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Behindert – aber mit denselben Rechten

Doch was genau ist eigentlich damit gemeint, wenn jemand von Inklusion spricht? Viele derer, die es eigentlich wissen müssten, weil sie selbst Betroffene sind, also als körperlich, geistig oder seelisch behindert gelten, zucken bei der Frage nach einer Definition die Schultern. „Sie meinen sicherlich Integration“, ist häufig zu hören. Und genau das ist Inklusion nicht, wie Experten betonen. Grafisch lässt sich der Unterschied zwischen Exklusion (Ausschluss), Separation (Trennung), Integration (Eingliederung) und Inklusion (Einbeziehung) von Menschen mit Behinderung dagegen gut darstellen (siehe Grafik).

veröffentlicht am 27.06.2011 um 00:00 Uhr

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Kurz gesagt: Ziel der UN-Behindertenrechtskonvention ist es, den Menschen mit Behinderung das Recht auf vollständige Teilhabe unter Berücksichtigung aller bereits bestehenden Menschenrechte zu verschaffen. Dazu, da sind sich die Fachleute und Betroffenen einig, bedarf es nicht nur außerordentlicher Anstrengungen, sondern auch einer Veränderung des Bewusstseins.

Herbert Meier, Geschäftsführer der Lebenshilfe Rinteln, stellt klar, dass es bei allen Ansprüchen nach zeitnaher Umsetzung der Inklusion einen Unterschied zwischen Theorie und Praxis gibt. In der Lebenshilfe gebe es im Kindergartenbereich viele Kinder, bei denen die Eltern das Problem sind. „Diesen Kindern kann die Inklusion helfen“, sagt er. Auch für Leichtbehinderte sei das Konzept gut. „Die Schwerstbehinderten hingegen fallen durch das Raster“, befürchtet er. Die geforderte Teilhabe an allen Bereichen des Lebens sei einfach nicht umsetzbar. „Das wird nicht möglich sein. Wo sollen denn allein die ganzen Arbeitsplätze herkommen?“

Auch in der Bildungslandschaft wird der Inklusionsgedanke engagiert und bisweilen kontrovers diskutiert. So wie unlängst während einer Informationsveranstaltung im Forum der Handelslehranstalt Hameln. Unter anderem stellte Detlef Jähnert, Referent im Büro des niedersächsischen Beauftragten für Menschen mit Behinderung fest: „Im Gegensatz zu Skandinavien haben wir in Deutschland über viele Jahre Sondersysteme für Menschen mit Behinderungen etabliert.“ Bildungszentren für Hör- oder Sehgeschädigte, Wohnheime für Menschen mit Behinderungen, spezielle Schulen seien klassische Beispiele dafür.

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Behinderte und Nichtbehinderte sollen sich – wie hier beim Sport – auf Augenhöhe begegnen. Foto: volunta

In dasselbe Horn stößt die Bundestagsabgeordnete Gabriele Lösekrug-Möller (SPD): „Die Konzepte für Menschen mit Behinderung sind in Deutschland eher exkludierend“. Gerhard Masurek, Referent für Grundsatzfragen der Eingliederungshilfe im niedersächsischen Sozialministerium, hält dagegen: Insgesamt sei man in Deutschland auf einem weltweit hohen Niveau. Für viele Beobachter und nicht zuletzt für einige aktive Teilnehmer der Podiumsdiskussion war es verwunderlich, dass kein einziger Mensch mit Behinderung auf dem Podium saß. Genau das zeige, so Jähnert, dass sich in der Gesellschaft einiges bewegen müsse. Vor allem in den Köpfen der Menschen müsse sich etwas verändern, wie die Mutter eines schwerst-mehrfach behinderten Menschen aus dem Publikum heraus betonte. Für Inklusionsbefürworter sei deswegen ein aktuelles Urteil des niedersächsischen Oberverwaltungsgerichts geradezu niederschmetternd, wie Jähnert erläutert. Das Gericht habe geurteilt, dass sich aus der UN-Behindertenrechtskonvention kein rechtlicher Anspruch auf eine inklusive Beschulung ableiten lasse. Mit anderen Worten: In Deutschland gibt es zwar das Recht auf freie Schulwahl, für Menschen mit Behinderung kommt es aber nicht zwingend zum Tragen. „Ein Paradebeispiel, wie Menschen mit Behinderung ausgeschlossen werden“, meint Jähnert.

„Kein Wunder“ ist es aus Sicht von Norbert Lichtenberg, Moderator der Podiumsdiskussion und Schulleiter der Förderschule mit Schwerpunkt geistige Entwicklung, dass die vielschichtigen Diskussionen um die UN-Behindertenrechtskonvention zu Irritationen führen: „Sowohl die Lehrkräfte und Mitarbeiter der Bildungseinrichtungen für Menschen mit Behinderungen, als auch die Eltern der Betroffenen und nicht zuletzt die Menschen mit Behinderungen selbst sind zurzeit stark verunsichert.“ Jähnert: „Die Sondersysteme in Deutschland haben im Laufe der Jahre dazu geführt, dass Menschen mit Behinderung ‚versteckt‘ werden.“ Masurek konterte, indem er feststellte, dass nicht jede Behinderung auf den ersten Blick zu sehen sei. Beispiel: hörgeschädigte Menschen. Zahlreiche Experten, wie zum Beispiel Heiner Bielefeldt vom Deutschen Institut für Menschenrechte, verweisen in diesem Zusammenhang darauf, dass es im Zuge der Inklusion selbstverständlich werden müsse, dass öffentliche Veranstaltungen von einem Gebärdendolmetscher begleitet werden.

Vor wenigen Tagen hat die Bundesregierung einen nationalen Aktionsplan ins Leben gerufen. Dieser müsse nun, so der Behindertenbeauftragte Hubert Hüppe, mit Leben gefüllt werden. Er begrüßt dabei ausdrücklich, dass man sich nun vom aufwendigen Wechselspiel zwischen Exklusion und Integration verabschiedet habe. Wichtig sei, so der Behindertenbeauftragte, dass alle bei der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention mitmachten: Bund, Länder, Kommunen, Kirchen, Arbeitgeber, Gewerkschaften, Schulen, Wohlfahrtsverbände, soziale Dienste und Vereine. Die Zivilgesellschaft insgesamt sei gefordert.

Dass der Weg der Inklusion ein langer werden wird, ist allen Beteiligten klar. Vor allem gelte es, das Bewusstsein für Inklusion zu schärfen, so die Experten unisono. Ein Beispiel für noch zu leistende Überzeugungsarbeit lieferte Anfang der Woche die Bertelsmann-Stiftung mit der Feststellung, dass es grundsätzlich Vorbehalte gegenüber einer gemeinsamen Beschulung von behinderten und nicht behinderten Schülern gebe. Das Meinungsforschungsinstitut Emnid hatte ermittelt, dass zwar rund 88 Prozent der 1500 befragten Personen einer gemeinsamen Beschulung von nicht behinderten Schülern mit körperlich behinderten Schülern zustimmten, aber dass nur für 56 Prozent eine gemeinsame Beschulung mit geistig behinderten Schülern infrage komme. Noch schlechter schnitten Schüler mit Verhaltensauffälligkeiten ab, die in vielen Fällen von einer seelischen Behinderung betroffen sind. Hier lag die Zustimmung bei lediglich 53 Prozent.

Bereits 2006 hat die UNO-Generalversammlung die Behindertenrechtskonvention verabschiedet. 2008 trat sie in Kraft. Am Rande der Podiumsdiskussion wurden Stimmen laut, die zwar begrüßten, dass es endlich konkret werde in Sachen Inklusion. Gleichzeitig aber wurde kritisiert, dass die Behindertenrechtskonvention drei Jahre in den Schubläden „vor sich hin gedümpelt“ hätte.

Laut Masurek blickten aktuell zahlreiche europäische Nachbarländer nach Deutschland: „Deutschland ist hinsichtlich der Behindertenrechtskonvention nicht nur auf einem relativ hohen Niveau, sondern hat auch eine Vorreiterstellung in Europa inne. Unsere Nachbarn schauen genau hin, welche Konzepte wir zur Umsetzung der Inklusion erarbeiten.“

Auch bei der jüngsten Sitzung des Schaumburger Schul- und Berufsausschusses des Kreistags hat das Thema „Inklusion“ auf der Tagesordnung gestanden: „Inklusion ist ein schulischer und regionaler Entwicklungsprozess“, erklärte Georg Bittner, Leiter des Förderzentrums Hans-Christian-Andersen-Schule in Stadthagen. Die Gruppe Grüne/WIR hatte beantragt, das Thema einmal genauer zu betrachen. „Es ist ein Rechtsprinzip“ – wegen des Rechts auf Bildung – „und ebenso eine ethische Grundhaltung, dass niemand ausgeschlossen werden soll“, so Bittner weiter. Dahinter stehe immer das Prinzip „der Wertschätzung von Verschiedenheit“.

Einige Hürden stehen einem solchen System noch gegenüber. So fehlten unter anderem ein schulrechtlicher Rahmen und auch die nötigen Ressourcen. Die Chancen, die sich aus der Inklusion ergeben, seien aber nicht zu unterschätzen, beginnend bei der gleichen Wertschätzung aller Schüler. Zudem: „Ergebnisse der Integrationsforschung zeigen, dass in integrativen Klassen keine Verschlechterung bei den Schülern ohne Förderbedarf eintritt“, während ihr Sozialverhalten sich gleichzeitig verbessere.

Herbert Meier von der Lebenshilfe hingegen ist überzeugt davon, dass gerade schwerstbehinderten Menschen mit der Inklusion nicht geholfen wird, eher drohe ihnen Überforderung. „Wir leben in einer Leistungsgesellschaft“, sagt er. „Wenn wir uns nicht von diesem Prinzip verabschieden, wird es auch mit Inklusion bei einer Zwei-Klassen-Gesellschaft bleiben.“ Lediglich mit neuen Grenzen.

Menschenrechte: Kaum einer, der bei diesem Wort nicht an die UN-Menschenrechtskonvention und den Kampf gegen Folter, Todesstrafe und andere Menschenrechtsverletzungen denkt. Über eine ganz andere UN-Konvention wird derzeit jedoch rund um den Globus, auch in Europa und vor allem in Deutschland, ausgiebig diskutiert. Zum Synonym für die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen ist der Begriff „Inklusion“ geworden. Wir werden in lockerer Folge über Behinderte und ihre Wünsche an die Gesellschaft berichten.



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