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Die DLRG feiert heute ihren 100. Geburtstag – ein schweres Unglück führte zu ihrer Gründung

Baywatch lässt grüßen

Es war ein heißer Tag mit Sonne satt und Ferienglückseligkeit am Strand von Eckernförde – wie in allen norddeutschen Seebädern, der 28. Juli 2013. Die DLRG-Ortsgruppe Coppenbrügge hatte mit 17 Rettungsschwimmern für zwei Wochen den ehrenamtlichen Wasserrettungsdienst Küste in der Bucht übernommen und seit dem Morgen bei ablandigem Wind abtreibende Schwimmer und aufblasbare Gummispielzeuge zurückgelotst sowie in 20 Erste-Hilfe-Fällen Feuerquallenverbrennungen mit kühlendem Rasierschaum versorgt. „Einen wirklichen Einsatz gab es nicht.“ So liest sich der Tagebucheintrag von Wachleiter Marcel Ende.

veröffentlicht am 19.10.2013 um 00:00 Uhr

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Auf den Tag genau vor 101 Jahren, am 28. Juli 1912, herrschte bei ebensolchem Traumwetter Hochsaison in dem Seebad Binz auf Rügen. Doch am Ende des Tages sollten nicht Hautverbrennungen durch Feuerquallen das Hauptproblem sein: Auf der Seebrücke des beliebten Badeorts flanieren am Abend Hunderte Menschen, sehen zu, wie Ausflugsdampfer an- und ablegen, warten auf ihr Schiff, beobachten die Kriegsschiffe der kaiserlichen Marine, die gerade in der Ostsee ankern. Um etwa 18.30 Uhr, so wird später das Rügensche Kreis- und Anzeigenblatt berichten, legt der Dampfer „Kronprinz Wilhelm“ an der Brücke an, Passagiere steigen ein und aus und kurz darauf geschieht die Katastrophe: Unter der Last der Menschenmassen gibt ein Querbalken am Brückenkopf nach, die Anlegestelle bricht auf einer Länge von etwa acht Metern ein. 70 bis 80 Menschen stürzen ins Meer, das an dieser Stelle etwa sechs Meter tief ist.

Die tragische Bilanz: 16 Tote nach grauenvollen Szenen im aussichtslosen Kampf um das eigene Leben, denn nur wenige Menschen können damals schwimmen – Schätzungen zufolge nicht mehr als zwei bis drei Prozent der Bevölkerung. Und noch viel geringer ist die Zahl derer, die in der Lage sind, Ertrinkende zu retten. Für acht Frauen, vier Männer und zwei Kinder kommt jede Rettung zu spät. Sie ertrinken vor einem Heer von Augenzeugen, die diese Bilder ihr Leben lang nicht aus dem Kopf bekommen werden. Zwei weitere Frauen sterben wenige Tage später an den Folgen des Unglücks.

Eine Tragödie mit nachhaltigen Folgen: Am 5. Juni 1913 riefen 13 engagierte Bürger zur Gründung einer Deutschen Lebensrettungsgesellschaft auf. „Retten lernen muß unser Hauptlosungswort werden“, hieß es damals darin. Ein dringender und längst überfälliger Aufruf, denn 5000 Männer, Frauen und Kinder ertranken damals jährlich in Binnengewässern und an der Küste des damaligen Deutschen Reichs. Die Hilflosigkeit des Staates müsse ein Ende haben, forderten die Medien. Am 19. Oktober 1913 wurde die DLRG gegründet. Ihre vorrangigen Ziele: Mehr Menschen müssen schwimmen lernen; mehr Menschen müssen lernen, anderen im Wasser Hilfe zu leisten.

Im Sommer in Eckernförde auf dem Posten: Mitglieder der DLRG aus Coppenbrügge schoben an der Küste Dienst. pr

Heute feiert die DLRG ihren 100. Geburtstag und kann eine beeindruckende Bilanz vorweisen. „In den vergangenen 100 Jahren haben Generationen ehrenamtlich arbeitender Retter eine gewaltige Leistung vollbracht“, stellt der Vorsitzende Dr. Klaus Wilkens bei der Pressekonferenz anlässlich des Jubiläums fest. Im Jahr 2012 ertranken in Deutschland „nur“ noch 383 Menschen. „Es ist uns, anderen Rettungsorganisationen und mutigen Bürgern gelungen, die Opferzahl seit 1913 um 92 Prozent zu senken.“

Rund 50 000 DLRG-Rettungsschwimmer, überwiegend junge Männer und Frauen sichern heute in ehrenamtlichem Engagement den Badebetrieb an Küsten, in Binnengewässern und Schwimmbädern. 411 Personen konnten allein in diesem Jahr, teilweise unter Einsatz des eigenen Lebens der Retter, vor dem Tod bewahrt werden. Ein Einsatz, dem sich auch die DLRG-Ortsgruppe Coppenbrügge mit ihrer jungen Rettungsschwimmertruppe verpflichtet hat, die auf eine Erfolgsgeschichte von 55 Jahren zurückblickt.

Das Konzept aus Aufklärung der Bevölkerung, Schwimm- und Rettungsschwimmausbildung sowie Lebensrettung hat sich deutschlandweit bewährt: Seit 1950 haben bundesweit 5,5 Millionen Männer und Frauen eine Rettungsschwimmprüfung erfolgreich absolviert und sind damit in der Lage, Menschen vor dem Ertrinken zu retten. Knapp vier Mal so viele, nämlich 21,7 Millionen Menschen haben bei Ausbildern der DLRG schwimmen gelernt. „Die DLRG ist mit 1,2 Millionen Mitgliedern und Förderern die größte Wasserrettungsorganisation der Welt und größter Anbieter von Schwimmkursen in Deutschland“, so Wilkens.

Doch mit Blick auf die Zukunft sieht sich die DLRG vor ein neues Problem gestellt, nachdem die Ziele der ersten Stunde, Schwimmen und Retten können, nach Jahrzehnten erreicht sind: Die große Zahl von Bäderschließungen in den vergangenen Jahren bereite Sorge, sagt Wilkens. Allein in den letzten sechs Jahren sind nach Angaben der DLRG 285 Bäder geschlossen worden. Weitere 452 Hallen-, Frei- und Kombibäder sowie Lehrschwimmbecken seien akut von der Schließung bedroht. Nicht so in Coppenbrügge, einer kleinen Kommune mit „großer“ Schwimmbadsituation in Frei- und Hallenbad, in die erst vor zwei Jahren 1,4 Millionen Euro investiert wurden. „Um es ganz deutlich zu sagen“, betont Ende, „gefühlt gibt es in Coppenbrügge dank der guten Arbeit der Schwimmmeister, der Schulen und unserer DLRG absolut keinen Schwimmnotstand.“ DLRG und Kommune arrangierten und unterstützten sich gegenseitig hinsichtlich freier Nutzung und Aufsicht. Dem Bürger werde eine Schwimmausbildung von der Wassergewöhnung für Kleinkinder bis zum Rettungsschwimmerabzeichen und bis zur Altersgruppe weit über 50+ angeboten, die mit Aquafitness den Weg (zurück) ins Schwimmbecken gefunden habe. Gründe für lebenslange Faszination der DLRG gibt es einige: „Gerade bei der Erinnerung an Binz – es ist einfach ein richtig gutes Gefühl, aus Nichtschwimmern Schwimmer und aus Schwimmern Rettungsschwimmer zu machen“, sagt Thomas Ende.

„Es sind die Augen der Kinder“, meint Susanne Korth, technische Leiterin der Ausbildung, „die Freude, der Stolz, das Vertrauen darin, wenn sie ein Abzeichen geschafft haben und spüren, dass das Wasser sie trägt.“ „Ohne die DLRG? Wären wir ein Volk von Nichtschwimmern? Hätten wir jährlich mehr als tausend Tote durch Ertrinken zu beklagen? Ich weiß es nicht“, sagt Ende. „Mich macht es stolz, dass wir in Deutschland infolge des Unglückes in Binz den richtigen Weg eingeschlagen haben und dass jedes Jahr junge Rettungsschwimmer ihre Ferien für den ehrenamtlichen, verantwortungsvollen Wasserrettungsdienst opfern.“

Zum heutigen Festakt mit dem Schirmherrn, Bundespräsident Joachim Gauck, schenkt sich die DLRG einen Bootskorso auf der Spree vor dem Schloss Charlottenburg. Nahezu 200 Motorrettungsboote aus der gesamten Bundesrepublik werden teilnehmen: „Eine Demonstration als Mahnung für den Erhalt von Bädern und gegen Bäderschließungen. Wer Ja zur Bildung sagt, der darf keine Bäder schließen“, plädiert der DLRG-Präsident. Coppenbrügge dürfte ihm gefallen.

„Es ist einfach ein richtig gutes Gefühl, aus Nichtschwimmern Schwimmer und aus Schwimmern Rettungsschwimmer zu machen.“ Dieser Satz steht für die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft. In Bad Nenndorf sitzt die Bundesgeschäftsstelle.



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