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Das Hamelner Café ist ein Zufluchtsort für Drogensüchtige aus dem Weserbergland

Bei Kaffee und Spritzbesteck im Inkognito

Das Café Inkognito in Hameln ist kein normales Café, aber mehr als ein Treffpunkt. Wer hierher kommt, streitet seine Drogenprobleme nicht ab. Zum Cappuccino gibt es manchmal Kuchen, aber immer frisches Spritzbesteck; Kanülen, Tupfer, Nadeln. Gedrückt werden muss aber woanders. Ein Besuch in der Zufluchtsstätte.

veröffentlicht am 06.08.2016 um 13:10 Uhr
aktualisiert am 06.08.2016 um 13:51 Uhr

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Der Kaffee kostet 50 Cent, Verbandszeug und sauberes Wasser gibt es gratis. Immer freitags sogar ein warmes Mittagessen. Achim Degen ist ein großer Mann, sportlich mit wuseligen schwarzem Haar. Ein bisschen Berliner Schnauze, ein bisschen norddeutsche Gelassenheit. Mal kümmert sich der 44-jährige Hamelner um seine Klienten im Café Inkognito, mal ist der draußen. Als Streetworker, bei den Menschen; drogensüchtig und vergessen.

Das Café Inkognito ist Anlaufstelle für Drücker aus Hameln, aber auch aus dem Weserbergland. Drogensüchtige, die sich ihr Mittel per Spritze setzen. Meistens ist das Heroin, manchmal die Ersatzdroge Methadon. Seit 1994 gibt es dazu Anlaufstellen in Hameln. In Hannover sogar eine Ausgabestelle für medizinisches Heroin – eine Praxisstudie. Im Café dürfen keine Drogen konsumiert werden. Trotzdem gibt es um elf Uhr mittags oft schon das erste Bier des Tages auf der Terrasse. Die Stimmung ist weder ausgelassen noch angespannt. Es wird gelacht und diskutiert, es bestehen Freundschaften und Kontakte. Am und im Café findet ein Teil der Szene statt.

Seit 2002 ist Achim Degen als Sozialpädagoge mit an Bord der Jugend- und Drogenberatung (DROBS). Statt eines reinen Treffpunkts, soll das Café am Thiewall ein Zufluchtsort sein. „Wer hierher kommt, ist nicht zwingend auf dem Weg zurück in ein drogenfreies Leben“, sagt Degen. Die meisten, erzählt er, hätten sich mit ihrer Situation abgefunden oder genug Selbstbewusstsein, um nicht bloß unsichtbar mit ihrem Problem zu leben. Denn das Café Inkognito ist kein geheimer Ort. Aber gerade mit so wenig Öffentlichkeit ausgestattet, dass es den Besuchern ein Dach und damit Schutz bietet. Schutz vor Blicken, vor Gewalt, vor Wertungen – und vor dem Wetter. Für ein klassisches City-Kaffee fehlen die Stehtische und die Eisbar. Dafür gibt es einen Internet-PC, eine Waschmaschine und einen Kickertisch. Im Kühlschrank stehen kalte Getränke, in der Schublade saubere Spritzen, Tücher und Nadeln.

Das Café Inkognito in Hameln ist mehr als ein Treffpunkt: Neben warmen Getränken gibt es auch warmes Essen, warme Worte und sterile medizinische Artikel. Foto: cv

Das Problem der Süchtigen sei schon lange nicht mehr damit zu beseitigen, Drogen einfach zu verbieten, erklärt Degen. Ihnen ein Umfeld zu schaffen, das sie vor Krankheit und Infektionen schützt, helfe den Menschen mehr. Für Hameln schätzt er, dass sich die Szene aus etwa 150 sichtbaren Drogensüchtigen zusammensetzt. „Die sind tagsüber dann im Bürgergarten zu sehen, an der Weser, der Marktkirche oder am Busbahnhof“, sagt Degen. Oder eben im Café Inkognito. Eine Stigmatisierung sei das aber in keinem Fall. Die Szene beschreibt sich selbst auch als solche. Und bleibt die meiste Zeit auch unter sich. Auch die Konflikte, die es zweifelsfrei gibt und in Hameln allein im ersten Halbjahr 2016 die Polizei schon mehrfach auf den Plan gerufen hat, finden vor allem im eigenen Umkreis statt.

Trotzdem fallen einige von ihnen auf; die schon am Vormittag betrunkenen, verlebt wirkenden Gestalten. Die wenigsten von ihnen sind obdachlos. Fast alle aber ohne Arbeit und deshalb mit viel Zeit ausgestattet. Achim Degen versucht zu erklären: Die Leute wüssten nicht wohin mit sich und ihrer Zeit. Sie suchen die öffentlichen Plätze auf. Dass sie dort auffallen, weil sie am frühen Mittag schon eine Dose Bier trinken, würden die meisten selbst schon gar nicht mehr merken.

In sozialen Netzwerken lassen sich manche Hamelner darüber aus, dass sich die Situation an den bekannten Stellen zuspitze. Mehr Gewalt, mehr Schmutz und mehr Unruhe, so der Eindruck. Besonders die Fischpfortenstraße sei ein Hotspot. Dort befindet sich noch heute das Büro der Drogenberatung. Auch im Umkreis der Methadon-Ausgabestellen, von denen es in Hameln zwei gibt, soll es immer wieder zu Konflikten und Auffälligkeiten kommen.

Laut der Hamelner Polizei gab es allein im vergangenen Jahr 626 Verstöße, bei denen Betäubungsmittel eine Rolle spielten. Im Halbjahr 2016 waren es schon 262, wobei ein Großteil mit dem Konsum, der Zubereitung und dem Verkauf von Cannabis zusammenhängt. Und: Gab es im Jahr 2015 noch vier Verkehrsunfälle unter Drogeneinfluss (kein Alkohol), waren es 2016 bis jetzt schon sechs.

Ob die Szene allerdings tatsächlich gewaltbereiter ist als früher, möchte Degen nicht bestätigen. Der subjektive Eindruck mag täuschen. Klar ist aber: Zuletzt hatte es mehrere Vorfälle in der City gegeben. Erst vor wenigen Wochen sogar eine Messerstecherei unter Drogenkonsumenten. „Die meisten Gewalt- und Straftaten begehen die Leute untereinander, in ihrer Gruppe“, meint Degen. Grund sei der Mischkonsum: die eigentliche Droge plus Alkohol. Doch es gebe auch eine unsichtbare Szene, die sich nicht in einer so öffentlichen Form sozialisiert. Die nicht auf der Straße pöbelt oder sich im Bürgergarten einen Schuss setzt. „Es gibt viele Drogenkonsumenten, die ganz normal am Alltag teilnehmen, 70 Stunden die Woche arbeiten und sich aufputschen“, meint Degen. Die Zahl derer, die mit ihrem Drogenkonsum nicht in öffentliche Erscheinung treten, sei deutlich höher – auch in Hameln und im Weserbergland. Die kommen allerdings auch nicht ins Café Inkognito. Sie brauchen es nicht.



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