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Welche Schicksale sich hinter den Namen auf den ersten Rintelner Stolpersteinen verbergen

Berufsverbot, Zwangsarbeit, Ermordung

Zwangsarbeit, Deportierung, Ermordung im Warschauer Getto – so erging es der dreiköpfigen Familie Levy aus der Weserstraße. Familie Leeser dagegen gelang gerade noch rechtzeitig 1937 die Flucht in die USA. Lehrer Julius Sundheimer erhielt zunächst Berufsverbot, kam später in Riga (Lettland) um. Schicksale, die der langjährige Archivar der Stadt Rinteln, Kurt Klaus, mit seinen Veröffentlichungen schon vor Jahren dokumentiert hatte. Alte Chroniken des Gymnasiums Ernestinum waren ebenfalls gute Quellen für Schüler, um auf Spurensuche zu gehen.

veröffentlicht am 29.11.2013 um 00:00 Uhr

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Autor:

Dietrich Lange

Die für Rinteln komplett erhaltenen Karten zur Registrierung der deutschen Juden lieferten den Gymnasiasten Bilder. Aber nur wenige Zeitzeugen konnten noch Auskünfte geben. Und auch Berichte der Schaumburger Zeitung halfen den Geschichts-Leistungskursen, die unter Leitung von Lehrer Thomas Weißbarth auch das Internet durchstöberten. Familie Eckel, Nachmieter eines Textilladens der Familie Leeser am Rintelner Marktplatz, knüpfte sogar per E-Mail und Facebook Kontakte zu Nachfahren und Angehörigen der Familie Leeser in den USA.

Sichtbaren Ausdruck der Erinnerung verschaffte jetzt der Künstler Gunter Demnig mit der Verlegung der ersten 15 Stolpersteine in Klosterstraße, Weserstraße, Bäckerstraße und am Markt. Er ist mit dieser Aktion seit Jahren nicht nur bundesweit unterwegs. „Die Nachfrage ist so groß, dass ich schon auf mehr als 5000 neue Stolpersteine pro Jahr komme“, sagte Demnig in Rinteln. Längst hat ein befreundeter Künstler die Produktion der Betonwürfel mit Messingplatte und darin eingelassenen Namen der Opfer übernommen. Aus Rinteln kam die Nachfrage spät – aber dafür ist sie jetzt anhaltend. Weitere Schicksale ehemaliger jüdischer Mitbürger werden derzeit noch erforscht.

Hier ein Blick in das, was die Gymnasiasten über die Familien herausfanden:

Julius Sundheimer

Er wurde 1895 in Frankfurt am Main geboren. Im Alter von 19 bis 24 Jahren nahm er am Ersten Weltkrieg teil. Nach dem Abschluss seines Studiums erhielt er seine erste Anstellung an einer Oberschule in Frankfurt. Am 1. Oktober 1931 nahm er eine verbeamtete Stelle am Gymnasium in Rinteln an. Hier unterrichtete er Rintelner Schüler in den Fächern Mathematik und Physik. Ebenfalls in Rinteln lernte er Käthe Stamfort aus der Seetorstraße 4 kennen, die er später heiratete.

Nach ihrer Machtübernahme 1933 beschlossen die Nationalsozialisten, dass kein Jude mehr deutsche Schüler unterrichten sollte. Sundheimer wurde im Alter von 36 Jahren in den Zwangsruhestand versetzt: Die Familie Sundheimer zog nach Herrlingen, um sich dort auf die Auswanderung vorzubereiten. 1937 wurde Sohn Hans geboren. Der Plan der Auswanderung ließ sich nicht in die Tat umsetzen. Am 15. Dezember 1941 stieg die Familie in einen Zug, der sie ins Getto Riga transportierte. Sohn Hans war zu diesem Zeitpunkt vier Jahre alt. Die Familie Sundheimer hat die Shoah nicht überlebt.

Leo Schönfeld

Im Jahr 1913 war er der Abiturient mit dem besten Notendurchschnitt und wurde durch ein Geschenk des Kaisers geehrt. Er studierte Jura und arbeitete als Anwalt für eine Bank in Hannover. 1942 wurde er ins Getto Theresienstadt deportiert, von dort 1944 wurde er ins Vernichtungslager Auschwitz verschleppt. Leo Schönfeld hat die Shoah nicht überlebt.

Familie Leeser

Ludwig und Henriette Leeser, geb. Samuel, besaßen am Marktplatz ein Geschäft. Ganz Rinteln kaufte dort Textilien. Ludwig Leeser war Mitglied der SPD. Nach 1933 wurde der Familie schnell klar, dass es in Rinteln für sie keine Zukunft gab. Die Nationalsozialisten riefen zum Boykott jüdischer Geschäfte auf, die Fenster des Geschäfts haben Nationalsozialisten nachts mit antisemitischen Parolen beschmiert.

Die Söhne Paul und Werner wurden am Gymnasium ausgegrenzt und mussten mit einem weiteren jüdischen Schüler als Einzige am Samstag zum Unterricht erscheinen, während alle anderen Schüler als Mitglieder der Hitlerjugend vom Unterricht befreit waren. 1937 gelang den Eltern mit ihren Söhnen Paul und Werner die Flucht in die USA, wo die Nachkommen der Familie Leeser heute noch leben.

Familie Levy

Philipp und Minna Levy besaßen in der Weserstraße ein Schuhgeschäft. Nationalsozialisten beschmierten nach der Machtübernahme 1933 die Fenster des Ladens und stifteten Kinder an, „Judenschwein“ hinter dem herzkranken Philipp Levy herzurufen.

Die Rintelner wurden angehalten, nicht mehr in dem beliebten jüdischen Geschäft zu kaufen. Kunden, die dies dennoch taten, wurden von SS-Männern im Dunkeln verprügelt. Tochter Käthe gehörte zu den Menschen jüdischer Herkunft, die 1941 bei der Firma Schröder und Wagner Zwangsarbeit leisten mussten. Philipp, Minna und die Tochter Käthe Levy wurden am 31. März 1942 ins Getto Warschau deportiert. Die Familie Levy hat die Shoah nicht überlebt.

Familie Heinemann

Henry Heinemann aus der Bäckerstraße wurde gedemütigt und ausgegrenzt, er starb 1937 im Alter von 63 Jahren. Julius Heinemann gelang die Flucht nach Kuba. Er kehrte nach dem Krieg nach Deutschland zurück und wurde Richter am Oberlandesgericht in Celle. Den Eltern Hermann und Edith sowie ihren Kindern Vera und Eva gelang die Flucht nicht.

Hermann Heinemann wurde 1938 nach der Reichspogromnacht ins KZ Buchenwald verschleppt. Er musste mit seiner damals 14 Jahre alten Tochter Zwangsarbeit in Hannover-Ahlem und bei der Firma Schröder und Wagner in Rinteln leisten. 1942 wurde die Familie aufgefordert, sich auf die Deportation vorzubereiten. Rucksäcke wurden besorgt, alle vier zogen mehrere Kleidungsstücke übereinander. Der Vater baute die Puppenwagen seiner Töchter um, um mehr Gepäck mitnehmen zu können.

Am 31. März 1942 zogen die Eltern mit ihren weinenden Kindern durch die Straßen Rintelns zum Sammelplatz in der Dauestraße. Gut sichtbar für die Anwohner stiegen die Rintelner Juden dort in den Bus, der sie in die ehemalige Gartenbauschule nach Hannover-Ahlem transportierte.

Von dort erfolgte die Deportation in das Getto nach Warschau. Die Eltern Heinemann waren zu diesem Zeitpunkt 42, die Töchter Vera und Eva 15 und 12 Jahre alt. Alle vier haben die Shoah nicht überlebt.

Außer einer Metalltafel an einer Hauswand in der Rintelner Bäckerstraße erinnerte bislang kaum etwas an die Gräueltaten, mit denen sich die Nationalsozialisten an einheimischen Juden vergangen haben. Jetzt erinnern 15 Stolpersteine in der Altstadt an die bewegenden Schicksale der Männer, Frauen und Kinder. Wer waren die Familien, die in den Häusern neben diesen Steinen wohnten, was haben sie erleiden müssen? Eine Spurensuche.



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