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Bombensuche mit Luftbild und Lupe

Der Hinweis stammt von einer alten Frau, die nicht mehr lebt. Die Zeitzeugin aus Hameln hatte Heimatforscher Fritz Koenig (76) von ihren Erinnerungen aus Kriegstagen erzählt. An der Deisterstraße – irgendwo zwischen Friedhof und Eisenbahnbrücke – sei eine Fliegerbombe eingeschlagen, aber nicht explodiert. Über Umwege hat die Nachricht den Kampfmittelbeseitigungsdienst der Zentralen Polizeidirektion Hannover erreicht – Jahre nach dem Tod der Seniorin. Befragt werden kann sie also nicht. Der Fall landet auf dem Tisch von Carsten Lerch. Der 46-jährige gelernte Vermessungstechniker arbeitet seit 1991 als Luftbildauswerter für den Kampfmittelbeseitigungsdienst Niedersachsen, der sein Quartier an der Marienstraße in Hannover-Mitte hat.

veröffentlicht am 01.06.2011 um 00:00 Uhr

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Lerch geht der Sache auf den Grund. Er weiß: Sollte an dieser Stelle ein Blindgänger liegen, müsste die Bombe entschärft und nahezu die gesamte Stadt Hameln evakuiert werden. Was er für die Suche nach Blindgängern benötigt, findet der Luftbildauswerter nur zwei Zimmer weiter. Dort schaut Lerch in ein Hängeregister. Er sucht nach einer topografischen Karte, auf denen er bereits in den 80er und 90er Jahren mit schwarzer Tinte die Überflüge amerikanischer und britischer Aufklärer eingezeichnet hat. Neben den Linien, die sich manchmal kreuzen, stehen Zahlen. Es sind Bildnummern. Sie finden sich im Archiv auf weißen Briefumschlägen wieder, in denen mehr als 130 000 Schwarz-Weiß-Fotos aus den 1940er Jahren stecken. Anhand dieser Nummern gelingt es Lerch, rasch den richtigen Bilderstapel zu finden. Von Hameln gibt es viele Fotos. Die meisten wurden aus einer Höhe von 3000 Metern gemacht. Es dauert keine zwei Minuten, da hat der Luftbildauswerter die richtige Bildserie gefunden.

Zurück am Schreibtisch orientiert sich der 46-Jährige an Straßenkarten. Die Stadt hat sich in den vergangenen 66 Jahren verändert. Sie ist größer geworden, hat sich in der Fläche ausgedehnt. Dort, wo einst Felder und Wiesen waren, stehen heute Häuser. Aber es gibt Dinge, die sind heute noch so wie damals. Die Bahnlinie und der Deisterfriedhof helfen Lerch, sich auf den Fotos, die Hameln im Maßstab von 1 : 12700 zeigen, zu orientieren. Der Experte schaut durch eine Stereolupe, sucht nach verräterischen Löchern im Erdboden. Fehlanzeige. Nach wenigen Minuten steht fest: Auf den Fotos, die die US-Luftwaffe im März 1945 gemacht hat, ist kein Verdachtspunkt zu erkennen. Das bedeutet: Lerch wird diese Fläche nicht als „möglicherweise belastet“ mit roter Farbe markieren. Obwohl: „Mit letzter Sicherheit kann ich nicht sagen, dass dort kein Blindgänger liegt“, schränkt Lerch ein. „Wäre ja möglich, dass das Loch damals von Anwohnern gleich wieder zugeschüttet wurde und ich es deshalb auf den Aufnahmen von 1945 nicht mehr sehen kann.“ Es fehlen leider detaillierte Angaben von Ortskundigen. „Zeitzeugen sind unsere Goldstücke. Sie werden nur leider immer weniger“, sagt Lerch. Der Luftbildauswerter zieht einen weiteren Stapel Fotos aus einem Umschlag. Sie zeigen die Hamelner Südstadt und Afferde. „Es liegt mir ein weiterer Hinweis auf einen Blindgänger vor“, erklärt der Spezialist. „Mal sehen, ob wir dort etwas Verdächtiges finden werden.“

Die Luftbildauswertung in Hannover begann im Jahre 1975. „Damals haben wir eine Schenkung von den Amerikanern bekommen. 11 000 Luftbilder waren das“, erzählt Joachim Noparlik (56), beim KBD zuständig für Rüstungsaltlasten und Flächensanierung. Zwischen 1987 und 1989 kauften die deutschen Munitionssucher drei Millionen Luftbilder hinzu. Fotos, die in fünf US-Archiven und in einer britischen Dokumentensammlung lagen. Niedersachsen sei damals Pionier auf dem Gebiet der Luftbildauswertung gewesen, sagt Noparlik. Spreng- und Bohrmeister, Taucher und Munitionsfacharbeiter, Archivare, Kartografen und Vermessungstechniker, Bildauswerter und Verwaltungsangestellte – sie alle tragen ihren Teil dazu bei, dass Bomben und Granaten gefunden und entschärft werden, bevor sie auch heute noch Menschen verstümmeln oder töten können. 45 Frauen und Männer arbeiten für den KBD, den Innenminister Uwe Schünemann teilprivatisieren will. Zum 1. Januar 2012 wird der Kampfmittelbeseitigungsdienst Niedersachsen an das Landesamt für Geoinformation und Landentwicklung Niedersachsen (LGLN) angegliedert. „Sowohl die systematische Auswertung der Luftbilder zum Auffinden von Bomben als auch die Auswertung für einzelne Grundstücke wird künftig vom LGLN wahrgenommen“, sagt Schünemann.

„Wer als Luftbildauswerter nicht schon eine Brille hat, der bekommt bei diesem Job über kurz oder lang eine“ – Carsten Lerch vom Kampfmittelbeseitigungsdienst sucht nach Verdachtspunkten. Foto: ube

Experten wie Luftbildauswerter Carsten Lerch müssen sich also keine Sorgen um ihren Job machen. Sie werden nur in ein anderes Gebäude umziehen. In eine eher ungewisse Zukunft blickt hingegen Sprengmeister Marcus Rausch (32). „Mit der Neustrukturierung des Kampfmittelbeseitigungsdienstes sollen mehr Aufgaben durch gewerbliche Fachfirmen wahrgenommen werden, die im Übrigen auch bisher schon auf diesem Gebiet tätig sind, und wir wollen Aufgaben dort bündeln, wo Synergieeffekte erzielt werden können“, sagt sein oberster Dienstherr, der Landesinnenminister. Mit der Abgabe der klassischen Bombenräumung an Private „wird konsequent am Weg der Verwaltungsmodernisierung und Aufgabenreduzierung für die öffentliche Verwaltung festgehalten“.

Rausch, ein ehemaliger Zeitsoldat, ist davon nicht begeistert. „Bislang war es den Privaten in Niedersachsen nur erlaubt, Blindgänger zu suchen, freizulegen und zu bergen. Wie können die Kollegen da Erfahrung auf dem Gebiet der Bombenentschärfung und Vernichtung mitbringen?“, fragt sich der KBD-Mann.

Die Männer, die tagein, tagaus für 1800 Euro bis 2400 Euro netto (inklusive Gefahrenzulage) ihr Leben riskieren, sind gefrustet. Fachliche Kompetenz gehe verloren, ein gut funktionierendes System werde zerschlagen, heißt es. „Es gibt noch viele offene Fragen“, sagt die Sprecherin der Zentralen Polizeidirektion, Hauptkommissarin Sabine Hoffmann. Arbeits- und Lenkungsgruppen sollen sie klären.

„Unser Tagesgeschäft sind nicht die großen Bomben“, sagt Sprengmeister Rausch. Es seien vor allem Patronen, Schusswaffen und Granaten aller Art, die vom KBD geborgen würden. 100 Tonnen kommen pro Jahr zusammen. Nur ein Fünftel machen Fliegerbomben aus. Das größte Risiko sind die Langzeitzünder. Als im vergangenen Jahr zwei Sprengmeister und ein Vorarbeiter bei der Detonation einer Bombe in Göttingen getötet und sechs Männer teils schwer verletzt wurden, war es wieder ein solcher Zünder, der mehr als sechs Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkrieges Tod und Leid über die KBD-Leute brachte.

„Die kleinste Erschütterung kann einen solchen Langzeitzünder auslösen“, sagt Rausch – und erklärt, warum: „Diese Fliegerbomben wurden damals so eingestellt, dass sie erst sechs bis 144 Stunden nach dem Abwurf explodieren. Fällt die Bombe auf die Erde, geht darin eine Ampulle mit Aceton kaputt. Die Chemikalie tropft auf eine Zelluloidscheibe und zerstört sie. Löst sie sich auf, wird ein vorgespannter Zünder aktiviert.“

Das Problem, mit dem die Entschärfer heute zu kämpfen haben, ist: „Mit den Jahren ist das Zelluloid immer brüchiger geworden. Es zerfällt auch ohne das Aceton.“ Im deutschsprachigen Raum komme es deshalb alle 18 Monate zu einer Selbstdetonation, ergänzt Joachim Noparlik.

Luftbildauswerter Carsten Lerch sitzt derweil gebückt an seinem Schreibtisch, schaut sich Foto Nummer 3121 an, das im März 1945 von der 7. US-Aufklärung gemacht worden ist. Gut zu erkennen sind Töneböns Teiche und das damals noch relativ kleine Dorf Afferde. Einige Äcker sind mit Kratern übersät. Dort sind Bomben hochgegangen. Das ist deutlich zu sehen. Ein kleines Loch neben einem großen lässt Lerch stutzig werden.

„Könnte ein Blindgänger drin liegen. Kann aber auch sein, dass da nur eine kleine Bombe detoniert ist“, sagt der 46-Jährige. Es handelt sich um einen Verdachtspunkt. Die Fläche stuft der Experte als möglicherweise belastet ein.

„Das muss vor Ort abgeklärt werden“, sagt Lerch, setzt seine Brille ab und reibt sich die Augen. „Wer als Luftbildauswerter nicht schon eine Brille hat, der bekommt bei diesem Job über kurz oder lang eine“, meint der Hannoveraner und lacht.

Sprengmeister Jürgen Koppelmeyer (52) kommt zurück ins Büro. Am Morgen hat er die Fachaufsicht bei Sucharbeiten in Hannover-Ahlem geführt. Ein Privatunternehmen ist dort auf Blindgängersuche. KBD-Experten schauen den Kollegen auf die Finger. Auch das ist ihr Job. Noch jedenfalls. Auf Koppelmeyers Schreibtisch liegt ein neuer Auftrag. Bei Bad Gandersheim ist eine Granate gefunden worden. Sie liegt an der ICE-Strecke.

„Die werde ich mir gleich mal anschauen“, sagt der Sprengmeister. „Sollte sie einen Zeitzünder haben, werde ich sie an Ort und Stelle oder zumindest ganz in der Nähe sprengen müssen. Diese Dinger sind nämlich sehr gefährlich.“

Elf Tote und fünf Dutzend Verletzte seit 1947. Ihr Job ist sehr gefährlich und nicht gerade gut bezahlt. Die Experten vom Kampfmittelbeseitigungsdienst Niedersachsen rücken pro Jahr zu 1200 Räumeinsätzen aus. Luftbildauswerter suchen auf alten britischen und amerikanischen Aufnahmen gezielt nach Blindgängern. Ein Beispiel aus einer Weserstadt.



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