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Blumen-Joints, Krötengift und Horrortrips

Naturdrogen sind in gewissen Kreisen „in“. Sie gelten bei den Konsumenten als harmlos, weil sie rein biologisch und leicht erhältlich sind. „Dabei sind sie nicht weniger gefährlich als synthetisches Rauschgift“, stellt die Fachapothekerin für öffentliches Gesundheitswesen, Dr. Sylvia Prinz, fest. „Ja, so ist es“, sagt die Leiterin der Hamelner Drogenberatungsstelle „Drobs“, Anke Knapp. Denn: „Wer sich Engelstrompeten-Blätter oder Hyazinthen-Knollen aufkocht, wer größere Mengen Muskatnuss-Mehl schluckt oder Fliegenpilze isst, der ist der irrigen Annahme: Kann ja nicht gefährlich sein, ist ja alles Bio. Aber das ist natürlich totaler Quatsch.“

veröffentlicht am 12.05.2011 um 00:00 Uhr

Unglaublich: Erdkröten werden von Jugendlichen abgeleckt, um „high“ zu werden. Foto: fn/gro

Autor:

Ulrich Behmann

Manchmal endet die Experimentierfreudigkeit im Krankenhaus oder mit dem Tod. Der Chefarzt der Hamelner Kinderklinik, Dr. Philipp von Blanckenburg, kann sich noch gut an einen Fall erinnern, der bereits vier Jahre zurückliegt. „Zu uns wurden drei Jugendliche gebracht, die durch den Genuss von Pflanzenteilen der Engelstrompete eine Scopol-amin-Vergiftung hatten. Wir mussten ihnen sofort das Gegengift Physostigmin verabreichen.“ Das zu den sogenannten Hexenkräutern zählende Nachtschattengewächs hatte auf die drei 16-Jährigen eine psychotische Wirkung. Kein Wunder: Hauptinhaltsstoffe dieser Pflanzen sind Tropanalkaloide wie Atropin, Hyoscyamin oder eben Scopolamin. Sie lösen Halluzinationen aus, bei denen Konsumenten den Eindruck bekommen, sie könnten fliegen.

„So war es auch bei einem der jungen Männer, die in die Klinik eingeliefert wurden. Der Junge war gewalttätig und aggressiv, wollte unbedingt aus einem Fenster im vierten Stock der Klinik springen. Er rief immer wieder ,Ich will hier raus!‘ und nahm einen Stuhl in die Hand. Vermutlich wollte er damit die Scheibe einwerfen“, berichtet der Kinderarzt.

Zu den Naturdrogen gehört auch Cannabis. Noch wird Haschisch viel häufiger als Hortensienblüten, die eine ähnliche Wirkung haben sollen wie Marihuana, konsumiert. „Jeder zehnte Jugendliche, der bei uns als Schnapsleiche eingeliefert wird, hat Spuren von Cannabis im Urin“, sagt Dr. von Blanckenburg. Die Wirkung, die solche Naturdrogen auf Kiffer haben können, sind mitunter verheerend. „Bei einem 15-jährigen Patienten hat das eine schwere Psychose ausgelöst“, sagt der Chefarzt. „Er glaubte, sein Kopf platze, und er fühlte sich von einer Person bedroht, die wir nicht sehen konnten. Kurz: Der Junge war nicht mehr Herr seiner Sinne. Wir mussten ihn in ein psychiatrisches Krankenhaus einweisen lassen.“

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Fliegenpilz als Rauschmittel.

Was viele nicht wissen: Patienten mit einer Veranlagung zur Schizophrenie erkranken durch Cannabis-Konsum früher. „Eine verborgene psychische Erkrankung wird durch die Drogen förmlich herausgekitzelt“, sagt die Hamelner Sucht- und Psychotherapeutin Anke Knapp von der Drobs. „Ja, es ist so: Naturdrogen können dauerhafte Psychosen auslösen“, bestätigt Apothekerin Dr. Sylvia Prinz. „Ich kenne leider nur Fälle von Jugendlichen, die in der Psychiatrie gelandet sind, weil sie pflanzliche Drogen ausprobiert haben“, sagt Suchttherapeutin Anke Knapp. „Der Trip ebbt bei manchen nicht wieder ab. Ohne medizinische Hilfe finden sie nicht mehr zurück in die Realität.“

Gibt es wirklich Leute, die Kröten ablecken, um high zu werden? „Ja, die gibt’s“, sagt Apothekerin Dr. Sylvia Prinz. „Im Krötensekret sind Dimenthyltryptamin und 5-Methoxy-DMT enthalten. Das sind tierische Halluzinogene. Die Wirkung über die Zunge tritt nach zirka 20 bis 30 Minuten ein. Wird das getrocknete Sekret in einer Haschischpfeife geraucht, treten bereits nach 30 Sekunden optische Halluzinationen auf.“

„Die Naturdrogen“, so die Fachfrau, „liegen wohl auch deshalb zurzeit im Trend, weil sie einem täglich überall begegnen. Im Küchenregal, im Wald, in Parkanlagen und im eigenen Garten.“ Etwa vier Prozent der zwölf- bis 25-Jährigen hätten laut einer Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung bereits Erfahrungen mit Pilzen und Pflanzen wie Engelstrompeten, Hortensien, Tollkirschen, Kakteen oder Muskatnüssen gemacht. „Das ist im Vergleich ein ähnlich hohes Ergebnis wie für Ecstasy“, sagt Dr. Prinz. Aus Neugierde und Experimentierlaune, aber auch aus Unwissenheit probieren junge Leute Naturdrogen aus. Oft sind sie im Internet darauf gestoßen. Das Verlangen, spirituelle Erfahrungen zu machen, ist mitunter größer als die Vernunft. Was viele nicht wissen: „Halluzinationen können zum Horrortrip werden“, sagt Chefarzt Dr. von Blanckenburg.

Äußerst unangenehm ist die Halluzinationsphase beim Genuss von Stechapfel-Pflanzenteilen, mit denen sich schon die Schamanen der Azteken in einen Rauschzustand versetzt haben. Albträume, Angstzustände und Aggressivität können auftreten.

Das Problem bei den Naturdrogen ist: Der Gehalt ihrer Inhaltsstoffe schwankt von Pflanze zu Pflanze. Dadurch nimmt die Vergiftungsgefahr zu. „Giftpilze oder Nachtschattengewächse sind definitiv nicht harmlos. Wer damit experimentiert, kann sterben“, sagt ein Drogenfahnder.

Relativ neu sind Kakteendrogen. Das darin enthaltene Mescalin löse ebenfalls Halluzinationen aus. Wer so etwas zu sich nimmt, ist nicht nur lebensmüde, sondern auch hart im Nehmen, denn: Nach 30 bis 60 Minuten setzt zunächst Übelkeit mit Erbrechen und Durchfall ein. „Zudem kommt es zu Schweißausbrüchen, Blutdruckanstieg und Gangunsicherheit“, sagt Apothekerin Dr. Prinz. Der Kater, den diese Naturdroge auslöse, setze vor dem Rausch ein. „Erst später kommt es zu Farb- und Klangerlebnissen.“ Aber mal ehrlich: Wer will die schon haben, wenn er sich zuvor übergeben und eingekotet hat?

Im Weserbergland versuchen Konsumenten, sich mit Hortensienknospen in eine andere Welt zu beamen. Allein in den ersten vier Monaten dieses Jahres registrierte die Analysestelle der Polizeiinspektion im Landkreis Hameln-Pyrmont 60 Hortensiendiebstähle. Die Dunkelziffer könnte noch höher sein, denn nicht jeder wird Anzeige erstatten, wenn ihm ein paar Triebe am Busch fehlen.

Die Polizei kämpft gegen den Missbrauch von Naturdrogen, obwohl die berauschenden Substanzen, die aus einigen Pflanzen gewonnen werden können, nicht dem Betäubungsmittelgesetz unterliegen. Problematisch sei, dass die pflanzlichen Stoffe, die zur Herstellung dieser gefährlichen Drogen benötigt werden, zumeist frei verfügbar und die Informationen über Naturdrogen leicht abrufbar seien, sagt Kriminalhauptkommissar Heinz Mikus.

„Bei Jugendlichen sollen Hortensientriebe als Haschischersatz beliebt sein“, sagt Apothekerin Dr. Sylvia Prinz. „Es scheint so, als ob die Berichterstattung in den Medien den Hortensiendiebstahl forciert hat“, sagt der Sprecher der Polizeiinspektion, Jörn Schedlitzki. Die Konsumenten ignorierten jedoch, dass beim Rauchen dieser Pflanze giftige Blausäuredämpfe entstehen. „Ich kann nur dringend davon abraten, Hortensien zu rauchen. Die inhalierten Dämpfe können den Erstickungstod zur Folge haben“, warnt Polizeioberkommissar Jörn Schedlitzki.

Richtig problematisch werde es, wenn sich Kinder auf solche Experimente einließen, sagt Schedlitzki. Das Präventionsteam der Polizeiinspektion rät daher Eltern, sich jetzt, da das Thema Naturdrogen diskutiert wird, genau zu informieren und die eigenen Kinder in Aufklärungsgesprächen vor den Gefahren des Konsums zu warnen.

Seit Dezember sind in der hausärztlichen Notfallpraxis in Hameln schon mehrere junge Männer mit Drogensymptomen behandelt worden. „Ein- bis zweimal pro Monat bringen Eltern ihre Söhne in die Sprechstunde. Die Patienten haben eines gemeinsam: Sie starren mit leerem Blick an eine Wand, sind irgendwie weit weg“, sagt Praxiskoordinator Reinhold Klostermann. Bislang habe man weniger an neue Naturdrogen als an synthetisches Rauschgift gedacht. „Die Männer sind schweigsam. Nur einer hat uns mal erzählt, er habe sich – bevor es ihm dreckig ging – einen Sud aufgekocht.“

Die Drogen- und Jugendberatung des Diakonischen Werks der ev.-luth. Landeskirche Schaumburg-Lippe berät Konsumenten und Eltern von Süchtigen dienstags in der offenen Sprechstunde von 14 bis 18 Uhr oder nach persönlicher Terminvergabe kostenlos. Telefon: (0 57 21) 99 30 20, Bahnhofstraße 16, 3 16 55 Stadthagen.

„Na, schon mal eine Kröte abgeleckt?“ – „Nee, aber Hortensien geraucht.“ Gespräche über Erfahrungen mit Naturdrogen werden dieser Tage häufiger geführt – gerade von Jugendlichen. Ihre Experimentierfreude und Risikobereitschaft kenne keine Grenzen, sagen Experten.



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