerstag hat die Burg ein Immobilieninvestor ersteigert.

veröffentlicht am 18.12.2015 um 19:32 Uhr
aktualisiert am 19.12.2015 um 14:33 Uhr

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Autor:

Hans Weimann

Die Arensburg ist im Mittelalter ein Mikrokosmos mit Stallungen, Scheunen, Kalköfen, Pferdeställen, Mühlen, Schmieden und Fischteichen. Da tobt das Leben. Und im Dunkeln langen Fisch- und Holzdiebe zu. Es ist eine Burg, die viele Träume scheitern ließ. Manchmal müssen die Schlossgeister gedacht haben, die jeweiligen Schlossherren sind von allen guten Geistern verlassen. 1385 erstmals urkundlich erwähnt ist die Burg 1550 schon wieder eine Ruine. 1816 baut sie Fürst Georg Wilhelm zu Schaumburg-Lippe dann zum Lustschloss um. Danach wird es profan: erst Autobahnraststätte, dann Firmensitz.

Die Ostöffnung hat viel Gutes gebracht. Für Schlossbesitzer im Westen eher nicht. Denn seit dem Mauerfall ist historisches Gemäuer zum Spottpreis auf dem Markt. Mehr Angebot als Nachfrage lässt die Preise ins Bodenlose fallen – bei der Arensburg auf Ramschniveau. Die 300 000 Euro Mindestgebot für die das Schloss jetzt in Berlin unter den Hammer kam, das ist gerade mal der Grundstückswert.

Was fängt man

im Jahr 2015 mit einer Burg an?

Doch im Grunde sind Spekulationen über den Wert der Burg sinnlos. Was ist etwas wert? Die grundlegende Frage des real existierenden Kapitalismus lässt sich einfach beantworten: so viel, wie jemand bereit ist, dafür zu bezahlen.

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  • Seit mehr als 600 Jahren gibt es die Burg. Und diese Mauern werden wohl auch die nächsten Generationen überdauern. wm

Die entscheidende Frage, die sich dem Schlossherrn stellt, ist nicht der Kaufpreis, sondern: Was fängt man mit einer Burg an? Heute, im Jahr 2015.

Eine Frage, die sich zumindest dem Bauherrn der ersten Burg, einem „Knappe von dem Busche“ im Jahr 1385 nicht gestellt hat. Wobei genau besehen die Burg bereits damals eine Fehlinvestition war. Denn sie musste ihren ursprünglichen Sinn als wehrhaftes Gebäude nie unter Beweis stellen. Soweit bekannt, hat es um die Burg nie eine kriegerische Auseinandersetzung gegeben.

Schon der früheste prominente Bewohner war 1582 ein besonderer Herr. Ein Bischof (Hermann von Schaumburg), der, mit 37 Jahren zwangsweise in den Ruhestand geschickt, seine Geliebte geheiratet hat, eine Bauerntochter, also weit unter seinem Stand, mit der er drei Kinder zeugte. Aus heutiger Sicht eine Top-Story für die Boulevard-Presse.

Bis 1936 waren dann die regierenden Fürsten zu Schaumburg-Lippe Eigentümer des Schlosses. Bis die Autobahn Berlin-Köln kam. Und die Nationalsozialisten. Die steckten von 1943 bis 1945 Gefangene eines NS-Straflagers in die Arensburg und ließen sie im gegenüberliegenden Steinbruch schuften. 37 kamen dabei ums Leben.

Warum 1951 das Schloss Autobahnraststätte wird, beantwortet sich von selbst. Die deutsche „Auto Zeitung“ stuft das Schloss 1951 als „gute Gaststätte am Rande der Autobahn“ ein. Ernst Brandt, jeder kennt ihn als Gastronom und Chef im Rintelner Hotel „Stadt Kassel“, hat dort im Service gearbeitet.

Im Schloss, so erzählt Brand, sei damals immer was los gewesen, Hochzeiten, Gesellschaften, in der Bierstube wurde getrunken, im blauen Salon getafelt. „Wir hatten im Service zehn Leute.“ Und das Schloss war Ausflugsziel. Im Park konnten die Kinder toben, Papa und Mama in Ruhe ihre Torte mit Sahne genießen.

Die Ära endet im April 1982, als Autobahn-Sachbearbeiter Reinhard Meyer in Bonn kundtut, das Schloss entspreche nicht mehr den Anforderungen an eine Raststätte. Das ist die offizielle Version. Meyer steckt dem fragenden Journalisten auch den wahren Grund: In Bonn habe man nämlich ausgerechnet, dass dringend notwendige Sanierungsarbeiten am Schloss rund 14 Millionen Mark kosten würden. Für die Gesellschaft für Nebenbetriebe der Bundesautobahnen mbH zu teuer. Es ist auch das Aus für Pächter Reimar Beuthan, der die Raststätte mit 17 Doppelzimmern, sechs Einzelzimmern und diversen Gast- und Wirtschaftsräumen viele Jahrzehnte geführt hat.

1983 erwirbt der Wirtschaftsberater Heinz Riechmann aus Eisbergen das Schloss vom Bundesvermögensamt in Hannover. Riechmann macht sich schnell unbeliebt bei den Steinbergern. Er zieht nämlich einen Stacheldrahtzaun um den Schlosspark. Riechmanns Argument: Nur so könne er den wertvollen Baumbestand schützen. Was sich in den folgenden Jahren im Gebäude abspielt, das bleibt Riechmanns Geheimnis. Auf neugierige Fragen ist nur zu hören: Das Schloss werde privat genutzt.

1989 übernimmt Dieter F. Kindermann aus Stadthagen das Schloss und baut es zu seiner Unternehmenszentrale um und einen Fahrstuhl ein. Noch heute staunt der Denkmalschutz, wie Kindermann das geschafft hat. Damit beginnt der kometenhafte Aufstieg des Versicherungskaufmanns im Finanzdienstleistungsgeschäft.

Auch Bordellbesitzer

zeigen Interesse an der Immobilie

Und mit seinem Talent, das Schloss mit Prominenz zu füllen, wird Kindermann auch außerhalb seiner Branche bekannt. 1997 ist Gerhard Schröder da, damals niedersächsischer Ministerpräsident, der Kanzler werden will. Journalisten aus ganz Deutschland drängen sich im Blauen Salon. Nicht weil Schröder hier vor rund 80 heimischen Unternehmern spricht, das interessiert nur die Lokaljournalisten, sondern weil bei den Schröders zu Hause schon der Rosenkrieg tobt. Doch Schröder ist kein Wort über Noch-Ehefrau „Hillu“ zu entlocken.

Die Liste der Gäste, die im Laufe der Jahre kommen, ist lang: Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth war da, Hannelore Kohl, Christiane Herzog, Christian Wulff und Sigmar Gabriel. Dazu Stars und Sternchen aus der Unterhaltungsbranche, mit vielen ist Kindermann persönlich befreundet: Dieter Thomas Heck, Michael Holm, Guildo Horn. Und es wird gefeiert: 29 000 Besucher zählt man beim letzten Augustusfest auf der Burg. Kindermann spendet die Einnahmen der Welthungerhilfe.

Kindermann reicht das Schloss im Jahr 2000 an seine Fortissimo Immobilien-Handelshaus AG weiter für einen Buchwert von 3,5 Millionen. Doch auch mit diesem Schachzug kann er das Schloss nicht halten. Irgendwann muss ihm aufgegangen sein: Meterdicke Mauern, verwinkelte Gänge, steile Treppen, ein Wachturm, 85 Zimmer, all das ist in der Realität nur beschränkt kompatibel mit den Anforderungen eines modernen Betriebes.

Kindermann startet den Schlossverkauf auf höchstem Niveau: bei den Engel & Völkers und im Edel-Immobilienmagazin „Bellevue“. Kaufpreis: sieben Millionen. Dann sammelt er die Angebote ein und damit die verrücktesten Nachnutzungsideen. Expo-Hotel soll es werden, eine Kinderkrebsklinik, der Firmensitz eines Schweizer Unternehmens. Aus allem wird nichts. Zum Glück auch nicht die geplante Begegnungsstätte für Rechte und auch kein religiöses Zentrum für eine obskure Sekte. Den Bordellbetreibern, die Interesse zeigen, weist Kindermann gleich die Tür, was letztlich viele Interessenten ausbremst: Das Schloss ist auch ein Denkmal. Und hier kommt die Denkmalschutzbehörde ins Spiel, die Besitzern historischer Gemäuer mit ihren Auflagen Albträume verursacht.

Was vielen Interessenten ebenfalls erst vor Ort in der ganzen Tragweite bewusst wird: Zum Schloss gehört ein Park, ein „flächenhaftes Naturdenkmal“. Ein Park, der bewirtschaftet werden will und der eine besondere Geschichte hat. Hier liegen nämlich die Hexenteiche. Im 17. Jahrhundert Schauplatz der Wasserproben bei Hexenprozessen. Die Kurgäste aus Bad Eilsen, die um 1880 durch den Park flaniert sind, haben vermutlich kaum einen Gedanken an solch grausige Geschichten verschwendet. Der Park muss damals traumhaft schön gewesen sein mit Tuffsteingrotten, exotischen Bäumen und Spazierwegen.

Das Fürstenpaar ließ das Schloss ab 1816 im neugotischen Stil umbauen. In den Räumen waren wertvolle Möbel und Gemälde zu bestaunen, die heute mehrstellige Millionenwerte hätten. Bilder von Dürer und Rotterhammer sollen darunter gewesen sein, angeblich sogar ein Cranach und ein Rembrandt.

Dann kommt es für Kindermann ganz dicke, das Schloss unter Konkursverwaltung. Die Götterdämmerung beginnt mit einer Versteigerung. Gemälde, Schmuck, Möbel, Uhren kommen in einem Stuttgarter Aktionshaus unter den Hammer.

Das Schloss kauft schließlich ein Erfinder: Heinz Gruber aus Kärnten, der Mann, der mit einer speziellen Ankertechnik für Tunnelbauten sein Geld gemacht hat. Zu welchem Preis erfährt die Öffentlichkeit nicht. Kindermann schweigt, Gruber auch. Gruber verwirrt die Öffentlichkeit gleich mit einer Handvoll von Ideen. Erfinderzentrum, Begegnungsstätte für Künstler, eine Senioren-WG für Ex-Hippies („Viva La Revolucion“ malt er auf Balken), Jagdschloss soll es werden. Rot- und Damwild will er züchten. Doch dann fressen nur schottische Highland-Rinder rund um das Schloss den Rasen ab.

Gruber hat schnell die Nase voll und montiert ein Schild an die Einfahrt: „Notverkauf“. Ein Schild, auf dem er auch seinem Hass auf „Nadelstreifenverbrecher“ ungehemmt seinen Lauf lässt. Wer die seiner Meinung nach sind, erklärt er bei einem Besuch in der SZ-Redaktion: die Rechtsanwälte und Bürokraten, die ihm seine Patente gestohlen hätten. Eigentlich müsste er Millionär sein.

Mit der Versteigerung der Westdeutsche Grundstücksauktionen GmbH im Juni 2012 wird Dr. Christiane Bennink aus Münster, Geschäftsfrau und Zahnärztin jetzt Schlossherrin. Sie hat das Schloss nur im Katalog gesehen und kauft es telefonisch aus dem Auto für 245 000 Euro. Aber sie sei nicht enttäuscht gewesen, als sie die Burganlage dann real erblickt habe, erzählt sie später. Auch ihr stellt sich das grundsätzliche Problem, an dem sich der von ihr beauftragte Projektentwickler die Zähne ausbeißt: Was mit 85 Zimmern in einer Burg anfangen? So steht das Schloss bald wieder zum Verkauf. Das Immobilienhaus Poll bietet es für 490 000 Euro an. Ohne Erfolg. Was folgt, sind undurchsichtige geschäftliche Manöver echter wie angeblicher Investoren. Hausschwamm soll im Schloss sein, der Verfall eine Frage von Monaten. Achim Hecht, der für die Zahnärztin das Schloss verkaufen soll, lädt Journalisten zur Besichtigung. Die sind zwar keine Baufachleute, aber man kann bei einem Rundgang sehen: Sanierungsbedarf sicher, aber von dramatischem Verfall keine Spur.

Juli 2000: Sigmar Gabriel nimmt als Ministerpräsident im blauen Salon Platz (Bild links)

Als Schlossherr hat Dieter F. Kindermann oft guten Grund mit einem Glas Sekt bei Empfängen anzustoßen (Bild rechts)



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