weather-image
×

Auf der Suche nach einem Dorf treffen Türkei-Reisende auf einen PKK-Rebellen

Begegnung mit der Guerilla

Im zweiten Teil unseres Berichts über den Südosten der Türkei besuchen Aydin Gürarslan, Mehmet Filiz und Newaf Miro auf ihrer Tour die arabisch geprägte Stadt Sanliurfa, die alevitische Hochburg Tunceli und machen im Munzur-Gebirge eine unfreiwillige Begegnung mit der Guerilla der verbotenen PKK, der „Arbeiterpartei Kurdistans“.

veröffentlicht am 18.06.2014 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:08 Uhr

Philipp Killmann

Autor

Reporter zur Autorenseite

In der Abenddämmerung erreichen Aydin Gürarslan (50), Mehmet Filiz (47) und Newaf Miro (45) das arabisch geprägte Sanliurfa (kurd.: Riha), wo wir zunächst den Balikligöl besuchen, den „Teich Abrahams“. Der Legende nach wollte König Nemrod hier den biblischen Abraham verbrennen – bevor Gott das Feuer in Wasser und das Holz in Karpfen verwandelt habe.

Wir steigen auf die altertümliche Zitadelle, lauschen der Live-Musik aus einem Lokal und den Rufen des Muezzins, bevor wir uns zum Abendessen wieder an den heiligen Teich setzen. Bier gibt es hier in der Öffentlichkeit genauso wenig wie in Diyarbakir oder Silvan. Alkohol schickt sich in dieser stark islamisch geprägten Region nicht.

Noch am selben Abend geht es weiter in Richtung des rund 400 Kilometer entfernten Tunceli (kurd.: Dersim) im Norden. Es ist die Heimatstadt von Aydin Gürarslan. Ein nächtlicher Zwischenstopp wird auf dem mächtigen Nemrut Dagi eingelegt, einem 2150 Meter hohen Berg. Hier hat sich König Antiochos I. Theos vor etwa 2000 Jahren mit einem Heiligtum aus imposanten Götterskulpturen ein eindrucksvolles Denkmal gesetzt. Der in Tourismusbroschüren versprochene unvergleichliche Sonnenaufgang im Taurusgebirge bleibt uns an diesem Morgen allerdings verwehrt. Denn es ist nicht nur beißend kalt und stürmisch, sondern auch diesig.

Gegen Mittag, es ist inzwischen deutlich wärmer als noch in Sanliurfa, werden wir in Kanoglu, einem kleinen Dorf kurz vor Tunceli, herzlich von Gürarslans Familie empfangen. Doch unmittelbar nach dem Mittagessen brechen wir schon wieder auf. Gürarslan hat einen Termin beim Bürgermeister von Tunceli. Dabei geht es jedoch nicht um politische Angelegenheiten. Die beiden sind alte Schulfreunde.

Auf dem Weg werden wir am Ortseingang vom Militär kontrolliert, das ausgerechnet in dieser ausgesprochen liberal anmutenden Stadt, die allerdings auch eine ausgeprägte kurdisch-alevitische Widerstandstradition hat, überaus stark präsent ist. Ein Blick in die Reisepässe und in den Kofferraum, dann dürfen wir weiterfahren. Das Militär und die Polizei sind freundlicher geworden, als noch vor ein paar Jahren, befinden die drei Hamelner.

Über der Tür des Rathauses steht bemerkenswerter nicht Tunceli, sondern Dersim – der kurdische Name der Stadt. Aber die Zeit ist knapp; die beiden alten Freunde, Gürarslan und der Bürgermeister Mehmet Ali Bul von der kurdischen „Partei des Friedens und der Demokratie“ (BDP) schwelgen ein wenig in Erinnerungen, dann muss der Bürgermeister schon die nächsten Gäste empfangen.

Beim Gang durch die Stadt wird Gürarslan in Anbetracht der, wie er sagt, europäischen Atmosphäre nicht müde, Dersim als das Beispiel für Demokratie in der Türkei zu loben. Auch Miro und Filiz, für die es der erste Besuch in dem gerade mal 37 000 Einwohner zählenden Tunceli ist, sind angetan.

Dann fahren wir in die Berge zu dem alevitischen Heiligtum Düzgün Baba. Dort befinden sich ein Cem, also ein alevitisches Gotteshaus, und ein kleiner Imbiss. Nach dem nicht unbeschwerlichen Aufstieg zu dem Hirtenplatz des legendären Sohnes von „Düzgün Baba“ tauchen wie zum Cay bestellt auf dem Berggipfel über uns ein paar Rehe auf. Zurück in Kanoglu wird nach dem Abendessen im Kreise der Familie bis in die Nacht Bier getrunken und gesungen. Aydin Gürarslan, der in Hameln und Umgebung auf zahlreichen Hochzeiten als Musiker auftritt, trommelt zur Saz, die sein singender Bruder Özgür spielt.

Inzwischen ist Donnerstag. Ein Ausflug zu den Quellen des Tunceli durchfließenden Munzur steht auf dem Plan. Auf dem Weg entlang des eisblauen Flusses halten wir an einer Schlucht. „Hier wurden 1938 Hunderte Männer, Frauen und Kinder von türkischen Soldaten umgebracht oder vom Berg in den Tod geworfen“, erklärt Gürarslan und erinnert damit an den kurdischen „Dersim-Aufstand“ gegen die türkische Vorherrschaft. Der Aufstand wurde niedergeschlagen, es ist von über 10 000 Todesopfern aufseiten der Kurden die Rede.

Kurze Teepause in Ovacik – der gerade mal 3000 Einwohner zählende Ort ist die einzige Stadt der Türkei, in der bei den jüngsten Wahlen ein Kommunist zum Bürgermeister gewählt worden ist.

Eine gemeinsame Freundin aus Deutschland bat uns vor der Reise, ihr vom türkischen Militär zerstörtes Dorf – irgendwo zwischen den Munzur-Quellen und Tunceli – aufzusuchen, um Fotos zu machen. Als auf dem Weg dorthin unser Auto der maroden Straße nicht mehr gewachsen ist, steigen wir aus, treffen auf einen ortskundigen Bauern, der uns den weiteren Weg weist.

Nach ein paar Hundert Metern erreichen wir die ersten Ruinen, beginnen, Fotos zu machen. Bis der Bauer etwas sagt – und alle in Deckung gehen. Aus einem nahen Waldstück am Hang kommt gemächlich ein Mann auf uns zu. Schließlich steht ein in grüne Camouflage gekleideter Anfang 20-Jähriger mit dünnem Vollbart vor uns: ein Maschinengewehr über der Schulter, eine Handgranate am Gürtel, begrüßt er uns freundlich, bevor er uns auffordert, unsere Handys auszuschalten und die Akkus zu entnehmen. Dann setzt er sich, stellt in ruhigem Ton ein paar Fragen. Ob wir das in dem weißen Auto gewesen wären? Überrascht haben wir ihn und seine sich vermutlich in unmittelbarer Nähe aufhaltenden Kameraden offenbar nicht.

Miro stellt uns vor; der junge Waffenträger gibt sich als PKK-Mitglied zu erkennen. Ob Miro glaube, dass die in Europa lebenden Kurden eines Tages zurückkommen würden, möchte der Rebell wissen. „Das wird schwierig“, antwortet Miro, „das Leben dort ist ganz anders als hier.“ Zwischen den beiden entspinnt sich ein ruhiges Gespräch über die Ziele der PKK. „Kurzfristig streben wir eine kurdische Selbstverwaltung an“, sagt der Rebell und hofft auf entsprechende Ergebnisse aus den indirekten Verhandlungen zwischen Erdogan und Öcalan. „Erst dann werden wir die Waffen niederlegen.“ Ferner geht es um die Umsetzung der langfristig höheren Ziele – eine staatenlose Gesellschaft. „Um Minderheiten zu schützen, braucht es Gesetze und damit einen Staat“, gibt Miro zu bedenken.

Schließlich verabschiedet uns der junge Mann geradezu herzlich. Wir gehen zurück zum Auto und sind froh, dass diese Begegnung so glimpflich verlief – schließlich sind von der PKK auch schon Touristen entführt worden. Nicht ohne Grund rät das Auswärtige Amt bei Reisen in die Südost-Türkei „zu größter Vorsicht“ und von Überlandfahrten ab.

Zurück in Tunceli fragen uns Bekannte über die Begegnung mit der Guerilla aus. Im Gespräch mit einem etwa 30-Jährigen wird deutlich, wie scheinbar viele Einwohner Tuncelis über die Rebellen denken: „Die Rebellen sind unsere Freunde. Sie tun uns nichts. Sie verlangen höchstens mal etwas zu essen von uns. Es ist das türkische Militär, das uns schikaniert.“ Zurzeit herrscht auf der Suche nach einer einvernehmlichen Lösung Waffenstillstand zwischen Militär und PKK.

Am Freitag fahren wir die rund 250 Kilometer lange Strecke zurück nach Diyarbakir, wo wir Filiz’ Cousin treffen. Er führt uns zu den markanten Wachtürmen der mächtigen antiken Stadtmauer – bis zu zwölf Meter hoch, bis zu fünf Meter dick. Auf dem Weg zu Filiz’ Schwester zeigt uns sein Cousin im Vorbeifahren das einst für seine bestialischen Folterungen von politischen Gefangenen bekannte Gefängnis. Es ist als „Hölle von Diyarbakir“ bekannt und befindet sich mitten in der Stadt.

Bei Filiz’ Schwester, die uns zum Abschied noch einmal im Kreis ihrer muslimischen Familie zum Essen einlädt, kauern wir uns auf den Boden für die besondere Speise, „Ser û pê“ (deutsch: Kopf und Füße [vom Lamm]), eine kurdische Spezialität, und essen mit den Händen. Aber selbst Filiz hat wegen der auch für ihn inzwischen ungewohnten und daher anstrengenden Sitzposition teilweise alle Mühe das leckere Essen zu genießen. „Ich lebe schon so lange nicht mehr hier“, sagt er. Und doch kehrt er immer wieder gerne hierher zurück. Im nächsten Jahr vielleicht sogar mit einer Reisegruppe – als Reiseleiter.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2020
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt