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Unser Ferien-Vierteiler: Mit dem Renault 4 durch den Norden Frankreichs, Teil 3

Bis ans Ende der Welt

Im Uhrzeigersinn um Paris: Anke Steinemann und Jens F. Meyer haben die Zeit neu entdeckt. Im Renault 4 sind sie durch den Norden Frankreichs gefahren, nur auf Departement-Straßen, nicht auf Autobahnen. Eine langsame, sinnliche, poetische Erfahrung, an der sie uns zum Ferienbeginn teilhaben lassen in einem Vierteiler voller Entdeckungen in lieblichen Landschaften und hübschen Städtchen. Das macht Lust auf Urlaub. Teil 3: Im Licht der goldenen Worte Balzacs, ein Turm, der in die Tiefe sackte und ein Schwert, das nie gefunden wird.

veröffentlicht am 28.06.2018 um 15:47 Uhr

Auf der Fahrt durch sein Mutterland - der Renault 4, hier perfekt geparkt vor der bestechenden Burgruine von Cinq-Mars-la-Pile. Foto: sas / ey
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Frankreich ist auch kein Land, wo Milch und Honig fließen. Aber Chevalier-Montrachet, Pouilly-sur-Loire und Côte du Rhône Villages. Der R4 hält sich im Durst zurück. Sechs Liter stet, 95er Benzin, auch ohne E10. Starten, Choke ziehen, blaues Wölkchen. Au revoir, Donzy, du mit deinen Schwänen, deiner Mühle, deinem Monsieur Maître Mercier.

Die Bilder der Landschaften mögen sich gleichen, aber jede Kurve, jede Hausfassade, jeder Abzweig entfacht das Feuer der Entdeckung neu. Die Zeit zerreißt und die Weite bricht. Aus der Franche-Comté im Burgund führt der Weg ins Loire-Gebiet; in Cosne-Cour-sur-Loire geleitet eine Brücke über den Fluss. Geliebte Loire, königliches Wasser, an dessen Ufern die weißen Schlösser thronen, deren mit Schieferstein gedeckte Türme silbergrau im Sonnenlicht glänzen. Kilometerweit, weiter als die Blicke schweifen, führt die Fahrt durch ein riesiges Waldgebiet südwestlich von Paris. Der bläuelnde Himmel kann sich zwischen launisch und fröhlich nicht entscheiden, der Fluss La Grande Sauldre ist nicht grande, und nach mehr oder weniger einhundert Kilometern steht Chambord im Weg.

Chambord, das Traumschloss aus dem 16. Jahrhundert, das unter König Franz I. als Prunk- und Jagdschloss gebaut wurde und als das prächtigste aller Châteaux an der Loire gilt. Der R4 schaut bedröppelt aus dem Kühlergrill. Sechs Euro für den Parkplatz. Die Schranke hebt sich. Die Restaurantmeile am Eingang verrät nichts Gutes. Chambord ist ein Rummelplatz. Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet.

Der Künstler Fabien Delisle arbeitet seit November und noch bis September an seinem Teppich der Gedanken im Refektorium der Abteiruine Saint Cosme. Foto: sas / ey
  • Der Künstler Fabien Delisle arbeitet seit November und noch bis September an seinem Teppich der Gedanken im Refektorium der Abteiruine Saint Cosme. Foto: sas / ey
Nicht alle R 4 sind noch so gut in Schuss. Foto: sas / ey
  • Nicht alle R 4 sind noch so gut in Schuss. Foto: sas / ey
Mein lieber Schwan – im Örtchen Donzy (Burgund). Foto: sas / ey
  • Mein lieber Schwan – im Örtchen Donzy (Burgund). Foto: sas / ey
Immer weiter geht‘s entlang am majestätischen Fluss, la Loire! Foto: sas / ey
  • Immer weiter geht‘s entlang am majestätischen Fluss, la Loire! Foto: sas / ey
Auf den Hund gekommen: Galerie mit Wau-Effekt auf Château Beaurégard. Foto: sas / ey
  • Auf den Hund gekommen: Galerie mit Wau-Effekt auf Château Beaurégard. Foto: sas / ey
Der Künstler Fabien Delisle arbeitet seit November und noch bis September an seinem Teppich der Gedanken im Refektorium der Abteiruine Saint Cosme. Foto: sas / ey
Nicht alle R 4 sind noch so gut in Schuss. Foto: sas / ey
Mein lieber Schwan – im Örtchen Donzy (Burgund). Foto: sas / ey
Immer weiter geht‘s entlang am majestätischen Fluss, la Loire! Foto: sas / ey
Auf den Hund gekommen: Galerie mit Wau-Effekt auf Château Beaurégard. Foto: sas / ey

Abfahrt. Rund 20 Kilometer weiter wartet Château Beaurégard. Das ließ Franz I. auch bauen, was hat er eigentlich nicht bauen lassen? Und hier: nichts los, dafür eine Galerie der Berühmtheiten mit 327 Portraits, 5600 Delfterfliesen und Konterfeis berühmter Hunde. Mitterands vierbeiniger Freund hieß also Alphonse und Uma umsabberte Isabell Adjanis Beine.

Der Renault 4 dringt weiter hinein in den Garten Frankreichs, wir mit ihm, in die Touraine, „wo das junge Gras in smaragdener Färbung sprießt, und auf der weiten, vom frischen Morgenwind leichtgekräuselten Wasserfläche, die dieser majestätische Fluss entfaltet, bricht sich die Sonne in unzähligen Facetten“, wie es der große französische Geschichtenerzähler Honoré de Balzac in seinem Werk „Die Frau von dreißig Jahren“ umschreibt. Durch das zarte Laubwerk der Inseln gesehen, scheine Tours, im Hintergrund des Bildes, sich wie Venedig aus dem Schoß des Wassers zu erheben; die Szenerie bereite der Seele ein Schauspiel, das sie für immer in ihr Gedächtnis einprägt.

„Und wenn ein Dichter dies in sich aufgenommen hat, so werden ihm seine Träume auf eine märchenhafte Weise immer wieder diese romantischen Eindrücke hervorzaubern.“ – Grundgütiger, Balzac hätte erst die Festung von Cinq-Mars-la-Pile sehen sollen, ihm, dem Romantiker, wären die Worte sanft und schön wie Wolkengewühl aus dem Federkiel geflossen und hätten diese Burg umarmt. Obwohl Louis-Paul Untersteller, dem die Festung gehört und der sie mit seiner Frau Gildas Malivel mit großem Eifer vor dem Zerfall bewahrt, eher Rabelais denn Balzac zitiert. Louis-Paul und Gildas haben viel zu erzählen, die süße Quatrelle hatte den letzten großen Anstieg des Tages bravourös gemeistert und verschnauft auf dem Hof, als „LP“ aus einer bauchigen Karaffe einen Chinon einschenkt, zwölf Jahre alt und von bestechender Eleganz. „Ich kannte mal eine Quatrelle, in der wuchsen Pilze, weil sie so feucht war“, erinnert sich Louis-Paul mit seinem unwiderstehlich verschmitzten Gesichtsausdruck.

Er ist, wie Balzac und Rabelais, auch ein Geschichtenerzähler, ein Künstler, und Gildas sein Kompass. Nach Jahren unserer ersten Begegnung ist aus Gastfreundschaft Freundschaft geworden. Die Burgruine, die die beiden bewirtschaften, ist ein Juwel mit Chambre d’hôte. Wer sich ein Zimmer nimmt, hat die Festung ab 19 Uhr für sich allein, zurzeit eine Festung mit Baustelle, denn anderthalb Jahre ist es her, als ein Teil der Mauer absackte und einen Turm der Ritterhäuser mit in die Tiefe riss. Es hatte Monate gedauert, bis Louis-Paul und Gildas einen Architekten fanden, der sich mit dem historischen Erbe auskennt. Wer baut heute schon noch Burgen?

Cinq-Mars-la-Pile, die Burgruine, die niemals ihren Stolz verliert. Hélène Schneider, Cousine von Louis-Paul und gerade aus Nancy zu Besuch, sieht das genauso, vermutlich sogar aus sehr spezieller Sicht, denn sie ist Professorin für Mittelalterkunde. Zwei Türme stehen noch, die Brücke über den Burggraben, der längst trocken liegt und sich zum Flanieren anbietet, trägt die Träume derer, die hinüberschreiten, und der Vollmond legt sich schlafen auf der großen Wiese. Wenn das hier kein Zuhause ist, welches ist es dann?

„So lebe, glaub mir, warte nicht das Morgen ab: Des Lebens Rosen, heute pflücke sie.“ Pierre de Ronsard, König der Poeten Frankreichs, für den die hinreißende Prieuré Saint Cosme vor den Toren Tours zu einer formidablen Gedenkstätte geworden ist, hatte im 16. Jahrhundert erkannt, was auf ewig gilt: sich das Glück zu greifen, die Freiheit, die Kunst. Im Refektorium der Abteiruine arbeitet Fabien Delisle bis September nach genau diesem Credo und schreibt einen zehn Meter langen und zwei Meter breiten Brief mit Bleistift. Gedanken, kraus und schwingend und immer wieder überschreibend. Irre! Meter für Meter. Er sagt, es sei eine Reise für ihn.

Eine Reise. Die schmalen Reifen des R4 graben sich in den Asphalt der nächsten D-Straße. Jeanette, die dicke Dame des Monsieur Pillette, ebenfalls Burgruinenbesitzer, grunzt und schnauft; als Bulldogge macht man so etwas. Die Quatrelle macht das nicht. Pillette hat ein Faible für alte Autos, veranstaltet alle vier Wochen ein Oldtimertreffen auf seiner Burganlage. Und bevor die Sonne auf den Schieferdächern der stolzen Schlösser zu glühen beginnt, führt die Route entlang des Südufers der Loire, wo Birnen und Äpfel getrocknet und geklopft werden, um sie nach alter Väter Sitte haltbar zu machen, und wo die weiße Stadt Saumur hell über dem Fluss erstrahlt. Die Revolverschaltung zittert, die Tachonadel auch. Das Leuchten der Loire verglimmt allmählich, als wenn es schöne Erinnerung bleiben will, im Rückspiegel, und die Bretagne rückt näher.

Dörfchen wie La Sazée sind wie Gold, das überall zu finden ist. Der Place du Lavoir, der alte Waschplatz, ist hübsch hergerichtet. Hunde bellen, ein Traktor quält sich durch die schmale Ortsdurchfahrt. Und die Reise führt in Richtung Ende der Welt, das Finistère. Wie vorhergesehen, endet der Tag unvorhergesehen. Im sagenumwobenen Wald von Brocéliande, wo Zauberer Merlin noch heute umhergeistert und Schwertsucher Ausschau nach Excalibur halten, befindet sich der Ort Paimpont. Im Hotel nimmt man die Sage gerne zur Kenntnis; der Gästefluss will nicht abreißen. Doch wie weit auch der abendliche Spaziergang in den Wald und um den See führen wird: keine Spur von Merlin, kein Schwert, aber ein leises Pochen, das aus der Ferne zu uns dringt, wie der Schlag des Herzens einer lebendigen Artus-Sage, während das des verrosteten R4-Bruders auf dem Hof einer Autoschlachterei stille schweigt.

Es setzt der Quatrelle mit deutschem Kennzeichen wohl zu; am Morgen verschluckt sie sich am Sprit. Choke zu früh gezogen. Aber ’s wird wieder, Motor läuft. Und die letzten 100 Kilometer bis zur Küste sind ein Klacks.

Dann tauchen sie auf, kommen näher, werden größer, die Häuser Lorients, hübsch-hässliche Meeresmetropole, die wie ein Phönix sich nach dem Zweiten Weltkrieg aus ihrer Asche erhoben hatte. Die Flut kommt, der Renault flitzt mit Effet Lorient und dem Küstenort Larmor-Plage entgegen. Über 2000 Kilometer Mücken geschluckt. Jean-Marc, der Bretone, der seine Führerscheinprüfung auf genau so einer TL Savane absolviert hatte, leuchten die Augen. „Bienvenue. Großartig, dass Ihr da seid. Ich öffne mal den Wein.“

„Ja, Jean-Marc, gerne, und wenn‘s geht, ein Schlückchen Öl fürs Fahrzeug.“

Teil 4: Tomatenpflanzen vom Kneipentisch, R4-Fans aus Pattensen und eine Oase mit Blick ins Paradies.



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