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„Beim Klettern bin ich frei“

veröffentlicht am 14.08.2012 um 00:00 Uhr

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Von Sarah Seitz

Der kleine Pfad schlängelt sich durch den Wald, vorbei an Flora und Fauna geht es stetig bergauf. „Da sind wir“, sagt Fabian Kuhfuß (18) und blickt die steile Felswand der Lüerdisser Klippen hinauf. Mit einer kleinen Truppe von jungen Kletterern soll es heute 30 Meter in die Höhe gehen. Schon vorher geht er im Geiste die Route durch. Klettergurt an, Helm auf, Seil raus, Material sortieren und anlegen – dann kann es losgehen. „Der größte Reiz für mich ist es wohl, dass man sich beim Klettern frei fühlt. Man ist dort, wo nur wenige hinkommen, betrachtet die Welt aus anderen Blickwinkeln, lernt seinen Körper in Extremsituationen kennen und muss sich oft überwinden.“

Der erste Vorsitzende des deutschen Alpenvereins Hameln, August Becker, beschreibt die Motivation zum Klettern ähnlich: „Es sind zwei Dinge, die mir sehr wichtig sind. Zum einen ist es entspannend, richtig Sport treiben zu können ohne den Wettkampfgedanken. Eine Route schafft man nur gemeinsam, allein kommt man nicht weit. Zum anderen vergesse ich beim Klettern alles um mich herum, der Kopf wird frei durch die hohe Konzentration, die man aufbringen muss. In den Momenten ist alles passé, was mir im Alltag durch den Kopf geistert.“

Natürlich sei es auch toll, eine so wunderschöne Gegend zum Klettern beinahe vor der Haustür zu haben. Oft verabrede sich der Verein momentan an den Marienauer Klippen, und auch der Kanstein sei ganz nett, habe jedoch den Nachteil, dass nur wenig Sonne an die Felsen gelange und man im Winter dort nicht klettern könne – denn das tun die Vereinsmitglieder nicht selten: „Bei ein paar Grad über null ist das doch kein Problem.“ Der Hohenstein mit seiner Höhe von bis zu 50 Meter ist mit seinem alpinen Charakter ebenfalls empfehlenswert.

Das beliebteste Gebiet Norddeutschlands wäre dennoch der Ith. „Der Jugendzeltplatz in Holzen ist eine gute Möglichkeit zum Übernachten, nur leider am Wochenende oft überfüllt. Das gelte dann natürlich auch für die Klippen. „Deswegen fahren wir nur in der Woche rüber, um den anderen von weiter weg den Vortritt zu lassen.“

Etwa 20 Kilometer lang durchzieht der Ith die Landkreise Hameln-Pyrmont und Holzminden und besitzt durch unterschiedliche Höhen und variierende Schwierigkeiten ein vielfältiges Angebot für den Anfänger bis zum Profi. Er besteht aus Jurakalk und weist einige Höhlen und sogar Steinbrüche auf, die von Fledermäusen gut besucht sind und schon so manchem Kletterer den Kopf umschwirrt haben. Die possierlichen Tierchen waren schon öfter der Grund für Sperrungen einzelner Kletterrouten, was nicht immer auf das Verständnis der Kletterer stieß. „Wir haben meiner Meinung nach in den letzten Jahren den richtigen Weg eingeschlagen und zusammen mit dem Naturschutz Kletterkonventionen entwickelt, an die sich auch alle halten sollten“, sagt August Becker. Jedoch kann auch er manchen Protest verstehen, denn sobald ein Vogel brüte, werde der Bereich sehr großräumig abgesperrt, obwohl sich die Tiere meist kaum stören lassen würden. So gebe es im Weserbergland etwa zehn Gebiete mit mehr als 50 möglichen Aufstiegen, doch seien mehr als die Hälfte der Felsen gesperrt, teilweise sogar ganzjährig.

„Es besteht die Pflicht, für die Sicherung der Bereiche zu sorgen. Durch das Klettern können Lebensräume geschützter Tier- und Pflanzenarten beeinträchtigt werden wie die der Fledermaus, der Wildkatze oder des Uhus. Daher sind die Belange des Naturschutzes und des Klettersports miteinander abzugleichen und gemeinsam Lösungen zu finden, denn die Brut- und Aufzuchtstätten der Tiere dürfen nicht gestört werden“, erklärt Rainer Halbauer, Amtsleiter des Naturschutzes Hameln-Pyrmont.

Fabian hat mittlerweile mit seinem Nachsteiger Joel Sieberer (19) die Hälfte des Aufstieges geschafft. Sie haben sich heute für das „Vorstiegsklettern“ entschieden, die wohl anspruchsvollste Art unter den Sicherungsmöglichkeiten: Dabei wird Fabian von unten gesichert und muss beim Einhängen seines Seils in die Bohrhaken der Felswand sehr aufmerksam sein, um bei einem Sturz nicht auch noch seinen Partner zu gefährden. Bis zu elf Meter könnte es sonst in die Tiefe gehen. Doch Klettern ist nicht gleich Klettern. „Die Mehrzahl der Laien weiß gar nicht, dass es viele verschiedene Varianten gibt“, erklärt Fabian.

Die wohl bekannteste Art ist das Freiklettern – was allerdings nicht bedeutet, ohne Sicherung Klippen zu ersteigen. Es bedeutet vielmehr, ohne technische Hilfsmittel wie Halterungen oder Trittleitern in der Wand sich fortzubewegen. Neben Alpin- und Sportklettern ist das „Bouldern“ sehr beliebt. Dabei versuchen die Sportler, ohne Sicherung an Felsblöcken in Absprunghöhe entlangzuklettern. Es werden Matten auf den Boden gelegt, um Stürze abzufangen. Auch sind des Öfteren Partner in der Nähe, die den Kletterer zwar nicht auffangen, aber in die richtige Fallrichtung und Position bringen, um sich nicht ernsthaft zu verletzen. Bei Wettkämpfen werden die „Boulderprobleme“, schwierige Situationen, bewertet; der Zweck ist allerdings auch, mit möglichst wenigen Griffen das Ziel zu erreichen. Bei Weltmeisterstaften, die nur alle zwei Jahre stattfinden, gibt es neben dem „Bouldern“ die beiden weiteren Disziplinen Schwierigkeitsklettern (Lead) und „Speedklettern“. Die Jugendabteilung des deutschen Alpenvereins Hameln nimmt ebenfalls an Wettkämpfen teil, bislang jedoch nur in der Halle. „Bei uns sind viele Altersgruppen vertreten, wir sind eine bunte Truppe. Unser Ältester, Hartmut Ahlbrecht, ist mit seinen 75 Jahren immer noch dabei“, erklärt Becker und führt weiter aus: „Der Klettersport ist ausgeglichen, man braucht nicht die Fitness eines 30-Jährigen, um mitzuhalten.“

Laut der letzten Unfallstatistik des Deutschen Alpenvereins geht die Zahl der Unfälle insgesamt zurück; dabei werden allerdings nur Mitglieder erfasst. Jedoch sind die Einsätze zur Rettung von Klettersteig-Kletterern in den letzten Jahren gestiegen. Klettersteige sind mit fest angebrachten Sicherungsmitteln, wie Leitern und Stahlseilen, gesicherte Steige oder Kletterrouten. Zwar werde die Ausrüstung immer besser, doch die Sportler würden sich oft überschätzen und damit in Gefahr bringen. Viel Wert auf eine gute Ausbildung werde dann nicht mehr gelegt.

Auch die Truppe an den Lüerdisser Klippen ist sich dem Unterfangen bewusst: „Das größte Risiko trägt der Mensch selber, er muss klar und konzentriert handeln, menschliches Versagen ist der größte Risikofaktor.“ Auch der 60-jährige Becker reagiert gereizt, wenn er das Sicherheitsrisiko in seinem Sport anspricht: „Für mich ist Klettern eine der sichersten Sportarten, die es gibt. Nach jahrelangem Betrieb unserer Halle ist noch nie etwas passiert. Wegen der Höhe sieht es einfach spektakulärer und somit gefährlicher aus, doch in Wirklichkeit gilt: Umso mehr Luft unter dem Kletterer ist, desto besser, denn das Seil fängt einem in jeden Fall auf.“

Den meisten Jungs ist inzwischen der Aufstieg gelungen. Bei gutem Wetter genießen sie den tollen Ausblick über das Weserbergland, während sie sich langsam abseilen lassen. „Etwas scheinbar Unmögliches erreicht und auch endlich wieder Boden unter sich zu haben, der größer ist, als ein zweifingerbreiter Tritt, ist ein überwältigendes Gefühl. Beschreiben kann ich es aber nicht, das muss jeder einmal selbst erlebt haben.“

Sie hängen an Felsen, trainieren in der Halle und bezwingen stattliche Berge: Kletterer. Die Alpen sind naturgemäß ein ideales Gebiet für Bergsteiger, doch es gibt auch anspruchsvolle Klettermöglichkeiten direkt vor der Haustür – im Weserbergland.

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