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Besser vorsorgen, bevor es zu spät ist

Erna Apenbrink (84) war schon beinahe 80 Jahre alt und lebte zusammen mit ihrem Hund Susi im Rintelner Ortsteil Exten, in dem Haus, das sie mit ihrem verstorbenen Mann bewohnt hatte, als sie einmal stürzte – und danach war nichts mehr so wie zuvor. Wie viele ältere Frauen litt sie an der Knochenkrankheit Osteoporose, bei dem Sturz brach sie sich den Oberschenkelhals, sie kam ins Krankenhaus, danach für sechs Wochen zur Pflege in ein Seniorenheim und ihr wurde bewusst, dass sie auch in Zukunft auf Hilfe angewiesen sein würde. Die lebhafte alte Dame wollte aber weiterhin unter Menschen sein, auch mal selbst einkaufen, das Gefühl haben, ihr Leben auch geschwächt selbst bestimmen zu können.

veröffentlicht am 04.06.2011 um 00:00 Uhr

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Sie zog um nach Rinteln in eine seniorengerecht gestaltete Wohnung in der Brennerstraße, beauftragte einen Pflegedienst und sagt jetzt auf ihre lustige Art: „Hier, wo ich nun bin, trägt man mich erst mit den Füßen voran wieder raus.“

Die Geschichte von Erna Apenbrink ist durchaus typisch für alte Menschen, die einen häuslichen Pflegedienst in Anspruch nehmen. „Sehr viele Senioren wenden sich erst dann an einen Pflegedienst, wenn etwas Schlimmes passiert ist, eine Krankheit oder ein Unfall“, sagt Silke Priebe vom Fachdienst Altenpflege des Landkreises in Stadthagen. „Dabei wäre es so sinnvoll, schon früher Kontakt aufzunehmen und Hilfen für die Bewältigung des Alltags zu suchen. Mancher Unfall passiert dann gar nicht erst, und wenn doch, dann ist man schon ein bisschen vertraut damit, dass andere Menschen einem plötzlich ziemlich nahe kommen.“

Die alte Frau Apenbrink hatte Glück. Im Krankenhaus sprach sie mit Gisela Kietsch-Brill vom Rintelner Pflegeteam „KiWi“, die sie schon aus ihrem Heimatdörfchen kannte. Mit ihr zusammen plante sie, was nun geschehen soll: Der Umzug in eine Wohnung ohne Stolperfallen und mit einem barrierefreien Badezimmer; Besuche von Alltagsbegleitern, die mit ihr zum Einkaufen gehen oder zum Arzt; und natürlich einen Vertrag mit dem Pflegedienst. Jeden Tag kommen Mitarbeiterinnen, die ihr beim Waschen helfen, dafür sorgen, dass sie die Tabletten korrekt einnimmt, Spritzen verabreichen, Druckverbände wechseln und außerdem mit einem Notruf rund um die Uhr mit ihr verbunden sind.

Auch Irmgard Kerlikowski (87) aus Rinteln trägt einen Notruf-Druckknopf um den Hals, mit dem sie ihren Pflegedienst jederzeit alarmieren kann, wenn es ihr nicht gut geht. Bis vor zwei Jahren noch war es einzig ihre Tochter, die sich hingebungsvoll um sie kümmerte und ihr half, die Angelegenheiten des Alltags zu erledigen. Aber dann, vollkommen unvermutet, kippte die alte Mutter einfach in der Küche um. Sie konnte sich nicht mehr aufrichten und lag bis zum Abend hilflos da. Das war eine schreckliche Erfahrung, die sie nicht wieder durchmachen wollte.

Jetzt ist sie nicht nur durch das Notrufsystem abgesichert, es klingelt auch jeden Morgen an ihrer Tür, eine Altenpflegerin kommt vorbei, wäscht sie, behandelt eine Wunde am Bein, verabreicht ihr die nötigen Augentropfen und die Insulinspitzen. Irmgard Kerlikowski war es nicht gewöhnt, dass jemand anders außer ihrer Tochter in ihrer Wohnung auftaucht und ihr sogar beim Waschen und Ankleiden hilft.

„Diese Intimität macht mir aber eigentlich gar nichts aus“, sagt sie. „Nur wenn ein Mann dafür kommen würde, das wäre mir unangenehm, doch das wissen sie auch beim Pflegedienst.“

Während Erna Apenbrink noch täglich kleine Spaziergänge mit ihrem Hund Susi macht, sich dabei auf den so hilfreichen Rollator abstützt und immer wieder Bekannten begegnet, mit denen sie ein bisschen plaudert, war Irmgard Kerlikowski seit ihrem Sturz in der Küche nicht mehr in der Stadt. Sie benutzt den Rollator nicht gerne und nur auf den Stock gestützt fühlt sie sich, wie sie sagt, einfach zu unsicher, um sich auf einen etwas längeren Weg zu machen. Ihre Tochter besorgt ihr alles, was sie braucht, begleitet sie auch zum Arzt, hat aber nicht so viel Zeit, um sie täglich zu einem Spaziergang zu überreden.

Wer weiß, ob es nicht gut wäre, eine Betreuung zu engagieren (ab Pflegestufe 1 ist das im Angebotspaket durchaus vorgesehen), die dafür sorgt, dass alte Menschen wie die so freundliche und geistig wache Irmgard Kerlikowski, die sich allerdings sehr gut mit ihren Nachbarn versteht, sich nicht zu sehr aus dem sozialen Leben verabschieden. Birgit Schröder, Altenpflegerin und stellvertretende Leiterin der Sozialstation in Rinteln, vermittelt speziell ausgebildete Alltagsbegleiter.

„Viele Senioren und ihre Angehörigen denken darüber nach, dass so eine über die reine Pflege hinausgehende Alltagsbegleitung das Leben für alle Beteiligten erleichtern würde“, sagt sie. „Aber oft warten sie damit, bis sie die Pflegestufe 1 erreicht haben. Sie fürchten, es könnte zu aufwendig und zu teuer für sie sein. Oder sie meinen aus Bescheidenheit, das stünde ihnen gar nicht zu.“

Doch allmählich ändere sich das, meint sie. „Ich bin jetzt seit 18 Jahren Altenpflegerin und sehe, dass die Kunden anspruchsvoller werden. Früher haben sich die alten Menschen oft überschwänglich bedankt, wenn wir kamen, und hatten das Gefühl, wir täten ihnen einen besonderen Gefallen. Seit der Einführung der Pflegeversicherung sehen sie uns verstärkt als Dienstleister, bei dem sie sich einkaufen und an den sie auch Ansprüche stellen können.“ Zudem sei es auch möglich, über das Sozialamt eine Hilfe zur Altenpflege zu beantragen, falls das Pflegeversicherungsbudget nicht ausreiche, um auch einen Alltagsbegleiter zu bezahlen.

Insgesamt herrscht im Landkreis Schaumburg, dessen Altersdurchschnitt etwas höher liegt als der Bundesdurchschnitt, eine große Nachfrage nach Pflegedienstleistungen. Entweder meldet sich der Arzt bei einem Pflegedienst, der ihm von den Angehörigen genannt wird, wenn ein alter Mensch regelmäßige medizinische Betreuung braucht. Oder Angehörige wenden sich ohne eine ärztliche Verordnung an Pflegedienste, weil sie auf Dauer damit überfordert wären, sich täglich um die hilfsbedürftigen alten Menschen zu kümmern. Auch während eines Krankenhausaufenthaltes wird Betroffenen oft schon klar, dass es ohne eine Pflege zu Haus nicht mehr gehen kann.

Ärzte und auch der beratende Fachdienst Altenpflege müssen strikte Neutralität wahren. Meistens spricht sich per Mundpropaganda herum, welcher Pflegedienst der jeweils passende sein könnte.

Wer Daten aus den regelmäßigen Qualitätsprüfungen des Medizinischen Dienstes einsehen will, kann das über das Internet tun. Portale wie zum Beispiel www.mdk.de listen auf, in welchen Sparten welcher Dienst wie benotet wurde. Johanna Sandersfeld, in Hannover Qualitätsbeauftragte der Diakoniestationen Hannover, der Sozialstation Rinteln und der Diakonie häusliche Pflege Hameln, rät allerdings dazu, sich darüber hinaus unbedingt ein Bild vor Ort zu machen. „Wie Mitarbeiter tatsächlich mit den ihnen anvertrauten Menschen umgehen, kann man aus keiner Statistik ersehen.“

Gisela Kietsch-Brill, ihre Kollegin Claudia Wintjes und die Sozialstation Rinteln gehören zu den Pflegediensten, die ihre Kunden ganz bewusst auch bis ans Sterbebett begleiten. Sie tun das in Zusammenarbeit mit dem Hospizverein, ihre Mitarbeiter machen dafür eine „Palliativ-Care“-Weiterbildung, die ihnen nicht nur das nötige Zusatzwissen in der medizinischen Pflege vermittelt, sondern sie auch psychologisch für den Umgang mit Sterbenden und deren Angehörigen schult.

Die beiden Altenpflegerinnen, die früher als Krankenschwestern auf der Intensivstation des Rintelner Kreiskrankenhauses arbeiteten, sagen übereinstimmend, sie hätten jetzt viel mehr mit dem Tod zu tun als zuvor. „Im Krankenhaus sind Menschen oft ganz allein, wenn sie sterben“, so Gisela Kietsch-Brill. „Doch es spricht sich immer mehr herum, wie friedlich und richtig ein Sterben im eigenen Zuhause sein kann.“

Die trotz aller körperlichen Beschwerden gut gelaunte Erna Apenbrink, sie ist sich sicher, dass sie niemals in ein Senioren-Pflegeheim umsiedeln wird. „Das habe ich schon alles abgemacht, sogar schon die Beerdigung geplant. Ich werde hier betreut bis zum Schluss!“, sagt sie und berichtet außerdem nicht ohne Stolz, man habe ihr schon mehrmals gesagt, dass Jüngere sich ruhig mal ein Vorbild an ihr nehmen sollten.

Ein Sturz – und auf einmal ist nichts mehr wie zuvor im Leben der damals knapp 80-jährigen Erna Apenbrink. Ihr eigenständiges Leben musste sie aber nicht aufgeben: Sie wird heute von einem privaten Pflegedienst betreut. Wir haben Pflegedienste begleitet – im zweiten Teil unserer Serie zum Thema „Leben im Alter“.

„Mir wurde schon mehrmals gesagt, dass sich Jüngere an mir ruhig mal ein Vorbild nehmen sollten“: Erna Apenbrink mit Hund Susi in ihrer seniorengerechten Wohnung in Rinteln.



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