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Bauer sucht Frau – oder?

Balzende Bauern hier und Bubikopfblondine Bause, selber überzeugte Singlefrau, aber dennoch stets bemüht, einsame Herzen vom Land unter die Haube zu bringen, da: Seit Anfang Oktober flimmert es wieder über den Schirm, das RTL-Flirtformat „Bauer sucht Frau“ mit Moderatorin Inka Bause. Senderinformationen zufolge ging die Sendereihe zwar mit einem Quotenrückgang von rund einer Million Zuschauern, aber immerhin noch mit der stattlichen Zahl von 6,98 Millionen Landluft-Fans in die achte Staffel.

veröffentlicht am 13.11.2012 um 00:00 Uhr

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Nicht dabei – weder vor der Glotze noch vor der Kamera – ist Cord Lattwesen aus Hohnhorst: „Dynamisch, aufgeschlossen, geschäftstüchtig, engagiert, aktiv. Und gar nicht einsam“, das ist das Bild, das er im Gespräch mit unserer Zeitung augenzwinkernd von sich selber zeichnet. Kurz: ein Landwirt mit Köpfchen, mit 100 Kühen und 195 Rindern, die, neben dem Ackerbau auf 25 Hektar Grund und der Biogasanlage, den Lebensunterhalt des 35-Jährigen und seiner Familie sichern.

Cord Lattwesen kommt gerade aus dem Stall, er zieht seine dreckigen Schuhe vor der Tür aus, setzt sich mit Ehefrau Kirsten an den Küchentisch. Die Vorstellung vom Bauern, der ständig die Kuh melkt, 365 Tage im Jahr nicht vor die Tür geht, optisch vielleicht nicht einmal ansprechend – und dann die Mistgabel schwingende Bäuerin mit Blümchenschürze, in Gummistiefeln ackernd: „Völlig unrealistisch“, sagt die 32-jährige Kirsten lachend.

Sie selber sei auf dem Hof der Eltern im 120 Kilometer entfernten Gifhorn aufgewachsen, wisse also genau, wovon sie redet. Auf ihrem modernen Hof in Hohnhorst kümmert sich die 32-Jährige nicht um Kühe und Kälber, sondern um Kinder und Haushalt, arbeitet außerdem als Bankangestellte in Teilzeit. „Wir führen ein ganz normales Leben, haben Hobbys, engagieren uns kommunalpolitisch, fahren mit den Kindern in Urlaub.“

Ein Landwirt unterscheide sich nicht von einem Unternehmer aus anderen Branchen, sagt Cord Lattwesen. „Er muss sich auf dem hart umkämpften Markt behaupten, er muss genau kalkulieren und sich betriebswirtschaftlich als auch mit Gesetzen und Vorschriften auskennen, um sein Unternehmen erfolgreich führen zu können.“ Mit dem Strukturwandel in der Landwirtschaft stehen landwirtschaftliche Betriebe wachsenden Herausforderungen gegenüber, und um diese zu bewältigen, sei eine qualifizierte Ausbildung immer wichtiger. Sicher würden Landwirte hart arbeiten, oft zu ungünstigen Zeiten. „Aber welcher Selbstständige muss das nicht?“, kontert Cord Lattwesen. Im Gegensatz zum trolleyziehenden Manager sei er immerhin die meiste Zeit in der Nähe der Familie, könne seine drei Kinder aufwachsen sehen. Bevor er den Hof seiner Großeltern in Hohnhorst übernahm und expandierte, absolvierte er eine dreijährige Lehre in einem landwirtschaftlichen Betrieb sowie eine zweijährige Fachschule. Es folgten ein Praktikum bei einem Landwirt in Neuseeland und die Ausbildung zum staatlich geprüften Betriebswirt, Fachrichtung Agrar.

Sicherlich gebe es unter Landwirten auch Typen, die nicht gerade die hellsten Kerzen auf dem Kuchen sind, gibt Cord Lattwesen zu. Gleichwohl: „Pappnasen sind doch in jedem Berufsstand anzutreffen, oder? In anderen Zweigen vielleicht noch mehr als in der Landwirtschaft …“ Und, von wegen liebeshungriger, beziehungsunfähiger und schwer zu vermittelnder Bauer, der es nicht leicht hat, eine Frau abzukriegen, eine, die sich auf ihn und überhaupt auf das Landleben einlässt: „In unserem großen Freundes- und Bekanntenkreis haben bislang alle problemlos eine Freundin finden können. Die meisten Landwirte sind fest liiert oder kurz davor“, sagt Kirsten Lattwesen. „Man ist doch nicht Single, weil man Bauer ist und auf dem Land lebt, sondern weil man irgendwelche Defizite hat oder weil man einfach Single bleiben möchte oder man Pech hat oder es sich einfach so ergibt.“ Und nein, unter Landwirten sei der Anteil Alleinstehender keinesfalls höher als in anderen Berufsgruppen: „Das ist doch logisch, denn es ist bewiesen, dass die meisten Singles in der Großstadt leben.“ Was das Äußere anbelangt – und in Anspielung auf den einen und anderen skurrilen Bauer-sucht-Frau-Kandidaten: „Nicht alle Nicht-Landwirte sehen aus wie Ken und Barbie, nicht wahr?“ Selbstverständlich habe er längst sein Glück gefunden. Vor neun Jahren und ganz ohne öffentliches Weibchenwerben im TV.

Wie aber kommt denn nun die Liebe aufs Land? Da schweigt der sonst gar nicht einsilbige Bauer. Die Uhr tickt, und das in einem Gespräch erträgliche Maß an Redepause ist eindeutig überschritten. Aber, wenn auch Schweigen Kommunikation ist, man mit Nichtssagen sozusagen ganz schön beredt sein kann, dann ist die sekundenlange Stille alles-, zumindest aber vielsagend. Cord Lattwesen schüttelt den Kopf, und dann, ein einziges Wort, um „Bauer sucht Frau“ zu beschreiben: „Katastrophe.“ Kirsten Lattwesen nickt zustimmend, und, bevor ihr Gatte auf die Frage eingeht, wie Bauer denn nun die Richtige sucht und findet, sprudeln die Kommentare zur Sendung aus ihm heraus.

„Da wird ein ganzer Berufsstand lächerlich gemacht. Bauer sucht Frau geht total an der Realität vorbei.“ Extremfälle würden herausgepickt, wobei die Hälfte der Kandidaten ja nicht einmal Landwirte im Vollerwerb seien, sondern hauptberuflich anderen Tätigkeiten nachgingen. Alles würde so gestellt und gesteuert, dass man den Eindruck haben müsste, alle Bauern seien bemitleidenswerte einsame Deppen, um die Frau, die clevere erst recht, einen großen Bogen macht. Ähnlich empört über die Darstellung der Berufsgruppe hat sich beim Auftakt der Serie vor sieben Jahren auch der Deutsche Bauernverband geäußert. Die Einstellung hat sich bis heute nicht geändert: „Bauer sucht Frau ist eine Sendung, die wir definitiv nicht brauchen“, sagt Gabi von der Brelie, Sprecherin des Landvolks Niedersachsen, Landesbauernverband in Hannover. Wie es scheint, ist das Entsetzen mittlerweile ziemlich abgeklungen: „Die Emotionen haben sich gelegt, die Sendung ist nur noch peinlich und daher nicht mehr in aller Munde. Sich aufzuregen bringt ja auch nichts, es ist reine Zeitverschwendung“, sagt Cord Lattwesen.

Dass Millionen Menschen sich trotzdem die Sendung reinziehen, liege ja wohl an dem generellen Verlangen der Leute nach Trash-TV. Und Punkt.

Aber: Wenn man schon in der Kiste der Stereotypen wühlen mag, dann picken wir doch mal eins heraus, das stimme: Der Bauern wahre Kontaktbörse und Heiratsmarkt sei nämlich die Landjugend, rückt das Ehepaar Lattwesen heraus. Und was ist mit der elektronischen Partnersuche, dem Internet, wo eigens auf Landwirte spezialisierte Flirtchats auf Bauernfang gehen? Dazu könnten sie nichts sagen, meinen Kirsten und Cord Lattwesen. Sehr wohl aber haben sie beobachtet, dass sich die meisten Paare „tatsächlich in der Landjugend kennenlernen“. Übrigens: Obwohl der Bund der deutschen Landjugend mit rund 100 000 Mitgliedern zwischen 15 und 35 Jahren den größten Jugendverband im ländlichen Raum darstellt, sind davon gerade noch 20 Prozent aktiv in der Landwirtschaft tätig. „In unserer Ortsgruppe sind vom Landwirt über den Architekten, Manager bis hin zum Juristen die verschiedenen Berufe vertreten“, sagt Cord Lattwesen. Dass Frauen, insbesondere jene aus anderen Berufsfeldern, in einem Landwirt nicht gerade eine gute Partie sehen würden – Lattwesen zumindest beweist das Gegenteil. „Meine Frau ist Bankerin.“ Zwischen ihm, der damals in den Landesvorstand der Landjugend gewählt worden war, und Kirsten aus Gifhorn, seinerzeit Bezirksvorsitzende der Landjugend Lüneburg, hatte es auf einer ganz profanen Versammlung der Landjugend gefunkt: „Wir haben uns danach immer wieder bei der Landjugend und schließlich auch privat getroffen. Später haben wir geheiratet und drei Kinder bekommen“, sagt Kirsten Lattwesen. „Damit bedienen wir ein klassisches Klischee.“

Und apropos Romantik: „Die Anfänge unserer Beziehung waren so gar nicht privatfernsehtauglich.“ Kein peinlich berührender Moment schnulzigen Bauernglücks, den man sich in „Bauer sucht Frau“-Machart mit einem feuerroten Herzchen umrahmt vorstellen könnte.

Aber Vorsicht: Das heißt nicht, dass Landwirte auf Frauensuche einfallslose Langweiler sind: Ein Bekannter, so führt Cord Lattwesen als Beispiel an, habe sich in eine junge Frau verguckt, die jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit mit dem Auto an seinem Hof vorbeifuhr. Allein seine verträumten Blicke würden Amors Pfeil aber wohl nicht auslösen können, dachte er sich. Also blockierte der Landwirt eines Tages die Straße mit seinem Traktor. Und siehe da: Die vorgetäuschte Panne führte zu Gesprächen, dann zu einem Abendessen – und es dauerte nicht lange, bis das Herz der schönen Unbekannten erobert war. Die beiden seien seit Jahren ein glückliches Paar, sagt Cord Lattwesen: „Vielleicht ist es für Bauern sogar leichter, die Partnerin fürs Leben zu finden. Wir haben jedenfalls erfahren, dass Ehen auf dem Land lange halten.“

Entweder man mag sie, oder man mag sie überhaupt nicht, die TV-Reihe „Bauer sucht Frau“. Es ist offenbar unterhaltsam, wenn das Fernsehen Landwirte zum Deppen macht. Was hat das mit der Realität zu tun? Wir haben zwei gefragt, die es wissen müssen: ein bäuerliches Paar, das sich ganz ohne Flimmerkiste fand.



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