weather-image
13°
×

Bald alle Bürger potenzielle Organspender?

Natürlich sei es für David, heute 27 Jahre alt, und seine Familie ein Geschenk gewesen, als er vor sechs Jahren operiert wurde. Die Emmerthalerin meint aber dennoch: „Es muss eine Spende bleiben, und die ist freiwillig.“ Sie empfindet große Dankbarkeit, dass „jemand seine Unterschrift unter einen Organspendeausweis gesetzt hat“. Allerdings glaubt Claudia Santilian auch, dass viel mehr Menschen als bisher dazu bereit wären.

veröffentlicht am 23.06.2011 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:36 Uhr

Kerstin Hasewinkel

Autor

Ressortleiterin zur Autorenseite

Rund 12 000 Menschen sind in Deutschland dringend auf ein Spenderorgan angewiesen. Alle acht Stunden sterben nach Angaben der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) drei Menschen, weil sie kein Organ bekommen. Um die Zahl der Organspenden zu erhöhen, hat die Bundesregierung einen Entwurf zur Änderung des Transplantationsgesetzes beschlossen. Darin werden die Krankenhäuser nochmals ausdrücklich verpflichtet, den Hirntod möglicher Organspender zu melden und aktiv an einer Organentnahme mitzuwirken.

Außerdem soll der Organspendeausweis künftig überflüssig werden: Bei einer Widerspruchslösung, wie sie zurzeit politisch diskutiert wird, wäre jeder Bürger ein möglicher Spender, sofern er nicht zu Lebzeiten ausdrücklich eine Organentnahme ablehnt. Sollte das Gesetz in Kraft treten, wäre jeder automatisch vom Tag X an potenzieller Spender – es sei denn, er wird selbst aktiv und widerspricht. Die Widerspruchsregelung besteht in den meisten europäischen Ländern, unter anderem in Frankreich, Belgien, Luxemburg, Österreich, Norwegen, Schweden, Italien und Spanien. Ein anderes Modell der Bundesärztekammer sieht als Kompromisslösung vor, dass jeder Bürger an einer zentralen Stelle – beispielsweise bei der Ausgabe von Personalausweisen – informiert wird und dann mit Ja oder Nein antworten kann.

Bislang besitzt nur etwa jeder vierte Bundesbürger einen Organspendeausweis. Jeder zweite fühlt sich laut einer Umfrage nicht genügend über das Thema informiert. Die Skepsis in der Bevölkerung hält sich hartnäckig: „Erhalte ich wirklich noch alle lebensrettenden Maßnahmen, wenn ich einen Spenderausweis bei mir habe? Wird mein Körper ausgeschlachtet?“ Diesen nach wie vor häufig gestellten Fragen will die DSO mit einer breit angelegten Kampagne, die auch von den niedersächsischen Apotheken unterstützt wird, entgegentreten. „Das sind verständliche Ängste“, sagt Dr. Joachim Hertel, Ärztlicher Direktor des Bathildis-Krankenhauses in Bad Pyrmont, das als Traumazentrum Organe explantiert. „Generell ist die Organentnahme ein psychologisch schwer belastetes und äußerst emotionales Thema.“ Als leitender Notarzt weist Hertel Szenarien von nicht durchgeführten Notfallmaßnahmen bei einem Inhaber eines Organspendeausweises weit von sich: „In der Akutrettung stellen sich derartige Fragen überhaupt nicht.“

Die Grafik verdeutlicht: Deutschland liegt bei der Zahl der Organspender im unteren Mittelfeld.

Die Fachleute halten den Horrorvisionen Fakten entgegen: Laut Transplantationsgesetz von 1997 müssen zwei maßgebliche Voraussetzungen für eine Organspende erfüllt sein. Neben der Zustimmung zur Entnahme muss der Hirntod als sicheres Todeskriterium festgestellt worden sein. Oberstes therapeutisches Ziel der Ärzte ist immer das Überleben des ihnen anvertrauten Patienten. Der Hirntod muss nach einem von der Bundesärztekammer genau festgelegten Untersuchungsschema diagnostiziert werden. Erst wenn der Hirntod von zwei erfahrenen und vom Transplantationsteam unabhängigen Ärzten festgestellt und die Todesbescheinigung ausgefüllt ist, wird mit den Angehörigen über eine mögliche Organspende gesprochen. Somit ist eine Organspende auch nur möglich, wenn im Krankenhaus auf der Intensivstation der Hirntod festgestellt wurde.

Noch gilt in Deutschland die erweiterte Zustimmungslösung. Nach einem Hirntod dürfen nur Organe entnommen werden, wenn der Verstorbene vor seinem Tod seine Zustimmung gegeben hat oder seine Angehörigen einverstanden sind. Theoretisch kommt also auch jetzt schon jemand für eine Organspende in Betracht, der keinen Ausweis bei sich trägt. Soll der Angehörige der Entnahme – im Wissen um den Willen des Verstorbenen – zustimmen, muss er allerdings erst einmal befragt werden, von einem Arzt im Krankenhaus. Das stellt die Krankenhäuser vor große Herausforderungen – und für die Fachleute liegt hier ein weiterer Grund für die stagnierende Zahl von Organspenden.

Täglich werden in deutschen Krankenhäusern Organe für Transplantationen entnommen – nach Angaben der DSO 4205 Organe im Jahr 2010. In Niedersachsen zählte die DSO im vergangenen Jahr 362 gespendete Organe (ohne Lebendspenden). Nicht nur für die Betroffenen selbst, auch für die Mitarbeiter im Krankenhaus ist das Gespräch mit den Angehörigen ein enormer Kraftakt. Das Bathildis-Krankenhaus nimmt zurzeit als eines von acht Einrichtungen in Niedersachsen an einem Projekt der DSO teil: Gezielt sollen „In-House-Koordinatoren“ in allen Fragen rund um die Organspende geschult werden und das Wissen auch an das Krankenhauspersonal weitergeben. Ziel: Die Zahl der für eine Organentnahme infrage kommenden Patienten zu erhöhen. Bei einer kompletten Blockadehaltung der Angehörigen, so Dr. Hertel, würde das Gespräch mit den Angehörigen abgebrochen.

„Ich würde niemals jemanden überreden“, sagt Miriam Reichertz, Fachärztin für Anästhesie und In-House-Koordinatorin im Bathildis-Krankenhaus. „Ich frage: Was meinen Sie, wie würde der Patient entscheiden?“ Doch selbst wenn der Wille bekannt ist: Manchmal könnten Angehörige im Nachhinein nur schwer mit der letztlich von ihnen getroffenen Entscheidung leben.

Eine Organspende kann aber auch Trost geben – zumindest die Gewissheit, dass mit Herz, Nieren oder Leber ein oder mehrere andere Menschen gerettet werden konnten. „Nie vergessen“ wird Miriam Reichertz, wie die Eltern eines acht Jahre alten Jungen, der nach einem schweren Unfall bereits seit Tagen behandelt worden war und bei dem sich abzeichnete, dass er nicht mehr ins Leben zurückkehren würde, von sich aus den Ärzten mitteilten, sie seien mit einer Organentnahme einverstanden, weil ihr Sohn auch im Leben immer so großzügig gewesen sei. Da hatten selbst die Ärzte, die sich allzu viel Mitgefühl am Krankenbett schon aus Selbstschutz oft verbieten müssen, Gänsehaut.

Miriam Reichertz berichtet aus den Gesprächen, die sie bereits geführt hat, dass bei einer ablehnenden Haltung der Angehörigen nicht Ängste im Vordergrund stehen. „Es ist eher das Nichtloslassenkönnen; den Tod des lieben Menschen nicht verarbeitet haben“, sagt die Ärztin.

Die Angehörigen erfahren nicht, wer die gespendeten Organe erhalten hat. Sie können sich aber über den Koordinator erkundigen, wie es den Transplantierten geht. Manche Empfänger senden den Angehörigen ihres Spenders einen anonymisierten Dankesbrief, den der Koordinator weiterleitet.

Eine besondere Schwierigkeit ist gegeben, wenn ein Patient plötzlich aus dem Leben gerissen wird – Angehörige also sofort nach der Todesnachricht, die sie erst einmal verarbeiten müssen, sich mit der Frage einer Organentnahme auseinandersetzen müssen. „Wichtig ist, deutlich zu machen, dass der Patient nicht mehr lebensfähig ist“, sagt Reichertz. Viele würden den Hirntod mit Koma verwechseln – und das erschwere die Akzeptanz: „Der Patient wird von Maschinen am Leben erhalten; er sieht lebendig aus, ist warm und hat rosige Wangen.“ Denn bis zur Explantation müssen alle bislang über das Gehirn gesteuerten Organfunktionen nur durch die intensivmedizinische Behandlung (Beatmung, Kreislauftherapie, Ersatz aller im Gehirn produzierten Hormone) künstlich aufrechterhalten werden. Hat man die Einwilligung zur Organentnahme gegeben, wird er in diesem Zustand in den Operationssaal geschoben und kommt – nun deutlich sichtbar – „tot“ wieder heraus. Das alles müsse vom Krankenhaus entsprechend begleitet werden.

Für die Anästhesistin ist gerade die schwierige Entscheidung, vor die Angehörige gestellt werden, ein Argument für die Widerspruchslösung, „weil sich die Menschen dann vorher mit dem Thema auseinandersetzen müssen“. Auch für Dr. Sixtus Allert, Ärztlicher Direktor des Sana Klinikums in Hameln, ist die Widerspruchsregelung „maximal notwendig“. Er zitiert Zahlen, die den Erfolg einer solchen Regelung belegen: „Spanien hat die Zahl in nur zehn Jahren vervielfacht. Dort kommen 34 Spender auf eine Million Einwohner, in Deutschland sind es nur 13 auf eine Million.“

Das Sana Klinikum, das bislang nicht explantiert hat, will sich der DSO-Kampagne anschließen und hat mit Dr. Rainer Lück bereits einen Transplantations-Koordinator benannt. Auch Allert sieht die Notwendigkeit, die Zahl der Organspenden zu erhöhen – durch Aufklärung in der Bevölkerung und in den Krankenhäusern. „Obwohl das Sana Klinikum gewinnorientiert arbeitet“; doch „wir sehen auch unseren positiven Auftrag im Gesundheitswesen und können keine Rosinenpickerei betreiben“, erklärt der Ärztliche Direktor.

Rund 102 000 Organe wurden seit 1963 allein in Deutschland transplantiert. Noch fünf Jahre nach der Transplantation genießen rund 70 Prozent der Empfänger ihr „zweites“ Leben.

Gisela Bayer (Name geändert) hat den Kampf um dieses zweite Leben verloren. Wie enorm die physische und psychische Belastung ist, wenn sich alle Hoffnung auf ein Spenderorgan konzentriert, davon berichtet ihr Mann: „Meine Frau war für die OP vorbereitet. Das Organ war mit dem Flugzeug bereits auf dem Weg. Dreimal wurden wir vertröstet. Zwölf Stunden waren wir in der Klinik – bis die Nachricht kam, dass bei dem Spender Krebsmetastasen in der Leber festgestellt wurden. Die Lunge war damit nicht mehr geeignet.“

Sieben Monate später starb die 56-Jährige. Sie litt seit zehn Jahren an einer unheilbaren Lungenkrankheit. Fünf Jahre lang stand sie auf der Transplantationsliste. Ihr Mann ist Befürworter der Widerspruchslösung.

Obwohl die Transplantation von Herz und Lunge ihrem Sohn das Leben gerettet hat, sagt Claudia Santilian: „Ich kann die Menschen verstehen, die ihre Organe nach dem Tod aus ethischen Gründen nicht spenden wollen.“ Von einer Widerspruchslösung, wie sie zurzeit auf politischer Ebene debattiert wird, hält die Mutter nicht viel: „Dabei fehlt die Freiwilligkeit.“ Nach den Plänen wäre jeder Bürger ein möglicher Spender.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2021
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige