weather-image
×

Zu spät reagiert? – Fachkräftemangel in der Pflege seit vielen Jahren absehbar

Besser wenig Personal als leere Betten

Haben wir einen Pflegenotstand? Von einem „Notstand“ will Klaus Heimann, Pressesprecher des Landkreises Schaumburg, noch nicht sprechen, allerdings gebe es einen „spürbaren Fachkräftebedarf.“ Frank Zander, Leiter der Berufsfachschule Altenpflege der Julius-Tönebön-Stiftung in Hameln, sieht das allerdings anders: „Alle Einrichtungen, die ich kenne, haben Probleme genügend qualifiziertes Personal zu finden“.

veröffentlicht am 28.02.2013 um 00:00 Uhr

Autor:

Dass es an Nachwuchs im Altenpflegeberuf fehlt, kann Zander beispielhaft mit Zahlen seiner Schule illustrieren: 2010 hatte er 98 Bewerber für die 33 Schulplätze, im Vorjahr haben sich nur noch 45 gemeldet. Zurzeit werden in Hameln 70 junge Frauen und Männer in drei Klassen ausgebildet.

Wie dramatisch die Situation am Markt ist, kann man daran ermessen, dass nach der Insolvenz der Schlecker-Drogeriekette öffentlich von Politikern gefordert worden ist, doch alle ehemaligen Schlecker-Mitarbeiterinnen zu Altenpflegerinnen umzuschulen.

Der Personalschlüssel für ein Alten- und Pflegeheim errechnet sich aus der Zahl der Heimbewohner und deren jeweiliger Pflegestufe. Wer noch einigermaßen klar kommt, rangiert unter Pflegestufe 0; wer hilflos und bettlägerig ist, erhält die 3. Fünfzig Prozent des Personals müssen Fachkräfte sein, also examinierte Schwestern und Pfleger, so schreibt es die Heimpersonalverordnung des Bundes vor.

Und die werde, versichert Heimann, von den Einrichtungen im Landkreis Schaumburg auch erfüllt. Ihm sei aus dem letzten Jahr kein Fall bekannt, bei dem der Landkreis wegen Personalmangels einen Belegungsstopp habe veranlassen müssen.

Alles eine Frage der

kreativen Gestaltung im Dienstplan

Altenpfleger sagen, selbstverständlich werde die geforderte Quote erfüllt. Das sei einfach eine Frage einer kreativen Gestaltung des Dienstplanes, in den zur Not schon mal Ergotherapeuten und Heilerziehungspfleger hinein gerechnet werden, damit es passt. In der Praxis, erzählen Schwestern, gilt es als normal, dass an Wochenenden eine examinierte Schwester die Verantwortung für 60 Patienten übernimmt und im Laufschritt durch die Gänge hetzt.

Ist das Problem? Ja, sagen Schwestern. Ein Beispiel: Herr Meier bleibt am Morgen stumm, obwohl er sonst immer wissen will, wie das Wetter wird oder ob er Besuch bekommt. Eine Hilfskraft hakt das ab unter, ach, der ist heute schlecht gelaunt. Bei einer ausgebildeten Schwester klingeln dagegen die Alarmglocken: Möglicherweise hat der Senior einen Schlaganfall erlitten.

Liebevolle Pflege, die alle Ressourcen, also alle Möglichkeiten, fördert und ausschöpft, die ein alter Mensch noch hat, so soll es sein. Das ist angestrebtes Idealbild guter Altenpflege.

Und die Praxis? Reduziert sich das Ideal auf „trocken, satt und sauber“ – eigentlich könnte die Seniorin noch selbst zur Toilette gehen, begleitet von einer Schwester. Doch dafür hat niemand Zeit. Also bekommt die Seniorin eine Windel. Da stochert ein alter Mann in seinem Teller, er sieht fast nichts mehr, das Gulasch fällt von der Gabel. Doch der Pfleger ist woanders, wo er dringender gebraucht wird. Macht ein Heimbewohner zu viel Randale, helfen Psychopharmaka.

Das Positive: In Zeiten des Internets fallen schwarze Schafe ziemlich schnell auf – ruppige Pfleger, Heime, in denen Senioren stundenlang in ihren Exkrementen liegen, sich wund liegen, weil sich niemand um sie kümmert.

Extremfälle, wie sie in der Vergangenheit Schlagzeilen gemacht haben, sind uns zurzeit nicht bekannt, sagt Pressesprecher Martin Dutschek vom Medizinischen Dienst in Hannover, der im Auftrag der Krankenkassen einmal im Jahr jedem Heim einen Besuch abstattet. „Wir haben ein engmaschiges Prüfsystem mit 82 Kriterien“, schildert Dutschek, „wir schauen schon genau hin, reagieren auf Hinweise von Angehörigen, Heimbeiräten und Mitarbeitern“. Die Prüfberichte werden im Internet veröffentlich (pflegelotse.de) und sogar Noten für die Heime vergeben.

Danach schneiden die „Vorzeigeheime“ wie das neu gebaute Alten- und Pflegeheim am Seetor in Rinteln mit der Note 1,4; das Heim des Reichsbundes Freier Schwestern mit 1,1 und die Tönebön-Stiftung in Hameln mit 1,0 glänzend ab. Wer sich durchklickt, entdeckt allerdings auch schlechtere Noten.

Das Problem sind also nicht die medienwirksamen Skandale, sondern die durch Personalmangel unauffälligen alltäglichen Nachlässigkeiten, die das Bild der Pflege trüben, der Arbeitsdruck, über den Schwestern und Pfleger klagen. Nach einer Erhebung der Barmer Ersatzkasse fallen Pflegekräfte häufiger als andere Berufsgruppen wegen Krankheit aus.

Warum der Zeitdruck? Heimbetreiber wie Personal können sich zumindest auf ein gemeinsames Feindbild einigen: zu viel Bürokratie. Heimleiter Wilfried Völz aus Hessisch Oldendorf sagt, jeder Handgriff, der nicht dokumentiert wird, hat nicht stattgefunden, ergo wird er nicht bezahlt. Da kann die Wunde im Endergebnis noch so gut verheilt, die Seniorin noch so gut versorgt sein.

Mehr als ein Drittel unserer Arbeitszeit, schildern Schwestern, geht für Listen, Übergabe, Besprechungen drauf. Jede Lebensregung der Senioren muss festgehalten werden: Trinkprotokolle, Aktivitätsverhalten. Pfleger sagen überspitzt: „Wir füttern mit der Linken, mit der Rechten füllen wir Pflegedokumentationen aus“.

Warum fehlen Auszubildende in der Pflegebranche? Schulleiter Zander erinnert, das war früher anders. Doch inzwischen hänge dem Beruf ein schlechtes Image an: Miese Bezahlung, viele Überstunden, oft wird man aus der Freizeit zurückgerufen, wenn jemand sich vom Personal krank gemeldet hat, weil die Personaldecke dünn ist, hoher Arbeitsdruck, psychische Belastung.

Zumindest die Bezahlung betont Sander, das habe sich geändert, hier hätten Heime auf den Markt reagiert. Bis zu 18 Euro Stundenlohn sei heute zu erzielen. Trotzdem verdiene eine Altenpflegerin noch immer etwa 20 Prozent weniger als bei einer vergleichbaren Position in einem Krankenhaus.

Dass heute Nachwuchs fehlt, daran seien die Heime auch in anderer Hinsicht nicht ganz unschuldig: „Schulische Kapazitäten hatten wir immer, auch Dozenten, doch die meisten Heime haben lange Zeit gemauert, sich geweigert, genügend Praxisplätze zur Verfügung zu stellen“. Inzwischen habe sich das geändert, aber eben viel zu spät.

Im Weserbergland ballen sich die Seniorenresidenzen. Wer im Internet surft, kann durchklicken: 11 Heime im Bereich Bückeburg, 17 in Bad Eilsen, 19 im Bereich Hameln und so weiter. In einer solchen Region ist es besonders schwierig Personal auf einem Markt zu finden, der leer gefegt ist, ergeben Anrufe bei Heimbetreibern. Nur ein Beispiel: „Wir suchen seit November“, berichtet Heimleiter Wilfried Völz vom Senioren- und Pflegeheim Eberhard Poppelbaum in Hessisch Oldendorf. Dabei ist, was er bietet, in der Branche keineswegs selbstverständlich: Zeit- und Mehrarbeitszuschläge, Zusatzversorgung, Fortbildung.

Jörg Lücking, Teamleiter des Arbeitgeber-Service bei der Agentur für Arbeit in Hameln räumt ein, „einen Königsweg zur Lösung dieses Problems gibt es nicht“. Aber es reiche nicht mehr aus, dass Heime darauf setzen „fertiges Personal“ zu finden. Deshalb informiere die Agentur für Arbeit derzeit die Heimbetreiber, wie Weiterbildungen und Umschulungen finanziell gefördert werden, welche Möglichkeiten es hier gibt.

Gisela Kietsch-Brill, Chefin beim Kiwi-Pflegedienst in Rinteln mit 25 Mitarbeiterinnen, hat nach einem halben Jahr die Mitarbeiterinnen gefunden, die sie gesucht hatte. Für ambulante Pflegedienste, sagt sie, sei es wohl einfacher.

Ambulant also das Pflegeparadies? Schwestern relativieren da: Wir arbeiten nach der Uhr, uns wird gesagt, wie lange eine Grundpflege, ein Verbandswechsel, eine Injektion dauern darf, da bleibt keine Zeit für soziale Kontakte, also mit der Familie zu reden, wie das früher bei der Gemeindeschwester noch üblich war.

Investitionen in Räume,

Kunst und Technik, aber nicht in Personal

Die Zerlegung der Arbeitsprozesse hat längst auch die Pflege erreicht. Pflegehelferinnen waschen die Seniorinnen, Spritzen geben examinierte Pflegekräfte.

Warum das so ist, erläutert Rainer Schmidt, Leiter des ambulanten Pflegedienstes der Tönebön-Stiftung. Die Einnahmequelle eines ambulanten Dienstes ist die Pflege- und Krankenversicherung, die ist wiederum durch den Gesetzgeber gedeckelt und gibt Pflegesätze vor, die es nicht mehr erlauben, dass eine Schwester wie früher, auch noch die Grundpflege macht.

Und noch etwas bestimmt das Bild der ambulanten Pflege: Hier arbeiten meist Teilzeitkräfte, die einem mit verdienenden Ehemann an ihrer Seite haben. In der ambulanten Pflege wird weniger bezahlt als im stationären Dienst. Schmidt: „Eine alleinerziehende Mutter könnte davon nicht leben.“

Gilb in den Gardinen, Muff auf den Fluren wird man in den meisten Heimen nicht mehr finden. Aufenthaltsräume sind hell, freundlich, anheimelnd, auch Schlafsäle längst out, Einzelzimmer keine Ausnahme mehr. Investoren investieren in Ambiente, in ein schönes Haus mit Blumen und Aquarien, Kunst auf dem Flur und jede Menge Technik.

Doch an dem, was Pflege wirklich ausmacht, dem Personal, wird gespart, sagen Branchenkenner. Das sind ja auch laufende Kosten. Motto: besser zu wenig Personal als leere Betten. So um die 3000 Euro pro Monat werden für einen Heimplatz der höchsten Pflegestufe 3 bezahlt, das sind die dauerhaft Bettlägrigen, Senioren mit Magensonde, die regelmäßig gewendet werden müssen, damit sie sich nicht wund liegen.

Im Alltag, erzählen Schwestern, sind solche Patienten oft weniger arbeitsintensiv als Bewohner der Pflegestufe 1 oder 2, denen man hinterherlaufen muss, weil sie, halb dement, nackt durch den Flur geistern.

Wir sind Exportweltmeister im Maschinenbau und wohl bald auch Altenexportweltmeister. Heimplätze am Plattensee in Ungarn und Bulgarien sind bezahlbar und dort gibt es noch genügend Pflegepersonal.

Schulleiter Zander sagt, der demografische Wandel ist nicht vom Himmel gefallen. Er habe schon vor zehn Jahren versucht, Politiker zu motivieren, sich mit dem Problem zu beschäftigen und nach einer Lösung zu suchen.

Vermutlich wird auch den Pflegenotstand der Markt regeln: In Bayern werden schon Kopfprämien für examiniertes Top-Personal gezahlt und bald kommen die Chinesen. Danach Schwestern aus Bangladesch. Kittel und Hosen für das Pflegepersonal „made in Bangladesch“ sind ja schon längst da.

Die Altenpflegebranche boomt. Es gibt immer mehr Senioren, die pflegebedürftig werden. In fast jeder Wochenendausgabe unserer Zeitung suchen Heime oder ambulante Pflegedienste examinierte Fachkräfte. Doch der Markt ist leer gefegt. Was das Problem verschärft: Es gibt zu wenig Nachwuchs in der Altenpflege.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2020
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt